Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 292 (27.7.1933)
- Date
- 1933-07-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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S-üe 8 DTE STIMME Nr. »2-27. Jul! 1933 W&uL&td&s Zh£/&-JjKae£ I Die osterreishlsch-palastiiiensischeii Handelsbeziehungen Palästina, das «Land ohne Krise», wird infolge seines Zunehmenden Aufbaues zum steigenden Handelspartner v eler Staaten. Auffallenderweise hat aber bisher der palästinensischösterreichische Warenaustausch keine größeren Formen angenommen, ja, er ist sogar der geringste, den Palästina m t den Staaten Mitteleuropas, ja vielfach sogar des Balkans aufrecht erhält. Der Grund hiefür liegt zum großen Teil auf österreichischer Seite, wo man unerklärt cherweise dem neuen aufstrebenden Staatswesen nur wenig Interesse entgegenbrachte. So hat vor einiger Zeit ein Wirtschaftsführer in der Zeitschrift des Niederösterreichischen Gewerbevereines offen die Frage gestellt, wozu Oesterreich einen Konsul in Palästina installiert habe, eine Frage, die um so eigcnart ger anmutet, als dort alle handeistreibenden Länder heute konsularische Vertretungen unterhalten. Solcherart wird es verständlich, daß sich die österreichische Ausfuhr nach Palästina in den ersten fünf Monaten nur auf 1,24 Millionen Schilling belief, von welchen 1,14 Millionen auf Fertigwaren, 57.000 Schilling auf Rohstoffe und 42.000 Schilling auf Nahrungsmittel entfielen. Es sei dabei erwähnt, daß Palästina heute der Hauptabnehmer für österreichische Preßhefe geworden ist, von welcher es in den ersten fünf Monaten 267 Meterzentner abgenommen hat, daß es weiters zum drittgrößten Flaschenbierkunden aufgerückt ist u. a. m. ln der Hauptsache werden Maschinen, Apparate, Bestandteile hiezu und gewerbliche Ausrüstungsgegenstände bezogen. Umgekehrt belief sich die Einfuhr Oesterreichs aus Palästina im gleichen Zeitraum aiuf nur 50.000 Schilling, zumeist Nahrungsmittel. Der beiderseitige Warenaustausch ist also für Oesterreich hoch aktiv und könnte es zweifellos in noch viel größerem Maße sein. Größere Möglichkeiten sind jedenfalls hiefür vorhanden, wie die Vergebung größerer Bestellungen an die Jute-A. G. zeigt, wodurch dieses Unternehmen seinen vollen Betrieb aufnehmen und an die tausend Arbeiter neu einstellen kann. Dazu, kommt, daß Palästina schon in nächster Zelt unter Garantie der britischen Regierung eine Anleihe von 20 Millionen Pfund aufnehmen wird, die ausschließlich für Investitionszwecke Verwendung finden wird, die im öffentlichen Ausschreibungswege vergeben werden sollen. Vor allem werden Wasserleitungszubehöre aller Art in Frage ommen, ferner Pumpen, Posteinrichtungen u. a. m. Dr. Leo Kurzberg. Die Baubewegung in Tel>jlwiw Durch nichts läßt sich deutlicher die ungerechtfertigte Kürzung der Einwanderungszertifikate seitens der palästinensischen Bureaukratie (bekanntlich wurden von der Jew'rsh Agency auf Grund der tatsächlichen Erfordernisse 13.500 Zertifikate angefordert und bloß 5500 bewilligt) illustrieren, als durch Ziffern über die Entwicklung der Bautätigkeit in Tel-Awiw. ln den ersten drei Monaten stieg daselbst die Anzahl der neugebauten Wohnzimmer und die verbaute Fläche um mehr als das Doppelte gegenüber dem gleichen Zeiträume im Vorjahre. In den Monaten Jänner bis März wurden 1551 Wohnzimmer und 54 Geschäfte auf einer Fläche von 53.261 Quadratmeter dazugebaut, gegenüber 582 Zimmern, 55 Geschäften auf eine Fläche von 23.554 Quadratmetern in den ersten drei Monaten im Jahre 1932. Nach dem derzeitigen Stand der Dinge ist anzunehmen, daß das laufende Jahr die Entwicklung des Jahres 1925 erreichen wird. Im Jahre 1923 zählte man in Tel-Awiw 1474 Häuser mit 7901 Zimmer, im Jahre 1926 2946 Häuser mit 18.560 Zimmer und im Jahre 1932 waren es 4472 Häuser mit 28.269 Zimmer. (Es kamen dabei durchschnittlich zwei Personen auf einen Raum.) Im Laufe der zehn Jahre wurden in Bauten mehr als 3V2 Millionen Pfund investiert, davon im Jahre 1932 allein 600.000 Pfund. Die Stadt erstreckt sich heute über eine Fläche von 6500 Dunam (zirka 650 ha) und die Länge der Straßen beträgt 38.547 m (gegenüber 16.869 m vor zehn Jahren). Zu bemerken ist, daß die Vermehrung der Bevölkerungszahl, insbesonders in der letzten Zeit, die Vergrößerung der bebauten Fläche überstieg. (Schätzungsweise beträgt die jetzige Bevölkerungszahl 65.000 gegenüber 3604 im Jahre 1921 und 38.000 im Jahre 1926.) Dies ist auch die Ursache der Wohnungsteuerung. Darum ist die Schaffung von Arbeitervorstädten von allergrößter Bedeutung. Ein neuer österreichischer Generalkonsul In Jerusalem Wie wir erfahren, steht die Ernennung eines neuen österreichischen Generalkonsuls in Jerusalem unmittelbar bevor. Zum Generalkonsul soll Herr Dr. Franz J o r d a ernannt werden. Herr Dr Jorda war bis zum Jahre 1918 Parlamentsredakteur der «Reichspost», der Presseattache bei der österreichischen Gesandtschaft am Lateran und ist seit zwei Jahren Presseatach6 der österreichischen Gesandtschaft m Paris. In Haifa wird in Bälde eine große Fabrik für Silikatziegel und Baumaterialien aus Lehm eröffnet. Die in Tel-Awiw bestehende Fabrik «Silikat» hatte Haifa infolge der hohen Frachtkosten nicht versorgen können. Die Steigerung der E’iuialunei! der JHandatarmacht in Palast na In den Monaten April bis Dezember 1932 weisen die Einnahmen der Verwaltung Palästinas eine Steigerung von 428.752 Pfund gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres auf. Die größte Steigerung weisen die Zölle auf — nahezu eine Viertelmiltion Pfund, was unmittelbar mit der größeren jüdischen Einwanderung zusammengehängt. (Die Einnahmen von Bodentransaktionen erhöhten sich um etwa 25.000 Pfund.) Die Gesamteinnahmen im Laaife der neun Monate betragen 2,126.159 Pfund gegenüber 1,697.407 Pfund im Vorjahr. Demgegenüber sind die Ausgaben gegenüber der gleichen Periode des Vorjahres um 120.479 Pfund, von I.865..969 Pfund auf 1,745.490 Pfund vermindert worden. So wächst der Ueberschuß der englischen Verwaltung immer mehr, anstatt diese Ueberschüsse im Lande produktiv durch Durchführung öffentlicher Arbeiten, Besserung der sanitären Verhältnisse, Ausbau des Schulwesens zu verwenden. Palästina dürfte wohl das einzige Land der Welt sein, wo die Regierung bei der Verwaltung einen Ueberschuß herauswirtschaftet, wobei die englischen Regierungsbeamten d^ höchsten Gehälter erhalten und diese Gehälter jüngst noch eine weitere Steigerung erfuhren. Unter diesen Umständen ist es erklärlich, wenn die verantwortlichen Kreise Transjordaniens, das aus nächster Nähe die wirtschaftliche Entwicklung und Blüte Palästinas beobachten kann, selbst aber, trotzdem es zweimal so groß wie Palästina ist, aber nur ein Fünftel dessen Bevölkerung aufweist, wirtschaftlich damiederliegt, sich um jüdische Einwanderung bemühen, um mit Hilfe jüdischer Organisation und Mittel ihr Land einer ähnlichen Blüte entgegenzuführen. Wahl eines Schiedsgerichtes für Arbeitskonflikte In Tel-Awiw Auf Vorschlag des Bürgermeisters von Tel-Awiw, Meir Dizengoff, wurde beim Magistrat Tel-Awiw eine spezielle Schiedskommission geschaffen, als letzte Instanz für Schlichtung von Arbeitskonflikten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. In die Kommission wurden gewählt: Mei; Dizengoff, der bekannte Arbeiterführer Josef Ahronowncz und Rabbi Schapira. Arbeitermangel In den Städten und Kolonien Da die Verteilung der für das erste Halbjahr 1933 bewilligten Zertifikate durch die Agency noch nicht durchgeführt wurde (aus Protest gegen die Beschränkung der Zahl der Zertifikate, die in keinem Verhältnis zu der ökonomischen Aufnahmsfähigkeit des Landes steht), ist in einer Reihe von Kolonien ein fühlbarer Mangel von qualifizierten Arbeitern eingetreten. Vielfach tritt dieser Mangel bei der Anlage neuer Orangenplantagen und den Pflanzungsarbeiten zu tage, was zu einer Vergrößerung der Zahl arabischer Arbeiter in den Kolonien führt. Besonders fühlbar ist der Mangel an Fachleuten bei den Bauten und in der Industrie. Ein Frontkämpf erbund für Palästina* siedlung Warschau. Unter dem Naifeen «Jehuda» wurde in Warschau ein Verband ehemaliger jüdischer Frontsoldaten und Reservisten, der sich mit jüdischer Kolonisationsarbeit in Palästina befassen will, gegründet. Der neue Verband will unter seinen Mitgliedern technisches Wissen verbreiten, ihnen zur Vervollkommnung handwerklicher Fertigkeiten verhelfen und sie durch entsprechende Schulung an palästinensische Verhältnisse anpassen. Zu den Zielen des Verbandes gehören ferner «kulturelle Tätigkeit in hebräischem Geist und tatkräftige Mitarbeit an der Verwirklichung des jüdischen Staates». Das Oberkommando des Verbandes «Jehuda» hat zunächst Kurse zur Ausbildung von Motorradfahrern, für Gymnastik und Wassersport, ferner hebräische Sprachkurse und Kurse für Palästinakunde eingerichtet. Außerdem wurde eine Abteilung für ärztliche Hilfe und eine Rechtsschutzstelle geschaffen. Verbesserungen Im Verkehr Europa —Palästina Wie wir erfahren, hat sich der Lloyd Triestino nunmehr endgültig dazu entschlossen, zwei neue Motorschiffe mit einer Wasserverdrängung von je etwa 8000 Tonnen für den Verkehr Triest—Palästina in Dienst zu stellen. Die beiden Schiffe werden dazu imstande sein, die Strecke Triest—Jaffa innerhalb von zirka 75 Stunden zurückzulegen, während die jetzt im Dienst befindlichen Schiffe des Lloyd Triestino hierfür 114 Stunden brauchen. Der Zeitpunkt der Indienststellung steht noch nicht ganz genau fest, man rechnet aber damit, daß sie im Laufe der nächsten Monate erfolgen wird. Fernerhin ist geplant, daß die Cunard-Line einen regelmäßigen Schnelldienst, der seinen Ausgangspunkt an der amerikanischen OstkUste nimmt und Uber Marseille und Genua, bezw. Neapel zu den palästinensischen Häfen führt, einrichten wird. Mit der Verwirklichung dieser Pläne ist sehr bald zu rechnen- Der Cunard-Line liegt offenbar daran« den wachsenden Verkehr zwischen den Vereinigten Staate« und Palästina in die Hand zu bekommen. Erwähnenswert sind schließlich die Pläne, die darauf hinauslaufen, von jugoslawischen Häfen aus — genannt wird unter anderem Susak — einen regelmäßigen Schnellverkehr im 10-Tage-Turmis mit Palästina einzurichten. Im Zusammenhang hiermit Ist auch an die Beteiligung sonstiger europäischer Schiffahrtslinien gedacht, die eventuell ihre Schiffe in die Linie embrmgen würden. Die Verhandlungen hierüber befinden sich aber noch in den Anfangsstadien und werden wohl sobald nicht zum Abschluß gelangen. Meir Henisch fünfzig Jahre alt Und 30 Jahre lang Publizist — DoppeljubUäum des verdienten jüdischen Journalisten Dieser Tage feierte Meir Henisch, unser alter, bewährter Gesinnungsgenosse, seinen fünfzigsten Geburtstag und zugleich das dreißigjährige Jubiläum seiner publizistischen Tätigkeit Der Verein Jüdischer Auslandsbericbterstattef, dessen langjähriger Präsident der Jubilar bis vor kurzem war, bereitet aus diesem Anlaß eine Reihe von Ehrungen für seinen verdienten Altpräsidenten und Gründer vor, die aber erst im Herbst stattfinden werden. Heute sei die Gelegenheit benützt, um Henisch’ langjähriges und verdienstvolles Wirken als Publizist und Zionist zu würdigen. Meir Henisch wurde im Jahre 1883 in einem kleinen Ort an der galizisch-bukowinischen Grenze geboren und trat kaum neunzehnjährig auf der Arena des jüdischen Schrifttums hervor, zunächst in hebräischer, später auch in deutscher und jiddischer Sprache. Gleichzeitig, also auch schon in der frühesten Jugend, begann er seine zionistische Tätigkeit, war langjähriger Nationalfondskommissär für den südgalizischen Distrikt und Gründer der ersten zionistischen Jugendorganisation «Zeire Zion» in Galizien. Schon damals zeigte er großes Interesse für die hebräische Kultur und insbesondere für das hebräische Schulwerk und war der Initiator des später von SaJomon Schiller organisierten und geleiteten hebräischen Schulvereines. Meir Henisch, der seit zwanzig Jahren in Wien lebt und wirkt, gehörte hier während des Krieges der Exekutive der österreichischen Zionisten als Generalsekretär an. Zu jener Zeit war er auch der Redakteur des offiziellen Parteiblättes «Jüdische Zeitung». Ferner war er Mitglied der Wiener Exekutive des ostgalizischen jüdischen Nationalrates. In späteren Jahren gehörte er wiederholt dem Zionistischen Landeskomitee an. Henisch war auch der Gründer und der erste Präsident des «Hapoel Hazair» in Oesterreich (später Hitachduth) und ist seit jener Zeit in dieser Bewegung aktiv tätig. Meir Henisch, der schon vor dem Kriege ein großes Interesse für die jüdische Genossenschaftsbewegung zeigte, war seinerzeit Leiter einer bedeutenden Kreditgeossenschaft in Stanislau. In Wien leitet er seit zehn Jahren die hier bestehende jüdische Kreditkasse. Zu Meir Henisch’ Verdiensten zählt auch seine Arbeit als Gründer und Mitarbeiter des seinerzeit in Wien bestehenden Waad Alijah, dem die historische Aufgabe zufiel, die sogenannte dritte Alijah zu organisieren. Nicht minder vielfältig und fruchtbar war Henisch’ publizistisch-journalistische Tätigkeit. In den Czernowitzer «Jüdischen Nachrichten», einem Blatt in deutscher Sprache mit hebräischen Lettern, druckte er seine ersten Arbeiten. Seine ■hebräischen Erstlingswerke erschienen im Warschauer «Hamagid», dann im «Hamizpe». Das in Kolomea und später in Czemowitz von Löbl Taubes in den Jahren 1903 bis 1907 redigierte «Jüdische Wochenblatt» brachte: eine Reihe von Henisch* Erzählungen und Skizzen, die er dort unter Pseudonym druckte. In den |ahren 1905 bis 1908 war er ständiger galizischer Berichterstatter der «Welt», wie auch später durch fünfzehn Jahre der galizische Korrespondent des hebräischen «Haolam». Ein jahrelanger wertvoller Mitarbeiter war Henisch obendrein für das «Lernberger Tagblatt». Selbst redigierte er in Stanislau den «Jid». der eine.ausgezeichn^- literarisch-kritische Abteilung hatte; in den Jahren 1915 uiiö 1916 leitete er in Wien die «Jüdische Zeitung»; später war er Redakteur des «Unser Ruf», einer jiddischen Halbmonatsschrift des Hapoel Hazair. Acht Jahre lang war er Berichterstatter des New Yorker «Tog» und vorübergehend auch Korrespondent des Telaviver «Haaretz» und des amerikanischen «Hadoar». Jetzt ist er ständiger Wiener Berichterstatter der palästinensischen Tageszeitung «Davar». Diese trockene Aufzählung von Henisch’ Leistungen auf zionistischem und jüdisch-publizistischem Gebiete beweist, wie mannigfaltig und umfassend Henisch’ Wirken war. Und ist. Denn heute, da er sein Doppeljubiläum feiert, steht Henisch im besten Mannesalter, immer voll Initiati*'“ in,,ner vielseitige Interessen zeigend und nach wie vor in. der .sie« Reihe der jüdischen Publizisten Wiens. Und wenn wir ihm wünschen, daß er in seiner Arbeit fortfahre, dann wünschet wir nicht nur ihm, sondern auch uns das beste. Meir Henisch Doppeljubiläum ist für seine vielen Freunde ein Anlaß zit hoffen, daß er mit unverminderter Intensität für den Zionismus und auf dem Gebiete der jüdischen Publistik arbeiten wird. Dr. S. W, Ihrem langjährigen Mitarbeiter, dem verdienten Jubilar Meir Henisch gratuliert die Redaktion der «Stimme» herzlichst zu se'nem fünfzigsten Geburtstag und seinem dreißigjährigen publizistischen Jubiläum.