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Die Stimme · 1933-07-20 · Heft 291 (20.7.1933) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 291 (20.7.1933)
Date
1933-07-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 291 — 20. Juli 1933 DIE STIMME Seite 8 KUNST UNK) WISSEN JjuxUjh und J&jpaJMK Unter vorstehendem Titel brachte kürzlich die «Stimme» fine Notiz, daß laut Ansicht des Historikers Dr. Oyabe in Tokio die Japaner Nachkommen der jüdischen Stämme 0 a d und M a n a s s e seien. Jedenfalls sollen sich die Japaner lebhaft für das Judentum und zumal den Zionismus Interessieren, wofür das jüngst veröffentlichte Buch des Japaners Sakai «Mikado und Zionismus» und die Gründung der «Jüdisch-Japanischen Gesellschaft» am besten sprechen. Der Versuch weißgardistischer Flüchtlinge aus Rußland, den Antisemitismus in Japan einzutoürgern, habe bisher wenig Erfolg gehabt. Es sei mir erlaubt, diese Notiz in einigem zu ergänzen. Die Ansicht Oyabes von einer vor Jahrtausenden erfolgten Judeneinwanderung nach Japan steht dort nicht vereinzelt da. Die Engländerin E. A. Gordon, welche lange in Tokio lebte, als Freundin des Zionismus mit Herbert Samuel in Korrespondenz stand und der Hebräischen Universität ln Jerusalem eine wertvolle Kunstsammlung hinterließ, hat •ich durch Jahrzehnte dem Nachweis dieser Ansicht gewidmet. Als ich im Herbst 1932 auf einem japanischen Schiff von Port Said nach Marseiile fuhr, befanden sich unter den Reisegefährten vier katholische Missionäre, Deutsche und Spanier, welche 30 Jahre und mehr in Ostasien und besonders in Japan verbracht hatten. Auf meine Fragen gaben sie folgendes an: ln Japan ist die Anschauung, daß von den zwei das Land bewohnenden Rassen die gradnasige von den Juden abstamme, weit verbreitet. Vor drei Jahren sei ein dickes Buch, welches diese Ansicht vertrat, als offizielles Lehrbuch in den Schulen aufgenommen worden. Vor acht Jahren sei plötzlich etwas wie eine antisemitische Bewegung in Japan entstanden als Reaktion auf den Plan einer Kapitalistengruppe, die Tempel einer verschollenen Sekte aufzukaufen und den Boden in Parzellen für gute Preise abzugeben. Obgleich nicht feststand, daß unter diesen Kapitalisten Juden waren, wurde das Schlagwort «Gegen das jüdische Kapital», das zuerst Amerika erobert habe und nun Japan bedrohe, propagiert. Das Schiagwort verstummte bald. Es scheint die Regierung dahinter gestanden zu sein, die, nachdem ihr Zweck erreicht war, wieder abblies. Also auch diese Regie hat man drüben Europa schon abgeguckt 1 | Nicht nur ln Japan, sondern auch bei anderen Völkern tauchen immer wieder solche Nachrichten über Abstämmling von Juden auf. In manchen Fällen, wie betreffend Abessiniens, haben sie einen nachweisbaren historischen Keim. Sie deuten immerhin auf ein vorwiegend sympathisches Interesse jener Völker für Juden und Judentum hin. Wenn unsere Sochnuth finanziell ausreichend gekräftigt wäre, hätte ihre politische Abteilung die schöne Aufgabe, solche Beziehungen zu pflegen und, im Völkerbund und anderwärts, für das Palästina-Aufbauwerk verwerten. Dr. E. M. Zweig (Jerusalem). Eine neue Synagoge ln Barcelona Barcelona« Die jüdische Gemeinde in Barcelona, die 4500 Mitglieder zählt und bisher nur zwei kleine Bethäuser besaß, schreitet an die Errichtung einer großen Synagoge. Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde Arias sprach beim Präsidenten Kataloniens Macia vor, der die Errichtung der Synagoge bewilligte. Nach Fertigstellung des neuen Gotteshauses wird ein Rabbiner, ein Kantor und ein Mohel ange- Btelit werden. DAVID FRISCHMANN* Von Simon Ernst (Tel-Awiw) In unserer schnellebigen Zeit vergißt man nur aMzu leicht am große Menschen. Freileich wird dadurch meist der Name, nicht aber das Werk betroffen. David Frischmann ist der Erneuerer der Kritik in der hebräischen Literatur und der erste vollendete Europäer in der traditionellen Schreibstube, wo man gedankenlos von der Vergangenheit zehrte. Ein Schöngeist war Frischmann und somit in gewissem Sinne ein Revolutionär für uns. Als er mit seinen ersten literarischem Essays hervortrat, herrschte noch die Richtung der «H a s k a 1 a h - Aufklärung», für die nur die Wissenschaft, meist in bescheiden-volkstümlicher Form, mit einer besonderen Spitze gegen die Religion, absoluten Bildungswert besaß. Das Ziel war dem Nutzeffekt untergeordnet und auf die Form kam es Überhaupt nicht an. Kunst als Selbstzweck war unbekannt. Anderseits lebte man noch im Glauben der Urväter und schrieb in der schwülstigen Melizah-Sprache, die aus aneimandergeneihten Bruchteilen von Bibelsätzen entstand. Frischmann erzog dem Leser zur Aufklärung ohne den schulmdstemchen Ton und die Form der Haskalah-Führer und erhob die natürliche Schönheit zum Ideal des Menschen. Seine vielgestaltige Persönlichkeit kommt am deutlichsten *) Zum Erscheinen der von seiner Q&ttin Lili Frischmann in New York besorgten Gesamtauflage seiner hefeiischen Schriften. Ein neues Buch über Theodor Herzl Im Reinhold-Verlag, Wien, ist unter dem Titel: «Ein Volk unterwegs — zum Frieden», ein Buch des Herzl-Forschers Dr. Tulo Nussenblatt erschienen, in dem zum erstenmal wichtige, bis jetzt unbekannt gebliebene Archivdokumente veröffentlicht werden, die neue Aufschlüsse über das Wirken Theodor Herzls und der Baronin Berta von Suttner geben. In dem Buch wird u. a. ein aus dem Archiv des Völkerbundes (Suttner-Nachlaß) in Genf stammender Brief zitiert, der Details Uber Herzls Bemühungen enthält, eine Audienz beim Zaren zu erlangen. Aus dem Brief geht auch die bisher unbekannte Tatsache der Teilnahme Herzls an der ersten Friedenskonferenz Im Haag im Jahre 1899 hervor. Das Buch Dr. Nussenblatts wird durch ein Vorwort von Miß D u g d a 1 e, der Nichte B a 1 f o u r s, eingeleitet. Wir werden auf diese interessante Neuerscheinung unseres geschätzten Mitarbeiters noch ausführlich zurückkommen. Geht das Judentum unter? «Geht das Judentum unter?» Eine Erwiderung auf Otto Hellers «Untergang des Judentums» ist der Titel einer Schrift von Eli Strauß, die soeben Im Verlag des Zionistischen Landesverbandes für Oesterreich erschienen ist. Wir werden auf diese interessante Neuerscheinung noch ausführlich zurüokkommen. Zu beziehen durch das Zionistische Landeskomitee, Wien, I., Kärntnerstraße 28, zum Preise von S 2.—. Neuerscheinung jüdischer Musik Israel Brand mann: Zwei Lieder nach Worten von Ch. N. Blalik (Verlag «Ibneh») Die aus wiederholten, erfolgreichen Aufführungen bekannten Lieder von Brandmann sind endlich erschienen; somit ist den jüdischen Sängern Gelegenheit gegeben, ihr Repertoire mit einem Werk zu bereichern, das in seiner warmen poetischen Erfindung, seiner echt jüdischen Deklamation, seiner durchglühten und dennoch in Meisterschaft zurückgehaltenen Leidenschaft das höchste Lob verdient. Im ersten Lied fällt knapp vor dem Schluß der grandiose Pathos in der Begleitung (linke Hand) und zauberhaft aushauchende Lauf auf. Auch der Schluß des zweiten Liedes ist in seiner Struktur einzigartig; ganz ohne Begleitung klingen der Gesang und die Bratsche wie im Traum aus. Mögen diese zwei Werke ihren Siegeslauf durch die Welt beginnen, sie verdienen es. Jul. Wolfsohn. Uh&akatuvta. jüdCtcfo faktan. Der jüdische Gelehrte Prof. Galante von der Universität in Konstantinopel berichtet über die Entdeckung von zwei bisher unbekannten Sekten in der Türkei, die jüdischen Ursprungs sein sollen. Eine Sekte besteht aus Kurden, die in Türkisch-Turkestan leben. Ihre Mitglieder beobachten verschiedene jüdische Gebräuche und essen zu Pessach Mazzoth. Die zweite Sekte besteht aus Armeniern und heißen Pakaraduni. Sie leben hauptsächlich in Konstantinopel und bezeichnen die babylonischen Juden als ihre Ahnen. Obwohl die Angehörigen dieser Sekte Christen sind, feiern sie als Ruhetag den Samstag, essen kein Schweinefleisch, sitzen Schiwa in Trauerfällen und heiraten nur Mitglieder der Sekte. in seinen Feuilletons zum Ausdruck. Hier war er ganz frei; hier ließ er seinen Groll in ästhetisch feiner Form aus; hier konnte er seinen Glauben andeuten, den er, der ewige Zweifler und ironisierende Weltbetrachter, in den Wein des Ernsts zu gießen sich schämen würde. In dieser literarischen Art steht er unerreicht da und auch sein Hang zum Witz und Paradoxon war zur Aufrüttelung der Gemüter ohnegleichen geeignet. Es war unerhört neu, in der «heiligen Sprache» so frei seinen Gedanken nachzugehen. Und wenn auch Frischmann der klassische Purist in der hebräischen Prosa geblieben ist, so hat er doch durch die verschiedenartigen Stoffbehandlungen die Auferstehung des lebendigen Hebräisch mächtig gefördert. Mehr als die Originalwerke sichern die Uebersetzungen Frischmanns seine Dauerstellung in der hebräischen Literatur. Lang und mannigfaltig ist die Reihe der Werke, die durch ihn zu unserem Sprachgut wurden. Lipperts «Geschichte der Kultur» und Nietzsches «Zarathusrta», fast die gesamten Werke Rabindranath Tagores, Shakespeares «Coriolanus», Beyrons «Kain», Goethes «Ihigenie auf Tauris», «T h a e i s» von Anatole France, aber auch der rusäfcche Dichter Puschkin und viele andere fanden in Frischmann Ihren berufenen hebräischen Interpreten. Vielleicht wurde auch mit Recht bemerkt, daß der hebräische «Zarathustra» mit dem prophetischen Rhythmus seiner Reden den künstlerischen Intentionen Nietzsches mehr entsprechen würde als das Original. tin Qje&et Qük die. deubicAe*. Juden. Seit dem Schewuotfeste wird an alten Samstagen in allen Synagogen des englischen Reiches vor geöffneter Bundeslade ein Gebet für die deutschen Juden gesprochen. Es hat den englischen Chief-Rabbi Dr. Hertz zum Verfasser. Wir bringen im folgenden den hebräischen Text in freier Uebersetzung. Vater der Barmherzigkeit! Qebrochenen Herzens treten wir heute vor Dich hin und flehen zu Dir. Wir hören das Klagen unseres Volkes aus Deutschland und unser Herz erschauert vor den Gefahren, die uns bevorstehen. Der Geist der Blindheit ist über eine große Nation gekommen und sie ist darauf aus, das Haus Israels zu zerstören. O, habe Mitleid mit seinen Kindern, die nach seinem Heile schmachten Tag für Tag und wende von ihnen jedes grausame Verhängnis ab. Stärke die Seelen unserer Brüder, die in Elend und Trauer leben. Möge Hoffnung und Glaube ihre Stärke sein in der Stunde der Bedrängnis. Und in unsere Herzen pflanze brüderliches Mitgefühl, auf daß wir uns nicht von unserem eigenen Fleisch und Blut abwenden. Mögen die Taten der Wohltätigkeit für unsere verfolgten Brüder wachsen, bis Du sie hinausführst aus der Finsternis zum Licht und aus der Rechtlosigkeit in die Freiheit, damit wir einen neuen Sang für Dich singen können, Du unser Fels und Befreier. Allmächtiger Gott! Verbanne Neid und grundlosen Haß aus den Herzen der Völker. Erneuere unter ihnen den Geist der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, damit die Frevler nicht weiter Israel peinigen. Führe heran die Tage, da alle Völker erkennen werden, daß wir alle einen Vater haben, daß ein Gott uns alle erschaffen hat und breite das Zelt Deines Friedens aus über alle Menschen auf Erden. Amen! Amenl iD-ömn 2K 9ip run :nvn -pa rr9n9 nxia: lar: a9a nunn 9p *n ua9i awö-u nxo uop na npr dp '“ne 9p *|2w: n'inp rm mir» *im ntp« kjk ibto app* n*a nianS ixewn j-hk Paai jdv dv inpwb trea’an j:a 9p Kr9en D*a*nvT irrt** jpbj p:n :rvn?ax nnu-Pa d.t9Pö rrm ptsj ntrabn nix nnox nn-m :pn msa ntppo a*n runpa» owru »w uaPa nvierrn nPfiKia ntexunp ip to'BTon m?P9 rtptxn : wm nn'tp -pcP notoi :rmn9 rvnapöi mixp n&KW wat «ppp 9k paj rrn *nn m'öPn ana o:n nrcn nwp non ■m nup» n?ip aa mp ib'dv kSi ‘oanpa nnx ax 'a nma pnv w D'trn a-ip •?a 9p pw nae annci njxia nnx 9xi a9a9 jfBKi rox :pan 'aam Ueberaus charakteristisch für Frischmanns Eigenart ist das aus seinen letzten Schaffensjahren stammende Poem «Mephisto». Auch ihn, den gealterten hebräischen Schriftsteller, hat ln seiner einsamen Schreibstube ein moderner Mephisto, nüchtern, im europäischen Straßenanzug gekleidet, aufgesucht, um ihm den Verkauf seiner Seele gegen Genüsse im Diesseits anzubieten. Er bekam aber eine ganz andere Antwort als Goethes Mephisto. Die Zeiten haben sich inzwischen geändert und ein heutiger jüdischer Schriftsteller ist auch anders geartet als der urgermanische mythi sehe Dr. Faust. Dieser klagte: «Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brustl»; Frischmann aber weiß nicht einmal, ob er auch nur eine besessen! Er erinnert sich nur wie ihm diese einzige Seele auf seinem enttäuschungsreichen Lebenswege verlorengegangen ist! Wenn Faust den Vertrag mit dem Teufel einging, um die Jugend von neuem zu erleben, so kann dies nichts Verlockendes für den Juden bedeuten, der keine frohe schöne Jugend kannte, auch längst keinen Sinn mehr für sie hatte. Unverrichteter Dinge steigt der Teufel wieder hinunter!- David Frischmann wurde im Jahre 1 863 ln einet kleinen Ortschaft bei Lodz (Polen) geboren, wo er sich den traditionelle hebräische Wissen erwarb. Später ging er nach Deutschland zur Ausbildung und ließ sich dann in Warschau dauernd als freier hebräischer Schriftsteller nieder. Er redigierte die hebräische Zeitschrift «H a o r» und nachher die bekannte Vierteljahrsschrift «H a t e k u f a h». Er starb in Berlin am 15. August 1922.

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