Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1933-07-06 · Heft 289 (6.7.1933) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 289 (6.7.1933)
Date
1933-07-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3054015-3054043--3606-3059137
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seife I DIB STIMM* Nt. 289 — ft Juli 193» Ein 5-Jahresplan Dr. Weismanns: Fünf Millionen Pfund zur Ansiedlung von 250.000 Juden in Palästina New York. Anläßlich eines Empfanges, der in der Carnegie-Hall in Anwesenheit von 3000 Personen zu Ehren Dr. Chaim Welzmanns stattfand, entwickelte dieser einen großzügigen Plan zur Ansiedlung von 25.000 jüdischen Familien auf dem Lande in Palästina innerhalb der nächsten 5 Jahre. 25.000 neu angesiedelte Familien jüdischer Landwirte, erklärte Dr. Weizmann, würden Lebensmöglichkeiten für weitere 25.000 Familien in anderen Berufen schaffen. Nimmt man an, daß eine Familie im Durchschnitt aus 5 Personen besteht, so würde die Durchführung dieses Planes einen Zuwachs der jüdischen Bevölkerung Palästinas Innerhalb der nächsten 5 Jahre um eine Viertelmillion Menschen bedeuten. Dr. Weizmann wies ferner auf die Notwendigkeit hin, Verhandlungen mit der deutschen Reichsregierung, betreffend die Freigabe der Vermögen von Juden, die sich in Palästina niederlassen wollen, einzuleiten. Abgesehen von den in 6efnem Plane dargelegten Siedlungsmöglichkeiten könnte Palästina jetzt noch 5000 junge Juden aus Deutschland, die bereit wären, als Chaluzim zu arbeiten, aufnehmen. Es wurde beschlossen, sich im Sinne der Vorschläge Dr. Weizmanns an der Aufbringung eines Fonds von 5 Millionen Pfund zur Verwirklichung des 5-Jahre-Sledlungsplanes zu beteiligen. Palästina-Fragen vor dem Völkerbund Einwanderung deutscher Juden - legislative Council ■ Transfordanien Cent Die Mandatskommission des Völkerbundes hat in ihrer am 27. Juni abgehaltenen Sitzung mit der Beratung der mit dem Palästina-Mandat in Zusammenhang stehenden Fragen begonnen. Wie immer, fand die Beratung in geheimer Sitzung statt. Eine Reihe von Mitgliedern der Kommission haben an den ehemaligen Chefsekretär der Palästina-Regierung, Y o u n g, der der Sitzung im Auftrag der Palästina-Regierung beiwohnte, Fragen, betreffend die Möglichkeiten derEinwanderungdeutscherJudetinach Palästina und die geplante Einsetzung, eines Legislative Council gestellt. Auch die Frage einer jüdischen Einwanderung nach Transjordanien wurde berührt. Young erklärte, es käme wohl eine Einwanderung einzelner Juden nach TransJordanien in Betracht, jedoch nicht eine Siedlung größeren Maßstabes im Hinblick auf die ungenügenden Sicherheitsverhältnisse. Berlin. Dem «Völkischen Beobachter» wird aus Genf berichtet, daß in der Mandatskommission ein Antrag, 400 Juden aus Deutschland die Einwanderung nach Palästina zu ermöglichen, behandelt worden sei. Der Mandatsausschuß habe den Standpunkt der englischen Regierung zugestimmt, daß die Einwanderungserlaubnis nur jenen deutschen Juden, die ein Eigenvermögen von 1000 Pfund besitzen, gegeben werden könne. Hierzu bemerkt der «V. B.»: «Damit wird also sogar für die jüdische „Heimat” Palästina die Notwendigkeit anerkannt, sich gegen die jüdische Einwanderung zu schützen. Mit wie viel mehr Recht wehrt sich dann Deutschland gegen diesen Bazillus!» Palüsiina-Iinleihe und Erench-Berichi Jerusalem. Am 7. Juli begibt sich der Schatzmeister der Palästina-Regierung, Johnson, nach London im Zusammenhang mit der geplanten 2-Millionen-Anleihe der Palästina-Regierung, bei deren Verwendung Forderungen des French-Berichtes teilweise berücksichtigt werden sollen. Die Bemühungen der Jewish Agency, durchzusetzen, daß der amtlichen Publikation des French- Berichtes die von jüdischer Seite erhobenen Einwände beigefügt werden, hatten keinen Erfolg. Es wird nunmehr damit gerechnet, daß die jewish Agency ihre Einwände gegen den French-Bericht in einer eigenen Publikation darlegen wird, die gleichzeitig mit dem French-Bericht erscheinen soll. Ob auch die arabische Exekutive ihre Einwände veröffentlichen wird, ist noch nicht bekannt. Aus Hitler-Deutschland Mehrere Juden, die sich nach dem Kriege dem «Stahlbeton» angeschlossen hatten, wurden jetzt ausgeschlossen, unter ihnen ein Herr Goldfeld. Dieser wurde von SA-Leuten fürchterlich geschlagen und dann verschleppt. Seither ist sein Aufenthalt unbekannt, * bi Hamburg wurden von den zugelassenen jüdischen Anwälten 45 daran gehindert, bei Gericht zu erscheinen. Kürzlich wurden weitere 25 jüdische Anwälte trotz Zulassung am Betreten der Gerichte verhindert. Unter ihnen befindet sich auch, als Judenttämmling, der ehemalige Hamburger Bürgermeister Dr. Carl Petersen. * Die C. V. Zeitung wurde gezwungen, einen Aufruf zu veröffentlichen, wonach Frauen von öffentlichen Beamten in jüdischen Geschäften trotz aller Warnungen eingekauft hätten; das würde nicht weiter geduldet werden. * Die Osram Glühlampen-Gesellschaft hat alle jüdischen Beamten entlassen, darunter auch eine polnische Staatsbürgerin namens Levin. Ueber Einschreiten des polnischen Konsuls wurde sie wieder angestellt. Der Konsul hatte mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß die Firma in Polen viele Abnehmer habe. Der berühmte Maler Max Liebermann hat sich entschlossen, Deutschland zu verlassen und nach Paris zu übersiedeln. Einstweilen ist es noch nicht sicher, daß er das Ausreisevisum erhalten wird. * In Nazikreisen herrscht Bestürzung darüber, daß das «Flaggerriied» ins Nazi-Gesangsbuch aufgenommen wurde. Sein Autor, Robert Linderer, liegt am jüdischen Friedhof in Weißensee begraben. « Die «Arische Rundschau», ein Berliner Nazi-Organ, verlangt, daß die Juden eine besondere Kappe als Erkennungszeichen tragen sollen. « *«# Der nationalsozialistische Pastor Kupsch schreibt in einer Königsberger Zeitung: «Die Nationalsozialisten lehnen es ab, eine Kirche zu betreten, in der das Alte Testament noch als heiliges Buch angesehen wird». * Die Mitglieder der Weltwirtschaftskonferenz in London erhielten eine Broschüre, zugestellt, in der u. a. behauptet wird, es gäbe in Deutschland keine Judenverfolgungen, sondern nur vereinzelte Fälle, <ße von der Regierung verurteilt würden, ln der Brocshüre sind Aeußerungen deutscher Juden abgedruckt, z. B.; «Wir erleiden großen Schaden, wenn der Boykott weiterdauert... Wir erfreuen uns, des größten Entgegenkommens.» * «Het Volk», das Amsterdamer Organ, bringt einen Bericht ans Westfalen. Dort, wurden mehrere Schächter einige Tage vor Erlassung des Schächtverbotes von SA-Leuten fürchterlich zugerichtet. Der Sohn eines Schächters wurde gezwungen, seinem Vater den Bart an«uzünden. Neudeutsche Kultur! In den Marschanweisungen für das «Fest der Jugend» in Leipzig heißt es: Neger, Juden und Fremdrassige dürfen im Zuge, auch wenn sie formalerweise deutsche Staatsbürger sind, nicht mitmarsdhderen. * «Hetvkedhagen, das Ostseebad des Mittelstandes 1 Auf hoher, teils bewaldeter Düne gelegen. Stein- und Judenfreier Badestrand. 12 km von Kolberg. Kleine Kurtaxe. Seebäder frei! Zeitgemäße Miets- und Pensionspreise, Prospekt auf Anfordern durch die Badeverwaltung.» (Inserat aus dem «Völkischen Beobachter», München.) $ Aus dem Nürnberger Stadtrat: «Der Firma Salamander A.-G., Schuhwaren, wird die Errichtung eines Fiüalgeschäftes Kaiserstraße 37 genehmigt, mit der Begründung, daß die Salamander A.-G. ein rein deutsches Unternehmen sei, befufea dazu, di« Vormachtstellung der .jüdischen Schuh" gesehäfti Propfcdt und Polatschek hi der Kaiserstraß« ztf brechen> (Nürnberger «8-Uhr-Biatt».) «Schicksalhafte Technisierung unserer Umwelt unter der verantwortlichen Mitführung volksverstehender Techniker ist d«B Ziel einer national, deutschen Technik.» (Aus einem Vortrag des Obering. Fichtner im Luitpoldhaus, Nürnberg.) « «Berliner Tageblatt» (Dreizeilen-Notiz): «Der Vorstand des Lessing-Bundes in Wolfenbütte! hat beschlossen, den Bund aufzulösen und sein Vermögen dem Kampfbund für deutsche Kultur zur Verfügung zu steilen.» Deutsche Kultur ohne Lessing? — So ist das Dritte Reich! * Keine Durchreisevisa für Juden Wie unser Londoner Berichterstatter erfährt, verweigert die deutsche Regierung ausländischen Juden die Durchreisevisa. Die deutschen Behörden im Auslande erhielten eine Instruktion, wonach ausländischen Juden weder Aufenthaltsbewilligungen noch Durchreisevisa durch Deutschland ge-, währt werden dürfen, es sei denn, daß die Bewilligung solcher Visa oder Aufenthalte unmittelbare Wichtigkeit für die Reichsfegierung aufweise. In diesen Fällen muß die direkte Entscheidung der Reichsregierung eingeholt werden. Die deutschen Judenverfolgungen vor dem Völkerbund Was Dr. Emil Margulies über die Bernheim-Petltion erzählt Die Aufrollung der deutschen Judenverfolgungen vor dem Völkerbund und auf dem Weltkongreß der Minoritäten in Montreux, die erfolgreiche Vertretung der sogenannten Bernheim-Petition und somit der Interessen der Juden Oberschlesiens und ganz Deutschlands vor dem Rat der Völker, die mit der moralischen Verurteilung Deutschlands endete, war in erster Linie das Verdienst des zionistischen Führers und bekannten Minderheitenpolitikers, des Führers der jüdischen Partei der Tschechoslowakischen Republik, Herrn Dr. Emil Margulies, der die ganze juristische Arbeit der Bernheim-Petition aus eigener Initiative durchgeführt hat. Im Rahmen eines Presseempfanges im Hotel de France informierte gestern Herr Dr. Emil Margulies die Vertreter der Wiener Tagespresse über die Bedeutung, und den moralischen Wert der letzten Völkerbundsession. Seit der Pariser Friedenskonferenz vom Jahre 1919 enthält eine Reihe von Friedensverträgen auch grundsätzliche Bestimmungen, die sich auf die Rechte nationaler und religiöser Minderheiten beziehen. Die Verankerung von Minderheitsrechten ln internationalen Verträgen war in erster Linie das Verdienst d$s «Comitee des Delegations Juives» und der jüdisch-amerikanischen Freunde Wilsons, die am 10. Mai 1919 ln einem Memorandum an die Friedenskonferenz den Schutz der nationalen Minderheiten forderten. Deutschland, das wie kein zweites Land so zahlreiche Minderheiten in den verschiedenen Ländern der Welt besitzt, verteidigte immer den Schutz nationaler Minderheiten. Freilich ahnte zu jener Zeit niemand, am wenigstens die deutschen Juden, selbst, daß es in diesem Lande einmal zu einer so brutalen Verletzung der Rechte einer Minderheit, ja, zur Aufhebung ihrer staatsbürgerlichen Gleichberechtigung kommen werde. Die deutschen Juden gehörten zu jenen Minderheiten, deren Rechte als Minderheit im Versailler Friedensvertrag nicht verankert wurden, allein die Botschafterkonferenz hat auch zugunsten solcher Minderheitsgruppen eine Reihe von Bestimmungen vorgesehen. Die zwischen Polen und Deutschland die oberschlesische Frage regelnde Genfer Konvention sieht ebenfalls eine Reihe von ähnlichen Bestimmungen vor. Die Bernheim-Petition und ihre Vertretung vor dem Völkerbundrat war moralisch von höchster Bedeutung. Es ist symptomatisch für das Verständnis, das in maßgebenden Völkerbundkreisen der tragischen Situation des deutschen Judentums entgegengebracht wird, daß drei Tage nach der Ueberreichung der Bernheim- Petition durch Dr. Margulies im Generalsekretariat des Völkerbundes in Genf die Dringlichkeit der Petition der oberschlesischen Juden, die von Petitionen einer Reihe jüdischer Organisationen und Körperschaften aus Ländern Europas, Amerikas und Aegyptens zur moralischen Unterstützung der Bernheim-Petition begleitet waren, zuerkannt wurde. Die Zukunft der deutschen Juden ist nach wie vor eine stark umdüsterte. Rettung wird für große Teile nur die Emigration bilden. E Der Anker, Allgemeine Versicherungs-Aktiengesellschaft, Wien. In der am 26. Juni d. J. abgehaltenen Generalversammlung wurde der Rechnungsbeschluß für das Jahr 1932 mit Stimmeneinhelligkeit genehmigt. Die Einnahmen werden mit S 29,093.759.81, die Aktiva mit S 107,321.815.04 gegen S 102,405.001.33 im Vorjahr ausgewiesen. Nach Dotierung der Sicherheitsreserve wird der Uebemschuß von S 115.973.21 neue Rechnung vorgetragen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.