Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 286 (22.6.1933)
- Date
- 1933-06-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b. BEZUGS¬ BEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S I’50, Vierteljahr!. S 4'20, ganz jährl. . . . S 16 - Deutschld. viertel jährl.. .. RM 3 - Tschechoslowakei viertelj. . Kc 24'— Jugoslawien viertel jährl. . Din. 40 - Polen Vierteljahr lieh . . Zloty 6’50 Ungarn Vierteljahr lieh . . Pengö 4‘20 Rumänien vierteljährl.. . Lei 120 — Uebriges Ausland vierteljährl. Schw. Pranken 4*50 Jüdisdte Zcitunä Preis 35, Erscheint jeden Donnerstag Redaktion und Administration Wen, L, Kärntner* strafie 28 Tel. R-27-4-85 Postsparkassenkonti: Oesterr. D 113-546 Polen . . 191499 Tschechoslowakei .500.230 Jugoslawien 40*879 6. Jahrgang Wien, Donnerstag, 22. Juni 1933 <28. Siwan 5693) Nummer 286 Der Mörder Ariosorofh verhaftet! Der Täter ein Mitglied des „Brith-Trumpeldor“ CTelephonischer Eigen bericht der „Stimme“) Die Bemühungen der palästinensischen Behörden, den furchtbaren Mord an Dr. Artosoroff aufzuklären, haben vorläufig zu einem niederschmetternden Ergebnis geführt Wir wir auf telephonischem Wege aus London erfahren, wird dort von der «Jü d ischen Telegra’phen-Agen tur» die Meldung verbreitet, daß der Mörder Dr. Chaim Arlosoroffs in den letzten 24 Stunden von der palästinensischen Polizei verhaftet wurde. Er ist ein Mitglied des revisionistischen Bundes «Brith-Trumpeldor», namens Abraham Kaspi aus Brest- Litowsk, der. seit 3 Monaten im Lande weilt Er war Mitarbeiter der revisionistischen Zeitung «C h a s i t -H a a m». Frau Arlosoroff .erkanntein dem Verhafteten den M ö r d e r. Es verlautet daß auch der Führer der palästinensischen Revisionisten und Sekretär der revisionistischen Partei, Aba Achim M e i r, von der palästinensischen Polizei verhaftet wurde. Eine offizielle Bestätigung dieser letzten Meldung war bis Blattschluß nicht zu erlangen. In der Wohnung Achl Meirs verhaftet Bei Drucklegung des Blattes erfahren wir noch, daß die Verhaftung des Mörders i n der Wohnan g Acht Meirs erfolgte. Kaspi war im Besitze eines Reisepasses, den er sich zum baldigen Verlassen des Landes vorbereitet hatte. ★ ★ ★ Die Mutige Er nie des Hasses Seit den unglückseligen Augusttagen des Jahres 1929 hat kein Ereignis die Gemüter so schwer erschüttert, wie der Mord an Dr. Arlosoroff. Das gilt insbesondere für die Wiener Zionisten. Noch am 8. Juni hörten wir Arlosoroff im Großen Konzerthaussaal, bewunderten in ihm den gewandten, wirkungsvollen Redner, sahen in ihm den verantwortungsbewußten und erfolgreichen diplomatischen Vertreter unserer Interessen bei der Palästina-Regierung. Und es gab wohl niemanden, der sich nicht gesagt hätte: Vierunddreißig Jahre alt ist erst dieser kluge Kopf, ihm steht sicher noch eine große Zukunft bevor. Aber niemand ahnte, daß wenige Tage später dieser beredte Mund für immer verstummen, dieses warmschlagende Herz Stillstehen, diese lebenssprühenden Augen brechen würden. Ein einzelner Mann ist gefallen und im August 1929 waren es Hunderte. Aber die fielen im Kampf, Arlosoroff fiel einem feigen Meuchelmörder zum Opfer. Aber nicht nur deswegen sind wir so sehr erschüttert. Viel schwerer trifft es uns, daß es e i n J u d e war, entsetzlich ist es, daß es ein Zionist war, der zum Mörder wurde. Daß es ein politischer Mord war, qualifiziert in unseren Augen die Tat nicht milder, läßt sie uns vielmehr noch verdammenswerter erscheinen. Gewiß! Man wird sich beeilen, vom Täter und von der Tat abzurücken. Man wird seine Hände in Unschuld waschen; aber besser wäre es, das Herz zu prüfen und zu läutern. Nie hätte es zu diesem Mord kommen können, hätte die palästinensisch-revisionistische Gruppe Achim Meirs nicht einen derart zügellosen, haßerfüllten und rücksichtslosen Kampf gegen die jüdische Arbeiterschaft geführt. Jabotinsky sieht hier eine Saat aufgehen, vor der ihn das Entsetzen schütteln müßte. Mord als politisches Kampfmittel ist nur die traurige logische Konsequenz von Haßgesängen, wie z. B., «daß nicht die Engländer, nicht die Araber unsere Feinde sind, sondern die jüdischen Arbeiter in Palästina, diese roten Wanzen». Die gleiche verrottete Denkungsart kommt zum Durchbruch in dem vor kurzer Zeit erfolgten Attentat auf den Arbeiterführer Ben Gurion. Hier liegt eine eiternde Wunde, die schonungslos aufgedeckt werden muß, soll sie nicht den ganzen zionistischen Körper vergiften und zersetzen. Es muß zunächst als Axiom festgehalten werden, daß wir ein abnormales Volk sind, das unter abnormalen Bedingungen lebt, Darüber sind wir uns alle einig, aber nicht in den Schlußfolgerungen aus dieser Tatsache. Sind wir ein abnormales Volk in einer abnormalen Situation, dann muß auch die Assimilation an die politischen Methoden anderer Völker die gleichen verderblichen Wirkungen haben, wie jede Assimilationspolitik, auch dann, wenn es nicht zu politischen Morden kommt. Eine einfache Erwägung lehrt das. Normale Völker, die ihren eigenen Staat haben, können Taktik und Tempo ihres politischen Kampfes oft, aber nicht immer bestimmen. Aber auch hier wird die Existenz des Staates oft durch den Kampf der Parteien schweren Erschütterungen ausgesetzt. Ein Beispiel hieftir bietet uns gerade jetzt Oesterreich. Was aber für den fundierten Staat gefährlich ist, wirkt für den j «Staat unterwegs», die zionistische Bewegung morde- I risch. Wir stehen noch an den Pforten Palästinas, aber J Jabotinskys Anhänger gebärden sich so, als sei der judenstaat bereits vorhanden und seine Existenz gesichert. Es muß hier nicht ausgeführt werden, wie weit wir vom Judenstaat entfernt sind. Ueberhebung der eigenen Partei, Haß und Verachtung gegen andere Parteien, zügelloser Haß gegen die Linke sollten hinwegtäuschen über das permanente Debakel einer Politik, die vom 7. Dominion über die berühmte Atempause im Jahre 1929 bis nach Kattowitz und in ihren, Auswüchsen bis zum politischen Mord führt. So sehen wir, daß gerade jene Gruppe, die hundertprozentigen Zionismus auf ihre Fahnen geschrieben hat, politische Assimilation zu hundert Prozent betreibt. Es gibt keine bessere Prophezeiung über die Gefahren einer derartigen Politik als die Worte Arlosoroffs beim 17. Kongreß in Basel, die wir wörtlich aus dem Protokoll zitieren: «Die revisionistische Jugend in Palästina wird in einem Geiste erzogen, daß sie nichts daran findet, bei der ersten Gelegenheit die Assefaith Haniwohatnni, die gesetzlich gewählte Vertreterversammlung des jüdischen Jischuw, zu sprengen. Unter dieser Jugend wird Tag fQr Tag eine Propaganda geführt, in einer bestimmten potitir sehen Konjunktur die Zionistische Organisation, also den «Judenstaat unterwegs», zu verlassen und einen eigenen «Judenstaat unterwegs» aufztimacben. Warum soll es denn keinen ganzen jüdischen Staatenbund unterwegs geben? Die revisionistische Presse zieht Tag für Tag mies, was rein und kämpfend und heilig im Zionismus gewesen ist, z. B. die Arbeiter und Dr. Weizmann, in den Schmutz. Hat nicht «Haam» an dem Tag, als Weizmann vom ganzen Emek, dem Emek der Arbeiterpioniere, willkommen geheißen wunde, geschrieben, es sei eine historische Begegnung gierwesen, im Emek habe sich der poetische Schmutz mit dem kolonisatorischen Schmutz getroffen? (Starke Pfuirufe.) Das ist nur ein Teil der staatsbürgerlichen Erziehung, die der Revisionismus den Bürgern des Judenstaates unterwegs angedeihen läßt. Und wenn Lichtheim von dem System der militärischen Disziplinierung als dem inneren Gesetz der zionistischen Bewegung gesprochen hat, so kann nur ein Mann, der dem Geiste des lebenden Palästinas von heute ganz fremd ist, so sprechen. Das heutige Palästina, das sich — wie jeder von Ihnen weiß — auch zu verteidigen versteht, weiß, daß diese Verteidigung eine blutige ernste Sache arbeitender Menschen ist, die sich und ihre Familien aus ihrer Siedlung und Arbeit heraus schützen, und nicht das. Militärspiel einer oberflächlich verbildeten Jugend. (Lebhafter Beifall.) Zu ernst sind diese Dinge, zu ernst können sie vielleicht noch in Zukunft sein, als daß wir wagen dürften, so mit ihnen zu spielen. Solange wir nicht mit diesen zerstörenden Kräften abgerechnet haben, gibt es vielleicht keinen Weg, um eine große und lebendige zionistische Bewegung wieder aufzubauen.» (Stürmischer Beifall, Pfuirufe bei den Revisionisten.) Wir fragen nun: War Arlosoroff ein vorausschauender Politiker? Nur mit tiefer Erschütterung kann man heute seine Kongreßredc lesen. Er hat recht behalten. «M i 1 i t ä r s p i e l einer oberflächlich v e r b i 1 d e t e n Jugend», die auch — wie Jabotinsky einmal im «Haint» ausführte — als erste Voraussetzung die «Psychologie des Schießens» in sich aufnehmen müsse. Es liegt uns ferne, zu Hotel Post, 1FlelschmaeM 24 1 Donnerstag, 22. Juni 8 Uhr abends DR. BENZION MOSSINSON 1 Direktor des Herzl-Gymnasiums in Tel-Awiw I I. Tvauevkundgehung für Dr. Chaim Arlosoroff 1 II. DevtS.KongveßunddieSttuafionim Judentum |