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Die Stimme · 1933-05-30 · Heft 282 (30.5.1933) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 282 (30.5.1933)
Date
1933-05-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Nr, m — SO. MM 1933 DIE STIMME Seite 9 Die „Stimme" der Woche Erbauliches vom Penklub-Kongreß in Ragusa oder der gleiohgeeehalieie Felix Salten Pia internationalen Tagungen des Penklubs, die alljährlich »tattfwden, haben Wmn über einen engeren Kreis von Literaten hinaus nie die große Aufmerksamkeit auf sich ge* lenkt. Es waren Tagungen, bei denen sich eine Reihe der repräsentativsten Dichter und Schriftsteller aus aller Welt zuaimmflflfanden und über Fragen der Literatur sprachen. Tagespolitische Probleme, wann sie auch kulturpolitische Gebiete berührten, störten kaum die im großen und ganzen recht gemütlichen Zusammenkünfte und Besprechungen dieser Dichterejdte, Diesmal freilich war »ine ganz andere Situation, ln einem Kulturland im Herzen Europas hatten »ich Ereignisse abgespielt, an denen niemand, keine Gruppe und keine Körperschaft, die das Anrecht, für Geistesfreiheit zu kämpfen, noch erhob, ruhig vorbeigeben konnte. Solche kulturschänderlsch? Ereignisse, wie die Bücherverbrennungen am Berliner Opernplatz, wie dar brutale Kampf gegen jede freie Meinungsäußerung jm heutigen Deutschland geführt wird, wie di« wirtschaftliche und geistige Brrnondyng einer großen Zahl berühmter Schriftsteller und Dichter, mußten natürlich auch vor das Ferum dieses sogenannten «geistigen Völkerbundes», w« sieh der Penklub gerne mmnt, stiert werden. Daß es hiebei zu recht stürmischen Auftritten kom* man werde, war für aüe Eingeweihten klar. Und sq war der Verlauf de* diesjährigen internationalen Tagung des Pen* kfub§ in Kaguss ein äußerst stürmischer- Eine Anzahl von Delegierten verschiedener Länder, insbesondere die Vertreter Frankreichs, Italiens und Belgiens, nahmen in schärfster Form Stellung gegen die Bücherverbrennungen in Deutschland und verlangten «gegen alle Länder auf das entschiedenste zij pro* testieren, die Schriftsteller mit freier Gesinnung verfolget] und verurtejlen>. Pie Diskussion über diesen Antrag und die Tatsache, daß der Präsident des Internationalen Penklub?, der Engländer H. G. Wells, dem exilierten deutschen Dichter Bimst Toller gegen den Einspruch der offiziellen deutschen Delegation das Wort erteilte, führten zu einem Tumult, in dessen Verlauf die deutsche Delegation den Saal verließ. Die deutschen Vertreter, die in weitesten Kreisen der Literaten und Schriftsteller völlig unbekannt sind, hatten schon zuvor gedroht, den Kongreß sofort zu verfassen, sobald über «die inneren Verhältnisse Deutschlands* gesprochen würde. Die Stellungnahme dieser deutsehen gleichgesehafteten Dichteremissäre hat an Ort und Stelle von den westeuropäischen Delegierten die richtige Antwort bekommen, insbesondere hat ihnen der faschistische Delegierte durch seine freien Ansichten über Rassenfragen eine kräftig» Ohrfeige ygrsetzt. Eine unrühmliche Ausnahme machte seltsamerweise der Vertreter des österreichischen Penklubs, Herr Felix Salten, dar sich auf den Standpunkt seiner gleichgeschalfeten Kollegen aus N*si-Peut§chland stellte, Ls sqg Hier nicht untersucht werden, ob Herr Salten ein Reeht dazu hatte, bezw. wer ihm das Reeht dazu erteilt hat, eine solche Solidarität mit Emissären zu bekunden, die ein Reich vertreten, in dem Herrn Saltens Volksgenossen den brutalsten Verfolgungen ausgesetzt sind. Die etwas überraschend arirnutende Stellungnahme Saltens auf dem Ragusaer Penklub-Kongreß war freilich eingeweihten Kreisen noch vor Abreise der österreichischen Delegation nicht unbekannt. Man wollte es allerdings nicht recht glauben. Es heißt, daß in einer Internen Besprechung des österreichischen Penklubs den österfeiphtechaft Delegierten nach Ragusa der Auftrag erteilt wurde, »ich mit den gleicfigeachaltetgn NaziTVertrgtern solidarisch zu erklären. Soll das wirklich dar Faß gewesen sein, dann hat Herr Batten eine Tat begangen, die nicht genug angeprangert werden kann- Herr Salten hat eine doppelt» Sijnde begangen i Al« Jude und als 0«sterteielier. Per Jude Saiten hat sich mit Vertretern eines Reiches solidarisch erklärt, in denen eine 6Q0.QQ0 Juden zählende Minderheit gjner allmählichen Vernichtung pnategegiben ist, jn dem Werke «einer jüdischen Kollegen, wie eine» Lien peyebtwanger, eines Maat Brod, Sehalom Asch us-w., den Flammen übergeben wurden, der Oesterreleher Balten hat sich mjt Vertretern ejne? Reiches solidarisch erklärt, in dem Werke «ein«? Wiener Weg- und Heimatgenossen Arthur Schnitzler verbrannt wurden. Inwieweit dies» Haltung mit dem Versuch zu erklären wäre, aus kleinlichen privaten Interessen sich durch Gleichschaltung noch rechtzeitig vor der Ausschaltung ZU schützen, können wir nicht beurteilen. Wir wollen hier pur fpststeljen, daß der ZßQlnay-Veriag einer der wenigen Verlage ist, die vom deutschen Büchermarkt noch nicht ausgeschaltet sind, Ebenso bekannt ist ferner, daß Seitens Werk« nicht das Schicksal jener eine« Zweig, Fencbtwanger qpd Asch erfahren haben. Di» Niehtverbfannten und Ausgeschaiteten kümmert daher die Vernichtung ihrer Kollegen herzlich wenig. P<?ch Herrn Balten, der noch vor nicht langer Zeit dgn Zionisten mimte — freilich »inen Saionzipnisten dem die Zionistisch« Exekutive eine Reise in« Heilige Land ermöglichte, uip im ZsglnayrVerlag sein Buch «Neue Menschen auf alter Erde» erscheinen zu lassen, derselbe Herr Salten, dessen Ziel es anscheinend war, sich durch «Gleichschaltung» vor der Ausschaltung zu gchütgen^ggn Wir: Wir bezweifeln, Ob die willfährige Anbiederung 80 seilte Auftraggeber dem Piphter galten bei seinen glelehgeschalteten deutschen Kollegen viel nüt?<m wird, Pas geht uns auch nicht« an, Als Jude« und diese schmerzliche Feststellung müssen wir leider machen — hat er sich freilich seb§{ in eine Situation begeben, die einer Ausschaltung aus der jüdischen Solidarität unheimlich nahekommt. j. r. Neuerscftelnuita raliiün, uiie es Mch ist von Hugo Herrmann. Dieses aktuelle Buch gilbt Aufschluß über alle Lebens- und VerdienstmögÜchkeiten im heutigen Palästina. Verfaßt auf Grund der neuesten Erfahrungen, tat dieses vornehm ausgestattete Buch ein prächtiges Geschenk und ersetzt fast eine Palästinareise. Preis, falls vgr Erscheinen, d. i. bis 15. Juni, bestellt, in Leinen gbd. S 8.30 (später S 9.45), kart. S 6.80. Verlangen Sie Gratiszusendung de$ it-lustr. Prospektes. Galtaenhalf«häufe i Feuchtwanger Lion, Der jüdische Krieg (nicht mehr «*• häitüch) Lnbd. S 11.—; Heine Heinrich, Bekenntnis zun» Judentum (confessio judaica), Auswahl aus seinen Dich* tungen, Schriften und Briefen, herausgeg. von Dr. H. Bieber, Lnbd. (anstatt S 15.—) S 4.60; Herzt Theodor, Zionistische Schriften, eingel. von Prof. Leon Kellner, S 4.16; Weist W.f Der Kemp! um das heilige Land. Palästina von heute. Mit vielen Bildern, Lnbd. (statt S 20.—) S 4-50; Engländer Dr. Martin, Dje auffallend häufigen Krankheitserscheinungen der jüdischen Rassen 46 Seiten, br., 50 Groschen. Bestellungen sind zu richten an J. L. Poliaks Buchhandlung und Antiquariat, Wien, XV„ Mariahjlferstraße 140, Tel, R 35-0-34. garde glaubte er schließlich den Juden den Rat geben zu mÜBsen, nicht mehr nach Palästina auszuwandern, weil dort kein Platz sei, sondern nach Madagaskar, damit die Nazi ihre Sprechchöre um den geistreichen Spruch vermehren können: «Ho-ruek nach Madagaskar!* Dr. Hugo Groß. Letzte Nachrichten Albert Einstein — Ehrenpräsident dos jüdischen Weltkongresses Eine Million Dollar *ur Abwehr de« Antisemitismus New York. Auf der soeben abgehaltenen Tagung des American Jewish Copgress wurde bekanntgegeben, daß Prof. Albert Einstein sich bereit erklärt habe, das Ehrenpräsidium des bevorstehenden jüdischen Weltkongresses zu übernehmen. Nach Erörterung der politischen Weltlage wurde beschlossen, einen Fonds von einer Million Dollar zweck« Durchführung einer intensiven Aufklärungsarbeit zur Abwehr antisemitischer Strömungen in allen Ländern, wo solche auftauejien spjjten, aufzubringen. Efi soll dafür ge* sorgt werden, daß weiterhin die Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung auf Vorgänge und Maßnahmen konzentriert, blefbe, die den Grundsätzen der M»«8ßiilieHkeit widersprechen und die Würde de« jüdischen Volks» verletzen. Dr. Stephen S. Wlse hielt eine Ansprache, in der er auf dje Gefahren des Antisemitismus hinwies und die Hoffnung ausspraph, daß Präsident Roosevelt mithelfen werde, die Welt von diesen Gefahren »u befreien- Ho-ruck nach Madagaskar! oder: Wenn (imr eine Heise tat ... Pr. Walter Riehl unterscheidet «ich von seinen nationalsozialistischen Parteigenossen dadurch, daß er es sich leisten kann, Reisen in« Ausland zu machen* Als EnteehuL digung für seine Extratouren führt er an, deutsche Schiffe seien deutsches Land. Im übrigen spricht er di» meisten Leistungen des Auslandes entweder aj? direkte Geigten Produkte des «nordischen» Geistes an §de.r »uromdest als Resultat «aufgenordeter » Geiatesrfehtung. Jüngst führte ihn «eine Reise sogar nach Palästina. Er erzählt darüber Interessantes teils in der »D ö t z», teils in einem Vortrag vor einem zahlreich erschienenen ^uhÖrerpUbMmm. Wenn ein prinzipieller Judengegner vor einem ZuhqrerkteiS, der nur auf gehässige Bemerkungen lauert, Rgisegindrficke aus «lein vor altem für die Juden heiligen Lande vermittelt, muß vtm darauf gefaßt «ein, daß er nicht ganz objektiv sein kann. Dr. Riehl verkündet, daß er ausgezogen sei, um mit eigenen Augen die Juden in ihrer hoffnungsvollen Arbeit beim Pfluge und am Amboß zu sehen. Er sei jedoch zum größten Teil enttäuscht zurückg§keh?L Von der fruchtbaren Ebene J e z r e e 1, dem Stolze Palästina«, ist er begeistert. Er weiß allerdings nicht, daß diese Ebene vor dem jüdischen Kolontoattonswerk »in sumpfiges, von Malaria verseuchte« Land gewesen iat, welche« jüdische Kolonisten unter den größten Opfer an Out und Blut zu dem jetzigen Paradies umgewandelt haben. Er gibt nur zu, daß es zahlreiche jüdische Kolonien gibt, behauptet jedoch — sicher gegen bessere« Wissen —> daß er nur nah« am KUstenrand einig« wenige jüdische Ackersleute beobachtet habe. Die jüdischen Orangepflanzungen, durch die man stundenlang gehen könne, seien zwar schön, jedoch seien die arabischen Pflanzungen schöner. Ueberhaupt «ei nur die arabische Bevölkerung «bodenständig», die gante jüdische Kolonlsationstätigkoit «ei bloß ein von den amerikanischen Juden mit schweren Milliarden bezahlter Luxus. Er gibt su, daß die jüdischen Landhäuser einen gepflegten und europäischen BB1H1 ,HSA-i r" fFllr '«-'UJ.IM |u»>wuh-Iii.,.i..ii< >m ... — iwi. _' ■ Eindruck machen. Dem unvermeidlichst! Lpb mi§i?bt ff j»s doch gleich einen «Jadste bei, (4(1 dte Häuser zumeist nicht, wie er es erwartet bat, flachs orientalische, sondern europäische abgeschfägte Dächer haben. Er gibt weitete?u, d»ß er frühere Fehler und Irrtflmef Hcbtig»lei|en müsse, ohne sich näher darüber ftus&uiässen. Wir erfahren bloß das eine, daß er Jude« »lsHafldwcrkefaUtrArt beobachten konnte, er schränkt diese Erkenntnis jedoeh dadurch ein, daß dies auch schon im alten Oesterreich, beispielsweise in Kolomea und Lemberg, der Fall gewesen sei. Trotzdem ist Dr. Riehl noch nicht ÜbeteSWgt, daß ff den Juden gelingen werde, einmal noch Bauern |\» werden* Wä8 er jedgeh In Palästina an jüdischem Fleiß upd Fortschritt gesehen hat, scheint ihn in Angst und gehrecken »U versetzen, daß es d p c h gelingen könnte. Deswegen ist er auf Qflind des Augenscheines und ernstlicher Erhebungen — wie er selbst sagt ~ *u der Ueberzeugung gelangt, daß d*§ klefo» Und PaJäsfehna bis zum letzten fruchtbaren Platz außerordentlich gut bebaut ist, daß die Landwirtschaft auf hoher Stufe stehe und <Jaß eigentlich für eine Milljpneneinwanderunf gar kein Platz vorhanden sei. Nach seiner Ansicht hätten bloß 8 O.Q Q Q j ü d i s c h e Familien poch PI«ts in Palästina. Das ist für uns sehr tröstlich, weil wir ja noch lange arbeiten müssen, bis diese Zahl erreicht sein wird. Dr, Riehl scheint sich mit dem Palästina-Problem ernstlich beschäftigt zu haben, denn er verweist auch darauf, daß in Trans Jordanien für eine erhöhte Einwanderung genügend Platz vorhanden sei. Seinem Publikum jedoch sagt Dr, Rieh! geradezu als Entschuldigung, es sei nicht *eww Aufgabe, Wegbereiter für die Juden zu sein. Der aufmerksame Jüdische Zuhörer konnte jedoch die Anerkennung für das jüdische Kolonisnt'onswerk auch aus dem Munde des Gegners leicht konstatieren. Den rüden nationalsozialistischen Ton konnte jedoch Dr. Riehl nicht ganz außeracht lassen. Zur Freude seiner ahnungslosen upd nur auf Judenhaß eingestellten Zuhörer- Mord am jüdischen Kinde Bei der Berliner jüdischen Gemeinde wurde von de« Elfem von 6000 jüdischen Kindern eine Petition eingebracht, worin die Gemeinde aufgefordert wird, jüdische Sehulen zu eröffnen. Die Eltern beklagen sich über den Antisemitismus ln den staatlichen Schulen, der es den Kindern fast unmöglich macht, am Unterricht teilzunehmen. Die Lehrer sprechen die Sehüler wie fplgt an» Jude Hohn, Jüdin Splra usw. Der Terror der christlichen Mitschüler bringt die jüdischen Kinder zur Verzweiflung. Die jüdische Gemeinde hat bereits bei der Regierung um die Bewilligung angesucht, auf eigene Koste« jüdische Schulen eröffnen zu dürfen. Die Politik zur Errichtung eines Jüdischen Natlonalhelms heute richtiger denn je Eine Botschaft von General Smuts aq die südafrikanische Zionistenkonferenz Kapstadt. Der ehemalige Ministerpräsident von Südafrika General Smuts hat an die In Kinvberley tagende 14. Jahreskonferenz der Zlonieten Südafrikas eine Botschaft gerichtet, die u. a. besagt, es sei heute mehr denn jemals klar, daß die Politik zur Errichtung eines Jüdischen Nationalheims In Palästina die richtige Politik sei. Mehr als jemals verdiene dieses Ideal heute die Förderung durch die Juden aller Länder. Schließlich erklärt General Smuts, er werde stets bestrebt sein, dieser großen Sache, für dje alle sich eingesetzt hätten, seine Unterstützung zu leihen. Richtigstellung Der «Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs* ersucht uns um die Feststellung, daß die von einigen Blättern gebrachte Nachricht von einem beabsichtigten Aufmarsch de» Bundes auf der Ringstraße unrichtig ist. Für den 18. Juni d. J. ist lediglich etne Gedenkfeier auf dem Zentralfriedhof für die im Welt- | krieg gefallenen jüdischen Kameraden vorgesehen. Sichere D.r das Wahlrecht! Kaufe den Schekel!

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