Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1933-05-11 · Heft 279 (11.5.1933) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 279 (11.5.1933)
Date
1933-05-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3054015-3054034--3510-3059032
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 279 — 11. Mai 1933 DfE STIMME Mle f mr w ^r I cU\ „<&***" Aulstteq heute und vor acht Jahren Von unserem Tel-Awlnr-Konesnondenten Ch. Heller. Tel-Awiw Wenn in Zeiten wirtschaftlicher Konjunktur, die so manche frühere schwere Erfahrungen leicht vergessen machen, sich Stimmen erheben, die vor Uebertrelbungen warnen, so sind sie zu begrüßen. Solche Warnungen sind aber nur von Wert, wenn sie einen konkreten Charakter tragen und wenn sie das Ergebnis einer klaren Einsioht in die Zusammenhänge sind und auf die Gefahren hinweisen, die zu vermeiden sind. Hingegen sind unklare Angstgefühle, «es könnte schief gehen», von Uebel. Die Furcht an sich ist keine Quelle schöpferischer Taten, Die heutige Lage in Palästina weist eine Reihe von Zügen auf, die mit den bekannten Erscheinungen der Konjunktur vor acht Jahren eine große Aehn- Hchkeit haben: starke Einwanderung, fieberhaftes Bauen, große Bodenkftufe, Ueberhandnehmeii des geschäftigen Vermlttlertunts, Übersteigerung der Boden- und der ihnen, besonders ln Tel-Awiw, folgenden Mietpreise. Der Mittelpunkt dieser Bewegung ist Tel-Awiw, als heute maßgebender wirtschaftlicher Schwerpunkt des Landes, und mit einbezogen Ist das ganze Gebiet im Osten, Süden und Norden mit allen Kolonien und wirtschaftlichen Punkten, die von dieser Stadt ihren Impuls erhalten und auf sie zurückstrahlen. Haifa steht im Tempo wesentlich zurück, hat aber in letzter Zeit an Bewegung starte zugenommen. Fast nicht beteiligt ist Jerusalem, wenn mah von dem gesteigerten, aber kurz dauernden Touristenverkehr absieht. Die Entwicklung, von nichtjüdischen Faktoren entscheidend beeinflußt, geht dort langsam vor sich, und eine auch dort In letzter Zeit verstärkte Bautätigkeit gibt sich in einem Ueberfluß von Wohnraum und in sinkenden Mietpreisen zu erkennen. Die allgemeine Lage des Landes bietet somit, auch in der verschiedenen Stärke der räumlichen Ausstrahlungen der wirtschaftlichen Bewegung nach außen, fast eine Wiederholung des Bildes vor acht Jahren. Trotzdem würde man irregehen, wollte man eine kritiklose Parallele ziehen zwischen den beiden Perioden und die grundlegenden Unterschiede übersehen, die zwischen der Lage von 1925 und der von heute bestehen. Was die Konjunktur von 1925, die fast unmittelbar auf die Krise von 1923/24 folgte, auszeichnete, war die Plötzlichkeit ihres Eintrittes und die Schnelligkeit, mit der sie den Gipfelpunkt ihrer Auswirkung erreicht hat. Man datiert die Krise der vierten Alijah vom Sommer 1926, wer aber damals im Lande war, spürte ihren Beginn schon Im Jahre vorher, noch mitten im äußeren Rummel der Bewegung. Die CRrusindustrie stand erst lm Anfänge Ihrer Anziehungskraft, die städtische Industrie tastete zumeist schon in den ersten Versuchen und rang mit den Schwierigkeiten neuer und unbekannter Bedingungen. Das wirtschaftliche Betätigungsgebiet war sehr eng, jedes Unternehmen trug den Charakter eines Wagnisses in unbekannte Sphären. Alles warf sich daher auf das einzige, scheinbar konkrete Gebiet: auf den Bau von Häusern und den Handel mit Bauplätzen. Die heute blühenden Kolonien des Scharongebietes, des natürlichen Hinterlandes Tel-Awiws, befanden sich zum großen Teil im Beginne Ihrer Anlagen mit allen damit und dem Mangel ausreichender Mittel, der überhaupt die ganze damalige Periode kennzeichnete, verbundenen Schwierigkeiten. Kredit gab es im Lande schwer und nur zu hohen Zinsen. Trotzdem diente dieses teure Leihkapital, die hochgeschraubten Mietpreise als dauernden Faktor in die Kalkulation einbeziehend, beim Bau vieler Häuser und es war dann die Ursache des Zusammenbruches ihrer Besitzer. Mit der Notlage vieler einzelner, die Rettung suchten und keine finden konnten, fiel zusammen, daß einige größere Körperschaften, wie die Bodengesellschaften «Kehillath Zion», «Mesnek» und das damals zentrale Bauunternehmen «Soleil Boneh» und andere, die für viele zum Schlüsse versagende Käufer und Auftraggeber engagiert waren, in Schwierigkeiten gerieten und nicht mehr weiter konnten. Der allgemeine Mangel an Kapitalreserven im Zusammenhang mit dem an einigen Punkten der Wirtschaft eingetretenen Zwang zur Liquidation genügte, um die Wirtschaft zum Stillstand zu bringen und zum Ausbruch der Krise zu führen. Von Orund anders stellt sich die Lage heute dar. Sie Ist in erster Reihe eine Folge von Jahren der Stabilisierung und der Befestigung der Wirtschaft. Zehntausende Dunam von Citrusanlagen, die jahrelang mehrere Millionen Pfund an Investitionen erforderten, kommen allmählich aus dem ertragslosen Zustand heraus und beginnen Nutzen abzuwerfen. Ebenso haben die meisten industriellen Unternehmungen ihre schweren Anfangs- IfLbr* überwunden undsie befindensieb lm- Stadium der Konsolidierung und weiteren Entwicklung. Sie bilden eine feste Verdienststätte arbeitender Schichten und sie faßten nicht nur im Iniandskonsum Wurzel, sondern gehen vielfach mit ihren Produkten über diie Grenzen des Landes hinaus. War vor acht Jahren Mangel an Führung, tastendes Suchen und Unsicherheit das Signum der Lage, so besitzt heute das Land bereits eine Schioht erfahrener und mit Bedacht handelnder Wirtschaftler, die die Orenzen der Dinge abzustecken wissen. Im letzten Jahre wurde eine Reihe neuer industrieller Unternehmungen gegründet und weitere sind in der Anlage begriffen. Die gegenwärtige starke Baubewegung im Lande, besonders In Tel-Awiw, begann im September 1931 mit der Aufhebung der Goldbasis der englischen Valuta. Es lagen ln den Banken des Landes beträchtliche Gelddepots, die eine schnelle, wertsichere Investition suchten. Seither nahm das Tempo der Bauentwicklung, damit allerdings auch das der Bodenpreissteigerung, immer mehr zu. Die weitaus meisten Bauten wurden bisher in Tel-Awiw im Zentrum der Stadt und mit barem Gelde aufgeführt. Nur kleinere Häuser wurden mit Hilfe von Gesellschaften, die das Geld für mehrere Jahre liehen, gebaut. Die Kreditbasis ist heute überhaupt eine breitere, der Zinsfuß ist niedriger, und Unternehmungen, wie sie vor acht Jahren kaum eine Anleihe erhalten hätten, decken heute leicht ihren Kreditbedarf. Im Gegensatz zu 1925 ist der wirkliche Besitz von Kapital eine Tatsache der jetzigen Einwanderung. Auf fünf bis sechs Millionen Pfund werden heute die in den Banken liegenden jüdischen Depositen geschätzt. Ihrem Charakter nach rechnet man bei einer kleineren Hälfte dieser Kapitalien mit der Möglichkeit der Rückwanderung für den Fall einer allgemeinen Besserung der Wirtschaftslage im Galuth, während der größere Teil kumulierte Mittel aus der Wirtschaft oder solche fester Einwanderer darstellen, mit der Tendenz, i-m Lande Anlage zu finden. Wichtig für die Beurteilung der weiteren Entwicklung Ist auch der Eintritt so bedeutender Faktoren, wie des Wasserwerkes am Jordan, die Beendigung des Hafenbaues in Haifa, die vor acht Jahren erst im Stadium des Projektes standen, in den Wirkungsbereich der Wirtschaft, der auch durch den fortschreitenden Ausbau der gemischten Landwirtschaft und die Steigerung ihrer Produktivität eine ständige Ausweitung erfährt. Wanderte noch vor acht Jahren der Gegenwert fast des ganzen jüdischen Bedarfes an landwirtschaftlichen Produkten in arabische Kanäle, womit das Geld aus dem Wirtschaftsumlauf verschwand, so fließt und kreist er jetzt zu einem großen Teil auf dem Wege der jüdischen Einzelwirtschaften durch den Körper der Gesamtwirtschaft, hiermit alle seine Teile befruchtend. Die «Tnuwah», die Verkaufskooperative der jüdischen Wirtschaften, weist für das Jahr 5692 einen Umsatz von 180.000 Pfund auf. Die Kaufkraft der jüdischen Bevölkerung ist gewachsen. Mit der Erstarkung der Industrie und der Pflanzungswirtschaft und der fortschreitenden Konsolidierung der gemischten Wirtschaften erstand dem jüdischen Jischuw eine kaufkräftige Mittelschicht, die heute die jahrelang zurückgedrängten Bedürfnisse aus laufenden Erträgnissen deckt, Im Handel, in der Einrichtung der Häuser und allen anderen Oebleten kommt dies in der Vielfalt und in der Verfeinerung der Anforderungen zum Ausdruck. Es liegt nicht in der Absioh dieser Ausführungen, einen schrankenlosen Optimismus zu vertreten und über manche Schattenseiten hinwegzusehen. Die Bedenken vor allzu starker Festlegung in einseitigen Wirtschaftszweigen, besonders in Orangenpflanzungen, sind zu beachten. Der kapitalbringende, in den Bedingungen des Landes noch fremde Einwanderer sieht lm Pardeß und im Hausbau ein ertragbringendes Feld und er geht den ihm als sichersten erscheinenden Weg. Aber jede Einseitigkeit bringt für die Dauer Oe* fahren für die Gesamt Wirtschaft mit sich. Hingegen Ist die Industrie ein Gebiet, das noch in den Anfängen der Entwicklung steht und große Möglichkeiten in sich birgt, was ein Studium der bisherigen Erfahrungen und der Liste der eingeführten Waren vor Augen führt. Auf dem Gebiete der städtischen Bodenpolitik liegen große Unterlassungssünden auf Seite der öffentlichen Körperschaften vor. Ein Einwanderungsland muß für normale Verwurzelungsbedingungen für die Neuankommenden sorgen. Hohe Mieten gefährden sie und sie gefährden auch die weltmarktangepaßten Produktionsmöglichkeiten. Sie sind für den Fortschritt der Bauindustrie nicht nötig. Man baut heute in Palästina besser und billiger als je und die normale Hausrente bietet eine ausreichende und lohnende Verzinsung des Kapitals. Die Frage der Vermehrung des Exportes und der Ausbreitung der ausländischen Absatzgebiete wird mit der Zunahme der Produktivität der wirtschaftlichen Anlagen immer aktueller.. Das Fallen und Steigen des Pfundes und des Dollars sind Faktoren, die auch in das Schicksal der palästinensischen Wirtschaft eingreifen, ob negativ oder positiv, Hegt im Schoße der Zukunft. Aber welche Wirtschaft ist heute von Gefahrenmomenten frei? Für die Beurteilung der nächsten Zukunft des Landes ist der gegenwärtige Stand der wirtschaftlichen Gesamtbedingungen, der Lage der Weltjudenheit und die im jüdischen Aufbau wirkende Dynamik maßgebend. Und alle diese Umstände reohtfertigen die Auffassung, daß derAufbauderjüdischenHeimstätte unaufhaltsam, weitergehen wird. Wieviel kostet ein Haushalt In Palästina! Die Lebenskosten werden heute sowohl in den Städten wie’ in den Kolonien gesteigert durch die hohen Wohnungsmieten. Wie in der Zeit der großen Einwanderung von 1925/27 ist es außerordentlich schwer, eine erschwingliche Wohnung zu bekommen. Es wird zwar überall im Eiltempo gebaut, aber die Nachfrage steigt ebenso schnell. Man rechnete vor wenigen Wochen im Durchschnitt für ein leeres Zimmer 2 Pfund. Bei der gewaltigen Nachfrage ist diese Summe als die untere Grenze anzusehen. Bei größeren Wohnungen kommt auf ein Zimmer ein niedrigerer Preis. Kleinwohnungen sind relativ wenig zu haben. Oft wird ein Zimmer und Nebenräume gewünscht, solche Wohnungen gibt es aber nicht. Auch abgeschlossene Zweizimmerwohnungen sind nicht häufig. Für eine Dreizimmerwohnung muß man heute 6 bis 7 Pfund rechnen, für größere entsprechend mehr. Möblierte Zimmer gibt es sehr wenig. Meist werden die Zimmer leer vermietet und der Einwohner schafft sich dann die nötigen Möbel es handelt sich in der Regel nur «um das allernötigste ~ wie Bett, Tisch, Schrank, selbst an, da er die Dinge ohnehin braucht. Für Verpflegung muß man, bei gutem und ausreichendem Essen, ohne Luxusansprttche, auf die Person gegen 3 Pfund rechnen. Für Hilfe im Haushalt als Gehalt 3 Pfund und Verpflegung. Es ist nicht üblich, daß die Hausgehilfin auch im Hause übernachtet. Es wird — oder es sollte — eine feste Arbeitszeit eingehalten werden. Billiger ist die hie und da anzutreffende Arbeit von Kindern oder von Angehörigen der orientalischen Gemeinden wie Jemeniten. Für eine vierköpfige Familie ergibt sich also folgende Rechnung: eine Dreizimmerwohnung 6 Pfund, Verpflegung für vier Personen 12 Pfund inklusive Feuerungsmaterial und Wäsche, Gehalt und Essen für Hausgehilfin 6 Pfund. Dazu kommen Steuern und Licht, die eich zusammen auf ungefähr 1 Pfund belaufen. Für Schulgeld im Gymnasium gegen 2 Pfund im Monat, in Volksschulen die Hälfte. Dazu kommt Kleidung und Nebenausgaben, so daß man für eine vierköpfige Familie des Mittelstandes mit ca. 30 Pfund im Monat zu rechnen hat. Wenn die Hausfrau die Arbeit selbst besorgt, verbilligt sich das Leben bedeutend. Ueberhaupt läßt sich bei sparsamem Wirtschaften und Kenntnis der Verhältnisse hie und da ein Pfund sparen. Auch mit 25 Pfund kann sich eine Familie auskömmlich einrichten, aber gerade bei neuen Einwanderern, die von früher ein bequemes Leben gewöhnt sind, empfiehlt es sich, die Summe nach oben abzurunden. Was die Haushalte über 30 Pfund angeht, so brauchen sie uns hier nicht zu interessieren. Einwanderer mit einem Einkommen, das ihnen einen höheren Standard als den hier angegebenen ermöglicht, können sich ebenso bequem und behaglich einrichten wie Irgendwo sonst in der Welt, da das Land genügend entwickelt ist, um den entsprechenden Komfort zu bieten. Dagegen ist es wichtig, sich mit der Situation derer'zu befassen, die weniger besitzen oder verdienen als die angegebene Summe. Die Arbeiterorganisation besitzt eine Gehaltsskala, die als die Basi6 für einen gehobenen Arbeiter angesehen werden kann. Sie rechnet für einen einzelnen Meiischen mit V/2 Pfund, wobei gegen 2 Pfund für ein Zimmer, 2y2 Pfund für Verpflegung und der Rest für Kleidung, Zeitungen, Nebenausgaben zu rechnen ist. Für eine Familie von vier Köpfen steHen sich die Unterhaltungskosten auf ca. 15 Pfund, wobei gegen 3 bis 4 Pfund auf Wohnung entfallen, gegen 7 bis 8 Pfund auf Essen, der Rest auf Schulgeld, Kleidung, Nebenausgaben usw. Der Arbeiter in der Fabrik hat ln den meisten Fällen für seine Familie mit 8 Pfund auszukommen und der ungelernte Arbeiter in einer Kolonie rechnet mit nicht mehr alt durchschnittlich 5 bis 6 Pfund im Monat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.