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Die Stimme · 1933-05-05 · Heft 278 (5.5.1933) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 278 (5.5.1933)
Date
1933-05-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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V.b. b. Prel* 35» BEZUGS¬ BEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 1'50, vierteljlhrl. S 4*20, gansjlhrl. . . . S 16*— Deutsehld. vierteljlhrL . .. RM 3*— Tschechoslowakei viertel}. . Kc 24 — Jugoslawien viertel jährl. . Din. 40- Polon Vierteljahr Uch . . Zloty 6 50 Ungarn Vierteljahr lieh . . Pengö 4 20 Rumlnien viertel- 6hrl.. . Lei 120 — ebrige« Ausland Vierteljahr!. Schw. Franken 4*50 Jüdisäke Zeitung J. Jahrgang Wien, Freitag, 5. Mai 1933 <9. Ijjar 5693) Erscheint jeden Donnerstag Redaktion md Administration Wen, L, KlrntnetatraSe 28 TeL R-27 4-85 Postsparka ssenkonti: Oesterr. D 113-546 Polen . . 101-199 Tschechoslowakei .500.230 Jugoslawien 40.879 Nummer 27® MmuRHK*n«m mtm Or. Arlosoroff (r.) Den Zionisten Oesterreichs gereicht es zur besonderen Ehre und Freude, eine der prächtigsten Führergestalten des palästinensischen Jischuw sowie der gesamten zionistischen Weltbewegung, in ihrer Mitte zu begrüßen. Df*. Chaim Arlosoroff, einer der markantesten Köpfe und blendendsten Redner der jüngeren zionistischen Generation, der seit dem letzten Baseler Zionistenkongreß mit außerordentlich politischem Geschick Und staatsmännischem Weitblick das außenpolitische Departement der zionistischen Palästinaexekutive erfolgreich leitet, weilt, von Erez Israel kommend, seit zwei Tagen in Wien. Dr. Arlosoroffs Europareise hängt mit einer überaus wichtigen zionistischen und allgemein jüdischen Mission zusammen. # Während seines bisherigen kurzen Wiener Aufenthaltes informierte Dr. Arlosoroff in vertraulichen Besprechungen die führenden Männer des Zionistischen Landesverbandes über aktuelle Probleme zionistischer Außenpolitik sowie über Fragen der praktischen Palästinaarbeit Den Mittwoch Vormittag verbrachte Dr. Arlosoroff in den Räumen der zionistischen Büros. Hier ließ er sich durch die Führer des Laudeskomitees über die Verhältnisse der zionistischen Bewegung sowie über die in letzter Zeit besonders intensiven Arbeiten des Palästinaamtes in1 Oesterreich informieren. Auch die Redaktion der «Stimm e» wurde mit einem längeren Besuch des illustren Gastes beehrt. In Begleitung Der «Haynt» meldet aus Innsbruck: D)e Selbstmordepidemie unter den (Mutschen Juden nkttmt Immer katastrophalere Formen an. Die Zahl der seit Beginn des Hitler-Regimes bis jetzt verübten Selbstmorde Ist ungeheuer groß. Schätzungsweise begingen allein ln den letzten Tagen durchschnittlich täglich zehn deutsche Juden Selbstmord. Die Presse, die bis vor kurzem noch die Selbstmordfälle zu registrieren pflegte, hnt seit ungefähr vierzehn Togen diese Chronikrubrik uufgeiassen, wahrscheinlich über Weisung der Zensur. Die Zeitungen, die der HHlerischen Richtung angehören, verweigern denn auch die Aufnahme bezahlter jüdischer Nekrologe, so daß es nicht möglkji ist, über die ständig wachsende jüdbehe Stfbstmordeptdecnie der letzten Wochen in Deutschland sich Im geringsten einen Um die Rettung des deutschen Judentums Notwendigkeit der Organisierung einer jüdischen Massenauswanderung aus Deutschland New York, 28. April. Der New Yorker «Tug» veröffentlicht folgende telegraphische Meldung seines Berfiner Korrespondenten: Es ist unbedingt notwendig, sofortige Hilfe für die Juden, die Deutschland in großen Massen verlassen, zu organisieren, solange es nicht zu spät ist. Eine organisierte Massenauswanderung wird hier ln jüdischen Kreisen als die einzige Rettung angesehen. ,penn allgemein wird befürchtet, daß die Nationalsozialisten über kurz oder lang weitgehende EmigrationseJn- FSchränkungen treffen werden, um einerseits die Juden zu iwMndwik, ibet Ecspaoistt aua dem Lands an IfttM, in Wien Dr. Arlosoroffs befindet sich der bekannte hebräische Publizist B e i 1 i n s o h n, der Chefredakteur des «D a w a r», des Organs der palästinensischen Arbeiterschaft. Mittwoch abends fand über Einladung des Landeskomitees im Mirjamheim eine Aussprache Dr. Arlosoroffs mit einem engeren Kreise führender Gesinnungsgenossen statt, die einen streng vertraulichen Charakter trug. Die Beantwortung der an Dr. Arlosoroff bei dieser Gelegenheit gerichteten zahlreichen Fragen, gestaltete der Gast zu einem blendenden und die vielfältigen Probleme zionistischer Außen- und Innenpolitik erschöpfenden Stegreifreferat, in dessen Mittelpunkt die Erörterung der heute so akuten Probleme der E1 nwände rungspol itik und Einwanderungsp r a x i s in besonderer Berücksichtigung der tragischen Situation der deutschen Juden und im Zusammenhang mit der von der Palästinaregierung letztens bewilligten Arbeiterschedule, stand, wobei Dr. Arlosoroff seiner großen Enttäuschung über die wider Erwarten beschränkte Zertifikatsanzahl Ausdruck gab. Ueber die Motive dieser im schroffen Gegensatz zur gegenwärtigen Absorbtionsmöglichkeit des Landes stehenden einschränkenden Einwanderungsmaßnahmen der Palästinaregierung hatte Dr. Arlosoroff die Freundlichkeit, Sich in einer Unterredung mit unserem Redakte u r zu äußern. Den Inhalt dieses Interviews veröffentlichen wir in der nächsten Nummer der «Stimme». Beigriff zu machen. Auch das «Berlin«* Tageblatt», das sich bekanntlich ganz in den Dienst der Hitler-Regierung gestellt hat, bringt weder einen jüdischen Nekrolog zum Abdruck, noch nimmt es eine jüdische Parte zur Veröffentlichung an. Das größte Kontingent der Selbstmordopfer steilt die ältere Generation, die aus tragischer Enttäuschung über Ihren deutschen Patriotismus sich nicht stark genug fühlt, diese Zeit und ihre Erscheinungen zu überwinden. Eine große Zahl der Selbstmordkandidaiten rekrutiert sich aber auch ans den depoesedierten Intellektuellen, die sich mit dem Gedanken, von Unterstützung durdh andere Ihr Dasein zu fristen, sieh nldht befreunden können und daher Heber den Freitod wählen. andererseits damit die jüdischen Flüchtlinge nicht in die Lage kommen, im Auslande über ihre wirklichen Erlebnisse in Deutschland zu berichten. Zahlreiche deutsche Juden flüchten ins Ausland ohne die geringsten Mittel. Die Mehrheit der Auswandemden weiß aber nicht, wohin. Das Emigrationsprobiem ist hier ungeheuer schwierig und wenn diese Frage nicht schnell einer Lösung zugeführt wird, wird dies die Vernichtung tausender Juden kt Deutschland bedeuten. CESCHKÄ ni.KAl5ERSTR.123 4T- AL5ERSTRU 4 SJ6*-SJ$‘-S20*_ Urväter und Urenkel Keine Prämie mehr für ludentaufen I. Man rniiß es den Deutschen lassen: Was sie machen, sie machen es gründlich. In ihrem gegen die Juden in Deutschland gerichteten Vernichtungsfeldzug verfolgen sie das jüdische Blut bis ins dritte Geschlecht. Sie strafen die «Sünde» des Großvaters an den Kindern und Kindeskindern. Wer an seinem Stammbaum bis zu den Großeltern hinauf einen jüdischen Zweig hat, wird als Nichtarier, als Fremdstämmiger — mit einem Wort — als Jude angesehen, und sogar der Führer des «Stahlhelm», der deutsche Oberst Düsterberg, muß daran glauben, weil er in der Wahl seines Großvaters, der ein ehrwürdiger Rabbiner war, nicht vorsichtig genug gewesen ist. Diese deutsche Gründlichkeit in der Erfassung alles Jüdischen hat aber auch ihr Gutes: So ist uns das Schauspiel einer jüdischen Massentaufe erspart worden, einer Massentaufe, wie sie die Welt anno 1492 gelegentlich der Vertreibung der Juden aus Spanien erlebt hat. Damals gab es auch dort eine jüdische Assimilation. Die Juden in Spanien standen, wie die deutschen Jud6n heute, auf einer hohen Stufe der Bildung. Sie prävalierten in Wirtschaft, Kunst und Wisenschaft und hatten aiich hohe Staatsstellungen inne. Und als der Ukas erschien, daß die Juden binnen.drei Monaten das Land zu verlassen haben, zogen sehr viele reiche und vornehme jüdische Familien es vor, die Taufe zu nehmen, um /die ihnen liebgewordene spanische Heimat nicht verlassen zu müssen. Diese Neu-Christen wurden Marannen genannt, viele von ihnen blieben im Geheimen dem Judentume anhänglich, und sie büßten ihre Treue mit dem Tod auf den Scheiterhaufen. Obwohl seit dieser Massentaufe zwölf Menschenalter verstrichen sind, erkennt man noch heute in Spanien alle Familien, die von Juden abstammen. Auch denen, die es wollten, ist es nicht gelungen, im Christentum voll und ganz unterzutauchen, und seit Jahren erlebt das Judentum den Triumph, daß Abstämmlinge dieser neuchristlichen Familie zu ihrem Volke und zu ihrem Glauben zurückkehren. In Spanien und in Portugal gibt es neue jüdische Gemeinden von Marannen, und der Führer dieser Bewegung ist eilt ehemaliger portugiesischer Offizier jüdischer Abstammung. II. Wenn mm die deutschen Nationalsozialisten kl ihrem namenlosen Hasse gegen das Judentum die Taufe als Prämie für die Beibehaltung der staatsbürgerlichen Rechte gesetzt hätten, würden wir das gleiche Schauspiel wie vor mehr als 400 Jahren in Spanien erlebt haben — nur mit dem Unterschied: daß diese Ueberläufer dem Judentuane auf immerwährende Zeiten verloren gegangen wären. Denn es war nur ein dünner Faden, der die jüdischen Täuflinge in Deutschland mit dem angestammten Judentume verknüpfte. Diese assimilierten jüdischen Kreise hatten bis auf rühmliche Ausnahmen für das eigene Volk und den jüdischen Glauben nichts übrig, und als national deutsche Juden wären sie mit fliegenden Fahnen zum Christentum übergegangen, genau so wie ehemalige stramme, deutsche Sozialdemokraten zum Hakenkreuz gekrochen sind. Daß nun unseren jüdischen Ueberläufern die Flucht ins christliche Deutschtum sich gar nicht auszahlt, weil die Gründlichkeit deutschen Judenhasses aus der Stammtafel das Quantum jüdischen Blutes bis zu den Großeltern hinauf errechnet, dies ist für uns, die wir unserem Volke und unserem Glauben mit heißer Liebe anhängen, immerhin eine Genugtuung und In gewissem Sinne auch ein Trost im Unglück. Denn wir volks- und glaubenstreuen Juden hassen das Ueberläufertum, zumal es in der Regel das Zeichen eines seelischen Defektes ist. Sehr selten bekehrt sich ein Jude aus achtungswerter Ueberzeugung von der vermeintlichen Superiorität des Christentums. Daß nun die Bekehrung tn Deutschland weder Staatsstellungen noch gesellschaftliche Vorteile und nicht einmal bürgerliche Gleichberechtigung bringt, daß nun mit einem Worte für die Bekehrung kein Preis gezahlt wird, diese Tätlich« hat dam erzkteftochen Wert nicht nur m dm SchvecMiche SeWstmovdepidemie unter den deutschen Juden Zeitungen registrieren nicht die Selbstmorde und verweigern die Annahme jüdischer Parten

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