Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 274 (7.4.1933)
- Date
- 1933-04-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 274 — 7. April 1933 DIB STIMM B Zionisten! Die Parole des Tages: Kaufet den Sehekel! Der Kampf der „Kadimah“ gegen das Hssimilanientum Von Dr, Isidor Schatli debattierte längere Zeit mit dem Künstler über Einzelheiten dieses, selbst für Boris Schatz kühnen Planes und antwortete schließlich dem Künstler: «Out, das werden wir machen!» Als Herzl nach denT Namen der zukünftigen Kunstakademie fragte, antwortete Boris Schatz spontan: «Bezalel — nach dem Namen jenes ersten jüdischen Künstlers, der uns einst in der Wüste ein Heiligtum erbaute.» Und Boris Schatz erzählte nachher, daß Herzls tiefe schöne Augen träumend und traurig in die Weite blickten, als ob sie schon damals geahnt hätten, daß sie die Kunstakademie «Bezalel» nicht erblicken werden. Leider ist es auch so geschehen. Herzl erlebte die feierliche Einweihung des Bezalel nicht. Erst zwei Jahre nach Herzls Tode eröffnete Boris Schatz in Anwesenheit der Delegierten aus allen Zentren der jüdischen Kulturwelt die Pforten Bezalels. Im ersten Verwaltungsrate waren ihm Prof. Warburg, Dr. Soskin, Dr. Oppenheimer und Prof. Philippsohn behilflich. Künstlerische Stütze hatte Professor Schatz in Max Lkbermann, Hermann Struck und E. M. Lilien. Bald nachher entstand, dank der unermüdlichen Arbeit Prof. Schatz’ auch das Bezalel-Museum. Er schuf hier eine große Anzahl von Monumenten, Reliefs und Statuen, unter anderem auch Porträtbüsten von Rubinstein, Herzl, Antokolski und Strakosch. Sein Genie schenkte uns auch eine große Anzahl von Gemälden und Skulpturen, die bedeutendsten die des «Moses» und «Matathias Makkabi». Aus den Reihen seiner Schüler sind starke Talente, wie Jakob Stark, Max Hanemann und viele andere hervorgegangen. Von ganz geringen Anfängen entwickelte sich im Laufe der Jahre die Schule Bezalel zu einer Kunststätte, die nicht nur naturgemäß den ganzen Orient durch ihre Erzeugnisse beherrschte, sondern auch durch ihre spezifischen, palästinensischen Kunstideen und durch ihre originellen Motive der Filigranarbeit beeinflußte und zu Nachahmungen anspornte. Die Erzeugnisse des Bezalel gelangten rasch auf den Weltmarkt. Den größten Absatz fanden Silber- und Kupferarbciten, Glas-, Majoliken- und Fajancen-Erzeugnisse. Großer Nachfrage erfreuten sich auch die originellen Schnitzereien, stimmungsvolle Bilder, Skulpturen und perserartig geknüpfte Teppiche. In allen diesen Arbeiten wiederspiegelt sich eine reiche orientalische Phantasie, ein echter palästinensischer Stil, der biblische Schönheit mit dem Genius der jüdischen Rasse vereinte. Als Mensch kennzeichnete ihn suggestiver Einfluß auf die Mitmenschen, unerschütterlicher Wille, Fleiß und Ausdauer für das Judentum, bescheiden, still und nur produktiv zu arbeiten. Er war Ehrenmitglied vieler jüdischer Kulturvereine A. H., der Lemberger Couleurverbindung Hasmonäa und Förderer vieler junger Künstlertalente, die nur ihm ihre erfolgreiche Laufbahn verdanken. Er war der edelste Jude, der die Kunst als Heiligtum betrachtete und in deren Tempel er der geistvollste Priester war. Boris Schatz hat dem jüdischen Volke den kostbarsten Schatz fürstlich gespendet, den Schatz der großen, echten, jüdischen Kunst. * Am 23. Oktober 1932 wurde der tote Künstler mit allen ihm gebührenden Trauerehren aus Amerika nach Palästina überführt. Arlosoroff und Ussischkin, Diesengoff und Klausner würdigten seine unvergänglichen Verdienste, wonach seine sterblichen Ueberreste am Oelberg neben unseren Großen Achaad Haam und Nordau bestattet wurden. Die Jüdische akademische Verbindung «Kadimah» feiert in diesen Tagen ihr hundertsemestriges Stiftungsfest. Aus diesem Anlaß erschien eine Festschrift mit Beiträgen von Dr. Rosenhek, Doktor M. T. Schnirer, Dr. Nadhan Birnbaum, Dr. J. Schalit und Dr. T. Nussenblatt. Aus dem Beitrag Doktor Schalits bringen wir unseren Lesern einen Auszug, der gerade in diesen Tagen des Zusammenbruches des liberalen Judentums von besonderer Aktualität ist. (Anm. d. Red.) ... Neben der gottgewollten Obrigkeit gab es für die Juden nur gottgewollte reiche Juden. Diese waren die Juden, diese bestimmten, was jüdische Politik und jüdische Arbeit sei. Die Masse, das Volk, hatte zu gehorchen, und es gehorchte immer. Mit Bewunderung und Demut schaute es auf die Rothschilds, Königswarters, Gutmanns, Springers und auf alle, welche vor ihren Türen stehen durften. Alles, was von «oben» kam, wurde wie ein Heiligtum aufgenommen. Wie sie lebten, wie sie sich unterhielten, wie sie aßen, das waren die jüdischen Angelegenheiten, die den Juden bewegten. Die «Union Österreichischer juden» war die politische Organisation der Wiener Juden. Alle, die Interesse am öffentlichen Leben hatten, strebten dahin. Sie war das Vorzimmer der deutsch-fortschrittlichen Partei. Dieses Vorzimmer mußte jeder passieren, der in der deutschen Fortschrittspartei vorwärtskommen wollte. Die «Union» vertrat die Interessen der deutschen Fortschrittspartei. Welche Stellung nahm die «Union» zu den russischen Verfolgungen? Wir Kadimahner bemühten uns, eine Kundgebung der Wiener Judenschaft zustande zu bringen. Es gelang uns nicht. Mir wurde in e i n e r «U n i o n»- Versammlung das Wort verweigert, weil ich zu den Pogromen sprechen wollte. Die Union österreichischer Juden hatte viel Wichtigeres zu tun, Sie besaß auf Antrag eines Herrn Neustadtl, eine große Festversammlung einzuberufen und in dieser «eine Resolution zu fassen, in welcher unserem erhabenen Monarchen für dessen Initiative ‘ zur Schaffung Von Groß-Wien der untertänigste Dank ausgesprochen wird». Einige Außenbezirke waren damals Wien angegliedert worden. Die «Union» hatte offenbar wichtige Gründe, sich in diplomatisches Schweigen zu hüllen. Daß der Pariser Rothschild seine Beteiligung an einer russischen Anleihe in Frankreich ablehiite, war für die «Union» nur eine schöne Geste. So demonstrativ für jüdische Würde einzutreten, war nicht klug. Denn schließlich, nach wenigen Wochen löste sich doch die ganze Angelegenheit in Wohlgefallen auf. Der Zar hatte dem russischen Juden Poliakoff das Band des St.-Stanislaus-Ordcns erster Klasse verliehen, dann war in Kronstadt die französische Flotte zu einem Verbrüderungsfest eingelaufen, nun, und für alle Fälle wurde ja in Wien der Verein zur Abwehr des Antisemitismus gegründet. Unsere Absicht, eine Sympathiekundgebung der Wiener Juden für ihre Brüder in Rußland zustande zu bringen, scheiterte. Sogestaltig war das Wiener Judentum, in dem dit «Kadimah» ihre Arbeit für die nationale Idee aufnahm. Die Partie war recht ungleich. Auf der einen Seife die reichen, besitzenden, vermögenden Juden mit ihrer politischen Organisation und ihrer Tagespresse, auf der anderen Seite wir jungen Kadimahner, arm und einflußlos. Wer unter uns über einen Monatswechsel von 40 Gulden verfügte, war ein Krösus, die Mehrzahl mußte sich durch Stundengebern, Hofmeistern, Stenographieren und dergleichen die Mittel zum Studium selbst verdienen. Eine eigene Organisation oder eine eigene Presse hatten wir nicht, Birnbaum konnte die «S e 1 b s t e m a n z i p a t i o n» nicht weiter herausgeben, die notwendigen Mittel standen nicht zur Verfügung. Da verlegten wir uns hauptsächlich -auf dem Besuch der jüdischen Vereinsversammlungen, insbesondere der «Union». Anfangs waren wir gern gesehene Gäste. Denn daß junge Menschen sich zur «Union» verirrten, war trotz Rabbi Akiba noch nie dagewesen. Wir brachten auch Stimmung mit. Unsere Reden von einer jüdischen Nation und einem jüdischen Palästina waren doch zu drollig. Man amüsierte sich über uns. Wir brachten aber bald in diesen Krieg eine strengere Note. Wir jungen Burschen wagten es, auch die liberale Politik unter die Lupe zu nehmen. Das war natürlich zu viel. Ueber Juden und Judentum kann man denken wie man will, aber über die deutschliberale Partei... «.mos ego! Und da wir diese Blöße entdeckt hatten, hieben w»r darauf los, daß es eine Freude war. Und Musterknaoen waren wir gerade nicht. Form und Inhalt unserer Rede empörten. Es war höchste Zeit, uns zu zähmen. Hatte der Wiener Kultusvorstand ein Subventionsgesuch zugunsten unserer Bibliothek mit' der Motivierung abgelehnt, daß er die zionistische Tendenz des Vereines nicht unterstützen könne, so versuchte man es jetzt auf einem anderen Weg. Ich hatte in mehreren Versammlungen den Gedanken angeregt, in allen Wiener Bezirken jüdische Turn- und Sportvereine zu gründen. Dozent Dr. Grünfeld, der Präsident der ^Upion», Hofrat. Prof. Dr. Adarti Pollitzer, Vorstandsmitglied der Kultusgemeinde, und Adolf R. v. Nassau, ein führender Mann in der Concordia, luden uns zu einer Konferenz ein und teilten uns mit, daß sie gewillt wären, für die materielle Bedeckung alljährlich Sorge zu tragen und uns die Führung zu überlassen, wenn wir uns verpflichten, unsere Kommerse mit der Kaiserhymne zu eröffnen und alles zu unterlassen, was der deutschen Fortschrittspartei und ihrer Politik schädlich sein könnte. Wir dankten. In ähnlicher Weise hatten die zionistischen Verbindungen im Jahre 1896 nach dem Satisfaktionsrummel eine durch den politischen Volksverein zugegangene größere Spende des Hauses Rothschild dankend abgelehnt, weil sie an Bindungen geknüpft war. Aber auch uns war es nicht gelungen, in der «Union» und in den anderen jüdischen Vereinen Fuß zu fassen. Wir mußten für die Agitation in der Bürgerschaft ein eigenes Instrument schaffen. Die Kadimahner Schnirer, Koschen und insbesondere zionistischen Leben der Gegenwart eine Rolle spielen, allerdings mit geänderten Namen, auftreten, so daß man sich in manchen Kapiteln von lauter alten Bekannten umgeben sieht. Anderseits werden einige historische Ereignisse in einem andern als dem gewohnten Lichte dargestellt, oder aber in ihrem zeitlichen Ablauf willkürlich geändert. Dadurch wird zwar die dichterische Einheit des Werkes erreicht, doch sind die geschilderten Ereignisse und Persönlichkeiten zu gegenwartsnah, als daß die künstlerische Freiheit, die dem Dichter zugebilligt werden muß, immer Anerkennung finden könnte. Wer ist nun dieser Dr. de Vriendt? Freigeist zuerst, später Misrachist und schließlich Führer der jüdischen Orthodoxie. Er ist fanatisch fromm, nicht nur im Sinne absoluter Religiosität, sondern auch im Sinne einer unbedingten Bejahung des jüdischen Gesetzes, der schriftlichen und mündlichen Lehre. Die jüdische Tradition ist ihm die primäre Gegebenheit, vor der sich das Leben beugen, der es sich anpassen muß. Daher sind ihm die Zionisten, die das Judentum verweltlichen wollen, ein Greuel, sie sind ihm die wahren Feinde, die es zu bekämpfen gilt, gefährlicher und hassenswerter als die Angehörigen jeder anderen, fremden Gemeinschaft. Es ist nicht persönlicher Ehrgeiz, von dem, wie man allgemein glaubt, sein Tun diktiert wird, sondern innerster Eifer für die Sache Gottes, die er überall verraten sieht und für die er in die Schranken tritt. Und dennoch hat Gott selbst ihn geschlagen. Denn er hat ihm die Begierde ins Fleisch gesenkt, die Begierde, die unerlaubt ist, von allen Lehrern verabscheut und verurteilt. De Vriendt kämpft einen verzweifelten Kampf gegen seine Liebe zu dem arabischen Knaben, gegen die Nachtseite seines Lebens, die seinem Tage so sehr widerspricht, er hadert mit Gott, der in ihm den Widerspruch geschaffen, er empört sich gegen ihn, er lästert ihn, er leugnet ihn. Dieser ungeheuerliche Kampf findet Worte und Ausdruck in den Vierzeilern, die de Vriendt dichtet, die erfüllt sind von Erbitterung und Qual, die er, einem inneren Gesetze folgend, schreiben muß, die er aber, ängstlich und vorsichtig, vor der Welt des Tages verbirgt. Da wird de Vriendt eines Tages auf der Straße ermordet. Der Mörder entkommt unerkannt. Der Verdacht der Täterschaft richtet sich vorerst gegen die Araber, gegen die Familie des Knaben, dessen Freundschaft mit de Vriendt ungern gesehen und als Schmach betrachtet wird. Das Todesurteil gegen de Vriendt war zwar in diesem Kreise beschlossene Sache, doch mußte die Ausführung des Urteils vorerst noch verschoben werden, denn de Vriendt sollte den nationalistischen, antizionistischen Bestrebungen der Araber noch gute Dienste leisten. War er doch von seiner Idee, Streiter für die Gottessache zu sein, so sehr erfüllt, daß ihm der gläubige Araber näher schien als der ungläubige Jude, als der Zionist, der das Judentum zu einer Volksgemeinschaft gleich der anderer Völker degradieren will, der die heilige Sprache für prophane Zwecke mißbraucht, dessen Streben es ist, durch eigenmächtigen Aufbau des Landes dem wahren Messias vorzugreifen. So plante denn de Vriendt, gemeinsam mit den Führern der Araber, Schritte bei der Mandatsmacht zu unternehmen, um dieser darzulegen, daß die Zionisten keineswegs das Recht hätten, sich als Vertreter der Gesamtjudenschaft auszugeben und daß ihre Politik den Wünschen und Anschauungen eines großen Teiles der Judenschaft zuwiderlaufe. Durch diese Aktion sollte die Macht der Zionisten und ihre repräsentative Stellung gebrochen werden. Ein Memorandum de Vriendts, das diese Tendenzen vertrat, war bereits von den Zeitungen veröffentlicht worden. Dies veranlaßte die arabischen Führet., de Vriendt zu schonen, in den Augen der Juden aber stempelte es ihn zum Volksverräter. Die Kugel, die ihn zu Tode traf, kam also von jüdischer Seite; von einem jungen jüdischen Arbeite., der erst vor kurzem ins Land gekommen war, der aus Polen stammte, der als Kind noch und Jüngling das Massenmorden des Krieges und der Unisturzzeit erlebt hatte, und dem es nicht sonderlich schwer fiel, den Mann, den er als Verräter des Volkes ansah, zu beseitigen. Von nun an gruppieren sich in dem Buche Arnold Zweigs die Menschen und Ereignisse nicht mehr um die Gestalt de Vriendts, sondern um die seines Mörders, des Chaluz Mendel Glass. Der politische Mord, dem de Vriendt zum Opfer fällt, und der im ersten Augenblick nach der Tat größtes Aufsehen und Bestürzung erregt, verliert im Lauf der Ereignisse, die ihm unmittelbar folgen, an Bedeutung. Es kommt zu den Araberunruhen des Sommers 1929, in denen Hunderte ihr Leben verlieren. Da wiegt das Leben des einzelnen wenig. Dennoch verfolgt Lolard B. lrmin, englischer Polizeikommissär und Freund de Vriendts, die Spur des Mörders. Und Mendel Glass fühlt sich beobachtet, verfolgt, er findet keine Ruhe. Zu dieser äußeren Unsicherheit gesellt sich die innere, ausgelöst durch das Sterben des greisen Arbeiterführers Nachman. Nachman, den eine feindliche Kugel während der Unruhen getroffen hat, bittet sterbend seine Kameraden und Freunde, sie mögen nicht danacn forschen, von welcher Seite die Kugel gekommen war. Er will nicht gerächt werden, denn «durch Strafe und Rache ist die Welt heruntergekommen bis auf diesen Zustand». So beginnt auch in Mendel Glass der Zweifel an der Gerechtigkeit des Urteils, das er an de Vriendt vollstreckt. Er wih sühnen, was er getan. Nicht indem er den Mord offen eingesteht und sich den Behörden stellt, was ja für seine Volksgemeinschaft nur neue Komplikationen nach sich ziehen würde, sondern indem er sich selbst zu schwerster Arbeit in dem quälenden Klima am Toten Meer verurteilt. Doch auch hier, wo er sich vor den Verfolgungen der Polizei sicher glaubt, erreicht ihn lrmin. Während einer Kahnfahrt auf dem See kommt es zur großen Auseinandersetzung zwischen den beiden Männern, dem Mörder und dem Rächer. Sie endet anders als lrmin selbst es erwartet hatte: ein