Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 266 (9.2.1933)
- Date
- 1933-02-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V.b. b. BEZUGS* BEDINGUNGEN lieh S I W, vtMiftl* jlhrl. S 4 20, San» jlhrl. . . . 8 16'— Dnutachld. viartnl jlhrl.... HM V- Taehnchotltmakai v<«rt«lj . Ke 24 — luccMlawiMi viarial jlhrl. . Din 40 — Po an vianaljlhr lieh . . Zloty 6 50 Ungarn viafidjlhr lieh . . Fango 4 20 Rutniniaa viartal itfhrt.. . Ui 120 — llahrigaa Aualand Vierteljahr!. Sch«/. Franken 4 SO emttuaes Jüdische Zeitung Preta Erscheint (•«tat Doastniag Redefctk» and AdafeHstraties Was, L. Kirn tu er ■trat« 2« Tal. R-27 4-85 Postsparkassen» konti: Oaatarr. D 113446 Polen , 191.199 alowakat .500.230 Jucoalawian 40.879 6. lahrsran* Wien, Donncritag, 9. Februar 1933 (13. Schabet 5693) Nummer 266 hetzte Nachrichten aus Deutschhmd Eigenbericht der „Stimme“ Ein jüdischer Student in Breslau auf offener Straße ermordet Breslau. Nach einer Kundgebung der Eisernen Front am Sonntag, bei der der frühere Reichstagspräsident und spätere Vizepräsident Paul Löbe sprach, kam es an verschiedenen Stellen der Stadt zwischen den heimkehrenden Demonstranten und Nationalsozialisten zu heftigen Zusammenstößen. Am Reichspräsidentenplatz wurde der 23jährige jüdische stud. ing. Walter Steinfeld, der Sohn eines Breslauer Bankbeamten, der sich allein auf dem Heimweg befand, von drei Nationalsozialisten überfallen, die ihn durch Messerstiche in Brust und Bauch derart verletzten, daß er wenige Stunden nach der Einlieferung ln das Krankenhaus verstarb. Im Zusammenhang mit dieser Bluttat sind zwei Nationalsozialisten verhaftet worden. We tere antisemitische Untaten im Reiche Wie aus Hamburg telegraphiert wird, wurde am Sonnabend vormittags ein jüdischer Kaufmann beim Verlassen der Synagoge nach der Sabbath-Andacht von uniformierten Nationalsozialisten Überfällen und schwer verletzt. Aus Dülmen wird gemeldet, daß dort Nationalsozialisten die Fensterscheiben von jüdischen Kaufhäusern eingeschlagen haben. In Friedberg (Oberhessen) sind in der Nacht zum Sonntag, den 5. Februar, zum dritten Male innerhalb zweier Monate, an dem Kaufhaus Geschwister Mayer in der Hanauerstraße sämtliche Erkerscheiben eingeworfen worden, ohne daß es bisher gelang, die zweifellos aus antisemitischen Motiven handelnden Täter festzunehmen. luden vom Bezüge der Hothilfe ausgeschlossen Berlin. Sozialdemokratische Zeitungen bringen Auszüge aus einem Geheimschreiben der NSDAP, Gau Groß-Berlin, an die Reichsleitung der Partei in München, in dem u. a. die «Anregung* gegeben wird: «Ueber die Gewährung der Nothilfe entscheidet auf Vorschlag der Gemeinde die zuständige Sektion der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, die die Sötigen Erkundigungen einzuziehen hat. Juden, Jugend- Ucne unter 18 Jahren und Frauen sindgrundsätz- Uch von derNothilfe ausgeschlossen.» Oie neue Notverordnung des Reichspräsidenten und die jüdischeReiigionsgesellschoft Berlin. Die neue Notverordnung des Reichspräsidenten, die sich gegen Auswüchse in der Versammlungs¬ und Pressefreiheit richtet, besagt u, a„ daß öffentliche politische Versammlungen sowie Versammlungen und Aufzüge unter freiem Himmel aufgelöst werden können, und daß periodische Druckschriften verboten werden können, «wenn in ihnen eine Religionsgesellschaft des öffentlichen Rechts, ihre Einrichtungen, Gebräuche oder Gegenstände ihrer religiösen Verehrung beschimpft oder böswillig verächtlich gemacht werden». Auf Grund dieses Abschnitts der Notverordnung Ist die Behörde verpflichtet, gegen jede Beschimpfung auch der jüdischen RtHgjonsyitttschaft mit Verboten einzuschreiten. Man darf nun erwarten, daß sich die nationalsozialistische Presse nach dieser Richtung hin Zügel auferlegt Keine Massenausweisungen von Ausländem Berlin. Unter den in Berlin lebenden Ausländem waren in den letzten Tagen in sehr bestimmter Form Gerüchte verbreitet, daß im Zusammenhang mit der politischen Neuorientierung eine Verschärfung der Ausweisungspraxis eingetreten sei. Diese Gerüchte haben in der österreichischen, tschechoslowakischen und ungarischen Kolonie Berlins, die zusammen nicht weniger als 50.000 Menschen umfassen dürfte, wie in anderen Ausländerkreisen Beunruhigung hervorgerufen. Auf eine Anfrage der Zeitung «Montag-Morgen» erklärte der Leiter des Fremdenamtes im Polizeipräsidium, Ministerialdirektor Goerke, daß seit der am 1. Juli 1932 in Kraft getretenen Neuregelung'Tjer freindenpoliaeilichen Bestimmungen keinerlei Anweisungen zu einer Aenderung der bisher beobachteten Praxis ergangen seien. In der Behandlung der in Berlin arbeitenden Ausländer trete zunächst sogar eine Erleichterung ein; während bisher von ihnen sowohl der Vorweis der Aufenthaltsbewilligung wie der der Arbeitsbewilligung durch das Landesarbeitsamt gefordert wurden, wird in Zukunft der Besitz eines dieser beiden Dokumente für die Zulässigkeit ihrer Anstellung als hinreichend angesehen werden. Englische Zeitungen über die Hitler- Regierung und die Lage der Juden In Deutschland London. «Manchester Guardian», die führende liberale Zeitung, führt in der Besprechung der Lage in Deutschland nach Amtsantritt der Hitler-Regierung u. a. aus: Was wird aus den Juden in Deutschland werden? Wird Hitler wirklich seine vor seiner Kanzlerschaft angekliodigten Pläne verwirklichen, die Juden aus Deutschland vertreiben und ihr Hab und Gut unter dem verarmten deutschen Mittelstand verteilen? «Daily Mail» schreibt: Hitler ist in keiner angenehmen Lage. Die Nazi-Soldaten erwarten die Verwirklichung des Parteiprogramms, Das zeigte 6ich darin, daß am Tage nach der Amtsübernahme durch Hitler Hunderte von ihnen, viele m SA-Uniform, vor der Börse gegen «Kapitalisten und Juden» demonstrierten und ein nationalsozialistisches Reichstagsmitglied, Dr. Leers, gegen den «internationalen Kapitalismus» loszog. An der Börse aber stiegen währenddes die Aktien stetig, — ein Beweis dafür, daß die Börsenmakler, ob jüdisch oder nicht, wissen, daß die Nationalsozialisten im Kabinett nicht die Macht haben; dafür, daß sie hier nicht eingreifen, wird Herr Hitgenberg schon sorgen. Blutiger Studentenexzeß in Jassy Drei Schwerverletzte Jassy./ Eine Versammlung der an der Jassyer Universität inskribierten Studenten aus Akerman, an der auch Jüdische Hörer tellnahmen, wurde von Cuzisten und «Elsengardisten» unter Führung der Studenten Mociulskl und Taschka überfallen. Es entspann sich ein heftiger Kampf, bei dem der Hörer der Mathematik, Mihal Novlkov aus Akerman durch einen Messerstich, ferner die jüdischen Studenten Srul Wejtman und Georg Wahrman erheblich verletzt wurden. Mociulskl und Taschka wurden verhaftet und zur Polizei gebracht, jedoch nach kurzem Verhör wieder freigelassen. Im Hinblick auf die starke Erregung unter der Studentenschaft durchziehen Patrouillen die Stadt, um Unruhen größeren Maßstabcs zu verhüten« Berliner Brief Von unserem Spezialkovrespondeuten Dr. Ulrich Thenen Deutschlands neue Regierung wurde am 30. Jänner 1933 in die Hände eines Mannes gelegt, der durch jahrzehntelangen, zielbewußten Kampf gegen die deutsche Republik und ihre Verfassung, sowie gegen das Judentum groß geworden ist. «Der Antisemitismus ist gewissermaßen die gefühlsmäßige Unterlage unserer Bewegung», heißt es im nationalsozialistischen Programm. Auf diese «Grundpfeiler» hat Hitler seine deutsche Freiheitsbewegung aufgebaut. Es war verfehlt, das Wachstum dieser Bewegung zu verkleinern und sich stets auf die Weimarer Verfassung zu berufen. Es ist auch unrichtig, jetzt Hitlers Tätigkeit ins lächerliche zu ziehen und von ihm schon einige Tage nach Regierungsantritt «Arbeit und Brot» zu verlangen. Wenn auch die Programmrede des Regierungschefs keine einzige Reformidee, keinen notstillenden Gedanken hatte, und lediglich nach Moskauer. Muster mit einem «Vier* jahresplan» vertröstete, so ist doch nicht zu verkennen,. daß der neue Reichskanzler des Deutschen Reiches in Verbindung mit dem deutschnationalen Wirtschaftsdiktator Hugenberg und dem Vizekanzler von Papen Möglichkeiten haben, lange die Geschicke des Deutschen Volkes zu verwalten. Es bestehen wohl zwischen den wirtschaftspolitischen Auffassungen Hitlers und denen Hugenbergs sehr erhebliche Unterschiede, über eines aber herrscht in diesem Kabinett keine Differenz, und das ist der Wunsch, nicht nur die Arbeitslosigkeit wirksam zu bekämpfen, der Landwirtschaft zu helfen, sondern auch die Wiederherstellung eines organischen Gleichgewichtes zwischen Stadt und Land zu sichern. Auf dem Spiel steht heute das Schicksal der gesamten Rechten. Diese Tatsache wird die bisher in Fehde liegenden Rechtsparteien zu einem gemeinsamen Marschieren vereinigen. Durch Einschaltung der vollen Regierungsmaschine in die Wahlpropaganda wird zweifelsohne die Gegenagitation gedrosselt und der Gegendruck erzeugt, aber Moskau wird nie zulassen, daß S. P. D. und Kommunisten zu einer einheitlichen revolutionären Arbeiterpartei verschmolzen werden. Auch das Ausland wird seitens des neuen Regierungschefs «aufgeklärt», um eine wohlwollende Sphäre zu schaffen. Hitler verwahrt sich den Korrespondenten der italienischen Zeitungen gegenüber, er müsse gegen die Urteile einiger ausländischer Zeitungen auftreten, wonach seine Sprache als Reichskanzler maßvoller geworden sei, als jene des Parteiführers. Er habe nie Brandreden gehalten, sondern immer nur die Anerkennung der Rechte und Lebensnotwendigkeiten des deutschen Volkes verlangt. Die klaffenden Gegensätze auf politischem, wirtschaftlichem und weltanschaulichem Gebiete Im neuen Reichskabinett sind zwar, wie ausgeführt, vorhanden, aber der Machthunger der Exponenten kapitalistischer Interessen einerseits und der nationaler! «Arbeiterpartei» andererseits ist zu groß, als daß er nicht eine Stetigkeit der Politik konstruieren könnte. Wie dem immer auch sei, die neugeschaffene Situation gräbt sich mit düsteren Lettern in die Geschichte der Juden in Deutschland ein. Das deutsche Judentum ist ln seinen Grundfesten erschüttert. § 4 des nationalsozialistischen Programmes besagt: Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse Ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutet Ist, ohne Rücksichtnhaane auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.