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Die Stimme · 1933-01-26 · Heft 264 (26.1.1933) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 264 (26.1.1933)
Date
1933-01-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 264 ~ 26. fgnner 1933 DIE STIMME serre s Max Nordaus zehnter Todestag 2. f. fthkaltUüit (Max M&uAjojul &H fhaQtWUlt?) fm Schmerze ersteht heute der Typus des modernen Juden. Im Schmerze — denn an der Schwelle zweier Welten haben sich alle Werte unseres Dasein in ein solch unentwirrbares Chaos verknäult und all die Dogmen, Hoffnungen und Zweifel grundverschiedener Geschlechter prallen mit solch wütender Wucht aneinander, daß die Geburt eines neuen Judentypus nur durch unendliches Leid von Millionen erkauft wird. Wer vermag es zu ermessen, auf welch* unüberwindliche Schwierigkeiten heute die Träger einer in Fetzen gerissenen und tagtäglich in Schutt zerfallenden Kultur stoßen?! Wer vermag die quälende Verzweiflung eines Geschlechtes zu erfassen, das haltlos und aus der Art geschlagen, gewaltsam neue Wege sucht und auf eigenem Boden Wurzel zu fassen beginnt. Bestürzt duroh das plötzliche Bewußtwerden einer geistigen Verbannung, müssen wir unser Innerstes aufwühlen, um aus der Verzweiflung einen neuen Glauben aufzurichten und aus den Trümmern einer einstürzenden Welt die blutige Fackel der Vergangenheit im Lichte neuer Heiligtümer und eines neuen Lebens aufleuchten zu lassen. Bialik, der Dichterfürst ringender Judenseelen, verkörperte diesen Kampf in einem rasenden Schrei: «Der Matmid». Es ist der hehrste und zugleich traurigste Hymnus eines sterbenden Geschlechtes. Und nebst diesem Schrei erzittert wie ein hoffnungsloses Stöhnen die Klage des zweitbesten Vorahners dieses Ringens: Zwi Feuerberg. Beide jedoch, Bialik und Feuerberg berührten kaum einen Bruchteil unseres Schmerzens: Die Agonie des Bejit-Hamidrasch-Geschlechtes. ln unserer Seele entfesselten sich die Gewalten einer unendlichen Ahnenreihe und in jedem von uns tobt das Echo eines verbissenen letzten Kampfes um jüdische Eigenart. Und vielleicht — vielleicht ist es nur ein Sysiphuskampf? — Vielleicht Irrte nicht der rücksichtslose Doktrinär Achad- Haam, als er uns vor eine Alternative stellte: «Jahadüth o Gallith lyolam» —. Judentum oder ewige. Gäluth. Vielleicht gräbt sich deswegen eine unendliche Traurigkeit in unsere Seelen, dieweil ein wilder Schmerz sich nur in hoffnungslosem Stammeln äußert? . . . Was wird aus diesem Ringen erstehen? Wird es der mit unserem Herzblut erkaufte Typus eines neuen Juden sein? Oder vielleicht wieder — ein — Träumer des Ghettos? Wer vermag es zu wissen? . . . * Nordau ist wohl keine Individualität dieser Art, aber unzweifelhaft ihr deutlicher Vorbote. Denn der Kampf beginnt erst und dieser jüdische Recke ist eher eine Fügung des Zufalls als ein bewußter Ausfluß der ringenden Judenseele Denn er kam zu uns aus fremden Welten und wuchs in ganz fremden Kulturen heran. Es fehlte ihm der unerschütterliche Zusammenhang mit unserer Vergangenheit und allzulange und allzutief war er in Europa verwurzelt, als daß ihn schon die suggestive Gewalt unserer Zukunftsträume grundaus ändern könnte. Eher war's eine Blüte des kosmopolitischen Westens auf jüdischer Scholle als ein repräsentativer Ausdruck unserer eigenen Seele. Die volle Gestaltung der jüdischen Individualität ist erst eine Frage der Zukunft, aber Nordau verkörperte so manche Wesenszüge. Er prägte einen unbeugsamen Stolz, ein leidenschaftliches Temperament, gewaltigen Schwung und einen unerschütterlichen Trotz des Freiheits- und Wahrheitskämpfers. In der erwachenden Judenseele richtete er die verschüttete Würde auf. ln seinen Worten brauste die Sehnsucht eine6 ganzen Volkes und sein Zorn grollte mit der Wucht der Propheten. Sein Stolz hatte in sich etwas von königlicher Erhabenheit und mit sener gewohnten Dialektik zerschmetterte er alle Zweifel. Hart, unerbittlich, aufrichtig und unerschrocken — so sprach er die stolzesten Worte eines modernen Juden aus. Nicht Palliativmittel, nur endgültige Erlösung! Nicht Kompromisse, sondern Generalreyisionl Nicht Almosen, nur Selbsthilfe. Nicht Gnade oder Erbarmen suchen wir, sondern Recht! Nicht abwarten dürfen wir, sondern mutig m den Kampf tretenl — Entweder vollständige Wiedergeburt oder nationale Liquidation! Jedes Wort ward zum Schlagwort und jedes Schlagwort tönte Jahrzehnte lang, wie der Klang eherner Glocken. So wurde Nordau zum jüdischen Vorkämpfer in Europa und europäischen Verkünder im Ghetto. Neuartig wie sein Wesen waren seine Worte. Wahrlich — aus fremden Zonen kam er zu uns herab. Wie Herzl. Könnte ansonsten ein unter uns geborener Sklave uns eine »olche Sprache lehren? Nordau und Herzl. Zwei Höhenmenschen, die an der Wiege der jüdischen Wiedergeburt zur historischen Einheit *) Au» dem Buche: «Stürmer des Ghetto' emporgewachsen sind und doch von grundverschiedener Wesensart. Ein Verstandesmensch und ein Künstler. Ein trefflicher Kenner des gesellschaftlichen Lebens und ein sublimer Deuter menschlicher Schwächen. Der erste schleuderte donnernde Schlagworte in die jüdische Menge, der zweite ewige Taten. Herzl richtete auf, Nordau zertrümmerte, Herzl flößte unerschütterlichen Glauben und Mut ein, Nordau zerfaserte alles und kehrte stets die Realität der Dinge hervor. Der Von Naxa Nordau Max Nordau wurde ursprünglich auf dem jüdischen Friedhof in Montparnasse in Paris beigesetzt. Erst drei Jahre später, im Jahre 1926, wurden bekanntlich die sterblichen Ueberreste des großen Führers nach Erez Israel überführt. Im nachstehenden schildert nun seine Tochter Maxa diese letzte Heimfahrt ihres großen Vaters Die Red. Hatte er nicht gesagt: «Im Grabe werde ich ausruhen!» Und doch machten seine unaufhörlichen Wanderungen auch hier nicht halt. Bewegt durch den ungestillten Wunsch seiner Seele, mußte sein Körper noch im Tode dem Rufe seiner Nation folgen. Im Leben war es ihm nicht vergönnt, seinen Herzenswunsch erfüllt zu sehen, aber das Heimweh war zu tief in ihm, es zog ihn unwiderstehlich zu seinem Lande, war ihm Antrieb, sich von allem loszureißen, es half ihm, das Meer zu durchqueren, es zeigte ihm den Platz, wo er in Frieden würde wohnen können, zwischen-den Kindern seines Geistes, in der Stadt, die die Erfüllung seiner Wünsche darstellte. Der erste Aufenthalt war in Alexandrien. Die afrikanische Sonne brannte glühend herab und es wimmelte ringsum von piratenmäßig aussehenden Araberin und zerfetzten Kleidern. Wie schade, daß der Tote, den man da führte, nicht selbst all diese Farben sehen konnte,; daß er nicht hören konnte die gutturalen Laute dieses Volkes, nicht fühlen ihre finsteren Blicke und die Glut der unbarmherzig herabflammenden Sonne! Tel-Awiw wie auch die zionistische Organisation hätten uns je einen Vertreter entgegengesctiickt. Die bedeutendsten Juden von Alexandrien kamen mit noch anderen Delegationen aufs Schift, uns zu begrüßen. Ein rührender Freundschaftsbeweis wurde dem Gedächtnis Nordaus wie auch uns von dem griechischen Konsul zuteil, der ebenfalls gekommen war, den Entschwundenen seiner Verehrung zu versichern. — Wie glücklich wäre Max Nordau darüber gewesen, er, der Griechenland so leidertschaftlich-liebte. Die Zeremonie fand auf dem Kai statt, Aegypter mit ihren hohen Fez schloßen den Platz ab, dei außerhalb dieser Barriere von einer erstaunten, bunten Menge erfüllt war, der Eindruck dieser Zeremonie lastete auf allen Anwesenden so schwer, daß ringsum lautlose Stille herrschte. Man sah nur Blumen und wieder Blumen und die blau-weiße Fahne, die ihn noch bis ans Ziel begleiten sollte. Einige Reden wurden gehalten, dann sprach der Groß- Rabbiner die Gebete. Es war dies ein schöner orientalischer Rabbiner mit einem mächtigen Bart, etwas boshaften Augen und einem langen Gewand mit einer lebhaft gefärbten Schärpe, über das ein schwarzer Samtmantel, mit Purpur verziert, herabfloß, über seinem Kopfe wurde ihm ein weißer Sonnenschirm gehalten. Er sprach die feierlichen Gebete, umgeben von kleinen Knaben, den jüdischen Schülern, die (wie die Aegypter) auf ihren braunen Köpfen rote Fez trugen. Die Knaben sangen die Gebete und zum Schluß die «Hatikwah», die Hymne der Hoffnung. Durch welches Wunder verstehen es die Orientalen, mit der größten menschlichen Einfachheit eine solche Prunkentfaltung zu verbinden? Es ist dies ihr ureigenes Geheimnis. Dann setzten wir unsere Pilgerfahrt fort. Ein Sonderzug wurde uns entgegengesandt, um die sterblichen Reste meines Vaters nach Tel-Awiw zu führen, dem Hügel des Frühlings, der Stadt der Jugend, der wunderbaren Schöpfung eines einzigen Mannes. Wir kamen am frühen Morgen dort an. Auf dem Bahnhof empfing uns eine Delegation. Der Sarg, umhüllt von der jüdischen Fahne und ganz bedeckt mit Kränzen und Blumen, wurde auf einen Wagen gehoben, der von acht jungen, weißerste leuchtete in weltumspannenden Träumen, der zweite beschränkte sich auf das Greifbare der Gegenwart. Nordat» brauste auf und zerschmetterte die Widerspenstigen, Herzl wiegte unmerklich die Judenscharen in Träumereien um) überwand durch eine Inbrunst der Ewigkeitswerte die Bedenken des Alltags. Während Herzl, der aus fremden Welten zu uns kam, mit einer prophetischen Intuition das Tiefste des Judenvolkesi erfaßte und dessen ganze Vergangenheit und Zukunft in die Konzeption staatlicher Wiedergeburt auflöste, kannte Nordau, obwohl er deutlichere Rasscnmerkmalc in sich verband, nur das gegenwärtige Judentum und empfand bloß dessen auf den Alltag gerichtetes Streben. Nordau war der schmetternde Widerhall jüdischen Zornes, Herzl der vom Herzblut eines ganzen Volkes durclitränkte Führer. So vervollständigten sich beide und erst der Tod nach der Erfüllung des gemeinsamen Judentraumes gab Nordau die letzte historische Abgeklärtheit, die ihm. irrt Leben allzu oft abging... bekleideten Makkabäern flankiert war. Wir schritten durch die breiten Straßen bis zum Rathaus. Unser Zug bewegte sich zwischen zwei Menschenmauern. Von überallher war man gekommen, um den großen Toten zu ehren. Jünglinge und Mädchen bildeten mit ihren verschlungenen Händen eine Kette, um die Menge zurückzuhalten und den Weg für den Trauerzug freizulassen. Weiter standen Schüler, alle Schüler von Tel-Awiw mit ihren wehenden Bannern, und bildeten die Ehrengarde. Nie habe ich robustere, gesündere und schönere Kinder gesehen, als diese kleinen Palästinenser. Die Disziplin, die Ordnung, der Ernst dieser Kleinen, die von ihrer Pflicht und der Feierlichkeit ihrer Rolle durchdrungen waren, muteten ganz außergewöhnlich an. Vom Magistrat waren an die Schulen kleine Büchlein ausgegeben worden, die in hebräischer Sprache eine Biographie Max Nordaus und sein Bild enthielten. Die Kinder hatten diese Erinnerungsschrift teils in der Hand, teils hinter dem Band auf ihrem Hute, sie wußten fast alles auswendig. Mit ihren ineinandergeschlungenen Händen bildeten sie eine unzerreißbare Kette, die durch ihre Scwäche unendlich fester war als das stärkste Eisen, und niemand aus der Menge hätte es gewagt, sie zu zerreißen. Der Sarg wurde auf einen Katafalk gelegt, gegenüber dem Rathause, dessen sämtliche Fenster schwarz ausgeschlagen waren. Geleitet von jener inneren Disziplin, die die einzig richtige ist, zogen in vollkommener Ordnung erst d& Makkabäer, dann die Pfadfinder, Knaben und Mädchen, zum letzen Gruß an dem vorüber, der Ihnen ihr Recht zu leben gegeben hatte. Die Beerdigung fand am Nachmittag statt. Die Makkabäer hielten die Ehrenwache. Um zwei Uhr kehrten wir ins Rathaus zurück und begaben uns auf den Balkon, um der Zeremonie beizuwohnen. Aus allen Teilen des Landes waren Leute gekommen, Delegationen aus allen Kolonien. Jede Gruppe stand da mit ihren Blumen und Kränzen, Vertreter des Judentums aus der ganzen Welt, neben dem belgischen Gouverneur von Jaffa, den Groß-Rabbinern von Jaffa uqd Alexandrien. Die Reden wurden in hebräischer Sprache gehalten, detfn das ist die Sprache des modernen Palästina. Der Groß- Rabbiner von Jaffa sprach die Gebete und der Chasan sang die Trauerlieder von den Wesen, deren Seelen nicht mehr ihnen selbst gehören, sondern nur dem Gedächtnis jener, die sie lieben. Dann setzte Musik ein. Ich kann euch nicht die Feierlichkeit, die Pracht dieses Augenblicks beschreiben. Die vollkommene Ordnung, die Stille und diese unabsehbare Menge ringsum, auf allen Seiten, an jedem Fenster, auf jedem Dach, dies alles war von einer erdrückenden Größe. Mehr als zehntausend Personen waren erschüttert von derselben Rührung, von derselben Verehrung. Der Leichenzug ging dann wieder durch die Straßen, gefolgt von tausenden Männern, Frauen und Kindern, icht ein Daumenbreit Raum war auf dem ganzen Wege frei. Da schloß sich plötzlich auch ein Hund dem Zuge an — mir erschien das weit mehr als ein großer Zufall. Es war, als ob das kleine Tier gewußt hätte, wie sehr Max Nordau alles geliebt hatte, was lebt und was wehrlos ist. Es war, als ob diesen Hund der Instinkt triebe, die Trauer für einen Freund zu zeigen, wie er keinen mehr finden würde. Bevor wir zum Friedhof kamen, blieb der Zug nocll unter der sengenden Sonne in einer Art Versammlungssaal unter freiem Himmel stehen, wo ihn viertausend Personen noch einmal sehen und die Leichenreden hören konnten. Dann brachen wir auf zur letzten Ruhestätte. Die Musik spielte Tonstticke, die von Trauer und Leid kündeten, zugleich aber auch von der Hoffnung auf das ewige Fortlebeq einer Seele, die sich ganz ihren Brüdern geopfert hatte. Nordaus letzte Pilgert ahrf

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