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Die Stimme · 1933-01-19 · Heft 263 (19.1.1933) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 263 (19.1.1933)
Date
1933-01-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 DIE STIMME Nr. 263 — 19. Jltmtf 1933 THEATER UND LITERATUR Gflilipiel der «lOUnaer» «Dte Miiii.e von l>. Bergisohn. — Jüdische Künstlerspiete. Berglsohns Schauspiel «Die Mühle» ist ein Stück aus den Vorrevolutionstagen des Jahres 1905. Problemstellung: Hie Automat, Maschine, hie Arbeiter, Menschenarbeit. Das Ueberflüssig- und Verdrängt werden des Menschen durch die Technik, die Maschine. Neben einem typischen Arbeiterschicksal, nach 35jähriger Arbeit in der Mühle zu ertauben und schließlich als alt und unnütz betrachtet und behandelt zu werden, läuft noch die persönliche Schicksalstragödie dieses ältesten Mühlenarbeiiers in seiner Eigenschaft als Vater, dessen junge Tochter von dem reichen Mühlenbesitzerssohn verführt wird. Dem Autor Bergclsohn mag die soziale revolutionäre Seite Angelpunkt seines Stückes gewesen sein, in den Künstlerspielen ist das Stück trotz wirksamster und packendster Szenen aus dem Arbeiterleben eingeleisig und in den Vordergrund eines Einzelschicksals gerückt, es ist wohl nicht die «Mühle», sondern der «Taube» gespielt worden, was allerdings Gelegenheit gab, die hohe Kunst der Wilnaer Künstler zu bewundern. Josef Kamen als Hauptdarsteller überraschte durch seine Verwandlungsfähigkeit, die ihn nach seiner letzten Till-Euienspiegel-Roile zu tragischer Größe wachsen ließ. Von rührender Einfalt als vom Streikfieber noch nicht Erfaßter, ist er ergreifend, da er, in rachesuchender Hilflosigkeit als Krüppel über die Bühne humpelt Die Aufführung brachte unter Kamens Regie ein ganz vorzügliches Zusammenspiel. Jakob W e i ß 1 i t z als Buchhalter Bobtsches ist von charakteristischer Eigenart. In Maske und Haltung erinnert er dabei auffallend an den jüngst verstorbenen großen Charakterdarsteller Jona Reißmann. Die blonde Dina König ist sympathisch und einfach. Als betrogene Geliebte findet sie glaubhaften Ton, der ihr als Streikanführerin nicht so ganz gelingt. Dem reichen Mühlenbesitzer gibt S i g a 11 typische Züge. Eine besondere Begabung wächst mit der jungen Emilie W e i s s 111 z heran, deren rührend zartes Spiei a.s jojlick, ti-.r Siadtnarr, besonders auffiel. Alle übrigen Mitwirkenden K •: sich erfolgreich um die abgerundete Aufführung. Die Inszenierung brachte den interessanten * usut-n, auf geteilter Bühne, im Erdgeschoß und im Stockwerke gleichzeitig zu spielen, was bei den primitiven Bühnen Verhältnissen der Jüdischen Künstlerspiele besonders erwähnenswert ist. Eindrucksvoll die Massenaufzüge, die musikalische Untermalung, packend die Szene des Freudenfestes im Hause des Mühlenbesitzers, die durch Erscheinen des wahnsinnig gewordenen, das Beil in der Hand schwingenden Arbeiterkrüppels jäh zum Tribunal wird. Der Abend brachte aber auch den übrigen Mitwirkenden einen wohlverdienten Erfolg. Jakob Rosenthal „Neue jüdische Dichtung aus Sowjet• rußlandu Diese Matinee weckte Erwartungen, die leider nicht erfüllt wurden. Es sei denn, daß man die große Kunst der wirklich prachtvollen Mohikaner der Wilnaer Truppe Weis- 1 i t z und Kamen wieder einmal zu bewundern Gelegenheit hatte. Das jiddische Rußland ist leider für uns ein Buch mit sieben Siegeln und nur hie und da gelangen auch zu uns Proben jiddischer Dichtkunst, die Neues erhoffen lassen. Weislitz und Kamen lasen Dichtungen lyrischen und satirischen Inhaltes von Wintschewskl (nebenbei bemerkt l.'bte und dichtete dieser Verfasser in den achtziger Jahren — es ist daher unerfindlich, wie er in die sowjetrussisch-jidische Dichtung gehört!), Märkisch, Berge 1s o h n und vielen anderen. Es muß jedoch gesagt werden, daß ale diese Dichtungen kaum über die Grenze des Pathetisch-proklamaiorischen hinauskommen. Die agitatorische Note überwuchert hier jede Regung wahrer Dichtung und nur in der Beleuchtung der Satire glitzert so manches prachtvolle Bonmot, um jedoch gleich im parteimäßigen Fahrwasser zu verschwinden. Vielleicht sind es nur wahllos zusammengewürfelte Proben, die geboten wurden — allenfalls gaben sie keinesfalls ein Bi’d der gewaltigen Gährung, die das russische Judentum mitmacht Herr N. Brind, der für den erkrankten Schriftsteller M. Groß einsprang, zog sich als Conferencier mit großem Verständn:s und Takt aus der Affäre. Jüdische Künstlerspiele: II., Praterstraße 34 D. Bergeisohns dreiaktiges Schauspiel «Die Mühle», das bei der Premiere einen großen Erfolg hatte, bleibt weiterh'n auf dem Spielplan. Im Gegensatz zu einer Meinung, die in manchen Kreisen verbreitet ist, wird mitgeteilt, daß «Die Mühle» mit Anski’s «Tag und Nacht» nicht Identisch ist, und in Wien noch nie gespielt wurde. Biatik'Feier der Histadruth Iwrith Die Feier anläßlich des 60. Geburtstages Bialiks die über Veranlassung der «Histadruth Iwrith» in Wien im dichtgefüllten Saale des Hotels Continental stattge funden hat, nahm einen glänzenden Verlauf. Der Präsident der Histadruth, Dr. R o t h b 1 u m, eröffnete die Feier mit einer hebräischen Ansprache, in der er die Ewigkeitswerte in den Dichtungen Bialiks hervorhob und die Bedeutung dieser Persönlichkeit für das Judentum der ganzen Welt in kurzen, prägnanten Sätzen skizzierte. Schließlich begrüßte der Redner die Erschienenen, insbesondere die Ehrengäste, darunter den Prä sidenten der Kultusgemeinde, Dr. Desider Friedmann, Oberrabbiner Dr. Feuchtwang, den Präsidenten des Zion. Landeskomitees, Dr. Grünbaum, und andere jüdische Persönlichkeiten Wiens. Den Höhepunkt des Abends bildete die Festrede von Prof. Dr. A. Sonn e, die sich durch originelle und tiefschürfende Gedankengänge auszeichnete und das Wesen des Dichters unter dem Gesichtspunkte allmenschlicher Probleme zusam menfaßte. Er sagte u. a.: «Dichter tragen für gewöhnlich Bildungsfessel, die ihre ungezügelten Gefühle hemmen. Bialik trug die inneren Hemmungen aus dem Beth Hamidrasch heraus, er vermochte jedoch durch das ungewöhnliche Talent eines Sprachkünstlers und durch die Verantwortung eines geborenen Volksführers den Gedanken seiner Epoche Ausdruck zu verleihen. Bialik war das Glück unseres Volkes. Er hat den Talmudjuden poetisch verklärt und das ganze Judentum an das Schicksal der Menschheit geknüpft. Die Dichtersprache Bialiks ist das Werk eines Künstlers, der sich beherrschen kann, wo es auf die Meisterung eines schwerwiegenden historischen Materials ankommt, der jedoch wie ein Bildhauer stets harmonisch vollendete Kunstwerke schafft. Seine Naturschilderungen waren bahnbrechend als Produkte einer jüdischen Dichterseele, die die Wirklichkeit weit hinter sich ließ. Bialik ist ein klassischer Dichter der Bindungen und der Grenzen. Im Gegensatz zur Dichtung ist er in seiner Prosa ruhelos und läßt das Leben in überstürzenden Sätzen in den Novellen und wissenschaftlichen Abhandlungen mitschwingen. Anders zeigte sich Bialik als Redner, als den wir ihn ln Wien bewundert haben. Da machten wir mit ihm die großen Spannungen mit, in der die Dinge ihren Sinn finden bis an die Grenze der vollkommenen.Objektivität. Bialiks Lebenswerk, welches sich in Poesie und Prosa in herrlicher Weise offenbarte, bereicherte das Publikum und zeigte ihm neue Wege der Entwicklung. Durch einen ehrfurchtsvollen, stummen Gruß wollen wir dem Dichtergenie huldigen.» Nach der eindrucksvollen Rede Dr. Sonnes begann der künstlerische Teil des Abends. Hilda Dulitzkaja bestätigte hiebei als Interpretin Bialikscher Lieder ihren wohlverdienten Ruf als Künstlerin von großer Musikalität und packendem Charm. Die vielversprechende Adele Öauminger spielte mit verblüffender Virtuosität das Violinsolo «Kol Nidre», ferner sang die Opernsängerin Chana Schwarz Bialik-Lieder, vertont von J. Brandmann, begleitet vom Komponisten und Kapellmeister Kurt Fuchsgelb. Stürmischer Applaus belohnte alle Mitwirkenden, wobei auch die Rezitationen Jehuda Ehrenkranz zum Gelingen dieses glanzvollen Abends beitrugen. ’ ■ Malih-Feier im Chajes-Realgymnasium Montag, den 16. d. M., fand im C ha] es-Realgymnasium eine interne Bialik-Feier statt, die einen sehr erhebenden Verlauf nahm. Nachdem der Chor der Jüngeren unter Leitung von Prof. M. Lampel das wunderbare Lied «bejom kajiz, jom chom» gesungen und eine Schülerin ein Gedicht vorgetragen hatte, spielte Herr Dr. R. Lampel, von seinem Bruder begleitet, gefühlsinnig einige jüdische Kompositionen von Bloch, die den stärksten Beifall bei den Versammelten auslösten. Dann hielt Professor Gelernter eine warm empfundene hebräische Ansprache über Bialiks Bedeutung in der hebräischen Literatur, während Herr Direktor Dr. Kellner in deutscher Sprache für die Jüngeren in meisterhafter Weise Bialiks jüdische und menschliche Dichterpersönlichkeit umriß und in uns allen die Erinnerung wachrief an jene unvergeßlichen Tage, da Bialik in unserer Mitte weilte. Herr K r y b u s aus Palästina entzückte seine Zuhörer durch den stimmlich und gefühlsmäßig gleich vollendeten Vortrag einiger hebräischer Lieder. Mit dem Absingen von cTechesakna h» nahm die eindrucksvolle Feier ihr Ende. mÜktw&cA, 1* jte&KUAK um dwivÜAtei $ ufa. aßuis eMfrMiflgfifaoiifr d*\ FMpatMdA'UXk WMt. 40% fa/i*, muiik datdal W/vWly»» lamÄuMkl Cm moK^oKdemeK vAfJfjlUMuHg&aui, V,t ttÖ&eK&aV*. 15 (sthaßeu&o&mi 6,15,61, 63/ itadJtfahu pClpuDnpaM,)/ koa&a tatuzt gehthud huütff hvM kajametfi, kto*Jtm*utK.28,UZ.kM320 Ludwig Satt in Wien Ludwig Satz, der über Amerikas Grenzen hinaus berühmte jüdisch-amerikanische Schauspieler, weilt, wie die «Stimme» bereits meldete, seit einigen Tagen in Wien. Wien bildet für den großen Künstler den vorläufigen Abschluß einer überaus erfolgreichen Gastspieltournee durch die europäischen Hauptstädte. Ludwig Satz, der in Amerika, der Heimat seines Winkens, als der jüdische Girardi gilt, zählt zu den prominentesten jiddischen Schauspielern der neuen und der alten Welt. Satz spielte aber auch auf bedeutenden englischen Bühnen New Yorks mit stärkstem Erfolg. Sein bisheriges Auftreten in Europa löste sowohl in der allgemeinen als auch in der jüdischen Presse, aber auch beim großen Publikum Begeisterung aus. Ludwig Satz hat nun die Absicht, auch in Wien ein kurzes Gastspiel zu absolvieren. Die Verhandlungen darüber sind eben in. Gange. Für das Wiener jüdische Theaterpublikum wird ts jedenfalls von besonderer künstlerischem Interesse sein, diese vielseitige Künstlerpersönlichkeit auch >* kennenzulernen. Rezitationsabende Jehuda Ehrenkrans Jehuda Eh renk ranz, der am 10. Februar seine dies* jährige Tournee durch Deutschland und die Tschechoslowakei antritt, gibt vor seiner Abreise zwei Abende mit vol'ständig neuem Programm. Er liest im Architektenvereiiiss a a 1 (1., Eschenbachgasse 9) am 30. d. «T s c h e c h i s c h e Autoren», am 9. Februar «Visionen». — Karten für diese Abende sind bei R. Lange, I., Kärntnerstraße 44, A. Mejstrik, I., Wollzeile 6, M. Rath, II., Taborstraße 20 a, zu haben. Der Kartenvocverkauf hat bereits begonnen. Vortrag Dr« Fritz Ullntann — Prag Der Organisationsreferent des tschechoslowakischen Landesverbandes Herr Dr. Fritz U11 m a n n spricht auf Grund einer Einladung des zionistischen Landeskomitees für Oesterreich am Sonntag, den 22. Jänner 1933, präzise 10 Uhr vormittags im Heim der zionistischen Bezirkssektion Leopoldstadt, II., Praterstraße 13, Über «Moderne Agitations- und Propagandafragen». Gäste willkommen. Doppelfeier in Mariahilf Arn 23. Dezember v. J. fand im Caf6 «Palace» die diesjährige Makkabäer-Feier der zionistischen Sektion Frauengruppe Mariahilf-Neubau statt, die sich zu einer imposanten Kundgebung der Judenschaft der westlichen Bezirke Wiens gestaltete. In dem herrlich dekorierten, bis auf das letzte Plätzchen gefüllten Saale begrüßte der Vizepräsident Dr. Richard Taussig die Festgemeinde unter Hinweis auf diese Doppelfeier aufs herzlichste. Das Anzünden der Chaftukah-Lichter bestritt Gesinnungsgenosse Herr Kriegsmann mit Chorbegleitung. Seine herrliche und klangvolle Stimme quittierte das Publikum mit starkem Beifall. Sodann heit Dr. M. E. Zweig (|erusa!em) die Festrede, die bei allen den tiefsten Eindruck hinterließ. Im künstlerischen Teil erzielte Renee Friedmann mit ihrer sehr hübschen Stimme starke Wirkung. Ebenso wurde Violinvirtuose Herr Lebowici vom Publikum stürmisch akklamiert. Sein «Kol-Nidre» grub sich jedem tief ins Herz ein. Dr. Oskar Teller erheiterte sodann das Publikum durch seine glänzenden Darbietungen. Stürmischer Applaus dankte schließlich der Künstlerin Hilda Dulitzkaja für :hre entzückenden itidischen Lieder. Um das Gelingen dieses Festes hat sich nebst einer Schar von Damen und Herren ganz besonders die Präsidentin Frau Direktor Erna G u 11 m a n n verdient gemacht. Diese edle und tapfere Frau, welche im Wahlkampfe, trotz aller gesundlichen Unbill, mit Elan gefochten hat, konnte im Gelingen dieses Festes zweifache Krönung für ihre Mühe finden. Das Arrangement hatte unser Gesinnungsgenosse Herr Dawid inne. Conference besorgte in vorzüglicher Weise Herr Otto K o h n. Personalnachrichfen Todesfälle. Unser Gesinnungsgenosse, der ht . : , nie hebräische Schriftsteller Sch. J. Silberbusch hat durch den Tod seiner Gattin, mit der er 28 Jahre hindurch zusammenlebte, einen schweren Verlust eriitten. Wir sprechen dem verehrten Altmeister des hebräischen Schrifttums unser Beileid aus — Unser Mitarbeiter, Herr Regierungsrat I. Kreppei, wurde durch den Tod seiner Gattin Mina auni schwerste betroffen. Wir drücken dem geschätzten jüdischen Publizisten unser Beileid aus. Rnahtfpinp Friedländer & Deotsd Ul UUUlUlllv Wien i .Seitenstettengassf Nr Tel. ü 8-1-28 XI. emrttlfriedboi. , e« en nein loi Tel 1 IS-O-hi Konxess. Häuser verwatfung ReaU u. Hypoihekenkanxlei Dr. Karl Rosenfeld VL Gumpendovfevstr. SS - Tel. B 20-4-46 vergibt Darlehen auf Wiener Zinshäuser, I. und II. Sätze, zum billigsten Zins fu ß und übernimmt Häuserverwaltur gen zu kulantesten Bedingungen. Der Vorstand des Vereines «Emes Weschulaum» gratuliert im eigenen wie auch namens des Vereine* seinem langjährigen Vorstandsmitgliede und Gäbe, Herrn Eli» Krüppel zum 60. Geburtstage und wünscht herzlich, mit unserem edlen Freunde noch lange Jahre beisammen zu bleiben.

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