Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1932-12-08 · Heft 257 (8.12.1932) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 257 (8.12.1932)
Date
1932-12-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3053752-3053963-3054011--3265-3058766
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 257 ~~ 8. Dezember 1932 Ult STIMME Seite 9 Bericht« dev Stimmet A B8W MBB EBB ■■■■—■ tm Um das Wahl-Ghetto in Saloniki: Der griechische Premier Tsaldaris Die Venizeiisfen drohen, deswegen Der griechische Ministerpräsident Tsaldaris gab detn jüdischen Senator Isaac S c i a k y und dem jüdischen Deputierten Daniel A 11 a l o u f, die beide in Saloniki als Kandidaten der von Tsaldaris geführten Volkspartei gewählt worden waren, die Zusicherung, daß er der Kammer in ihrer Jänner-Session eine Gesetzesvorlage unterbreiten wird, der gemäß der gesonderte jüdische Wahlsektor In Saloniki abgeschafft und die jüdischen mit den nichtjüdischen Wählern an der gleichen Wahlurne erscheinen werden. Mehrere Zeitungen in Athen und Saloniki wenden sich scharf gegen die angekündigte Aufhebung des jüdischen Wahlsektors, die venizelistischen Zeitungen erklären, daß die Partei des früheren Ministerpräsidenten Venizelos, die die stärkste Partei in der Kammer ist und das Kabinett Tsaldaris bisher nur toleriert hat, entschlossen ist, den Sturz Tsaldaris’ henbeizufiihren. sollte er nicht darauf verzichten wollen, sein Projekt, betreffend Aufhebung des jüdischen Wahlsektors in Saloniki, der Kammer vorzulegen. Wie der J. T. A.-Vertreter erfährt, soll gleichzeitig mit der Vorlage des Gesetzes, betreffend Aufhebung des jüdischen Wahlsektors in Saloniki, auch eine Gesetzesvorlage über Aenderung der Wahlordnung in ganz Griechenland dem Parlament unterbreitet werden. Zur Diskussion stehen die Einführung eines Proportionalwahlsystems oder die Einführung des Mehrheitssystems für kleinere Bezirke mit nur einem Kandidaten oder eines Mehrheitssystems für größere kündigt die Abschaffung desselben an eine Regierungskrise herbeizuführen Bezirke mit zwei oder mehr Kandidaten. Sollte der Salonikier jüdische Wahlsektor abgeschafft werden, so würden die Salonikier Juden nur im letzteren Falle eigene Kandidaten durchbringen können, in den erstgenannten zwei Fällen bestünde für sie die Gefahr, majorisiert zu Werden und im Parlament unvertreten zu bleiben. Der neue Generalgouverneur von Saloniki über seine Judenpolifik Der neue Generalgouverneur von Saloniki Philippe Dragounis, der soeben sein Amt angetreten hat, hat sowohl an'äßlich seiner Abreise aus Athen, als auch bei seiner Ankunft in Saloniki Erklärungen abgegeben, daß er willens sei, die berechtigten Interessen der jüdischen Bevölkerung jederzeit wahrzunehmen. Bei seiner Ankunft in Saloniki wurde Generalgouverneur Dragounis von einer Abordnung der jüdischen Gemeinde begrüßt. In seiner Antwortrede erklärte er, er nehme sich seinen verstorbenen Vater Stephan Dragounis zum Vorbild, der als der erste Generalgouverneur von Saloniki es verstanden hat, sich die Sympathien der gesamten jüdischen Bevölkerung zu erwerben. In erster Reihe werde er dafür sorgen, daß mehreren hundert armen jüdischen Familien, die über kein eigenes Heim verfügen und für die die Jüdische Gemeinde infolge der Wirtschaftskrise nicht sorgen kann, I von Staats wegen Wohnungen beschafft werden. Herriot verdammt den Antisemitismus Eine Botschaft an die Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus. — Ein Brief Einsteins Paris. Der französische Ministerpräsident Edouard Herrio.t, Ehrenpräsident der Internationalen Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus, der seine Absicht, das hn Rahmen der Jahrestagung dieser Liga stattfi ödende Bankett zu leiten, im letzten Augenblick nicht durchführen konnte, sandte zu dem Bankett einen persönlichen Vertreter mit einer Botschaft, in der er angesichts der in verschiedenen Ländern ansteigenden antisemitischen Flut seinem ' Abscheu vordieser barbau sehen Bewegung Ausdruck gibt und erklärt, daß der Weg zur Genesung der Welt einzig und allein im1 Frieden und in der Versöhnung liegt. Auf der Konferenz wurde auch ein Brief Professor Albert Einsteins aus Caputh bei Berlin verlesen, in dem der berühmte Gelehrte der Liga für ihre Tätigkeit seine Anerkennung ausspricht und erklärt, die Ueberwindung des Antisemitismus sei eine der großen Aufgaben der heutigen Menschheit. Professor Einstein fordert die Mitglieder der Liga au*, f.ü r den Frieden zu wirken, da ein gesicherter Friede die beste Garantie gegen nationalen Chauvinismus und VWkuhaß ist. Die Konferenz beschloß auf Antrag des Präsidenten der Liga, Bernard Lecache, der Amsteaamer Friedensliga beizutreten. Die Konferenz nahm auch eine Entscheidung an, ln der der Palästina-Bewegung neuerdings wohlwollende Die große Londoner Wochenschrift «J e w i s h C h r oriicle» zitierte unter der Ueberschrift «Im dunkelsten Deutschland» die auf Entrechtung der Juden abzielenden Punkte im Programm der N. S. D. A. P. und die gleiche Ziele verfolgenden den Parlamenten zugegangenen Gesetzetwürfe der Hitler-Partei. Daraufhin gingen der Zeitung zahlreiche Zuschriften prominenter Engländer zu, in denen dem Erstaunen darüber Ausdruck gegeben wurde, daß in dem im Herzen Europas liegenden Deutschland die Erneuerung mittelalterlicher Barbarei geplant wird. Der Dichter Bernard Shaw schrieb der Zeitung: «Es fällt mir schwer, zu glauben, daß die in Ihrem Artikel «Im dunkelsten Deutschland» zitierten Aeußerungen repräsentativ sind In jedem Lande findet man rabiate Menschen, die eine Phobie gegen Juden, Jesuiten, Armenier, Neger, Freimaurer, Iren oder Fremde schlechthin haben. Es besteht ein Vorurteil gegen Chinesen als lohndrUckende Neutralität zugesichert und erklärt wird, die Lösung der jüdischen Frage werde durch den Frieden unter den Nationen herbeigeführt werden. Dem Bericht der Exekutive ist zu entnehmen, daß im Verlauf des Jahres 200 der Bekämpfung des Antisemitismus gewidmete Versammlungen abgehaiten wurden; bekämpft wurden die antisemitische Agitation der Zeitung des Herrn Coty «L’Ami du Peuple», die antisemitische Hetze der Hitler-Leute in Deutschland, die antijüdische Verfolgung in Rumänien, die antijüdischen Exzesse in Sfax, in Oran und in den übrigen Teilen von Französlsch-Nordafrika. Die Liga nahm an mehreren internationalen Manifestationen teil. Die Konferenz befaßte sich auch mit der Frage des Asylrechtes ausländischer Juden in Frankreich Bei den Behörden wurde zugunsten eingewanderter Juden, deren Heimatdokiwnente nicht in Odnung waren, interveniert und das Verbleiben von Hunderten solcher Juden in Frankreich durchgesetzt Die materielle Lage der ausländischen Juden ist jetzt sehr traurig. d:e Konferenz appellierte an die französischen Juden, ihnen zu helfen. Auf Antrag von Bernard Lecache wurde beschlossen, eine Massenversammlung einzttberufen, die sich ausschließlich mit der F;age des Asylrechtes befassen soll. Die französische Regierung wird ersucht, durch Gesetz die eingewanderten Juden ln die Kategorie politischer Einwanderer, die nicht ausgewiesen werden dürfen, einzureihen. Schwerarbeiter und gegen Juden als «Finanzmänner» und «Internationalisten». Es gibt politische Parteien, die nicht zu schlecht dazu sind, diese Aengste und Eifersüchteleien für ihre Zwecke auszubeuten. «Kein Programm — versuch’s mit einem Pogrom» — das ist der allerletzte Ausweg für eine geistig bankrotte Partei.» Kampf um den Bavi in Kuba Der Gesundheitsminister von Kuba verbot kürzlich *aus hygienischen Gründen» das Tragen von Bärten. Daraufhin erhielt der Minister Proteste orthodoxer Juden und zog daraufhin sein Verbot, soweit es sich um Juden handelt, zurück. Er ersuchte jedoch hiebei die Juden, ihre Bärte so kurz als möglich zu stutzen. Kuba muß ein glückliches Land sein, wenn sein Gesundheitsminister keine anderen Sorgen hat! 100 Pfund Geldbuße für das Wort „Shylodi** Melbourne. Sir Daniel 1. c v y, der Vorsitzende des Parlaments der australischen Provinz Neusiid wales, verklagte eine in Sydney erscheinende Arbeiter-Tageszeitung, die über ihn geschrieben hatte, er habe während seiner Amtszeit als Oberstaatsanwalt in einem gewissen Falte als ShykxHc gehandelt. Der Anwalt Sir Daniel Levys führte vor Gericht aus, sein Mandant sei stolz auf seine Zugehörigkeit zum Judentum, aber er könne es sich nicht gefallen lassen, ein Shylodt genannt zu werden. Das Gericht gab der Klage Folge und verurteilte den Redakteur der beklagten Zeitung zur Leistung einer Geldbuße von 100 Pfund. Sir Daniel Levy, einer der angesehensten australischen Juristen, betätigt sich sehr aktiv im jüdischen Gemeindeleben und redigierte vor einiger Zeit das jüdische Organ «Australian Hebrew». ,f ‘ “ Ober wirtschaftliche Prosperität Palästinas London. «Manchester Guardian», die einflußreiche liberale Zeitung, die für liberalere Formen im internationalen Wirtschaftsverkehr eintritt, erklärt im Leitartikel ihrer Ausgabe vom 19. November den verhältnismäßigen Wohlstand Palästinas inmitten der Weltdepression damit, daß das Land immer neue jüdische Einwanderer aufnimmt. Die Einwanderer bringen dem Lande beträchtlichen wirtschaftiichenNutzen. Hätte sich Palästina wie die meisten Länder auf Stoppen der Einwanderung versteift, so hätte es seine heutige wirtschaftliche Prosperität gewiß nicht erreicht. «Manchester Guardian» ist sehr optimistisch in bezug auf die Beziehungen zwischen Juden und Arabern in Palästina und meint, wirtschaftlicher Wohlstand habe sich immer als eine gute Salbe für wunde Gefühle erwiesen und Prosperität sei Vorbedingung für Ordnung und Frieden. Antisemitismus in der Mauer Bauarbeiter sebatt Moskau, 27. September. Unter den Arbeitern, die an dem Bau des 20stöckigen Hotels des Moskauer Sowjet beschäftigt sind, sind in der letzten Zeit Fälle offener antisemitischer Propaganda und Ueberfälle auf jüdische Arbeiter vorgekommen. An dem Bau sind 1500 Arbeiter, unter ihnen sehr viele Juden, beschäftigt. Eine Gruppe antisemitisch gesinnter Arbeiter hat es sich zur Aufgabe gemacht, die jüdischen Arbeiter hinauszuekeln. Jüdische Arbeiter wurden beschimpft, mit Steinen beworfen, mit schmutzigem Wasser begossen und auf verschiedene andere Weise gequält. Eine von einem gewissen Paschin geführte Antisemitengruppe mißhandelt* den jüdischen Arbeiter Rud in einer Weise, daß er mehrere Tage das Bett hüten mußte. Eine andere Gruppe überfiel den jüdischen Arbeiter Fränkel und mißhandelte ihn schwer. Der Sekretär der kommunistischen Parteikammer dieser Baugewerkschaft, ein gewisser Joludow, der auf diese Vorgänge aufmerksam gemacht wurde, erklärte, sich nicht einmischen zu wollen und drohte dem Sekretär der jungkommunistischen Kammer, der eine Anzeige bei der übergeordneten Organisation erstatten wollte, mit Verfolgung wegen übler Nachrede. Die Zeitung «Wetschernija Moskwa» fordert, daß Joludow wegen Duldung eines Antisemitismus häßlichster Art zur Verantwortung gezogen werde. Wichtig für Palästina-Einwanderer Das Wiener Palästinaamt teilt mit: Gemäß den neuen Bestimmungen der Palästina- Regierung muß jeder Einwanderer nach Palästina, gleichgültig welcher Kategorie, nachweisen, daß er in den letzten 7 Jahren mit Erfolg gegen Pocken geimpft worden ist. Der Nachweis erfolgt durch das übliche Impfzeugnis oder durch Attest eines Arztes. Der Nachweis muß erhraoht werden, bevor das Visum erteilt werden kann. * Durchreise polnischer Palästina-Emigranten durch Wien Am 29. November d. J. reiste ein vom Warschauer PalÄstinaamte abgefertigter Speziialzug mit zirka 300 Auswanderern durch Wien zum Hafen Triest. Dem Transporte haben sich in Wien einige Palästinafahrer angeschlossen. Die Durchreisenden werden am Wiener Nord'bahnhof vom Palästinaamte mit Hilfe einiger Damen von der Z. M. V. «Mirjam» bewirtet. Der nächste Auswanderer-Zug dürfte am 13. Dezember d. J. durch Wien reisen. «Eleonore Düse» Ist der Titel des nächsten Vortrages, Donnerstag, den 8 Dezember 1932, pünktlich 19 Uhr, in def interessanten Vortragsreihe «Das weibliche Genie des 19. und 20. Jahrhunderts», von Dr. Marth» Hof mann, Wien, IX., Freiheitsplatz 13, Mezzanin, Tür 9. Gäste willkommen 1 Anmeldung: Telephon A 27-6-68. K. K. L. Baumspenden S 23.— Für Jaar Landau: Josef Mermelstein 16.—; Kopel Blum Bernard Shaw wundert sieh nicht über Hüter „Kein Programm - versuch*» mit einem Pogrom** Allen Interessenten wird über Wunsch D e Stimme durch 4 Wochen kostenlos zugesandt 5455660^5522

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.