Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 253 (10.11.1932)
- Date
- 1932-11-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3053752-3053963-3054007--3221-3058718- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 253 — 10. November 1932 DIE STIMME Seite 9 Gastspiel Paul Bavaioff «Baum der Erkenntnis», Drama von Jakob Gordln — Jüdische Künstlersplele Dr. Paul Baratoff begann an den «J li d i- dien K ün s 11 e r spi e 1 e'n» mit dem Drama «Ba um der Erk e n n t n i s» von Jakob O o r d i n I ein,kurzes öastspiel. Gordin ist der Hausdichter des jiddischen Thea** ters. Als naturalistischer Dramatiker hat er eine ftanfe Reihe bühnenwirksamer Stücke aus dem kleinbürgerlichen jüdischen Leben des Ostens für das jiddische Theater geschrieben. Sein «Baum der Erkenntnis» ragt mit seinen inhaltlichen und problemenhaften Verästelungen noch in die Zeit der Jahrhundertwende und erhält nur durch das selbstschöpferische Spiel Baratoffs den heißen i Atem der Lebendigkeit, erdgebundene Kraft. : Paul Baratoff gibt wieder eine jener Gestalten, die, Riesen an väterlicher Liebe und reinem M.enschentum, gegen die menschliche Schwäche, Schichtigkeit und Beschränktheit mit ihrem Sein und Handeln Sturm laufen und daran zerschellen, die an der Gleichgültigkeit, an der Seelenlosigkeit der engeren und feinerstehenden Mitmenschen zugrundie gehen müssen. Der Tischlermeister Mösi Straschun hat die in einem arbeits- und entsagungsreichen Leben ersparte Mitgift seiner Tochter einem ihn um Hilfe anflehenden verzweifelten Jugendfreunde geliehen. Er ließ sich hiebei von der Meinung leiten, daß Geld bei gebildeten Menschen gewiß keine entscheidende Rolle spiele. Durch das Fehlen des Geldes geht jedoch das Verlöbnis seiner Tochter mit einem «gebildeten» Apotheker in Brüche, wird er schließlich von. Frau und Kindern verlassen. Als Straschun, allein geblieben, erfährt, daß seine Tochter die Geliebte eines Generals geworden ist, erwürgt er sie aus Zorn und Schmerz in der Wohnung des Geliebten. Baratoff spielt diesen Mosi Stvaschun, wie nur er, der Titane unter den Schauspielern, solche Mein jehen spielen kann. Mit heiterer Selbstverständlichkeit bringt er die Opferschale seines Lebens in jahrzehntelanger unverdrossener Arbeit und Entbehrungen dar. So steht er da im Anbeginn vor uns, dieser jüdische Handwerker, dem seine Kinder alles sind. Wie Baratoff diesen ungebildeten jüdischen Vater aus dem Odessaer Ghetto zu seinem studierenden Sohn und zur rornanlesenden Tochter in Bewunderung aufblicken läßt, wie er ihre Demütigungen In Demut hinnimmt und nur immer wieder um ihre Liebe wirbt, ist von ergreifender, erschütternder Wikung. Ueberlebensgröß in der Szene, da der letzte Schleier von Menschen und Geschehen gerissen, das verwundete Gefühl wie ein reißender Strom aus ihm bricht und sich in zerstörende; Rache für sein in den Grundfesten beleidigtes Menschentum verwandelt. Die ganze Tiefe unc! Weite seiner Darstellungskunst offenbart Baratoff an der Gestaltung dieses Mosi Straschun. Seine knappen Gesten, die gutmütige Kindlichkeit eines ungeschlachten Riesen, die rührende Naivität lind Ganzheit Im Fühlen, sein Reden und sein Schweigen sind echter, großer Baratoff. Von den übrigen Mitwirkenden ist Fräulein Olly Schilf ko Witz hervorziihelven, die als verlassene Braut echte Töne fand und In Aussehen und Haltung glaubhaft ihre seelische Verfassung mimte. Bewährt wie immer Frau Klara M e i s e 1 s sowie Herr B. Sigall. Von derber Komik die gelungene Figur des Gesellen des Herrn A. B e 11. Aber auch alle anderen waren mit viel Eifer bei der Sache. Das Publikum war von Baratoffs Spiel tief ergriffen Und feierte den Künstler stürmisch. jakob R o s e n t h a 1. Boris Schafs in Jerusalem su Grabe getragen Am 2a, Oktober iiadmiittAgs wurden die Merklichen Reste des hervorragenden Malers und Bildhauers Boris Schatz, Begründer der Bezalel-Schule in Jerusalem, der palästinen«ichen Erde übergeben. Boris Schatz war bekanntlich auf einer Reise durch die Vereinigten Staaten, Wo er um Unterstützung zur Ermöglichung der Wiedereröffnung : der Bezalel-Sclnile warb, verstorben; die Leiche wurde erst nach nahezu einem Jahre nach Palästina überführt. Die Begräbnisfeier gestaltete sich außerordentlich eindrucksvoll. Das Gebäude der Bezälel-Schule, in dem die Trauerfeierlichkfcit begann, war innen und außen schwarz dekoriert. Hier hielten Dr. Chaim Arlösoroff im Namen der Zionistischen Exekutive, M. M. U S s i s c h k i n im Nanren des Keren Kajemeth tiefempfundene Ansprachen. Von der Schule bewegte sich der Trauerzug zum Oelberg, wo die Bestattung auf dem jüdischen Friedhof statbfar.d. Der Sarg mit den sterblichen Resten von Borte Schatz war am 17. Oktober morgens in Jaffa eingetragen und wurde sofort nach Tel-Awiw gebracht, wo im Beisein von vielen Hunderten Anhängern und Schülern eine Trauerfeier in der Größen Synagoge stattfand. Gedenkreden hielten Bürgermeister Mayer Dizengoff lind Professor Josef Klausn er. Sofort nach Beendigung der Feier wurde der Sarg nach Jerusalem unter Traueirgeleit gebracht. Die Presse Palästinas wüdigt eingehend die künstlerische, nationale und menschliche Persönlichkeit von Boris Schatz. Morris Lampe und Genia Schifft an den „Jüdischen Künstlerspielen“ Der Leitung der «Jüdischen Künstlerspiele» tet es gelungen, den hervorragenden russisch-jüdischen Schauspieler und Regisseur Morris Lampe und die Partnerin Baratöffe, Genia S c h 1 it t, für ein kurzes Gastspiel Zu gewinnen. Als Eröffnungsvorstellung gelangt die Komödie «Tewie* Töchter» von Schalom Aleichem in völlig neuer Inszenierung und mit musikalischer Untermalung zur Aufführung. Damit beginnt in den «Jüdischen Künatlerepielen»- die Reihe von Aufführungen, die der jüdischen Volkskunst dienen sollen. P. N. M. Gelber; Eine mißglückte Judenstaatsgründung im Midjangebiet (Ein KoionisaÜonsversacjh Kart Fried man ns in den Jahren Iä91/18d3) (Nach unbekannten Archivmaterialien) (Fortsetzung) Anfangs Dezember 1801 ging er ln See, am 14. Dezember legte er in Suez mit 24 Mann an,8) um von hier au* den Marsch über die Sinaihalblnsel gegen Akaba zu anzutreten. Aber schon in Suez begann es unter seinen Leuten zu gären. Als die Leute beauftragt wurdeh, das Gepäck vom Strande zu holen, erkläre einer — namens Rosnowitsch — «er sei kein Esel, um Lasten zu trügen». Er ließ es aber nicht dabei allein bewenden, (sondern forderte alle auf, Friedmann zu verlassen, da es besser sei, in Rußland brotlos zu sein, als hier schwere Arbeiten zu leisten. Infolge dieser offenkundigen Widersetzlichkeit wurde er auf Grund des mit den Kolonisten abgeschlossenen Vertrages (§ tl) von cVtir Expedition ausgeschlossen. Hierauf erklärten sich noch zwei Kolonisten mit ihm solidarisch. Es kam sogar zu ejiner Balgerei zwischen diesen und von Seebach sowie den Unteroffizieren, die die Revolver zogen, um die übrigen Mißvergnügten im Zaum zu halten. Rosnowitsch ui/id ein Komplice namens Schwatz wurden hierauf aus dem Lager gejagt, obwohl sie versucht hatten, zurückzukommen. Dieses allzu scharfe Vorgehen seitens Friedmanns regte die Leute noch mehr auf, Von nun an hörten die Hetzereien nicht auf. Es kam selbst soweit, daß Friedmann alle z/usammengerufen hatte und erklärte, wer gehen will, möge das Lager verlassen. Auf diese Aufforderung hin meldeten sich 17 Mann, Nach Ablieferung der Monturen *) Hier stellt er sich ln Uniform mit Orden und lnaignien, um ihnen noch mehr zu imponieren, als eine Art 'Pascha vor. wurden sie ein geschifft und nach Tor gebracht, wO sie der Örtagöuvemeur mit Proviant versehen hatte und mit zwei Kamelen nach Suez weiterbeförderte.6 7) Friedmann, dessen Vorgehen auch sein Arzt Doktor Landsmann für grausam hielt, glaubte, so handeln zu müssen, da eine Kolonisation mit derart «zusammengewürfelten Elementen» wie seine Teilnehmer eiserne Disziplin erfordere und die Juden es lernen müssen, Disziplin einzuhalten und schwere Arbeiten zu leisten. Abgesehen von diesen inneren Reibereien hatte Friedmann bedeutend größere Schwierigkeiten seitens dar ägyptischen und türkischen Behörden zu überwinden. Kaum war die Expedition bis Scherm-el-Moyeh (aut der Südspitze der unter ägyptischer Botmäßigkeit stehenden Sinaihalbinsel) angelangt, als schon die türkische Regierung gegen den Weitermarsch scharfen Protest erhob. Friedmann mußte nun In einer ganz wüsten Gegend halten und ein Zeltlager aufsChlagen. Der Botaniker Alfred Kaiser, der sich in Jenem Zeitpunkte in dieser Gegend auf einer wissenschaftlichen Exkursion befand und auf das Zeltlager zufällig stieß, schildert in folgenden Worten1) Friedmanns Zeltlager: «In einigem Durcheinander, gar nicht Wie in Militärlagern Oder bei Beduinen der Brauch ist, standen 0 bis 8 Zelte am Meeresstrande. Um sie herum Drahtgitter und Bretterverschläge, eine Barrikade von Kisten und Balken und mitten tot Lager ein ganz leichtes Feldgeschütz. Draußen in der blauen Meeresbucht schimmerte der blitzblank geputzte Rumpf einer Dampfjacht und auf der Flutwelle lagen zwei arabische Segler, die das viele Lagermaterial hierher gebracht hatten. Im Schatten eines der großen Giebelzelte saß Herr Paul Friedmann mit seinem Stabe. Er stellte sich als Deutscher vor und machte uns mit seinen Begleitern, dem Wiener Arzt 6) Wir schildern die Vorgänge auf Grund von Briefen Friedmanns und anderer Teilnehmer, die in der «N. Fr. Pr.» 1862, v. 27. Februar 1892 Nr. 9881, abgedruckt wurden. 7) «Jüdische Rundschau», 1924, v. 4. März, Jg. 29, Nr. 18, S. 12Ö. „Arthur Schnihfm jüdisch« Persönlichkeit*1 Vortrag von Dr. Martha H o f m a n n anläßlich des erstem Todestages des Dichters. Als Auftakt ihres diesjährigen Kultüsprogratrtmes lud die WlZO Frau Dr. Martha Hofmann ein, über den jüdischen Dichter Wiens, Arthur vSchnitzler, zu sprechen* Frau Dr. Hofrnänn ging von der engen persönlichen Be* zie.huhg des Dichters zu jüdischen Schicksalen, ganz besön» ders zu Theodor Herzl, aus, dessen Rivale, Freund und —■ Antipode Schnitzler in seiner Jugend war und dem er in der kritischeste Zeit mit liebevoller Güte beistand. Obwohl vom Dichter selbst in diese eigenartige Beziehung wenige Jahr« Vor seinem Tode eingeweiht, verweilt die Vortragende dabe! nicht lange, da sie das Wesentliche von Schnitzlers jüdischer Wesenheit in seinen Werken ausgedrückt findet, und zwar keineswegs nur in den spezifteclt-*jüdtedien» Gestalten des Heinrich Beermann im «Weg ihs Freie» (übrigens eine Art Selbstporträt, das der Dichter bewußt nach der jüdischen Seite hin stärker pronöncierte) oder des «Professor Bernhard!» (Schnitzlers Vater), sondern in jenem jähen und tragischen Wechsel von Glück und Unglück, von Geborgenheit und Vögelfreiheit, Von Leben und Tod, wie er bei Schnitzlet von der Jugend («Liebelei», «Leutnant Gustl») bis zum Alter («Fräulein Else», «Spiel im Morgengrauen») immer wiederkehrt, scheinbar unmotiviert und übergängslos, Ausdruck einer tiefiimeren Angst und eines unendlichem Grauens, wie es kein anderer Wiener Dichter in jener sorglosen Vorkriegszeit empfunden und gestaltet hätte. Nur einem einzigen Wiener Zeitgenossen zeigt sich Schnitzlet in der Schilderung des Abgründigen und Ahnungsvöllen tief verwandt, zunächst noch ohne ihn 2u kennen — Siegmund Freud, dem Schöpfer der Psychoanalyse. Gleich diesem reißt Schnitzler "dem Menschen die heiter-harmlose Maske ab — und erblickt dahinter das hippokratische Antlitz des Todes. Es ist, als ob er mit wissenden, ewigen Augen — Augen des ewigen Juden — darauf blickte, schon als ganz junger Mann. — Stürmischer Beifall dankte der Referentin für ihren in Form und Inhalt gleich vollendeten Vortrag. Dr. Amalie Kantor. Die letiten Vorstellungen mit Dr. Paul Baratoff an den «Jüdischen Künstlerspielen», IL, Praterstraße 34. Trotz des großen Erfolges kann das Gastspiel Dr. Paul Baratoffs nur noch einige Tage fortgesetzt werden. Freitag, den 11., Samstag, den 12., und Sonntag, den 13. d. M., finden dieletzten Vorstellungen des Völksstückes «Der Baum der Erkenntnis» (Ez Hadaas) mit Dr. Paul Baratoff statt. Für einen jüdischen Schauspielernachwuchs! Um einen entsprechenden Schauspielernachwuchs heranzuziehen, hat sich die Direktion der «Jüdischen Künstler- Spiele» entschlossen, eine Reihe jüdischer talentierter junget Leute (Mädchen und junge Männer) sprachlich und schauspielerisch auszubiWen. Ernste Interessenten werden gebeten, sich persönlich öder Schriftlich bei der Direktion der «Jüdischen Künstlerspiele», II., Praterstraße 34, zu melden. Nähere Auskünfte erteilt A. M c i s e 1 s, Dramaturg, 1!., Prater- Vwem für jüdische Geschichte und Literatur In Wien, 11., Ferdinandstraße 23/8. Montag, den 14. November 1932, im Klubsaale der Hakoäh, 1., Wiesingerstraße 11 (Cäfd Atlashöf, eigener Eingang, Souterrain), Vortrag des Herrn Döktör Ch. Tartaköwer: «Bialik als Denker». Beginn ^8 Uhr abends. Eintritt fr4i. Gäste willkommen. Dr. Landsmann, dem Berliner Chemiker Dr. Fürst, dem Techniker E. Maler, Herrn Baron von Seebach und zwd Unteroffizieren aus der deutäCh-östafrikanischen Schutztruppe, Tiele und Ebel bekannt. Beim Warenlager machten sich zirka 20 in Khaki gekleidete Arbeiter zu Schaffen, die als russische und aus Krakau kommende jüdische Flüchtlinge bezeichnet wurden. Es war eih überraschendes Bild für mich, mitten in dieser menschenarmen Einöde, wo nur der Wüstensand in trägem Strome arbeitet und stumme Korallen ihre Wassergärten bauen, eine kleine Menschenwelt anzu» tröffen, die von diesem Punkte aus kulturelles Leben in dl« Umgebung ZU verbreitert erhoffte.» Innerhalb des Lagers wuchs immer mehr das Mißvergnügen der Leute, die nöch aufgebrachter wurden, als sie erfahren hatten, daß der fortgejagte Rosnovitsch unterwegs in der Wüste tot aufgefunden wurde. Friedmann fuhr inzwischen nach Suez, um an Stelle der Ausgeschiedeneh Sudanesen anzuwerben. Er versuchte zwar allen recht zu machen und war von den besten Absichten beseelt, aber infolge seiner Nervosität hielt er sich über ganz geringfügige Kleinigkeiten auf und zeigte Sich tagtäglich ungeeigneter, eine großzügige Expedition zu leiten, indem er die Leute ganz falsch behandelte.8) Die Flüchtlinge, die sein Lager verlassen hatten, kamen Hach Suez, von wo aus sie einen heftigen Zeitungskampf gegen Friedmann einleiteten. Die gesamte jüdische und nichtjüdische Presse setzte mit einet Kampagne gegen Ihn ein und stellte ihn als unverantwortlichen Abenteurer an den Pranger. Die Flüchtlinge selbst waren ganz mittellos und nur auf öffentliche Unterstützung angewiesen, Sie verlangten, nach England Oder Amerika gebracht zu werden8),' •) Brief Df. Landmanns v. 6. Februar 1892 in dH «N. Fr. Pr.» v. 2. März 1892, Abendblatt Nr. 9885. 8) Bericht des österr.-ungar. Generalkonsuls in Kairo vom 25. Jänner 1892 (W. St. A.). (Fortsetzung folgt)