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Die Stimme · 1932-10-20 · Heft 250 (20.10.1932) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 250 (20.10.1932)
Date
1932-10-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Hakt l ’ühr, ats- V. b. b BEZUGS- BEDING! INGEN Oesterreich monat lieh S I SO, vierteljährl S 4 20, ganz jährl 8 I6'~ I >eut«chld viertel jährl. RM V— Tschechoslowakei viertel) Kc 24 — lugoslawteti vtetiel jährl l)itt 40- Polen vterieljähr lieb Zlot> ft SO Ungarn Vierteljahr lieh Pengo 4 20 Rumänien viertel iährl l.ei 120» Uehriger Ausland vterteljihrl Schn Frankei 4 S0 i. *) c an tien Wiener Hochschulen (Seite 2) -eggst Zeitung Preis 35 g Erscheint jeden Donnerstag Reilak tion und Administration Wien, l.. Kärntner etra&e 2h Tel R-27 4-8ft Postsparkassen konti: Oesterr. L) 11354t Polen 191.199 Ischecho Slowakei . 500 230 jugoslawten 40.879 S. Jahrgang Wien, Donnerstag, 20. Oktoper 1932 (20. Tischri 5693) Nummer 250 Mittwoch, den 26. d. M. findet um halb 9 Uhr abends im Festsaale des Hotels Continental, II., Taborstraße, eine große zlontstlsdit KHlinswahlfr-ycrsfliHHimnij statt. Es werden sprechen: Dr. Desider Friedmann Oberbaurat Ing. Robert Stricker Dr. Josef Löwenherz Juden erscheint in Hassen 1 Das Zentralwahlkomftee der zionistischen Liste m Um die jüdische Einheit* gemeinde In den letzten Tagen trat in Wien ein' Komitee zusammen mit dem Ziele, ähnlich wie Berlin und London, nun auch Wien* mit einer liberalen oder, wie sie sich nennen will, «fortschrittlich religiösen» jüdischen Vereinigung und der Umwandlung des alten traditionellen jüdischen Gottesdienstes , in einen mit Schallplätten, Damenchor und — Sonntagsandächt zu beglücken. Anscheinend sind die Kreise in Wien, die diesen letzten Endes auf eine offene Spaltung der jüdischen Gemeinde auf religiösem Gebiete hinauslaufenden Strömungen ihr wohlwollendes Interesse nicht versagen, der Ansicht, daß den in unerträglicher sozialer Not lebenden Juden nur noch der reformierte Gottesdienst fehle und ein solcher angesichts der rapid ansteigenden Austrittsbewegung die Fahnenflüchtigen zurückrufen könnte. Die Sitzung dieses vorbereitenden Komitees fand natürlich im blauen Saale des Hotel «Imperial» statt und die «Neue Freie Presse» berichtete darüber, wenn auch an einer etwas ver-, borgenen Stelle des Blattes. Dieses Ereignis, so unbedeutend es an sich ist — wir nehmen dazu an anderer Stelle unseres Blattes Stellung ■ - gewinnt durch die Tatsache, daß ein Vertreter einer Wiener jüdischen Gruppe,’ die sich noch bis vor kurzem — vielleicht auch heute noch? — als die einzige autochthone Vertreterin und Wahrerin des Wiener konservativen bürgerlichen Judentums deklariert hat, an dieser vorderhand freilich nur gesellschaftlichen Charakter tragenden Komiteesitzung Pate gestanden hatte, erhöhte prinzipielle Bedeutung. Und nur aus prinzipiellen Gründen nehmen wir diesen «letzten Schrei» am Wiener jüdischen religiösen Himmel zum Anlaß unserer Betrachtungen. Freilich hat hier nicht der Zufall Regie geführt. Denn diese ganze Liebe des Herrn Obermedizinalrat Dr. H a a s e zum Liberalismus vor dem Altäre, vor dem Almenor, vor welchem der Rabbigeistliche in vollem, dem nichtjüdischen Ritus entnommenen Ornat, ohne Kopfbedeckung dasteht, wird einem sofort verständlich, wenn man an das andere Ereignis denkt, das bei dem Großteil des Wiener Judentums Bestürzung und Befremden und ob seiner Pikanterie auch bei den Nichtjuden Sensation erregte. Wir meinen das Wahlbündnis zwischen der «Union deutschösterreichischer Juden» — der Hochburg des konservativen jüdischen Bürgertums mit stark kapitalistischem Einschlag — und der Vereinigung der «Werktätigen Juden» — den jüdischen Exponenten der österreichischen Sozialdemokratie - zur Eroberung der Kultusgemeinde. Denn an dem Zustandekommen dieses kuriosen Wahlpaktes war nebst dem arabischen Muftiverteidiger Dr. Feldsberg derselbe Obermedizinalrat Dr. Haase in hervorragendem Maße beteiligt. Herr Dr. Haase, dem seine langjährige sozialdemokratische Mitgliedschaft hier durchaus nicht zum Vorwurf gemacht werden soll, konnte wohl als sozialdemokratisches Mitglied bei den letzten Kultuswahlen auf der Liste der Union kandidieren, ungeachtet des offenen Diszipiinarbruches, dessen er sich gegenüber seiner sozialistischen Ueberzeugung schuldig machte; warum sollte es demselben Herrn schwerfallen, vierzehn Tage nachdem er sich in öffentlicher Kultusvorstandssitzung gegen das allgemeine Wahlrecht ausgesprochen, nun ein Wahlbündnis mit jenen einzugehen, die durch ihren Vertreter in derselben Sitzung, die von Dr. Haases Parteigenossen verteidigte bescheidene Wahlrechtsreform in schärfster Weise ablehnten? Warum sollte Herr Dr. Haase nicht für einen Wahlpakt eintreten mit einer Gruppe, die seine Partei noch gestern mit dem größten Schimpf bewarf, den man einer selbstbewußten jüdischen Partei zui'ügen kann - den Vorwurf der Hakenkreuzförderung? Warum sollte die Union, die noch vor vier Jahren erklärte, «kein Hinabgleiten in die politische Arena in Kuiutsgeineindeangelegenheiten zu dulden”, sich nicht mit denselben Klassenkämpfern verbinden dürfen, gegen die ihre Drohung und Intoleranz gerichtet war? Allem Anschein nach haben die Herren der Union eben in den vier Jahren sich einer marxistischen Häutung unterzogen, um zum richtigen Moment sich auf den Boden des Klassenkampfes in der jüdischen Gemeinde zu stellen. Es ist beileibe nicht unsere Aufgabe, auf die$e politische Charakterlosigkeit der Union hinzuweisen, die in ihrem Wahlbündnis mit ihren schärfsten Widersachern von gestern und — vielleicht auch von morgen? — liegt. Es liegt uns auch ferne, auf dieses ins Auge springende unnatürliche Bündnis zwischen Kapital und Sozialismus und seine Folgen, die ihr« Schatten bereits vorausschicken, im besonderen hinzuweisen, ebenso,ferne, wie zu untersuchen, ob das die ultima ratio der keinen Ausweg wissenden Union ist. Jedenfalls hat sich die Union deutschösterreichischer Juden durch ihr Bündnis mit den marxistischen, auf dem Boden des Klassenkampfes stehenden «Werktätigen Juden» ebenfalls klassenkämpferisch einge- Schwere Zusammenstöße zwischen revisionistischen und Histadruth- Arbeitern in PaWstina Knapp vor Blattschluß erreicht uns die telegraphische JTA-Meldung von den schweren Zusammenstößen zwischen revisionistischen und in der Histadruth organisierten Arbeitern. Jerusalem, ln Jerusalem, Tel-Awiw und Haifa kam es in den allerletzten Tagen wiederum zu heftigen Zusammenstößen zwischen in der Histadruth gewerkschaftlich organisierten Arbeitern und Arbeitern der nationalen Gewerkschaft (Revisionisten), bei denen es eine Anzahl Verletzte gab und auch mehrere Verhaftungen von der Polizei vorgenommen wurden. Ursachen der Streitigkeiten sind Differenzen ln der Frage des Arbeitsnachweises und der Umstand, daß gewisse Arbeitgeber revisionistische Arbeiter bevorzugen und die Revisionisten die Streikparolen der Histadruth nicht respektieren. Der Magistrat von Tel-Awiw verhandelt zwischen den streitenden Gewerkschaften und erreichte es, daß zwischen den S m KÄI5ERSTR. 123 K. ALSER5TR. 6 $ 16 - S18 - S 20 - Streitenden für die Dauer eines Monats eine Art «Waffenstillstand» geschlossen werde. Die revisionistischen Arbeitgeber stimmten dem Abkommen zu. Bis zum Ablauf dieser Frist hofft man, daß eine Einigung in den strittigen Fragen erzielt werden wird. Der Waffenstillstand ist auch unter dem Druck der Regierungsbehörden zustande gekommen. Der Stadtrat von Tel-Awiw hielt eine Sondersitzung ab, in der beraten wurde, wie dem weiteren Arbeiter-Bruderkrieg Einhalt zu gebieten wäre. In Haifa, wo es ebenfalls zu Zusammenstößen zwischen Angehörigen der Histadruth und solchen der revisionistischen Gewerkschaft kam, ließ die Regierung eine Warnung plakatieren, in der schwerste Bestrafung für Störung der öffentlichen Ruhe angekündigt wird. Am schwerwiegendsten waren die Zusammenstöße ln Jerusalem, wo eben erst nach dem Beispiel von Tel- Awiw ein einmonatiger «Waffenstillstand» geschlossen worden war. Der schwerste Zusammenstoß ereignete sich in der Biskuitfabrik von Frumln, hier wurden sieben Personen, davon zwei schwer, verwundet Die Schwerverletzten sind Revisionisten; sie wurden ins Hadassah-Hospital überführt. Ursache des Kampfes war, daß revisionistische Arbeiter den von der Histadruth in dieser Fabrik proklamierten Streik nicht respektierten, sondern ihre Arbeit fortsetzten. Ein größeres Aufgebot von Polizei stellte die Ruhe wieder her und verhaftete 15 Personen. Bel den Kämpfen wurden auch zwei Polizisten leicht verletzt

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