Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 246 (22.9.1932)
- Date
- 1932-09-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b. Preis 35g BEZUGS¬ BEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 150, vierteljlhrl S 4*20, tan» iihri . . 8 16*— Usutechld viertel iihri. . . RM J*— Tschechoslowakei viertelj Kr 24— Jugoslawien vierteliihri Din 40 - Polen viertel)lhr Ucb Zloty f> 50 Ungern vierteljlhr lieh Pengö 4 20 Rumlaien viertel Chrl Lei 120— ebriger Ausland vierteljlhrL Schw Pranke» 4*50 Jüdische Zeitung Erscheint jeden Donnerstag Redaktion und Administration Wien, I., KärntnerstraSe 28 Tel. R-27 4-86 Postsparkassenkonti: Oesterr. D 113-546 Polen . . 19U99 Tschechoslowakei .500.230 Jugoslawien 40.879 1 Jahrgang Wien, Donnerstag, 22« September 1932 (21* Ein! $692) Nummer 246 Judennot und Volksgemeinde Auftakt zu den Kultuswahlen Von Dr. Jakob Rosenthal In letzter Stunde, .sozusagen knapp vor Torschluß, ist es den Bemühungen der zionistischen Minderheit im Vorstand der Wiener Kultusgemeinde gelungen, eine, wenn auch bescheidene Reform des bestehenden Wahlrechtes durchzusetzen. Wir berichten hierüber ln der Rubrik «jüdische Gemeinde». Man kann beim besten Willen — und auch die zionistischen Mandatare geben sich in diesem Punkte keiner Täuschung hin — die durch das Kräfteverhältnis im gegenwärtigen Vorstand diktierte Abänderung nicht als eine wirkliche Wahlrechtsreform bezeichnen. Denn die Härten des bestehenden Wahlrechtes sind ja im großen und ganzen nach wie vor geblieben."Auf diese hat Dr. Desider Friedmann als Sprecher der zionistischen Fraktion bei der letzten Plenarversammlung des Vorstandes nachdrücklichst hingewiesen. Trotzdem soll das Erreichte nicht unterschätzt werdet). Denn bei der letzten Kultuswahl tro Jahre 1928 waren von 60:000 Steuerzahlern bloß 37.000 wahlberechtigt Infolge der Austrittsbewegung, des Ueberwiegens der Sterbezahl über die Geburtenanzahl und nicht zuletzt durch die katastrophale Wirtschaftskrise ist die Zahl der Steuerträger nunmehr auf 54.000 gesunken. Nichtsdestoweniger ist durch die erzielteAenderungdesWahlregulativs die Zahl der gegenwärtigen wahlberechtigten Mitglieder auf 4 4.00 0 gestiegen. Gewiß, weit entfernt noch von der zionistischen Forderung nach dem allgemeinen, gleichen, direkten Wahlrecht für alle Gemeindemitgbeder ohne Unterschied des Geschlechts und ohne Rücksicht auf die Steuerleistung, der Forderung, die nunmehr seit 35 Jahren, seit dem Hinausposaunen der Parole von Max Nordau, «Erobert die jüdische Kultusgemeindels>, von den Zionisten erhoben wird, ist die durchgesetzte Wahlrechtsabänderung vor allem dadurch, daß sie die Unbedingtheit des Steuerzahler nicht mehr als Voraussetzung des Wahlrechtes vorsieht, «ein kleiner Silberstreifen auf dem trüben demokratischen Horizont dieser Gemeinde». Damit ist eine starke Bresche in das reaktionäre Wahlstatut geschlagen, das bisher von der nichtzionistischen Majorität mit aller Macht verteidigt wurde. Prinzipiell gesehen, sind daher die Bemühungen der zionistischen Minderheit in dieser Frage erfolgreich gewesen. Die Juden Wiens werden also in allernächster Zeit in den Kampf um die Wiener Kultusgemeinde entscheidend eingreifen. Noch sind von den einzelnen Parteien kaum mehr als Wahlpräludlen zu vernehmen. Doch über kurz oder lang werden die Parteien mit ihrem Programm vor der Wählerschaft erscheinen. Es sei im vorhinein der Vorwurf der Union, die Zionisten hätten auf die Durchführung der Wvahlen ungeachtet der schwierigen wirtschaftlichen und politischen Situation bestanden, zurückgewiesen. Wir leben in einer Zeit und in einer Umwelt, in der Schlagworte, wie Diktatur und Bankrott des Parlamentarismus und der Demokratie en vogue sind. Es ist hier nicht Platz und Aufgabe, zu untersuchen, von welchen Prinzipien des Feudalismus von gestern und der antidemokratischen Strömungen von heute die Taktik der Union auf Hinausschieben des Wahlterinins diktiert wird. Die zionistische Einstellung zu dieser Frage aber entspringt dem Bekenntnis zum demokratischen Grundgehalt der Bewegung, unabhängig von jeder entgegengesetzten temporären Strömung. Noch selten hat ein Wahlkampf in der Wiener Kultusgemeinde in einer für das Gesamtjudentum politisch und wirtschaftlich gleich schwierigen Zeit seinen Anfang genommen. Die Judenfrage ist heute in ihrer ganzen Totalität zur Diskussion gestellt, die Judennot eine akute. Die Unerträglichkeit der Lage der Juden, der Gemeinde wie des Individuums, diese elementaren Motive, aus denen der Zionismus entstanden ist, hat heute eine traurige Aktualität erlangt. Auch für die Juden Oesterreichs, insbesondere Wiens, die in einer von Haß und Feindseligkeit vergifteten Atmosphäre leben, gesellt sich zu den politisch drohenden Gefahren die bereits vollzogene Tatsache des wirtschaftlichen Boykotts und des Hinausgedrängtwerdens aus den verschiedensten Berufen. Es läßt .sich ein erschreckender Pauperisierungs-, ja ein Proletarisierüngsprozeß der »Wiener Juden, insbesondere des jüdischen Mittelstandes, feststellen. Staatsdienst, Richteramt und Lehrkanzel, Aemter, die mit Hilfe jüdischer Steuergelder erhalten werden, sind für die jüdische Bevölkerung als Berufszweige längst fremde Begriffe geworden, ja sogar aus der früheren Domäne, wie Handel und teilweise Industrie, werden sie täglich mehr und mehr verdrängt. Wie ein Fanal steht heute die Judennot vor der Tür fast eines jeden jüdischen Hauses. Die Mappe des sozialen Fürsorgereferates der Gemeinde enthält erschütternde Details von jüdischem Elend in Wien. Angesichts solcher Zustände erhebt sich die Frage nach den vitalen Aufgaben der jüdischen Gemeinde. Klar und der ganzen Verantwortung bewußt, stehen die Zionisten dieses Landes dem Ernst der Situation und der Bedeutung der Stunde gegenüber. Die zionistische Auffassung von der jüdischen Volksgemeinde und ihren Aufgaben und Pflichten gegenüber der jüdischen Bevölkerung entspringt ihrer Erkenntnis der Schwere der heutigen Judennot. Die wirtschaftliche Lage und die sozialökonomische Struktur der jüdischen Bevölkerung Wiens erfordert eine Intensivierung der sozialpolitischen Arbeit der Gemeinde. Den hier skizzierten, auf ökonomische Schädigung der jüdischen Bevölkerung gerichteten, immer stärker werdenden Tendenzen und Aktionen muß von der jüdischen Gemeinde energischeste Abwehr entgegengesetzt werden. Ein immenser Aufgabenkreis harrt heute jüdischer Kommunalarbeit. Angesichts der gewaltigen jüdischen Arbeitslosigkeit müssen und werden die zionistischen Mandatare es als eine ihrer Hauptaufgaben betrachten, den jüdischen Arbeitsnachweis in die Obhut der Gemeinde zu bekommen. Ist das Los des Arbeitslosen schon ein recht trauriges, so ist die Lage des Mittelstandes eine noch viel trostlosere. Der Mittelstand ist ja im allgemeinen der am härtesten getroffene Volksteil. Er ist es ja, der die stillen Legionen der Hungernden CESCHKÄ m HÄ/5ERSTR. 123 jr. Alserstr. 4 S J6 - S Iß - S 20 - WÖCHENTLICHE KREUZFAHRTEN im ÖSTLICHEN MITTELMEER 18 Ta« auf der Stt« Italien Aegypten Palästina u« Syrien Rhodos (I. Cypern Türkei Orlechenland Fahrpreise für die ganze Fahrt von ca. S 700 aufw V Auskünfte u. Prospekte: Lloyd Tr lest Ino, Wien, L “ Kärntnerring S t Tel. U-47-5-60 & und Frierenden, der nicht statistisch Erfaßten bildet. Der jüdische Mittelstand aber ist durch seine soziale Struktur infolge der katastrophalen Wirtschaftsentwicklung in ungleich höherem Maße unter die Räder des Proletarisierungsprozesses geraten, wie sein nichtjüdischer Schicksalsgenosse. Hier muß Wandel geschaffen werden. Schaffung und Ausbau von Kreditgenossenschaften, von Spar- und VorSchußkässen fallen in den Arbeitskreis der jüdischen Gemeinde. Es war stets der Wunsch der Zionisten, daß die jüdische Gemeinde das wird, was sie sein soll, nämlich eine organische Zusammenfassung der gesamten Judenheit zur Erfüllung aller Aufgaben gegenüber der jüdischen Gemeinschaft, und nicht ein lebloses Gebilde, an dem die große Masse der Juden kein Interesse hat. Die Gemeinde ist auch heute das einzige Instrument in den Händen der Juden, das über die Chance verfügt, durch Selbsthilfe aus dem Chaos den Weg zu finden. Die Augen der Wiener Juden werden in den nächsten Wochen auf jene zionistischen Kandidaten gerichtet sein, von denen sie auf Grund ihres bisherigen Kampfes mit Recht erwarten und fordern können, daß die Juden in ihrer Not und Verzweiflung nicht Spielball und Objekt der Umwelt werden. Es ist die begründete Hoffnung vorhanden, daß die Bestrebungen, unter Hintanstellung innerzionistischer Parteigegensätze eine einheitliche zionistische Liste aufzustellen, von Erfolg gekrönt sein werden. Nur wer die innerzionistischen Gegensätze von heute kennt, wird dieses verantwortungsvolle Handeln zionistischer Führer richtig beurteilen können. Sache der jüdischen Bevölkerung ist es, ihrer eigenen Lage sich ungeschminkt bewußt und auch dessen inne zu werden, welche Wege und welche Ideen zur Rettung führen können. Sache der jüdischen Bevölkerung wird es sein, zu entscheiden, ob sie ihre Gemeinde für die gewiß stark umdüsterte Zukunft des österreichischen Judentums zu einem Schutz- und Bollwerk ihrer staatsbürgerlichen, kulturellen und materiellen Existenz machen wollen. Will sie dies, so wird sie ihr Vertrauen jenen Männern schenken, die die Träger der in eine hellere Zukunft weisenden zionistischen Idee sind, wird sie nur jene Männer in den Vorstand der jüdischen Gemeinde entsenden, die ihre Liebe zum Judentum bis zur Selbstaufopferung unter Beweis zu stellen bereit sind. Es wird die historische Aufgabe des Wiener Judentums sein, für die endliche Durchsetzung der Forderung nach Umgestaltung der jüdischen Gemeinde in eine Volksgemeinde, für die Entstehung eines geistigen religiösen, sozialen und kulturellen Zentrums der Wiener Judenschaft in der jüdischen V o I k s g e m e i n d e, die der zentrale Punkt pulsierenden jüdischen Lebens bilden soll, zu sorgen. Die Rosch-Haschanah-Numtner der «Stimme» erscheint diesmal Im verstärktem Umfange und bringt eine Reihe interessanter Beiträge.