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Die Stimme · 1932-09-15 · Heft 245 (15.9.1932) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 245 (15.9.1932)
Date
1932-09-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 35g BEZUGS* BEDlNüt TNGEN Oesterreich monatlich S 1‘50, viertel* jShti S 4 20, gan*- jährl . . S 16— Deutschld viertellahrl. . . HM 3— Tschechoslowakei viertel] Kc 24— Jugoslawien vierteliährl Din 40‘ — Polen vierloliährlieh Zloty o 50 Ungarn vierteljährlich Pengo 4 20 Humlnien viertel iährl Lei 120— Uehriger Ausland Vierteljahr! Schw Franken 4 50 cHututio/ Jüdisdke Zeitung Erscheint Jeden Donnerstag Redaktion and Administration Wien, L, Karntnevstrafte 28 Tel. R-27-4-86 Postsparkassenkonti j Oeaten. D 113*546 Polen . 191.199 Ischecho Slowakei .500.230 Jugoslawien 40.879 5. Jahrgang Wien, Donnerstag, 15. September 1932 <14. Eiul 5692) Nummer 245 Der XXIV. Deleefcrtcnfae dev deutschen Zionisten M« N« UisiKhhin und Brottelsky eis Gäste Frankfurt a. M., 11. September. Im überfüllten Saal des Volksbildungsheimes wurde hier Sonntag, den 11. September, vom Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Herrn Kurt Blumenfeld, der XXIV. Delegiertentag der deutschen Zionisten eröffnet. In seiner Eröffnungsrede wies Blumenfeld auf den Fortschritt der zionistischen Bewegung in Deutschland hin und gedachte des halben Jahrhunderts zionistischer Arbeit, das seit dem Erscheinen von Pinskers «Autoemanzipation» (Berlin 1882) vergangen ist. Blumenfeld begrüßte außer den Delegierten und Gästen den Vertreter der Zionistischen Exekutive, Prof. S. B r o d e t s k y, den Vorsitzenden des Keren Kajemeth Lejisrael, M. M. U s s i s c h k i n, den Vertreter des Initiativkomitees der Jewish Agency, Dr. Franz Wolf, die Vertreter der jüdischen Gemeinde Frankfurt ä. M. und des Frankfurter Rabbinats, insbesondere Rabbiner Dr. Hoffmann, die Vertreter der Behörden, den polnischen Generalkonsul, Delegierte der zionistischen Organisationen verschiedener Länder, den Direktor des Keren Hajessod, Dr. Hantke, Dr. Arthur Ruppin und den Senior der deutschen Zionisten, Herrn Lazarus «liethnann-Mainz. Ussischkin sprichtt Nach der Wahl Blumenfelds zum Vorsitzenden und einer Reihe von Stellvertretern erhält Ussischkin das Wort. Die Versammlung bereitete Ussischkin bei seinem Erscheinen auf der Tribüne eine langandauernde Ovation. Ussischkin wies einleitend auf die wichtige Rolle hin, die der deutsche Zionismus von jeher gespielt hat. Während die Zionisten des Ostens vermöge ihrer Verwurzelung im Volke Intuition in die Bewegung brachten, steuerten die deutschen Zionisten mehr gründliches Denken bei. Dazu kamen ihre strenge Disziplin und ihre Organisationsgabe. Der Zionismus steht heute am Scheidewege. Es gibt eine gewisse Resignation in der Bewegung. Die Sabotage der englischen Regierung hinsichtlich ihrer Verpflichtungen ist mit eine Ursache dafür. Es besteht im Zionismus eine Art Furcht gegenüber den großen, ursprünglichen Aspirationen. Man stellt die bange Frage, ob diese erreichbar sind, d. h., ob cs möglich ist, ein großes Zentrum des jüdischen Volkes auf ökonomischem, politischem und kulturellem Gebiete selbständig zu schaffen. Wir wollen in unserem Lande ein selbständiges j Volk sein. Das Problem Ist nicht so gestellt, wie- / , viele Juden und wieviele Araber im Lande wohnenf sondern das Problem heißt: Gegenüberstellung von 16 Millionen leidenden Juden den 40 Millionen Arabern, die von Gibraltar bis Damaskus über ungeheure Länder verfügen, in denen noch viele weitere Millionen leben können. Ein Volk hat alles, ein zweites Volk hat nichts. Niemand kann sagen, daß es ethisch sei, diesen Zustand belzubehalten. Wenn es eine idealistische Bewegung gibt, so ist es diejenige, die ein Sechzehn-Millionen-Volk retten will. Ein kleines Kulturzentrum schaffen, ist aber nicht unsere Aufgabe! Ein großes Erez Israel in den historischen Grenzen zu schaffen, ist schwer, aber möglich. Ohne Millionen von Juden im Lande ist mit Sprache und Kultur allein nichts zu schaffen. Dem Kommunismus als einer idealistischen Bewegung, die unsere Jugend bedroht, müssen wir mehr als nur ein kulturelles Zentrum entgegenstellen. Der Wille des jüdischen Volkes geht nach einer Richtung: Zurück nach Haus! Ein mathematischer Beweis für das Gelingen dieses Werkes ist nicht möglich; die Garantie hierfür bildet einzig und allein der Wille unseres Volkes. Die Basis für den gesamten Aufbau ist die Lösung der Bodenfrage. Diese entscheidet darüber, ob Erez Israel oder Palästina siegen wird. Ussischkin schloß mit einem Appell an die in Frankfurt beheimatete Orthodoxie, ans Werk zu gehen. Der Unterschied zwischen Ihnen und uns, so rief er der Orthodoxie zu, besteht darin, daß sie an Wunder glauben, aber das Wunder nicht sehen, während wir das Wunder erblicken, das vor unseren Augen in Palästina geschieht. Nach Ussischkin hielt Dr. Nahum Goldmann ein großangelegtes Referat über „Das Jüdische VoE* in der Weltkrise" Der Zionismus, sagte er, ist wieder zu seinen klassischen Motiven zurückgekehrt, die heute erhöhte Aktualität gewonnen haben. Die Erkenntnis von der Unhaltbarkeit der Lage in der Diaspora und von der unerträglichen Seelenlage des einzelnen Juden in dieser Situation muß deutlich hervortreten. Die Galuth ist heute hundertfach schlimmer als zu Herzls Zeiten Demgegenüber ist Palästina in den letzten Jahrzehnten greifbarer geworden. Drei Gebiete sind es, die bei einer Betrachtung der Lage des Volkes zu behandeln sind: Osteuropa; Amerika; Mittel- und Westeuropa. Das osteuropäische Judentum war bis zum Kriege das Zentrum der innerjüdischen Entwicklung. Dieses Kraftreservoir existiert nicht mehr, das osteuropäische Judentum kann kaum seinen eigenen Besitzstand wahren, es ist politisch atomisiert worden. Bürgerlich hat das Ostjudentum durch die Gewährung der Emanzipation und nationaler Rechte Vorteile erlangt. Trotz alledem: Galuth bleibt Galuth. Die Pauperisierung des Ostjudentums ist unvorstellbar gewachsen. Es Ist tragisch, daß Zionismus und Kommunismus zu Begriffen geworden sind, die einander ausschließen. Die Lage des russischen Judentums ist weit schlimmer als diejenige der Juden in den meisten antisemitisch verseuchten Ländern. Wir haben in Rußland eine ganze junge Generation auf dem Altar des Kommunismus ge- -»SHaaBSHHMHBÄHHHHSaaHHi Die Laue dev Juden Tausende Süden sterben Hungers Tel-Awiw, im September. Die auswärtige Delegation der zionistisch-sozialistischen Organisation Rußlands (Hitachduth) hat soeben einen Bericht über die Lage der Juden in Rußland erscheinen lassen, in dem es u. a. heißt: Tausende Juden ln Rußland gehen dem Hungertode entgegen. Täglich erhalten wir Notschreie aus Rußland, in denen wir um Hilfe angefleht werden. Ganze Städte sind ohne Brot, Frauen, Kinder und Greise nagen am Hungertuch. Hungertyphus und anril.KAl5ER5TR.123 (X> Alserstr. 6 S16-S18-S20- In Mittel- und Westeuropa, insbesondere in Deutschland, lag im 19. Jahrhundert das Zentrum der jüdischen Weltgeltung. Diese Position des deutschen Judentums ist zusammengebrochen. Eine Paria-Atmosphäre ist entsanden, gegen die die deutschen Juden nicht immun sind. Das deutsche Judentum hat den seelischen Panzer, den es einst besessen, verloren. In Amerika schien die jüdische Frage gelöst ztt sein. Das hat sich in den letzten Jahren gründlich geändert. Auch dort besteht ein jüdisches Problem und es besteht eine ungeheure jüdische Wirtschaftsnot. Der gesellschaftliche Antisemitismus ist groß. Die amerikanischen Juden beginnen die Existenz einer Judenfrage zu erkennen und sind daher für den Zionismus aufnahmebereit geworden. Dr. Goldmann resümierte: Die Emanzipationsidee ist zusammengebrochen Es gibt keine Lösungsmöglichkeit der Judenfrage in der Diaspora. Es gibt in ihr keine Geschenke, sondern nur erkämpfte Errungenschaften. In einer solchen Zeit werden die Völker intolerant. Für uns, die wir ohne Macht und zerrissen dastehen, ist dies eine tragische Situation« Demgegenüber müssen wir innerlich die richtige psychologische Einstellung gewinnen, das Bewußtsein unserer Sonderexistenz als Juden muß wieder geweckt werden. In unserer Zeit muß Palästina immer mehr der wirkliche Weg zur Lösung der Judenfrage werden. Es muß möglich sein, Millionen von Juden in Palästina anzusiedeln. Unsere Not kann einen Sinn nur bekommen? als Geburtswehen einer neuen, besseren Zukunft. Nachdem Kurt Blumenfeld sein Referat über «Dis zionistischen Aufgaben im heutigen Deutschland» gehalten, ergriff als Gast Dr. Alfons Paquet-Frankfurt am Main das Wort zu einer Ansprache, in der er die Bedeutung des geistigen Funkens, der von jeher aus dem Judentum hervorleuchtete, auch für die nichtjüdische Welt betonte. Das Werk des Zionismus wird sichtbar werden und das Wesen des Judentums offenbaren. Für die deutschen Intellektuellen, die vom Sturm der Zeit mitgerissen werden, wird eine Zeit der Besinnung wiederkommen. ln SowiefniBland steckende Krankheiten breiten sich aus, in vielen jüdischen Dörfern der ^Ukraine sind Epidemien ausgebrochen. Damit nicht genug, die jüdische Bevölkerung hat auch noch unter Regierungsdekreten, wie «Dollar-Inquisition» u. a. m. zu leiden. Das Problem der russischen Judenheit repräsentiert sich uns jetzt in seinem vollen Ernste. Das Sowjet-Regime konnte nur einen kleinen Teil der Juden in sein Wirtschaftssystem einbeziehen, die Mehrheit der Juden blieb bis heute ohne jede Existenzmöglichkeit. Das Problem der Hunderttausenden deklassierten Juden ist nach wie vor ungeklärt. Tausenden jüdischen Familien droht in Sowjetrußland völliger Untergang. Dieser physische Untergang der jüdischen Massen geht Hand in Hand mit einer geistigen Assimilation und dem völligen Verschwinden jüdischer nationaler Eigenschaften. Das Bulletin der Auslands-Delegation des russischen Hitachduth veröffentlicht eine Anzahl Briefe, die die obigen Ausführungen belegen sollen. In einem Brief aus Zizenyk, Podolien, wird mitgeteilt, daß in einem Dorfe in einer einzigen Nacht 13 Juden gestorben waren und daß die Massenbestattung dei .Vet-

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