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Die Stimme · 1932-09-08 · Heft 244 (8.9.1932) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 244 (8.9.1932)
Date
1932-09-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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V. b. b. BEZUGS- BEDI NGl TNCJEN Österreich monatlich S I 50, vierteljlhrl S 4'20, gan* jlhrl . -? 16 - Deutschld viertel jlhrl RM l — Tschechoslowakei vierteil Kf 24 — luitoslawieD viertel jlhrl Din 40 — Po en vierteljihr lieb Zloty 6 SO Ungarn Vierteljahr lieb Pengo 4 20 Rumänien viertel jlhrl l-ei 120 — tiehriger Ausland vierteljährl Schw * Franken 4 S0 wmmirmmmmmam jüdisdke Zeitung Preis 35 g Ertdheint {•efen Donnerstag Redaktion and Administration Wien, L, Klrntner strafte 28 Tel R-27 4-86 Postsparkassen* konti: Oesterr- D U3-546 Polen 191.199 Tschechoslowakei - 500.230 Jugoslawien 40.879 5* jahrgang Wien, Donnerstag, 8. September 1932 (7* Etui 5692) Nummer 244 Sir John Simpson über seinen Paläsiina-Bevicht Sir John Simpson, der auf seiner Rückreise von China nach London kurze Zeit in New York geweilt hat, äußerte sich in einem Gespräch mit einem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur ausführlich über seinen bekannten Palästinabericht und führte unter anderem aus: . Ich habe es immer bedauert, daß mein Bericht über Palästina auf die Juden einen so ungünstigen Eindruck gemacht hat, und will versuchen, ein Mißverständnis bezüglich meiner Haltung aufzuklären. Das zionistische Problem ist nicht allein palästinensisch, es ist international. Nirgendwo, außerhalb Palästinas, sind die Juden frei von einer Atmosphäre sozialer und kultureller Zurücksetzung, die nur allzu häufig in Verfolgung ausartet. Dringendste Notwendigkeit der Zeit ist eine Behebung jüdischer Rechtlosigkeit. Dabei habe ich niemals die Bedeutung einer jüdischen Heimstätte unterschätzt, wo sich eine jüdische Gemeinschaft ohne abnormale Hemmungen entwickeln kann. Mein Kommentar zu dem politischen und nationalistischen Element im Zionismus ist der, daß es an sich nicht ausreichend ist Warum lehnten die Ziöriisten es. ab, eine Heimstätte in Uganda tu errichten, wie Joseph Chamberlain es vorschlug? Warum befriedigt sie nicht die Kolonisation auf der Krim? Doch nur, weil das jüdische Erbe in erster Linie ein geistiges einschließt. Durch geistige Beiträge haben die Juden die westliche Zivilisation stark bereichert. Nun zu Palästina. Man kann das Problem so stellen, daß das Land den Arabern gehört und eine Einwanderung von Juden oder anderen Bevölkerungen verboten sein soll, oder daß das Land kraft historischen Rechtes den Juden gehört und daß die Araber nach Transjordanien oder anderswohin auswandern müßten. Das eine wie das andere wäre folgerichtig. Ich aber durfte keine dieser beiden Lösungen vorschlagen. Ich mußte mit der Balfour-Deklaration rechnen, die zwei Versprechen gab, von denen das eine das andere einschränkt: Die Juden sollten eine Heimstätte bekommen, ohne daß die Araber hierbei beeinträchtigt werden. Für diese Situation war ich nicht verantwortlich, mußte mich aber mit ihr befassen. Ich weiß wohl, daß den Zionisten in Palästina jede Tendenz, andere zu unterdrücken, fern liegt. Aber schon ihre Anwesenheit im Lande bedeutet, daß zwei Zivilisationen auf dem gleichen Territorium miteinander in Berührung gebracht werden. Auf dem Gebiete des Unterrichts, der Finanzen und des politischen Einflusses waren die Juden, obwohl eine Minderheit, den Arabern gegenüber im Vorteil. Universität, Jordan-Wasserkraft, Tote-Meer- Ausbeute — alles das ist in jüdischen Händen. Ich gebe zu, daß das in Palästina hereingeströmte Geld hauptsächlich jüdisch ist. Damit im Zusammenhang steht die ungeheure Verbesserung der Lage des Landes. Die Juden hatten auch einen Großteil der Ausgabenlast zu tragen, aber auch die Araber haben Anteil an den sozialen Segnungen, die der Gesamtbevölkerung zugute kommen. Ich entwickle keine Theorie, sondern teile Tatsachen mit: Erstens ist die jüdische Kolonisation kostspielig. Während zur Ansiedlung einer Familie in Griechenland weniger als 100 Pfund benötigt werden, betragen die Kosten der Ansiedlung einer Familie in Palästina 1000 bis 2000 Pfund, dabei können sich die Kolonien nicht im vollen Sinne des Wortes selbst erhalten. Es begegnet uns hier die gleiche fundamentale Sorge wie in den mittelwestüchen Gebieten der Vereinigten Staaten: Welcher Standard des kulturellen Lebens kann auf der Basis der Landwirtschaft aufrecht erhalten werden? Zweitens sind die jüdischen Kolonisten heute Menschen von einem hohen Bildungsniveau, die ihre einfache Beschäftigung mit einer geradezu mönchischen Glut und Entschlossenheit betreiben. In diesen Familien kristallisiert sich eine bestimmte Gesellschaftsform heraus; es kann auch nicht überraschen, daß in einer Bewegung, die an Intellektuelle appelliert, das städtische Uber das bäuerliche Element das Uebergewicht hat. Gewiß kaufen die Juden den Boden zu einem angemessenen, ja sogar hohen Preis. Aber der Araber, der das Geld für den Boden erhält, ist nicht immer die gleiche Person, die den gekauften Boden verlassen muß. Oft lebt der Verkäufer gar nicht in Palästina, sondern in Syrien. Die jüdische Kolonie, die nun den Boden bewirtschaftet, schließt keine Araber ein. Der Araber wird landlos, und selbst wenn er der direkte Empfänger des Kaufpreises für den Boden ist, ist das Resultat am Ende beinahe das gleiche. Häufig verwendet der Araber das Geld zur Bestreitung seines Haushaltes, bis es erschöpft ist und er vor dem Nichts steht. Auch kaufen die Juden das beste Land auf, den Arabern bleibt der Boden auf den Hügeln, wo nur primitive Kultivierungsmethoden möglich sind. Auf die Frage, ob er glaube, daß der Zionismus sich selbst aufgeben soll, erwiderte Sir John Simpson: Die Frage ist absurd. Nichts kann der zionistischen Bewegung Einhalt gebieten. Hier ist ein Impuls, ist ein Glaube, gegen den zu argumentieren es dem einzelnen unmöglich ist. Wir müssen vom Zionismus ln Begriffen denken, die mit einem Maßstab von Jahrhunderten gemessen werden. Als Josuah eine Invasion nach Palästina unternahm, stieß er auf verschiedene kanaanitische Stämme, die auf dem Böden lebten. Er ging dem- Problem mit dem Schwerte zu Leibe. Aber trotz Krieg und Massakers blieben viele Angehörige dieser Stämme im Lande und wurden von der allmählich sich bildenden jüdischen Nation absorbiert. Die Araber in Palästina, deren Ahnen das Schwert überlebten, werden auch duroh finanziellen Druck nicht ausgelöscht werden. Die Juden werden ein ethnisches Wunder genannt. Sie schließen Der antijüdische Boykott wird von einer Zentralstelle aus betrieben Der «Völkische Beobachten« Nr. 195 gibt auf Seite 3 des Hauptblattes «Sonderanweisungen des Leiters der Hauptabteilung IV (Wirtschaft)» bekannt. Aus ihnen ist die Tatsache zu entnehmen, daß dieser Wirtschaftsabteilung eine eigene «Stelle zur Organisation der Boykottbewegumg» unter Leitung des Pg Sturm von der «Kampfgemeinschaft gegen Warenhaus und Konsumverein» angegliedert ist. Es steht also außer Frage, daß der Boykott planmäßig und von einer Zentralstelle aus betrieben wind. Die Gefahr für die deutschen Juden. Die «Jüdische Rundschau» befaßt sich in ihrer Nr. 69 mit der innerpoHtischen Konstellation in Deutschland und weis* darauf hin, daß durch die Grundkonzeption des Nationalsozialismus, die des Judengespenstes als Gegenspielers bedarf, es so weit gekommen ist, daß selbst mneirpolitische Kämpfe, wie die jetzt zwischen Reichskanzler Papen und Hitler, mit denen die Judenfrage nicht das geringste zu tun hat, unter dem Gesichtspunkt der Judenfrage betrachtet werden können. Wenn der Reichskanzler sich in seiner Rede in Münster gegen Hitlers «Zügellosigkeit» wendet, so liegt die Frage nahe, warum Herr von Papen nicht schon früher ein Wort kritischer Beurteilung des Programms der NSDAP geäußert hat, besonders zu jenem Zeitpunkt, als die neue Regierung glaubte, sich auf die parlamentarische Unterstützung oder wenigstens Tolerierung durch die NSDAP verlassen zu können. In diesem Programm stehen Dinge gegen deutsche Staatsbürger die sicherlich als «zügellos» bezeichnet werden können.'Die Art, wie Hitler auf die letzten inneipolitischen Konflikte reagierte, snd nur eine Fortsetzung der in der NSDAP seit Jahren üblichen Propaganda, die sich hre Opfer in erster Reihe unter den Juden suchte und — sogar in ihren exzessiven Formen — von allen Regierungen geduldet wurde. Die Gefahr für die deutschen Juden, fährt die «J. R.» fort, ist noch lange nicht gebannt. Manche Kreise meinten offenbar, es sei ganz praktisch, wenn die Juden als Objekt und Ziel des Hasses und der Zerstörungslust preisgegeben werden. Diese Methode muß sich aber rächen. Die Grundlagen des Staates und der Gesellschaft werden durch sie untergraben. Es Ist für uns luden genug demütigend, daß wir auf diesen «praktischen» Gesichtspunkt hinweiseo müssen, weil offenbar die Berufung auf Gerechtigkeit, Moral und Menschlichkeit keine tiefere Wirkung mehr hat. Es wäre sonst unmöglich, daß wir in Deutschland dort stehen, wo wir stehen, und daß die Führer des Volkes, die offiziellen, die politischen ebenso wie die geistigen, kein Wort des entschiedenen Protestes und der Abwendung von der Judenhetze sprechen. viele Rassen und Traditionen ein und sind dennoch eine unteilbare Einheit. Ich glaube, daß auf jeden Fall ein Teil der Araber von der palästinensisch-hebräischen Rasse absorbiert werden wird. . ln der Frage der Errichtung einer gesetzgebenden Körperschaft in Palästina sollten wir nicht nur mit Begriffen von Mehrheit und Minderheit operieren. Wenn sich die Juden eine angemessene Vertretung in einer solchen Körperschaft sichern, so werden ihnen Fähigkeiten und Erfahrung zu einem großen Anteil an der Führung des Landes verhelfen, es würde auch der arabischen Mehrheit nicht gelingen, sich über das in der Balfour- Deklaration enthaltene Versprechen an die Juden hinwegzusetzen. Meine Hoffnung ist, daß die Zionisten hinsichtlich der konstitutionellen Möglichkeiten in Palästina weitsichtigt sein werden, und diese meine Hoffnung mag als Tribut an die bürgerlichen Fähigkeiten der Zionisten interpretiert werden. Die Einwanderung von Juden soll so weit gefördert werden, als es die Absorptionsfähigkeit des Landes zuläßt und der arabischen Bevölkerung keine Nachteile erwachsen. Palästina ist fraglos hinsichtlich landwirtschaftlicher Entwicklung ein Land unbegrenzter Möglichkeit. Ohne eine solche Entwicklung ist die Erhaltung der arabischen Fellachenbevölkerung schon heute ein Problem. Es könnte eine Entwicklung eingeschlagen werden, die sich schließlich als von finanziellem Vorteil für die Palästinaregierung erweisen würde und die einerseits eine Besserung der Lage der arabischen Bauern herbeiführen, andererseits Raum für eine große Zahl weiterer jüdischer Einwandererfamilien schaffen könnte. Dies, schloß Sir John Simpson, sind die Erkenntnisse meines so feindselig kritisierten Berichtes, zu denen ich mich noch heute bekenne. «Manchester Guardian» über die Nazi-Hetze gegen Lord Melchett. «Manchester Guardian» berichtet über den Angriff des «Völkischen Beobachters»' auf Lord Melchett und erklärt; nach allem, was die Nationalsozialisten an Judenhetze söch bisher geleistet haben, dürfe man sich nicht wundern, daß sie Lord Melchett, der durchaus humane und friedliche Ausführungen machte, vorwerfen, daß er einen Weltkrieg zugunsten der Juden entfachen wolle. Man hat das Gefühl, daß nicht die Verurteilten von Beuthen, sondern die Hitler, Goebbels und die anderen Nazi-Agitatoren die eigentlichen Schuldigen sind. Leider haben die deutschen Regierungen Hitlers Agitation allzulange geduldet. Andauernde Judenhetze der Nazipresse Die nationalsozialistische Presse fährt fort, das Urteil des Sondergerichtes in Beuthen zu einer antijüdischen Hetze auszunutzen, um so ihre moralisch schwache Position, die sich hn Zusammenhang mit diesem Urteil offenbart hat. zu verdecken, so daß der Eindruck entsteht, daß es sich bei dieser Hetze um eine Weisung von oben handelt, «Die Nationalpost», die als Ersatz für den verbotenen «Angriff» an den Zeitungsverkaufsständen angeboten und auch den «Angriff-Abonnenten ins Haus gestellt wird, schreibt in Verbindung mit den Pressekommentaren zu dem Beutlieuer Urteil u. a.: «Die Juden werden sich allerdings einmal zu verantworten haben, aber nicht vor irgendeinem lächerlichen Klub, sondern vor dem deutschen Volke. Im Spezialfall Beuthen aber vor den oberschlesischen Kämpfern . . . Daß das verrottete Schreiberpack der Juden übrigens vor den schmutzigsten und gemeinsten Mitteln in der Hetze gegen uns nicht zurückschreckt, beweisen sie in der Jerusaiemerstraße. Im Mosseschen Tageblatt erdrerstete sich ein jüdisches Presseschwein in einem Artikel, der die «Präsidentschaft» der kommunistischen Megäre Zetkin behandelte, wörtlich zu schreiben, daß sich der Preußische Landtag ja «auch den Alterspräsidenten Herrn General Lietzmann habe gefallen lassen» müssen. Wir haben eine nationale Regierung in Deutschland. Und ein hergelaufener, verkommener Jude darf es wagen, einen alten deutschen General, der im Felde für Deutschland gekämpft hat, während die jüdischen Verräter schon die Revolte vorbereiteten, zu bespeien und zu beschimpfen . . . Nun, unseres greisen Mitkämpfers Lietzmanns Soldaten werden auch an diesen Mosse-Juden denken, wenn einmal die Stunde gekommen ist, wo deutsche Gerichte über die Landesverräter U.teile zu fällen haben,» Die gleiche Zeitung veröffentlicht einen Bericht über die Verhandlung des Berliner SondergedoMes gegen die Arbeitet Püschei und Köpper und behauptet, daß der wegen angeblicher Teilnahme an einem Ueberfall auf einen Polizeikommißsär zu zehn Jahren Zuchthaus mitverurteilte Afltfwc Die Judenhei%e in Deutschland

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