Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 243 (1.9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b, BEZUGS¬ BEDINGUNGEN 3 Oesterreich monatlich S I SO, vierteljährl. S 4‘20, ganzjährl . . S 16'— I )eutschld vierteljährl. RM V— Tschechoslowakei viertel] Kc 24 — lugoslawien viertel jährl Din 40' — Po en vierteljährlich Zlory ft SO Ungarn Vierteljahr lieb Pengö 4'20 Rumänien viertel jährl Lei I20‘— Uehrige* Ausland vierieljährl Schw Franke*« 4'SO msmmmmmmmm vm■ Jüdisdke Zeitung Preis 35 g Erscheint je een Donnerstag Redaktion und Administration Wien, l., Kärntner strafte 28 Tel R-27 4-86 Postsparkassen* konti: Oesterr. D 113 546 Polen 191.199 Ischechoslowakei 500.230 Jugoslawien 40.879 5* Jahrgang Wien, Donnerstag, 1. September 1932 <30. Ab 5692) Nummer 243 Rund um das Hakenkreuz 1 a u s g e w i e se n. Sie wollten mit ihrer Demonstration die Au., rksamkeit des französischen Volkes darauf lenken, daß Lotli als Leiter des Anatomischen Institutes in Lemberg jii« dische Studenten zu den Seziersälen nicht zuläßt . «Kameraden» Nichts kann deutlicher zeigen, wie weit die Deutschen gerade in diesem Goethejahr von dem Geist und dem sittlichen Empfinden ihrer klassischen Dichtung abgeirrt sind, als der Vergleich zwischen dem Verhalten Karl Moors den Mitgliedern seiner Bande gegenüber, und dem Adolf Hitlers gegen seinen zuchtlosen Anhang. Während der Schillersche Räuberhauptmann unter seiner Schar schrecklich Musterung hält und sie von allen Elementen säubert, die eine über das berufsmäßig zum Räuberhandwerk gehörende Maß hinausgehende Grausamkeit an den Tag legen, nennt der nationalsozialistische Osaf seine fünf S.-A.-Männer, die bei der Ermordung eines politischen Gegners in Beuthen eine so tierische Bestialität verrieten, daß sogar deutsche Richter, die dem Hakenkreuz sonst keine Antipathie entgegenbringen, sie zum Tode verurteilten, «Kameraden» und versichert sie seiner besonderen Wertschätzung. Vermutlich ist Herr Hitler nicht minder stolz auf «die Kleinen von Seinen», die in Breslau, kochende Volksseele wegen des Todesurteils von Beuthen markierend, jüdische Passanten nicht bloß mißhandelt, sondern auch — bestohlen haben. Einem Juden fehlte nach der unliebsamen Begegnung mit den aufgenordeten Helden seine goldene Uhr, dem anderen seine Geldbörse... Nach diesen Proben «völkischen Geistes» vernimmt man ohne Staunen die Ita-Nachricht aus Frankfurt am Main, daß in der dortigen Kultusrepräsentanz der als Gefängnisseelsorger wirkende Rabbiner Klage über die Hakenkreuz-Pro paganda unter den Zuchthäuslern führte. Man kann sich vorstellen, welch großen Erfolg diese Propaganda haben muß. Denn es dürfte sich in den Interessentenkreisea,ÄPhpn. genügend herumgesproohen haben, mit welcher Energie und mit welchen Mitteln Herr Hitler die Befreiung der fünf zum Tode verurteilten Mörder betreibt. Die jüdischen Rechtsanwälte, deren Minderwertigkeit die Hakenkreuzlerpresse täglich festnagelt, können da wirklich nicht mit, denn es kommt wohl vor, daß ein jüdischer Rechtsanwalt Räuber und Mörder verteidigt, aber niemals, daß er sie als seine «Kameraden» qualifiziert... Ahnungslose Engel Die fünf zum Tode verurteilten Beuthener S.-A.-Mörder werden wahrscheinlich der menschlichen Gesellschaft erhalten bleiben Es hat sich nämlich herausgestellt, daß sie ihre greuliche Untat erst anderthalb Stunden nach Erscheinen der Notverordnung, die für derlei Verbrechen Sondergerichte vorsieht, begangen haben. In dieser kurzen Frist hatte sich der Inhalt dieser Notverordnung, obwohl sie von den Hakenkreuzlern selbst stürmisch gefordert worden war — allerdings nur gegen die anderen —, noch nicht genug herumgesprochen. Nun gibt es freilich noch von der Zeit her, da Deutschland als Kulturstaat gelten wollte, ein Strafgesetz, das jeden Mord ahndet und noch wesentlich älter ist das biblische Gebot: «Du sollst nicht töten!» Das letztere ist aber bekanntlich ausgesprochen jüdisch, das erstere nach nationalsozialistischer Auffassung «getarnt» j ü d i s c h, da es die Verweichlichung der arischen Rasse zum Ziele hat. Beide können daher für die Wegbahner des Dritten Reiches nicht als Hemmungen ihres Idealismus in Betracht kommen. Die gefährliche Notverordnung kannten sie aber, wie gesagt, noch nicht, als sie ihr Opfer vor den Augen von dessen Angehörigen zu Tode trampelten. Sie waren damals wirklich und wahrhaftig ahnungslose F. n g e 1... Berlin bekommt ein braunes Haus Die nationalsozialistische Partei hat ein Haus in der Berliner Voßstraße gekauft, um es für parteiamtliche Zwecke einzunichten. Das Gebäude war bisher in jüdischem Besitz und war von einem Baumeister namens Cohn errichtet worden. Pessimisten erblicken in solcher Annexion jüdischer Schöpfungen durch die Hakenkreuzler ein Symbol der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung in Deutschland. Andererseits entspricht es aber durchaus der bautechnischen Gepflogenheit, daß nach dem Architekten der Tapezierer kommt und die Farbe des Interieurs bestimmt. Von diesem Standpunkt aus hat die Reihenfolge C o h n—H i 11 e r nichts Aufregendes. «Das ist der Zauber der Montur ...» An der Stefansprozession in Budapest nahm eine Gruppe Hitlerianer in Uniform teil. Das gastfreundliche Ungarn hatte ihr eine Regimentsmusik zur Verfügung gestellt und so konnte man das seltsame Schauspiel genießen, wie eine d e u t s c h-völkische Sturmabteilung im preußischen Paradeschritt zum — Rakocymarsch das Banner intransigenten Germanentums hochhielt... Aber nicht alle Länder erliegen dem Zauber der braunen Hitler-Montur. Aus Spanien ertönen recht laute Proteste gegen die Taktlosigkeit, mit der deutsche S.-A.-Mannen dort ihre Uniform zur Schau tragen. Frankreich versteht noch weniger Spaß In Lille wurde ein gewisser Schmidt aus Magdeburg, der mit Braunhemd und Dolch auf der Straße paradierte, verhaftet und es nützte ihm nichts, daß er versicherte, er sei nicht gekommen, «siegreich Frankreich zu schlagen», sondern um die Schlacht elder zu besuchen. In Bu e n o s Aires haben Mitglieder der deutschen Kolonie in Hitler-Uniform an einer Demonstration gegen die Kommunisten teilgenonvmen und einen kleinen Pogrom vor» anstaltet. Die Polizei hat ihnen aber bald das Handwerk gelegt und es ist kaum anzunehmen, daß sie mit dem Import der neuesten deutschen Weltbeglückungsware in Argentinien viel Glück haben werden. Die Stellung dor Mosley Party zum Antisemitismus Vor einigen Tagen hatte sich in L o n d o n ein der Mosley Party angehörender junger Mann vor Gericht zu verantworten, weil er Anschlagzettel mit antisemitischen Losun- §en am Portal eines jüdischen Geschäftes angebracht hatte. er ehemalige Abgeordnete der Arbeiterpartei, Dr. Robert F o r ga n, einer Gründer und Führer der Mosley Party, hatte daraufhin dem JTA-Vertreter gegenüber die antisemitische Betätigung des jungen Mannes verurteilt und erklärt, die Partei stehe dieser Art von Propaganda vollkommen fern. Einen etwas abweichenden Standpunkt nimmt, wie «Daily Herald» berichtet, der stellvertretende Leiter der Mosley Party, Mr. Leslie C u m m i n g s, ein. Er erklärte dem Parlamentsberichterstatter des Blattes, daß die Partei diese Art der Betätigung weder billige, noch mißbillige. Sie habe keine offizielle Stellung zur jüdischen Frage genommen. Jede politische Entscheidung werde von Sir Oswald Mosley, der augenblicklich nicht in London weile, selbst getroffen. Er habe sich über die Haltung der Partei zu den Juden noch nicht geäußert. Antijüdische Ausschreitungen in Olszany In Olszany kam es anläßlich einer Kirchenprozession zu antijüdischen Ausschreitungen Agitatoren machten die Menge darauf aufmerksam, daß in der Nachbarschaft der Kirche das Haus des Juden Jizchak Kozlowski steht. Die Bauern demolierten das Haus bis auf den Grund und zertrümmerten die Inneneinrichtung. Die Familie Kozlowski konnte sich noch rechtzeitig in Sicherheit bringen. Die Polizei verhaftete acht der Haupthetzer. Der Wojwodp von Wilna erklärte in einem Kommunique, er habe über die Geschehnisse in Olszany eine strenge Untersuchung eingeleitet. Juden dürfen sich nicht wehren! Der jüdische Geschäftsmann G. ist in Schweidnitz von Nazis nach wiederholter Bedrohung vor einiger Zeit niedergeschlagen und so schwer verletzt worden, daß er noch heute an einem schweren Nierenleiden krank liegt. Nach der bestialischen Tat wurde G. weiterhin bedroht, was ihn veranlaßte, sich einen Dolch und Schlagring zu seiner persönlichen Sicherheit anzuschaffen. Dieserhalb wurde er dieser Tage in Schweidnitz zu 10 Mark Geldstrafe verurteilt, während die namentlich festgestellten Nationalsozialisten, die die Drohungen ausgestoßen hatten, frei ausgingen. Drei jüdische Studenten aus Polen, Feinmesser, Wandel und Scharf, die an der Universität Nancy eine Demonstration gegen den polnischen Gastprofessor und Antisemiten Loth arrangierten, wurden aus Frankreich Der Krieg gegen Tote Um einer Wiederholung der Entweihungen vorzubeugen, denen der jüdische Friedhof in Saloniki vor einiger Zeit ausgesetzt war, wurde im Bereich des Friedhofes selbst ein eigener Polizeiposten errichtet. Die Wiederaufrichtung des ersten der vor einigen Wochen umgestürzten Grabsteine wird dieser Tage in feierlicher Weise vorgenommen werden. Indessen geht auch in Deutschland, dem Ursprungsland der systematischen Friedhofschändungen, der widerlich« Krieg gegen Tote weiter. So wurden dieser Tage auf dem über 250 Jahre alten und seit langer Zeit unbenutzten jüdischen Friedhof inOschersleben n 1 >her unbekannten Tätern vier Grabsteine gewaltsam umgewonen und ganz oder teilweise zertrümmert. Von einem der Grabsteine wurde die Hälfte abgehauen und dieses Stück wieder auf dem Grab aufgerichtet. Polizeiliche Ermittlungen sind im Gange. Die Zahl der in Deutschland begangenen Grabschändungen beträgt bald 200. Angesichts dieser Tatsache wirkt die Sorge der «Deutschösterreichischen Tageszeitung* um das Schicksal des Leichnams einer jüdischen, kürzlich Tn einer Sommer rische verstorbenen Frau, der unter angeblich «geheimnisvollen Umständen» von den Söhnen der Verstorbenen weggebracht wurde (wahrscheinlich um auf einem jüdischen, in der betreffenden Sommerfrische nicht vorhandenen Friedhof beigesetzt zu werden) doppelt grotesk. Das österreichische Organ jener Partei, die die Störung der Ruhe jüdischer Toter zum traurigen Inventar des politischst Kampfes gemacht hat, ist wohl zu allerletzt befugt, dfi. Pietät jüdischer Söhne gegen ihre verstorbene Mutter zu kon* trollieren. Schwere antisemitische Ausschreitungen in Galatz In Galatz kam es gestern zu schweren antisemitischen Ausschreitungen. Mitglieder der antisemitische» Organisation ..«Eiserne Garde» verhinderten die Vorstellung einer jüdischen Theatergesellschaft und griffen hierauf jüdische Passanten auf der Straße an. Die Polizei, die gegen die Demonstranten vorging, wurde von den in der Uebermacht befindlichen Mitgliedern der «Eisernen Garde» zurückgedrängt. Erst als zwei Kompagnien Infanterie zur Herstellung der Ordnung aufgeboten wurden, gelang es, den Ausschreitungen ein Ende zu machen. Bei den Zusammenstößen erlitten zahlreiche Demonstranten und Polizisten Verletzungen, Mehrere Personen wurden verhaftet. Der Wirtschaftskrieg gegen die Juden Feststellungen der reichsdeutschen Schutzgemeinschaft der Großbetriebe Die Schutzgemeinschaft der Großbetriebe des Einzelhandels und verwandter Gruppen unterbreitet der Oeffentlichkeit eine Sammlung von Material über die wachsende politische Boykottbewegung gegen den Einzelhandel inr allgemeinen und die’Warenhäuser, Konsumvereine und Großfrlialbetriebe im besonderen. Dieser Boykott, von dem in der Großstadt weniger zu merken ist als in den kleineren und mittleren Provinz- und Landstädten, weist eine mannigfaltige Skala auf. Ange angen von der mündlichen Propaganda in politischen Zirkeln geht sie über Nötigungsversuche bis zur öffentlichen Brandmarkung in den ParteTblättern der radikalen Rechten und macht, wie zahlreiche Beispiele der letzten Zeit beweisen, auch vor der Terrorisierung der Käufer mit Tränengasbomben und ähnlichen Kampfmitteln nicht halt. Die Art, in der von der einfachen Warnung an die Käufer bis zur Gewaltanwendung hier gearbeitet wird, zeigt, daß systematisch diesen wichtigen Vertretern des Handels der . Lebensnerv abgeschnitten werden soll Daß andererseits die | Frontstellung gegen die Großbetriebe des Einzelhandels nur den wahren Kern des Boykotts verschleiern soll, geht daraus hervor, daß der po 1 itisch oder konfessionell mißliebige kleine Geschäftsmann mit denselben Mitteln von den Radikalen verfolgt wird wie der Großbetrieb Insbesondere tut sich hier die Kampfgemeinschaft der N. S. D. A. P. hervor, die einmeits den Einzelhandel, Handwerker, Gewerbetreibenden, kurz den Mittelstand, zum Boykott der Warenhäuser aufruft, auf der anderen Seite aber alle Spielarten des politischen Terrors gegen dieselben Leute an wendet, die nicht gewillt sind, ihre politische Ueberzeugung aus geschäftlichen Gründen freizugeben. Die Schutzgemeinschaft will die Reichsregierung zur Schaffung eines Notgesetzes gegen Boykott veranlassen. Es braucht wohl nicht erst betont zu werden, daß an dem Zustandekommen eines solchen Gesetzes, dessen praktische Wirkung freilich nicht allzu optimistisch beurteilt werden darf, ht erster Linie die deutschen Juden interessiert sind, gegen die die Boykotthetze ja ganz unverblümt getrieben wird. Was Kongreßmann Dickstein in Polen gesehen hat Das jüdische Mitglied des Kongresses der Vereinigten Staaten von Amerika, Samuel Dickstem, der etwa zwei Wochen in Polen geweilt und Materialien über die Lage der Juden in diesem Lande gesammelt hat, schildert in der Warschauer jüdischen Tageszeitung «Hajnt» seine Beobachtungen in Polen und führt u. a. aus: Wo immer ich wählend meiner kurzen Anwesenheit in Polen geweilt habe, merkte ich eia systematisches Zurückdrängen des jüdischen Elementes von der Arbeit und der Produktion. Nur daraus ist die ungeheure Verarmung der jüdischen Bevölkerung zu erklären. In mancher Kleinstadt ist jeder zweite Jude auf öffentliche Mildtätigkeit angewiesen. In einer Stadt mit 500 jüdischen und nur etwa 40 polnischen Einwohnern bestand der Magistrat au* lauter Polen. Ur.d dieser Magistrat sorgt dafür, daß kein Jude eine öffentliche Stelle bekleidet oder an öffentlichen Arbeiten beteiligt wird. Die Umsatzsteuern sind j unerträglich. Man erzählte mir, daß ein jüdischer Händler, j dessen Geschäftskapital 2000 Zloty beträgt, mit 10.000 Zloty besteuert wird. Ein amerikanischer Jude besuchte seinen alte» Vater in Polen. Am Tage seiner Ankunft erschien der Steuerexekutor und nahm ihm eine goldene Uhr und Kette ab füi Steuerrückstände seines Vaters, die 10 Jahre zurückliegen. Ich habe den Eindruck gewonnen, daß in Polen ein verborgener Kampf gegen die Juden geführt wird in der Weise, daß man ihnen jeden Weg zum Leben versperrt. Von all de» Arbeitszweigen und Produktionsgebieten, in denen sie einst führend waren, blieben den Juden bloß Reste eines ruinierte» Handwerks und eines untergehenden Handels. Sie sind wie ln Käfigen zusammengepfercht und dem Ersticken nabe. Coty beschäftigt Juden? ln diesem Zusammenhang ist eine Zuschrift des lohanni»’ burger Vertreters des französischen ParfflmerieftbrikuMi \K