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Die Stimme · 1932-08-25 · Heft 242 (25.8.1932) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 242 (25.8.1932)
Date
1932-08-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nf. 242 — 25. August 1932 DIE STIMME neben denen aber noch viele wertvolle Forschungsarbeiten genannt werden könnten. Von den Alkaloiden gelang Willstätter die schon lange gesuchte vollständige Aufklärung derKonstitution des Trop i n s, als dessen Derivate das Kokain und das Atropin (das Gift der Tollkirsche) bekannt sind. Ein schöner Erfolg war es dann natürlich, als es Willstätter gelang, Kokain synthetisch herzustellen. Ganz hervorragend sind die Arbeiten, die der geniale Forscher zusammen mit Mieg, Escher und ZechmeiSter über das Chlorophyll bezw. die Carotinoide, die Blattfarbstoffe, ferner über die Assimilation der Kohlensäure ln den Pflanzen durchgeführt hat. Ebenso ist der heutige Stand der Forschung über die Anthocyane, das sind die in den Blüten vorkommenden Farbstoffe, zum größten Teil Willstätter zu danken. Andere Abhandlungen sind theoretisch außerordentlich lehrreich und bedeutungsvoll, unter anderem z. B. jene über Chinolingelb und Indigo. Unschätzbare Dienste hat der große Gelehrte auch der Enzymforschung geleistet, die ein besonders schwieriges Kapitel der organischen Chemie darstellt. Wir können dem Jubilar nur wünschen, daß er sich noch recht lange guter Gesundheit erfreue und noch manche wertvolle Entdeckung der Wissenschaft schenken möge. Walter Silberstein. Jtiirxe JtacAcicMen Der nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete Moder verhaftet Im Zusammenhang mit den vor einiger Zeit gegen die Kieler Synagoge, das dortige Karstadt-Warenhaus und andere Objekte in Schleswig-Holstein verübten Bombenanschlägen hat die Polizei neuerdings vier Verhaftungen vorgenommen. Unter den Festgenommenen befindet sich der nationalsozialist ■sehe Abgeordnete Moder, der dringend verdächtig erscheint, die Anschläge organisiert zu haben. Abweisung einer Klage der Revisionisten gegen die zionistische Exekutive durch das Kongreßgericht Das zionistische Kongreßgericht hat die von der Revisionistischen Fraktion des Aktionkomitees gegen die zionistische Exekutive im Zusammenhänge mit dem Kongreßbeschluß über Palästinaämter eingebrachte Klage wegen Unzuständigkeit des Kongreßgerichtes abgewiesen. Die Kläger wurden zur Tragung der Kosten verurteilt. Gründung einer extremistischen arabischen Partei Unter der Führung des Sekretärs der arabischen Exekutive Auni Bey Abdul Hadi wurde eine neue extremistische arabische Partei, die sich «Istiklal» nennt, gegründet. In dem soeben veröffentlichten Programm der neuen Partei wird die Abschaffung des Palästina-Mandates und der Balfour-Deklaration gefordert. Palästina soll Teil eines unabhängigen syrischen Reiches werden. Ferner wird die sofortige Einsetzung, eines Parlaments und einer arabischen Regierung, das Verbot des Bodenverkaufs an Juden und die Schaffung einer panarabischen Föderation gefordert. Bestattung geschändeter Thorarollen Am Tischa b’Aw wurden in Jassy die Reste der zehn Thorarollen, die bei der Devastienung der Synagoge durch Mitglieder der «Eisernen Garde» im März d. J. geschändet und zum Teil verbrannt worden waren, feierlich bestattet. An der Bestattungsfeier nahmen viele Tausende Juden teil. Die Thorareste wurden in Seidenhüllen gewickelt, mit schwarzen Leichentüchern umhüllt und von den Rabbinern der Stadt und Umgebung auf den Friedhof getragen. Von 12 Uhr mittags an, dem Beginn der Trauerfeier, waren in Jassy alle jüdischen Geschäfte und Bureaus geschlossen. Großer Brand ln einem jüdischen Städtchen Ostgaliziens ln dem hauptsächlich von Juden bewohnten ostgalizischen Städtchen S n y a t y n wurden auf dem Marktplatz 17 Häuser durch einen Brand vernichtet. 32 jüdische Familien sind obdachlos geworden. Der Schaden beträgt 150.000 Zloty. Auswanderung aus Polen nach Palästina Am 17. August ist aus Warschau eine Gruppe von 80 Auswanderern nach Palästina abgereist. Sie besteht aus Chalizim, Chaluzoth und Auswanderern mit eigenem Kapital von mindestens 1000 Pfund. In etwa drei Wochen wird eine zweite Gruppe von etwa 500 Palästina-Auswanderern Warschau verlassen. BiHr-Feier In T e I - A w i w wurde Mitte August die 50-Jahrfeier des Beginns der palästinensischen Kolonisation durch die Bilu-Gruppc festlich begangen. Es wurden mehrere Versammlungen abgehalten. Die Hauptversammlung fand im Hofe des Herzl-Gymnasiums statt, wo sich nebst anderen Festgästen sämtliche noch überlebende Mitglieder der Bilu versammelt hatten. Ansprachen wurden von Vertretern der Stadtgemeinde, des Jüdischen Nationalfonds, der Organisation der hebräischen Lehrer und des Rabbinats sowie von einigen Bilu-Mitgliedern gehalten. 50 Jahre Richon le Zion ln Richon Le Zion werden große Festlichkeiten anläßlich des 50jähri<gen Bestehens dieser Kolonie abgehalten. Den Höhepunkt der Veranstaltung bildete die Ankunft des High Commissioners Sir Arthur Wauchope, der seine Anerkennung und Bewunderung für die Leistungen der Kolonisten und für die Hingabe und Freigebigkeit Baron Rothschilds zum Ausdruck brachte. Viele Hunderte von Glückwunschschreiben waren eingetroffen. Im Rahmen der Festveranstaltungen wurde auch eine Ausstellung eröffnet, die einen Ueberblick über die Kolonie in den 50 Jahren ihres Bestenens gibt. Etat der Palästina-Regierung Wie aus den soeben veröffentlichten Berichten hervorgeht, haben die Einnahmen der Palästina-Regierung in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres 657.289, die Ausgaben 511.655 Pfund betragen. Im Monat März betrugen die Einnahmen 291.170, die Ausgaben 218.158 Pfund. Das Budget der jüdischen Gemeinde in Jerusalem In der letzten Sitzung des Rates der Jerusalemer Jüdischen Gemeinde wurde das Budget für das kommende Jahr auf 7890 Pfund festgesetzt. Hiervon sind 1858 Pfund für Beh. konz. Realbüro ING. M. MUHLBÄUER Kauf und Verkauf von Realitäten, Hypotheken U II. und III. Sätze, Bau- und Zwischenkredite, Gebäudeverwaltung Büro: 2., Leopoldsgasse 26 Tel. A-49-2-47 Wohnung: 2., Vorgartenstr. 150, Tel. R-41-8-88 Seite 5 1 JMMtt Elfem! Kauf! Schulbücher für Eure Kinder in der lUdlschcn BudthandluiMi HERMANN TUCHNER Wien, 9. Bezirk, Icke TaborslraBe 32 Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagen, auch antiquarisch, zu sehr mäßigen Preisen. Verzeichnisse kostenlos! Für Auskünfte: Telephon R 41-4-20 »RBERHRpeeewwaaeaaaewwiiiawwTye^wwawwawai religiöse Zwecke, 900 Pfund für soziale Hilft.* und Gesundheitswesen, 1250 Pfund, für Erziehungswesen, 650 Pfund für Schuldentilgung und 750 Pfund für den Waad Leumi bestimmt. Ferner wurde beschlossen, die Gemeindesteuer nicht wie im Gesetz vorgesehen, mit 6 Prozent, sondern nur mit 4 Prozent des staatlichen Steuerbetrages festzusetzen. Wachtturm im Balfour-Wald Der Londoner Synagogenverband, dem 72 Synagogen angeschlossen sind, hat dem Jüdischen National.onds 500 Pfund zur Errichtung eines Wachturmes im Balfour- Wald gespendet. Jakob Ettinger 60 Jahre Jerusalem. Der bekannte palästinensische Landwirtschaftsexperte Jakob Ettinger feierte am 11. August seinen 60. Geburtstag. Ettinger, der aus Rußland stammt, war viele Jahre hindurch als Agronom in den argentinischen Kolonien der Jewish Colonisation Association (J. C. A.) tätig. 1915 wurde er zum Berater des Direktoriums des Jüdischen Nationaifonds in Boden- und Kolonisationsfragen ernannt. Später leitete er mehrere Jahre hindurch die Abteilung für landwirtschaftliche Kolonisation der Zionistischen Exekutive in Palästina. Er hat viel zur Förderung der kooperativen Siedlung beigetragen. Verschärfung der Pressevorschriften in Palästina Soeben wurde eine neue Verordnung über das Pressewesen in Palästina veröffentlicht, durch die die bisherigen Vorschriften wesentlich verschärft werden. So wird bestimmt, daß der leitende Redakteur gleichzeitig auch der verantwortliche Redakteur sein muß. Eine Zeitung, die Nachrichten oder Artikel veröffentlicht, durch die die öffentliche Ruhe und Ordnung gefährdet werden könnten, kann vom High Commissioner suspendiert werden. Die Veröffentlichung von aufrührerischen oder verleumderischen Artikeln kann von den Gerichten mit Verbot der Zeitung für drei Jahre geahndet werden. Jede Tageszeitung, einschließlich der schon bestehenden, hat eine Sicherstellung von 150 Pfund zur Deckung der Strafbeträge der eventuellen Pressevergehen zu erlegen. Ein neuer Konsul der Vereinigten Staaten in Jerusalem Das State Department in Washington hat als Nachfeier des zum bevollmächtigten Minister der Vereinigten taaten in Bagdad ernannten bisherigen amerikanischen Konsuls in Jerusalem Knabens h u e den bisherigen amerikanischen Konsul in Bagdad Alexander K. S1 o a n ernannt. Ein Pionier der jüdischen Landwirtschaft in Amerika gestorben ln Philadelphia sarb im Aller von 70 lahren Abraham Rosenthal, einer der ersten jüdischen Einwanderer aus Rußland, die sicii in Amerika dei L a n u vv i r t s c halt zugewandt haben. Rosenthal, der aus Kowno stammte, war vor mehr ais 40 Jahren in die . eiu '-ien idn.cn ein gewandert und hatte im Staate New York eine Farm errichtet. Einige Jahre später übersiedelte er nach Vineland, wo er einer der bekanntest-n Farmer der Gegend wurde. rung des ersten Violinkonzertsatzes von Achron dagegen geht nicht organisch aus der Melodie hervor. Sie wirkt oft wie künstlich aufgepfropft. Sie verwischt die melodischen Profilierungspunkte des herrlichen Themas durch querständige und kadenzmäßig-funktionelle Outrierung. Dadurch ist die Dissonanz der Harmonisierung nicht der Melodieton, sondern sein Querstand, obendrein wird die kadenzmäßige Funktion des Melodietones durch im Stile der Melodie nicht bedingte Outrierungen verwischt und verzerrt. Bemerkenswert ist die Aehnlichkeit eines Melodiemotivs dieses prachtvollen Themas mit der Thais-Melodie aus dem ersten Akt der «Thais» von Massenet. Dies ist nicht als Anlehnung Achrons an Massenet zu verstehen, sondern als Verwurzelung beider im hebräischen, bzw. orientalischen Melodienschatz. Die Opern Massenets und mancher anderen französischen Opernkomponisten bergen viel solchen Materials, das in der zukünftigen Entwicklungsgeschichte der jüdisch-orientalischen Melodie besonders zu berücksichtigen sein wird. Das Violinkonzert von Achron hat noch einen zweiten Satz. Dieser, ein Allegro giocoso, führt als Untertitel den Vermerk «Improvisationen über zwei jemitische Weisen». Angesichts der formalen Gliederung des ersten Satzes jedoch ist er kaum als ein richtiger zweiter Satz, bzw. als ein Schlußsatz aufzufassen. Er ist vielmehr in jeder Beziehung als ein komplementärer Appendix zu betrachten. Die Kindersuite vereinigt in sich gleichfalls die europäische Musikform und den jüdischen Musikinhalt. Die Form liegt vielmehr im Charakter der poetisch schildernden Ausdruckswelse für Klavier allein, als ln der Form an sich, die, ihrer Kürze wegen, auch Jüdisch sein könnte. Den jüdischen Musikinhalt bildet die Zugrundelegung allen 20 Stücken der Suite von zwei synagogalen Motiven oder richtiger von zwei kaum elntaktigen synagogalen Melismen von ausgeprägtester melodischer Durchschlagskraft. In dieser thematischen Vereinheitlichung aller Stücke der Suite kann man vom formalen Standpunkte ein wenn auch unbewußtes und psychologisch ganz anders fundiertes Zurückgreifen auf die Anfänge der Suitenkomposition erblicken, wo, um die Mitte des XVI, Jahrhundert^ die wenigen Suitentänze aus einem gemeinsamen Thema entwickelt worden sind. Achrons einzelne Suitenstücke sind ebenso schön wie ihre Grundmotive. Ihre melodische Erfindung und Gestaltung ist derart stark, daß sich zu ihrem Begreifen und Aufnehmen die beigegebenen Ueberschriften erübrigen. Andererseits ist die Plastik der programmatischen Uebereinstimmung der Stücke mit ihren Ueberschriften von einer derartigen Bildhaftigkeit, daß sie auch den Erwachsenen den auserlesensten Genuß zu bieten vermag. Um so mehr, als das rein Melodische dabei nicht die geringste Einbuße erleidet. Der Umstand aber, daß alles Schöne dieser Musik aus der Originalität der synagogalen Gesangsweise fließt und strömt, läßt dieses Werk um so wertvoller erscheinen. Achrons 20 Kindersuitenstücke geben Spiel-Spielzeugszenen wieder. Von ihnen ragen an musikalischer Stimmungskraft die insgesamt fünf langsamen Stücke besonders hervor (Nr. I, 7, II, 14, 18), an Treffsicherheit der musikalischen Charakteristik die drei Tiermomentaufnahmen (Nr. 12, 15, 17). In den übrigen Stücken ist entweder das allgemein Stimmungshafte über das Schildernde prävalierend (Nr. 3, 4), oder sie weisen ebensoviel Stimmung als Schilderung auf (Nr. 2, 5, 6, 8, 9, 13, 16, 19). Von dieser Suite besteht auch eine Fassung für Klaviersextett mit Klarinette. Der glücklichen Zusammenstellung und farbenreichen Ausgestaltung dieser Klangkombination kommt der Inhalt der Suite wirkungsvoll entgegen. Ebenfalls gelungene Verknüpfung der europäischen Ausdrucksweise und der jüdischen Thematik weist das Lied «Das Täubchen flog vorüber», op. 53, Nr. 2, auf. Jüdisch an ihm ist die mit den «Vögelchen» aus der Kindersuite (Nr. 12) identische Thematik, europäisch die zwischen der impressionistischen und realistischen Schilderung schwankende Liedstilistik. Unter den übrigen jüdischen Kompositionen Joseph Achrons stehen zahlenmäßig die für Violine und Klavier an erster Stelle. Es sind kurze Lied- und Tanzformen, deren musikalisches Entwicklungsprinzip in der mehr oder weniger starken Betonung des Virtuosenhaften liegt. Darin eine Verschmelzung des Europäisch- Virtuosenhaften und des Jüdisch-Thematischen zu sehen, ist unrichtig, weil hier meistens bloß ein Nebeneinander der Spieltechnik und der Thematik, ohne höhere organisch-ästhetische Ziele vorliegt. Diese Verarbeitungsart kann der jüdischen Musik nur dann gut dienlich sein, wenn das Virtuosenhafte möglichst streng an der Melodie festhält. Daß auch Achron sich zu der Ansicht immer mehr bekehrt, bezeugen die so schönen Kompositionen wie die Suite «Stempenyn» für Violine und Klavier, zusammengestellt aus der Musik zum gleichnamigen Stück von Scholom Aleichem, bezeugen die beiden Klavierstücke «Traum» und «Begrüßung», op. 56, und das «Fragment mystique» für Violoncello und Klavier, op. 45. In den wenigen restlichen Kunstliedern dagegen, «Das Täubchen flog vorüber» ausgenommen, will der höhere Flug nicht gelingen. Daran dürften auch die schwülstigen und gedankenarmen Texte schuldtragend sein. Der schöne Band synagogaler Musik «Die Abendandacht für Sabbath» wird seine ausführliche Würdigung im anderen Zusammenhänge erfahren müssen. Auf den Weg zur jüdischen Musik hat Joseph Achron im Jahre 1911 Salomon Rosowsky gebracht, Komponist jüdischer Musik und damals Vorsitzender der «Gesellschaft für jüdische Volksmusik» in Petersburg. Bis dorthin war Joseph Achron Geiger und Komponist. 1886 in Russisch-Polen geboren, begann er die Virtuosenlaufbahn als achtjähriges Wunderkind. Achrons Geigenlehrer waren der weit bekannte Professor Isidor Lotto in Warschau (1894—1899) und der weltberühmte Professor Leopold von Auer in Petersburg (1899—1904), übrigens beide Juden. Sein Leben verbringt Joseph Achron seit 1925 in Amerika. Vorher hielt er sich ständig in Rußland auf, dazwischen vorübergehend in Deutschland (1904—1907, 1922—1924). Von Joseph Achrons bisher gedruckten nichtjüdischen Kompositionen ist an erster Stelle die zweite Sonate für Violine und Klavier, op. 45, zu nennen. Seine kompositorische Hauptleistung liegt aber auf dem Gebiete der jüdischen Musik. Diese Hauptleistung ist der Auseinandersetzung mit der europäischen Form gewidmet und bildet das organische Bindeglied auf dem Wege zur Erreichung derjenigen großen und kleinen Formen, die der jüdischen Kunstmusik ureigen sein werden« .

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