Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 239 (4.8.1932)
- Date
- 1932-08-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V.b. b. Preis 35 g BEZUGS- BEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 150, vierteljährl. S 4*20, ganzjährL . . . S 16'— Deutschld. vierteljährL . . . RM 3*— Tschechoslowakei viertel] Ko 24'— Jugoslawien vierteljährl Din 40' — Polen vierteljährlich . . Zlory 6 50 Ungarn vierteljährlich . Pengö 4’20 Rumänien viertel ettrl. Lei 120 — ebriget Ausland vierteljährl. Schw Franken 4'50 Jüdtsdke Zeitung 5« Jahrgang Wien, Donnerstag, 4. August 1932 (2. Ab 5692) Erschein jeden Donnerst Redaktion und Administrt Wien, l«, Kärn Straße 28 Tel. R-27 4- Postsparkas konti: Oesterr. D 11 Polen . IC Ischecho' Slowakei . S0O.2jv Jugoslawien 40.879 M tjl t-J Hf— * O1 c+ C M M £ H* *?o cz: ( rr h- *1 o v* Ü3 JT O ci- L“ I Nummer 239 Die Tagung des Zionistischen Aktionskomitees in London London. Die Tagung des Aktionskomitees der Zionistischen Weltorganisation wurde am 26. Juli in London unter dem Vorsitz seines Präsidenten Dr. Leo Motzkin in Anwesenheit aller Mitglieder der Londoner Exekutive, der Exekutivmitglieder Emanuel Neuman und H. Farbstein, sowie der Mitglieder der Palästina- Exekutive Dr. Chajim Arlosoroff und Werner Senator eröffnet. Die Tagesordnung sieht u. a. eine Beratung über die bevorstehende zur Vorbereitung eines jüdischen Weltkongresses einberufene Weltkonferenz, die Behandlung des Ansuchens der Zionisten Revisionisten um Anerkennung als Sonderverband und eine Beratung über die Berichte der Exekutive Uber städtische und landwirtschaftliche Kolonisation, Mittelstandssiedlung, Privatunternehmungen und Privatinstitutionen vor. Sodann werden Berichte über die Finanzlage, über Keren Hajessod und Keren Kajemeth erstattet und das Budget für das Jahr 5693 aufgestellt werden. Nach einer Eröffnungsansprache Dr. Motzkins er-, stattete Dr. Brodetzky das polnische Referat Er führte aus: Jeder Teilnehmer an dieser Sitzung des Aktionskomitees der Zionistischen Organisation ist sich der besonderen Verantwortung, die auf uns in einer Zeit noch nie dagewesener Krise im jüdischen Leben lastet, bewußt. Wohl selten, wenn überhaupt jemals, war die Judenheil: so sehr von politischem und wirtschaftlichem Unheil bedroht, wie heute. Eine Konzentration all unserer Kräfte ist erforderlich, und insbesondere die Beseitigung künstlich erzeugten Parteistreites, der die Grundsätze verdunkelt und individuelle und kollektive persönliche Erwägungen unterstreicht. Eines der charakteristischen Merkmale des Parteikampfes ist die Beschuldigung, die Leitung sei ihrer Aufgabe nicht gewachsen, jede ihrer Maßnahmen sei falsch und das Ergebnis von Unkenntnis, Unzuständigkeit, Illoyalität und Verrat. Die Tatsache, daß solche Beschuldigungen in den letzten Jahren unser politisches Leben charakterisierten, hat mich bei der Darstellung der politischen Arbeit der Exekutive weder in der Vergangenheit beeinflußt noch wird sie dies heute tun. Ich werde Ihnen die Tatsachen, wie sie die Ergebnisse unserer auf die Kraft unserer Organisation und das Prestige ihrer Ideale gegründeten Bemühungen darstellen, ohne Beschönigung vorlegen. Wir alle, die Exekutive und ihre Anhänger und die sogenannte Opposition und deren Anhänger, sind für die zu verzeichnenden Erfolge und Mißerfolge gemeinsam verantwortlich. Es ist unmöglich, die politische Arbeit in London von der in Jerusalem zu trennen. Zu einem großen Teil werden die politischen Schritte in London auf Grund von Ratschlägen und Informationen aus Jerusalem unternommen; zwischen der politischen Tätigkeit an beiden Stellen muß vollständige Koordination herrschen. Ich freue mich, sagen zu können, daß innerhalb der seit dem letzten Kongreß verflossenen zwölf Monate ein dauerndes weitgehendes Einverständnis zwischen den politischen Abteilungen in London und Jerusalem geherrscht hat. Trotzdem werde ich mich in meinen Ausführungen hauptsächlich mit der politischen Arbeit in London beschäftigen. Als wir Basel verließen, waren wir uns alle der durch das Regime im Colonial Office bedingten Schwierigkeit ■unserer Lage bewußt Wir hatten zwei lahre einer Regierung hinter uns, unter der die politische Führung des Colonial Office in Worten und Taten einen vollständigen Mangel an Sympathien für unsere Ziele und an Verständnis unserer (kundsätze an den Tag gelegt hatte. Sie betrachtete sich als Hüterin der wehrlosen und unwissenden «armen Araber» und als ihre Beschützerin gegen die «reichen, mächtigen und wissenschaftlich ausgerüsteten» Juden. Lord Passfield war in «einer Haltung vom damaligen High Commissioner für Palästina, Sir John Chancellor, mehr als unterstützt worden. Während wir wußten, daß ein Wechsel in der Person des High Commissioner beschlossen war. wußten wir ebensogut, «faß vtas Regime in London unverändert fortbestehen solle; und lassen Sie mich hinzufügen, daß es keinen größeren Irrtum geben könnte, als zu glauben, es könne ein Keil zwischen die Regierung in London und die Verwaltung in Palästina — besondere Umstände, wie solche in gewissen Perioden vor dem letzten Kongreß gegeben waren, ausgenommen — getrieben werden. Es war klar, daß der einzige von uns zu befolgende Kurs darin bestehen mußte, so ausdauernd als möglich die Erörterungen über die Grundlagen der Palästinapolitik mit der englischen Regierung fortzusetzen. Tatsächlich erhielten wir binnen drei Wochen nach dem Basler Kongreß ein deutliches Anzeichen dafür, daß zumindest ein Mensch in London von den Verhandlungen des Kabinettskomitees und von dem Briefe des Ministerpräsidenten unberührt geblieben war, nämlich der Kolonialminister selbst. Die von ihm vorgeschlagene Verordnung über die Kontrolle der Bodentransaktionen, die in der ersten Augustwoche 1931 an uns gelangte, war eine unverfälschte Essenz des Weißbuches vom Oktober 1930. Drei Wochen nach dem Kongreß sah sich die Exekutive von einer den wichtigsten Faktor unserer Arbeit, die Bodenpolitik, betreffenden Krise bedroht. Ich will mich nicht in Spekulationen darüber einlassen, was geschehen wäre, wenn Lord Passfield im Amt gewesen wäre. Ich möchte nur erwähnen, daß die Exekutive eine kompromißfreie Haltung angenommen hat und daß ein Beamter des Colonial Office, mit dem ich später über diese Ereignisse sprach, mir erklärte, die Verordnung wäre im Hinblick darauf, daß die in unserem Briefe .vom 31. August vorgebrachten schwerwiegenden Argumente von keinem Kolonialminister hätten außer Acht gelassen werden können, auch dann nicht in ihrer ursprünglichen Form in Kraft gesetzt worden, wenn Lord Passfield im Amte gewesen wäre. Der Regierungswechsel in England war nicht bloß der Uebergang von dem Kabinett einer Partei zu dem einer anderen. Er bedeutete eine, durchgreifende Aenderung der nationalen Mentalität, der gesamten Einstellung der britischen Nation zu ihren wirtschaftlichen Problemen. Zum Regierungswechsel traten andere Veränderungen hinzu. In der Kolonialabteilung für den Mittleren Osten wurde Sir John Shuckburgh, der zehn Jahre lang eine entscheidende Rolle bei der Behandlung palästinensischer Angelegenheiten gespielt hatte, durch Mr. Parkinson, der gleichzeitig mit Mr. Downie aus der ostafrikanischen Abteilung kam, ersetzt. In Palästina trat der neue High Commissioner, Sir Arthur Wauchope, Ende November sein Amt an. Generalstaatsanwalt Bentwich wurde auf Grund einer Behandlung, die wir aus persönlichen und nationalen Gründen beklagen müssen, durch einen nichtjüdischen Engländer ersetzt, während wir in bezug auf Bodenfragen mit Mr. French, dem von Lord Passfield eingesetzten Landentwicklungsdirektor, zu tun hatten. Wir hatten sowohl in London als auch in Jerusalem viel erzieherische Arbeit zu leisten. Immiqrations- und Roden- Probleme Wenn wir nun sagen, daß ein wenig Licht begonnen hat, durch die Wolken zu dringen, so meinen wir damit nicht, daß die Dinge glänzend stehen. Sie sind in Wahrheit trüb genug. Der High Commissioner würde vielleicht die Immigration als das Gebiet bezeichnen, auf dem er am meisten sich dem jüdischen Gesichtspunkt genähert hat. Und doch kann niemand sagen, daß die im April ausgegebene Arbeiter- Schedule mehr als eine sehr bescheidene Verbesserung gegenüber der Schedule vom letzten Oktober bedeutet. Niemand kann behaupten, daß die neue Kategorie kleiner Kapitalisten das dringende Bedürfnis und den brennenden Wunsch vieler Juden, sich im Nationalheim einzurichten, befriedigt. Niemand kann behaupten, daß der müde Fuß Israels, der an die Tore Palästinas stößt, dort in einer Weise empfangen wird, die unserem von bloßer «Duldung» der Zulassung sich unterscheidenden «Recht» auf Einwanderung entspricht. Das Zwillingsproblem der Einwanderungsfrage ist das Bodenproblem. Materiell bedeutet das Jüdische Nationalheim Menschen und Land. Ich werde nicht von den Erwartungen sprechen, die wir auf Grund historischer Deklarationen und des vor genau zehn Jahren ratifizierten Mandates zu hegen berechtigt waren; wir müssen auch in Zukunft auf diesem Gebiete kämpfen und Eroberungen machen. Aber man gewährt uns nicht einmal der. ungestörten Besitz des Bodens, für den wir Preise bezahlen, die jeden Sachverständigen verblüffen. Drohung mit Enteignung scheint der erprobte Weg zu sein, Probleme, betreffend Ländereien, die wir in öffentlicher Feilbietung unter der Aufsicht der Regierung selbst erworben haben, zu behandeln. Bedeutet die Verordnung über Bodenstreitigkeiten, daß Attacken als legal betrachtet werden sollen? Im März erklärte mir der High Commissioner, er glaube, das Gesetz sei ein gutes. Ich antwortete, dieses Gesetz müsse ebenso wie andere danach beurteilt werden, wie es gehandhabt werde. Wir haben ein Beispiel dafür, wie es gehandhabt werden kann, gesehen; das Ergebnis nötigt zur Annahme, daß kaum irgend ein Juden gehöriger Boden, möge es sich um Kuskus Tabun oder Kfar Baruch handeln, immun ist gegen ungesetzliche Angriffe. Sicherheitsfragen Professor Brodetzky ging sodann zur Besprechung des Problems der öffentlichen Sicherheit in Palästina über. .Wir geben zu, erklärte er, daß etwas geschehen ist, um größere Sicherheit von Leben und Eigentum in Palästina zu gewährleisten, aber noch immer werden Dinge geduldet und Situationen zugelassen, die mit der Aufrechterhaltung der Sicherheit unvereinbar sind. Heimtückische Mordtaten und systematische Terrorakte werden verübt und bleiben unbestraft, weil die Täter nicht entdeckt werden. Der Anteil der Juden an der Polizei und den Verteidigungskräften ist weiterhin unangemessen. Und sogar was die Justizverwaltung betrifft: warum sollte erst eine öffentliche Kampagne notwendig sein, um den ganz unvorstellbaren Vorgang zu verhindern, daß Tel-Awiw seines Friedensgerichtes beraubt werde. Die Lage ist wirklich weit davon entfernt, zufriedenstellend zu sein. Einige Verbesserungen wurden im letzten Jahre erreicht und vor allem viele Gefahren abgewandt. Die Exekutive hat ununterbrochen, manchmal mit Erfolg, manchmal mit Mißerfolg, gearbeitet. Eine leichte Verbesserung wurde erzielt; Möglichkeiten für weitere Verbesserungen bestehen. Die politischen Richtiinien der Exekutive - Politische Aktionen dürfen nur von der Exekutive durchgeführt werden Die Exekutive, fuhr Dr. Brodetzky fort, wurde in den letzten Monaten heftig angegriffen, weil sie keinen neuen politischen Weg eingeschiagen hat. Man erklärt: wir haben eine Revolution im Zionismus gemacht, aber die Politik ist dieselbe geblieben wie früher, ohne jede Aenderung der Richtung oder Methode. Dieser Vorwurf überrascht mich sehr. Hat nicht der Kongreß die Exekutive auf Grund der vom Präsidenten Sokolow verlesenen Erklärung eingesetzt? Hat nicht der Kongreß meine beiden Kollegen vom Arbeiterflügel und mich selbst auf Grund unseres klaren Bekenntnisses zu dem, was volkstümlich als Weizmann.Politik gekennzeichnet wird, gewählt? Kann irgend jemand, der zugegen war, als ich im Permanenzausschuß mit der Einladung, in die Exekutive einzutreten, beehrt wurde, behaupten, ich hätte meine Stellung nicht vollkommen klargelegt? Möglicherweise war hinsichtlich anderer Mitglieder der Exekutive nicht vollständig klar, welche besondere Verantwortung sie zu tragen haben würden; was mich betrifft, so kann ich wohl behaupten, daß mein Eintritt in die Exekutive im Hinblick auf die politische Arbeit in London erfolgen sollte. Es hat keinen Vertrauensbruch gegeben, sondern vollständige Uebereinstimmung mit den Beschlüssen des Kongresses. Die Konvention der zionistischen Organisation Amerikas hat erklärt, «die Exekutive habe eine Politik in Uebereinstimmung mit den vom 17. Zionistenkongreß gefaßten Resolutionen und der von ihm geschaffenen Plattform verfolgt». Man hat viel über Schritte gesprochen, dahingehend, daß auf England ein Einfluß ausgeübt werden sollte, entweder das Mandat zu erfüllen oder Palästina zu räumen. Der Gedanke einer Petition ist nicht neu, er wurde in verschiedenen Formen vorgebracht. Eine davon ist die einer an England selbst gerichteten Petition. Eine andere, die einer Petition an den Völkerbund, in der dieser aufgefordert wird, die Verwirklichung unserer gerechtfertigten Erwartungen zu sichern, und im besonderen wurde vorgeschlagen, die jüdische Jugend solle sich an den Völkerbund wenden, um ihre tragische Lage in dem Ozean von Antisemitismus, der Europa und andere Teile der Welt überflutet hat, darzulegen. Eine dritte Form ist die einer Petition der Juden jedes Landes an ihre Regierung, in der von dieser verlangt wird, sie möge ihren Einfluß in Genf im Sinne einer Unterstützung unserer Forderungen geltend machen. Eine vierte ist die einer Petition an jede Regierung, ihren Einfluß in Genf zugunsten der Aufgabe des Mandats durch England aufzubieten. Ich möchte mich nicht auf eine ins einzelne gehende Erörterung darüber einlassen, ob eine Petition überhaupt ratsam ist und, wenn es der Fall sein sollte, welche Form zu wählen wäre. Bloß zwei Dinge will ich hierzu sagen: Erstens, daß eine solche Aktion undenkbar ist und nicht zugelassen werden kann, wenn sie von jemand anderem als den offiziell akkreditierten Vertretern der Jewish Agency vorgenommen wird. Jeder Teil der Organisation, der solches tut, stellt sich damit außerhalb der Reihen der zionistischen Organisation. Eine Störung unserer schwierigsten politischen Aufgabe, wie sie eine von den Revisionisten organisierte Petition darstelten würde, muß verhindert werden. Zweitens müssen wir uns davor hüten, zu glauoen, England werde sich durch Gewaltmethoden beeinflussen lassen. Die Araberfrage Dr. Brodetzky streifte kurz die Bedeutung des Eintritts der Türkei und des Irak in den Völkerbund und wandte sich sodann der Besprechung des Araberproblems zu. Man habe behauptet, das Jüdische Nationalheiin, an sich eine ausgezeichnete Sache, könne nicht verwirklicht werden, weil die jüdische Aufbauarbeit in Palästina die Existunj dß«: