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Die Stimme · 1932-05-12 · Heft 227 (12.5.1932) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 227 (12.5.1932)
Date
1932-05-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Hf. 227 12. Mai 1032 DIB STIMME Seit« 7 Freud und Leid aus nah und fern Czermak, Schmitz und Schuschnigg ins Stammbuch Der Vorsitzende der Deutschen Zentrumspartei, Prälat Dr. Ludwig Kaas, äußerte sich im «Israelitischen Familienblatt» über die Haltung des Zentrums zum deutschen Judentum wie folgt: Seit seinem Bestehen, also seit über 60 Jahren, hat das Zentrum stets die Gleichberechtigung der Staatsangehörigen jüdischen Glaubens anerkannt und ist für deren Gleichstellung mit den übrigen Staatsangehörigen eingetreten. An dieser Auffassung hat sich nichts geändert und wird sich nichts ändern. Wenn man in Deutschland innerhalb gewisser politischer Lager den hemmungslosen Haß gegen das Judentum predigt, Gewalttaten und Schmähungen duldet und mit weiteren Gewalttaten für die Zukunft droht, so widerspricht eine solche Einstellung und Haltung aufs schärfste unserer Weltanschauung. Das Gebot der Nächstenliebe erfaßt alle in gleicher Weise und kennt keine Ausnahmen. Das Gefühl des Hasses gegen Angehörige einer anderen Rasse oder einer anderen Religion hat im Christentum keinen Platz. Wir erkennen an, daß Angehörige des deutschen Judentums, insbesondere gläubige Juden, in Wissenschaft und Wirtschaft wie auch sonst im öffentlichen Leben Hervorragendes geleistet haben. Die Schürung des Hasses gegen einen Teil der Bevölkerung .wegen der Angehörigkeit zu einer anderen Religion oder einer anderen Rasse birgt schwere Gefahren in sich für die öffentliche Ruhe und Ordnung, und auch aus diesem Grunde wird die Zentrumspartei den genannten Bedrohungen, die sich neuerdings stärker hervorwagen, mit Festigkeit entgegen treten. Verschwägerung der Rothschilds mit Chassidlm Ein gesellschaftliches Ereignis in der französischen Hauptstadt bildete die in der RothschiRf-Synagoge in der Rue La Victoire zu Paris vollzogene religiöse Trauung des polnischen bevollmächtigten Ministers Anatole Mühlstein mit Baronesse Diane Rothschild, Tochter des Barons Robert de Rothschild, eines Neffen von Baron Edmond de Rothschild. Die Trauung vollzog der Grand Rabbin von Frankreich, Israel Levi. Zivile Trauzeugen waren der polnische Gesandte ln Paris, Alfred Chlapovski, und der polnische Außenminister Zaleski. Dem religiösen Trauungsakt wohnten der deutsche, spanische, englische Botschafter, sowie eine große Reihe anderer Diplomaten bei. Der Bräutigam Anatole Mühlstein entstammt einer hochangesehenen Chassidim-Familie in dem polnischen Städtchen Szylec. Sein Vater ist der bekannte, jetzt in Palästina lebende Chassid Hille! Mühlstein, der ältere Bruder des Bräutigams, Wolf Mühlstein, ein angesehener Kaufmann, ist Führer der Chassidim in Tomaszow, Ein zweiter Bruder, mit Vornamen Schmelke, ließ sich taufen, heiratete eine polnische Gräfin und nahm den Namen Stanislaw Mylecki an. Anatole Mühlstein, dessen jüdischer Vorname Naphtali lautet, lernte bis zu seinem 16. Lebensjahre in der Jeschiwa, sprach jiddisch und trug die traditionelle jüdische Tracht. Später studierte er im Auslande und trat dann in den polnischen diplomatischen Dienst ein. In erster Ehe war er mit der Tochter des Brüsseler Bürgermeisters nur zivilrechtlich verheiratet, weil die Braut Christin war und Mühlstein seinen Glauben nicht wechseln wollte. Die Ehe wurde später geschieden. Mühlstein spielte als der polnischen Gesandtschaft in Paris attachierter bevollmächtigter Minister eine große Rolle in diplomatischen Kreisen, er ist gegenwärtig Vertreter Polens bei der Abrüstungskonferenz. Es heißt, daß er an Stelle des verstorbenen Ministers Sokal ständiger Vertreter Polens beim Völkerbund werden wird. Assimilanten-Schicksal Hochbetagt starb in Berlin Geheimrat Jakob R i e s s e r, langjähriger Direktor der Darmstädter Bank, Präsident des Hansa-Bundes und hervorragender Handelsrechtslehrer. Dem Reichstag gehörte er vor dem Kriege als nationalliberales, nach dem Kriege einige Jahre als volksparteiliches Mitglied an. Jakob Riesser, ein Neffe des großen Vorkämpfers und Durchkämpfers der Emanzipation der Juden in Deutschland Gabriel Riesser und Urenkel des großen Rabbiners Raphael Cohen, wurde bereits als Christ geboren, wurde aber, als der reaktionäre Kurs in der Deutschen Volkspartei an Boden gewann, als Judenstämmling fallen gelassen und nicht mehr zum Reichstag aufgestellt. Ein fragwürdiger Austausch Der Warschauer antisemitische Professor Loth, Leiter des Warschauer Anatomischen Institutes, hat, während er als Austausch-Professor in Nancy weilte, seine antisemitische Taktil: fortgesetzt und die an der Universität Nancy studierenden jungen polnischen Juden öfter provoziert. Die jüdisch-polnischen Studenten ln Nancy veranstalteten darum eine Demonstration gegen Loth. Wegen Teilnahme an dieser Demonstration wurde den Studenten Feinmesser und Wandel seitens Ides Senats der Universität Nancy der Tadel ausgesprochen. Der Student Scharf wurde wegen des gleichen Delikts für ein Jahr relegiert. Literatur/Kunst / flaeater Bevölkerungs-Unterbilanz der; Wiener Kultusgemeinde Soziologisch und wirtschaftlich traurige Ziffern erfuhr man in der letzten Plenarsitzung des Kultusvorstandes der Wiener Gemeinde. Im ersten Quartal dieses Jahres sind 787 Sterbefälle, 173 Austritte aus dem Judentum, 264 Geburten (davon 144 männliche und 120 weibliche) sowie 83 Eintritte ins Judentum zu verzeichnen gewesen. Vor allem fällt die weite Distanz zwischen der Zahl der Sterbefälle und jener der Geburten auf. Hält sich die Sterblichkeit auf der gleichen Höhe, so würden sich für das ganze Jahr 1932 über 3000 Todesfälle ergeben, was eine Sterblichkeitsziffer von 14 bis 15 (auf tausend gerechnet) ergeben müßte. Im Jahre 1900 belief sich diese Ziffer aut rz.o. Andererseits würde, auf das ganze Jahr berechnet, die Geburtenziffer etwa 5 betragen, während sie 1927 noch ^•3 ausmachte. Mit erschreckender Deutlichkeit tritt o*«, A„cfp|£ren der Todesfälle und das Sinken der Geburten, also die Dt.»»... Mugä-Unteronanz der Wiener jüdischen Gemeinde zutage. Dagegen ist die Austrittsbewegung, wenigstens an dem jetzigen Quartalergebnis gemessen, rückläufig. 1927 betrug die Austrittsziffer 4,5, und dürfte für das Jahr 1932 bloß etwa 3 sein. Dieser Rückgang ist zweifellos der Wirkung des jüdisch-nationalen und des zionistischen Gedankens zuzuschreiben. Da angesichts der traurigen wirtschaftlichen Verhältnisse eine Besserung der Bevölkerungsbilanz durch Steigerung der Geburtenzahl nicht zu erwarten ist, muß demnach mit aller Intensität auf die Vertiefung des jüdischen Lebens im Sinne des Zionismus hingearbeitet werden, um die Austriktsbewegung Immer stärker einzudämmen. Außerdem gab es im I. Quartal dieses Jahres 234 Trauungen und 82 Scheidungen. Unerfreulich sind auch die Zahlen, die sich auf die Steuerleistung beziehen. Hier kommen Not und Elend der jüdischen Massen klar zum Ausdruck. Im vorigen Jahr wurden rund 3500 Rekurse gegen Steuerbemessungen eingebracht, heuer sind es bereits über 7000. Im vorigen Jahr gingen rund 56.000 Steuerbemessungen mit einem Betrag von ungefähr 2,700.000 S hinaus, jetzt nur mehr etwa 52.000 mit einem Betrag von bloß rund 2,400.000 S. Von dem aus dem Judentum Ausgetretenen waren 48 Kultussteuerträger, davon die übergroße Mehrheit (34) mit einer Steuerleistung von 1 bis 50 S. Einer der Ausgetretenen war mit 360 S, ein zweiter mit 1200 S veranschlagt. Zu Beginn der Sitzung hielt Präsident Dr. Pick den verstorbenen Hofrat Löwner, Hofrat Herzka und Geheimrat Bachrach Nachrufe. Eine interessante Debatte löste die Frage der Prüfungen für Religionslehrer aus. Das Vertreterkollegium hatte beschlossen, diese Prüfungen einzustellen, da, wie es in der Begründung hieß, mit Rücksicht auf das Sinken der Schülerzah! und der deshalb zu gewärtigenden Auflassung von Klassen die Anstellung von Lehrern in der nächsten Zeit nicht in Betracht kommen werde. Gegen diesen Beschluß, der gegen den ausdrücklichen Wunsch der Unterrichtskommission gefaßt worden war, wandten sich Prof. Rath und 1 Dr. G 1 a n z mit aller Schärfe. Dr. T i c h o, auf dessen Betreiben der Beschluß zustande gekommen war, setzte sich zunächst für dessen Aufrechterhaltung ein, erklärte sich aber dann mit der Rückverweisung der Angelegenheit an die Unterrichtskommission einverstanden, wobei er zu verstehen gab, er werde die Abhaltung von Prüfungen hintanzuhalten wissen. Hitlers Interesse in “. Die Berliner «Montagspost» weiß zu melden: Lange Zeit ging das Gerücht, daß Adolf Hitler Winifred Wagner, Siegfried Wagners Witwe, heiraten würde. Zum mindesten sind zwischen beiden auf der Basis gleicher politischer Anschauungen freundschaftliche Beziehungen gepflogen worden. So wohnte z. B. Hitler stets im Hause Wahnfried, wenn er nach Bayreuth kam. Neuerdings pflegte er jedoch in Berneck bei Bayrp»th tos»«»*®«- Fs ist nämlich zu Konflikten * wischen Frau Wagner und Hitler gekommen, da Hitler die Forderung gestellt hat, daß bei den üayreuther Festspielen nur mehr deutsche Künstler beschäftigt werden dürfen. Auf diese «politische» Forderung ist jedoch Haus Wahnfried nicht eingegangen. Scharwenka-Abend Der bekannte und beliebte Geiger Prof. Josef Zimbler, der schon oft in uneigennützigster Weise bei vielen Veranstaltungen zu jüdischen wohltätigen Zwecken mitwirkte, verlieh seine Kunst dem Konzert, das am 25. April im Kleinen Musikvereinssaal stattfand. Es war dies ein Scharwenka-Abend, bei dem er zusammen mit der Veranstalterin, Frl. Edith Fiedler, die klangschöne Sonate D-moll meisterhaft spielte. Seine bekannt vornehme Vortragsart wurde wie immer warm empfangen. Die Veranstalterinnen dieses Abends, die Schwestern Rolly und Edith Fiedler, sowie der Sänger Hans Beiter, hatten mit ihren Darbietungen (es wurden Lieder, Klavierstücke, das Intermezzo und Scherzo für zwei Klaviere von Scharwenka gespielt) einen wohlverdienten Erfolg zu verzeichnen. k. Chorwerk «An Zion» Hugo Adler, ein Schüler des berühmten Komponisten Ernst T o c h, schrieb eine Kantate nach dem Hebräischen des Jehuda Haievi für vier Solostimmen, Chor, Orchester und Orgel, betitelt «An Zion». Abschiedsabend Baratoff Heute, Donnerstag, den 12. Mai, verabschiedet sich Dr. Paul Bar'atoff-Ben Zwi vom Wiener Publikum. In den Jüdischen Künstlerspielen (II., Praterstraße 34) findet aus diesem Anlaß eine Festvorstellung statt, deren Reinerträgnis den verdienstvollen Mitgliedern dieser Bühne, Frau Klara Meiseis und Fräulein Olga Schlifkowits, zugedacht ist. Auszeichnung jüdischer Sänger Seit drei Dezennien dienten die jüdischen Sänger Hermann Thiemann und Michael Strycks der Hofoper. . Dreißig Jahre waren sie Chorsolisten, sie ) sangen aber auch Solopartien. Anläßlich ihres Ausscheidens aus den Diensten der Oper wegen Uebertritts in den Ruhestand wurden die beiden, die bei der Wiener Kultusgemeinde seit mehr als 35 Jahren als Kantoren angestellt sind, mit der goldenen Medaille für Verdienste um die Republik ausgezeichnet, die ihnen Operndirektor Prof. Clemens Krauss feierlich überreichte. Sie sind die ersten Juden dieses Faches, denen diese Ehrung erwiesen wurde. Thiemann und Strycks erhielten ferner Anerkennungsschreiben von der Kanzlei des Bundespräsidenten, des Bundesministeriums für Unterricht und von der Generalintendanz. Es ist noch zu erwähnen, daß Ch. N. B i a 1 i k anläßlich seines Besuches im Seitenstettentempel den beiden Sängern durch das Präsidium des Tempels seine Anerkennung ausdrttcken ließ. Jehuda Ehrenkranz, der zurzeit eine Rezitationstoumee durch Deutschland absolviert und u a. am 12. d. M. in Berlin.liest, wird Montag, den 23. Mai, im Architektenvereins^ saal eine einzige Vorlesung in Wien geben. Zum Vortrag ge^ langt Ernstes und Heiteres aus der jiddischen Literatur. Das Programm, das sich in drei Teile gliedert, umfaßt: chassiddische Dichtungen, soziale Satiren, Humoresken und Grotesken. Neues Programm Karten von 1 bis 4 Schilling in den Buchhandlungen M. Rath, H., Taborstraße 20 a, und R. Lanyi L Kärntnerstraße 44. Doppeljubiläum. Überkantor Heinrich Fischer feiert Samstag ein Doppeljubilaum. Er begeht das Fest der silbernen Hochzeit und sein 25jähriges Amtsjubiläum. Ein Vierteljahrhundert ist es her, daß Heinrich Fischer in seiner Geburtsstadt, in Debreczin, als Kantor begann. Er wurde nach Wien in den Pazmanitentempel berufen, wo er zwei Jahre verweilte, ln Debreczin, wohin er zurückgcholt wurde, verblieb ef vierzehn Jahre. Nachher kam er für zwei Jahire nach Budapest. Seit sieben Jahren ist er Oberkantor in Wien, wo er überaus gefeiert und als Gesangfachmann besonders geschätzt wird. Neue Werke jüdischer Musik. Im Verlage Kaufmann, Frankfurt a. M., ist ein sehr interessantes Lied, betitelt «Akawio ben Mahalaleb, von Israel Alter, erschienen. Ferner erschienen folgende Gesänge: «Habet mischomajini» von M. Birnbaum (Verlag S. Lipp; Berlin), drei Lieder, op. 16, von Max Vredenburg (bei G. Alsbach, Amster» dam) und von demselben Autor 18 kleine Klavierstücke (bei A. Land, Den Haag). film «Die Nächte von Port Said.» — «Er und sein Tippfräulein.» Ein entlassener Matrose gerät in Port Said auf der Suche nach Arbeit in Gesellschaft von Opiumhändlern und Waffenschmugglern. Gustav Dießl verkörpert den Matrosen lebensecht. Oskar Homolka ist der Typ des geldgierigen und rücksichtslosen Waffenschmugglers. Sehr gut Rend Heribe 1 und Leonhard Steckei. Die Dialoge, di« größtenteils in französischer Sprache (ohne deutsche Uebersetzung) gehalten sind, wirken ermüdend. Dem Regisseur ging es hauptsächlich um die malerische Landschaft und dies ist ihm vollkpmmen gelungen. Der Komiker Weiß-FerdI ist als Komiker auch in Wien bekannt und beliebt. Wenn er in „Er und sein Tippfräulein“ als „Prinzipal" seine Buchhalterin, die reizend« Charlotte Ander, heiratet, dann ist es ihm vom Herzen zu gönnen. Bei dem Film mit diesen beiden Darstellern, verbringt man einen amüsanten Abend. Den Schlager von Peter K r e u d e r „Das pfeifen die Spatzen vom Dach** werden bald wirklich die Spatzen von den Dächern pfeifen. d. sch. Charte* Farrel als Liiiom. Ab Freitag, den IS. d. M« erscheint im Rotenturm-Kino „Liiiom" als Groß-Tonfiln» der Fox nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Frans Molnar, in dem Charles Farrel und Rose Hobart die Hauptrollen spielen. Die Regie, die Frank Borzage führte, zeigt besonders in den Himmelsszenen Bilder von unerhörter Wirkung, wie sie keine Bühne hervorbringen kann. Dl« musikalische Leitung dieses Films hatte Richard Fall, der zu diesem Zweck mehrere Wochen in Hollywood wellte. Edgar Allan Poe verfilmt. Die phantastische Welt der seltsamen Geschichten Edgar Allan Poes wird nun im Tonfilm auf erstehen. Die Universal hat die besten dieser unheimlichen Erzählungen, die mit ihrer Vielseitigkeit fj* 18752133

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