Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 205 (10.12.1931)
- Date
- 1931-12-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b. BEZUGS* BEDINGUNGEN Oe«t*rtetcfv ctumat lieb 8 I lihrl S 4 2ü, 4anr jihrl. $ 16- Dfutichld vtartallihrl RM V- T«ch»cho«lou'wket vi«rt«l) Kc 24 — luKunlavuiei) <n«rt«l jährl Du» 40' - Polae <nmi««»Iittlif lieh Zlot> ft'SO Ungarn vt«rt»l|Hhf lieh P«»*t 4*20 Rumlnien Blirl l-«i 120' - •Kngei Auilahd vi«rtt*MXhrl Schw Pranken 4*50 jüdisdke Zeitung Preis 35 g * Erscheint jeden Donnerstag Redaktion and Administration Wien I. Kärntner «trab« 28 Tel R-27-4-86 Postsparkassen* kontii Oeaten D 113.546 Polen . 191.199 Taehecho* «lowaket 500.236 lugoalauden 40.879 4« Jahrgang Wien, Donnerstag, 10. Dezember 1931 (30. Kislew 5692) dummer 205 Neue antisemitische Ausschreitungen an der Universität Von der Rassen» schniiffelei zum Studentenrecht Das famose, auf Rassenschnüffelei aufgebaute Studenten-«Recht» soll also — dem klaren Willen des Verwaltungsgerichtshofes zum Trotz — wieder aufleben. Habeant sibi! Strenge gehandhabt, müßte der Rassenstandpunkt, der im neuen Studentenrecht seine Auferstehung feiern soll, die Nachkommen der größten Zierden der Wiener Universität als rassenunrein verfehmen und sie aus den Reihen der deutschen Studentenschaft ausstoßen und sie ln argerWeise lichten. Denn wie vielen mißlänge dann der Nachweis ihrer Rassenreinheit! Wer kann überhaupt tnit reinem Gewissen die Reinheit seines Blutes behaupten? Aus so manchem, scheinbar waschechten arischen Antlitz guckt oft höhnisch der jüdische Ahne hervor. Denn wer ist von der «mala sangre» der Juden verschont geblieben? Georg Schönerer, einst der Abgott der Alldeutschen, war der Schwiegersohn eines Vollblutjuden namens Schmul Löb Kohn. Herterich, der Führer der Deutschnationalen im Reich, war mit der Tochter eines Stettiner Juden verheiratet Der Reichskanzler Bethmann-Hblweg enstammte der jüdischen Bankiersfamilie Bethmann aus Frankfurt am Main. Friedrich Stahl, der Führer der klerikal-konservativen Partei in Preußen, war der Sohn eines bayrischen Juden. Der deutsche Staatssekretär Dernburg war ein judenstämmling. Der österreichische Minister Steinbach war ein getaufter Jude aus der Budapester Judengasse. Ebenso ist der vor kurzem zurückgetretene österreichische Finanzminister Redlich ein getaufter Jude. Der gewesene österreichische Finanzminister Dr. Kienböck hat eine Jüdin zur Frau. Der Burgtheaterdirektor Baron Berger, der Dichter Paul Heyse, der Romanschriftsteller Friedrich v. Spielhagen, der Philosoph Schopenhauer, der polnische Komponist Chopin, die größten polnischen Dichter Mickiewicz und Slowacki, der französische Schriftsteller Anatol France, der französische Politiker Gambetta und viele andere bedeutende Männer waren Söhne jüdischer Mütter. Tolstoi lebte in einer glücklichen Ehe mit der Jüdin Sophie Behrs. Ebenso war der russische Minister Witte mit einer Jüdin verheiratet. Auch viele Leuchten der Kirche waren nicht frei .von jüdischem Blute. Der berühmte Kanzelredner Veit, war ein Enkel des jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn. Bischof Simeon von Metz, Erzbischof Kohn von Olmütz waren von jüdischer Abkunft. Elvnso die Päpste Euvaristus (97—105) und Anaklet U. (1130—38). Anaklet, von Voltaire «der jüdische Papst» genannt, war der Enkel des jüdischen Kleiderhändlers Benedikt Pier-Leoni. Anaklets Schwester wurde die Gemahlin des Herzogs und späteren Königs Roger von Sizilien. Die Enkelin eines Juden als Königin von Sizilien beweist, daß sogar Königshäuser der Verjudung anheimfielen. So hatte Ferdinand der Katholische, der 1492 die Juden aus Spanien vertrieb, als Enkel der schönen Toledaner Jüdin Paloma, jüdisches Blut in seinen Adern. Eine Enkelin des Königs Ferdinand heiratete wieder einen jüdischen Abkömmling, den Urenkel eines Juden: den Herzog de Cabaleria, Vizekanzler von Aragonien. Fürst Albert von Monaco war mit einer Nichte Heinrich Heines, der Tochter Michael Heines, verheiratet. Die Hohenzollern sind durch die Heirat einer Nichte des Professors Esmarch, der mit einer Nichte der deutschen Kaiserin Viktoria verheiratet war, mit dem Budapester Arzt Dr. Morgenstern verjudet. Herzog Ludwig Wilhelm von Bayern hatte eine Jüdin, die Juwelierstochter Henriette Mendel, zur Frau. Montag kam es Innerhalb der Universität zu neuerlichen Ruhestörungen. Im Laufe des Vormittags haben nationalsozialistische Studenten und gleichgesinnte Mittelschüler Flugzettel verteilt, ln denen die Einführung des numerus clausus gefordert wurde. Auf der juridischen Fakultät hielt Professor Wöß für Hörer des ersten Semesters eine von 11 Uhr bis 1 Uhr währende Vorlesung, ln der Pause zwischen 12 Uhr und >41 Uhr kam es zu argen Prügeleien. Der Sohn des Universitätsprofessors Petschek ging allein in die Aula und wurde auf der Stiege ohne jeden Anlaß von Nationalsozialisten beschimpft und blutig geschlagen. Er ging in den Hörsaal zur Vorlesung Wöß, der nun von einer Gruppe von Nationalsozialisten mit den Worten: «Juden hinaus!» gestürmt wurde. Die Hakenkreuzler ergriffen jüdische, aber auch arische, ihnen als Sozialisten bekannte Höchschüferinnen und Hochschüler und entfernten sie gewaltsam aus dem Hörsaal. Der Student Petschek mußte unter dem Schutz von Pedellen in den Hörsaal geleitet werden. Gruppen von 30 bis 40 Nationalsozialisten, die diesmal ausnahmslos in Zivil- Die unlängst vertriebene spanische Königin ist die Urenkelin des getauften polnischen Generals Hauke. Die Gattin des jetzigen regierenden Fürsten von Liechtenstein ist eine Jüdin. Ja, durch die Heirat der Berta v. Rothschild mit dem Fürsten von Wagram, dem Enkel des Marschalls Alexandre Berthier von Frankreich, der mit der Herzogin Maria von Bayern, einer Großtante der Kaiserin Elisabeth von Oesterreich verheiratet und dessen Schwiegertochter Zenaide Clary, einer Nichte der Gemahlin König Karls XIV. von Schweden und Norwegen aus dem Hause Bernadotte war, sind die Rothschilds mit den Regentenfamilien Wittelsbach, Bernadotte, Habsburg und Bourbon verschwägert. So sieht die vielgepriesene Rassenreinheit aus. Die unzähligen Judentaufen, die mancher Zeitepoche das Gepräge aufgedrückt haben — so nennt man u. a. das 19. Jahrhundert das Jahrhundert der Judentaufen» — und die zahllose® Mischehen haben jede Rassenreinheit ausgetilgt. Darum ist, wie Friedrich Müller sagt, «Rasse eine leere Phrase, ein purer Schwindel.» Den blühenden Rassenunsinn hat schon vor fast 200 Jahren der nichts weniger als judenfreundüch gesinnte, aber wahrheitsliebende spanische Ministerpräsident Pombal, vor seinem judenfeindlichen König — es war Joseph 1. — schlagend bewiesen. Eines Tages verlangte der König, alle Judenstämralinge in seinem Reiche durch Abzeichen kenntlich zu machen, um sie dem Gespött und der Verachtung der «reinrassigen» Bevölkerung preiszugeben. In einem Kronrat erteilte er Pombal den Auftrag, in der nächsten Kronratssitzung entsprechende Vorschläge zu erstatten. In dieser Sitzung erschien der Ministerpräsident mit einigen gelj m HA/5ER5TR. (X- AL5ER5TR. 6 S15-S20-S28* kleidem erschienen waren, durchstreiften die Gänge und forderten jüdische Hochschülerinnen und Hochschüler auf, die Universität zu verlassen. In der Aula hatten Nationalsozialisten eine Prügel* gasse gebildet und hieben auf die jüdischen Studenten^ die dem Ausgange zustrebten, mit Fäusten, Stöcken und Schlagringen ein. Insgesamt erlitten zwölf Hochschüler blutende Ver« letzungen am Kopf oder im Gesicht Vier von ihned haben bei der Polizei die Anzeige gegen unbekannte Täter gemacht. Unter den Hakenkreuzlern, die in den Hörsaal eindrangen, befanden sich auch einige, die in der Vorwoche den Ordnungsdienst der Nationalsozia« listen versehen hatten., Unter den Ruhestörern befanden sich auch nationalsozialistische Hörer anderer Wiener Hochschulen. Unter anderen wurden auch zwei jüdische Theolo« giestudenten von einer Horde von Nationalsozialisten überfallen und blutig geschlagen. Vivat academia! ben Zipfelmützen und überreichte je eine dem König und den anderen Ministerkollegen. «Was soll das?» fragte verblüfft der König. Gelassen gab Pombal zur Antwort: «Die gelbeif Zipfelmützen schlage ich nach dem Wunsche Euerer Majestät zur Kennzeichnung der Judenstämmlinge vor. Und da wir alle nicht frei sind von jüdischem Blute( habe ich gleich für Eure Majestät und die Herren Mini« ster die Abzeichen mitgebracht.» Treffend wird der Rassenunsinn auch durch .einen Vorfall bei einer Sedanfeier in München illustriert. Felix Dahn hielt die Festrede. Während derselben trat ein hühnenhaft gebauter, blondhaariger, blauäugiger, mit blondem Wotanbart geschmückter Mann ein. Dahn wies auf den echt germanischen Recken hin und apo* Werdende Mütter müssen jegliche Stu.ilverhaltung durch Gebrauch des natürlichen «Franz-JoseforBitter* wassers zu vermeiden trachten. In Drogerien erhältlich. strophierte die Zuhörer mit den schwungvollen Worten: «Darf es unserem deutschen Volke bange sein um sein* Zukunft, wenn es solche hühnenhafte Recken in seinen Mitte besitzt, die jederzeit einzustehen gewillt sind füf Deutschlands Macht und Größe?» Wie veränderte sich aber später Dahns und. seinen Zuhörer Antlitz, als sich der «germanische Recke» als — der jüdische Rechtsanwalt Dr. Hermann Levy aus Fürth in Bayern vorsteilte. Nein! Auch das Aussehen ist für die Rasse nicht entscheidend. So sah Richard Wagner gar nicht wie ei* Germane, sondern wie ein echter Semit aus. Nietzsche sagt von ihm deshalb: Wagner Ist bereift ein Vorschuß seiner Mutter auf ihre zweite Ehe mit dem' jüdischen Schauspieler Geyer. Und Cuza, der rumänische Hitler, sieht — grau* sames Spiel der Natur? oder Fehltritt seiner Mutter? wie der leibhaftige Judas aus. Bei hakenkreuzlerische* Exzessen auf jüdisch aussehende Passanten bekämt Cuza sicherlich die meisten und saftigsten Hiebe. So windig sieht es mit dem Rassenstandpunkt aus, auf dem das Studenten-«Recht» wieder errichtet werden soll. Es ist eben nichts so schlecht und widersinnig, ate daß es nicht seine Anbeter und Verteidiger fände. Dr. L. F. r u c h t