Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 200 (5.11.1931)
- Date
- 1931-11-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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v. b. b. BEZUGS BEDINGUNGEN Oesterreich mooet Ucb S \\% -Hertel jährt S 4 20 ganz jährl £ 16'— Deutschld. viertel jährl RM V— Tschechoslowakei viertel) Ke 24'—- lugoslswiee viertel jährl Din 40’ - Polen Vierteljahr lieh Zloty 6'50 Ungern Vierteljahr lieb Pengö 4*20 Rumänien vierteljährl Lei 120' - Uebrige* Ausland viertelj’ährl Schw ® Franken 4*50 4. Jahrgang Wien, Donnerstag, 5. November 1931 (25. Marcheschwan 5692) Jüdisdke Zeitung Preis 35 g Erscheint jeden Donnerstag Redak tiofi und Administration Wien I. Kammer- «traft» 28 Tel R-27-4-86 Postsparkassen* Icontii Oesterr D 113.546 Pole» I9U99 Tschechoslowakei 500.230 Tugoslawien 40.879 $ -p O •rl r4 Q -P £ :cö tfi > C0 rl Pi Ö © . ö •£P .ummer 200 Nach den englischen Pariamentswahien Die eben vollzogenen Wahlen im englischen Parlament bedeuten insofern eine Ueberraschung, als der Sieg der Konservativen alle diesbezüglichen Berechnungen übertroffen hat. Mit gestutzten Flügeln kehrt die Labour-Party ins Parlament zurück, und wieder wird die britische Reichspolitik von den Konservativen ihre entscheidende Note erhalten. Noch weiß man nicht, wie die genaue Zusammensetzung der künftigen Regierung sein wird — aber es ist anzunehmen, daß im Kabinett manche Persönlichkeit verbleiben wird, deren prozionistischer Standpunkt bekannt ist, und zu hoffen, daß ein oder der andere unserer Freunde hinzukommen wird. Hingegen sind etliche Politiker in den Hintergrund getreten, denen der Zionismus kein freundliches Angedenken bewahren kann. LordPassfieldhat schon vor den Wahlen sein Amt geräumt, seine rechte Hand Doktor Shie 1 s ist bei den Wahlen unterlegen. Die künftige britische Politik wird also von den Konservativen beherrscht sein. Die La bour- Politik in bezug auf Palästina war bekannter- , maßen eine große Enttäuschung der einst auf sie gesetzten zionistischen Hoffnungen. Unter ihrer Aegide hat das jüdische Aufbauwerk die größten Erschütterungen erlebt — die blutigen Unruhen vom Sommer 1929; und man erinnert sich all zu gut, was auf sie folgte. Eine unparteiisch gefärbte parlamentarische Untersuchungskommission, welche es fertiggebracht hat, den Ankläger fast in den Angeklagten zu verwandeln, und Vorschläge machte, zu denen sie keinen Auftrag hatte,# Simpsons oberflächliche und im Sinne seiner ^Auftraggeber erstattete Expertise, P a s s f i e 1 d s berüchtigtes Weißbuch und die Haltung von Dr. Shiels, dem Unterstaatssekretär für die Kolonien, vor Parlament und Mandatskommission. Heute ist es klar, daß diese Politik des Kolonialamtes und seiner Organe in London und Jerusalem auf einen einheitlichen Gesichtspunkt zurückzuführen war. Es wäre falsch und eine Verkennung der wahren Motive, wollte man z. B. Passfields Weißbuch mit einer antijüdischen Animosität erklären. Hier lag etwas anderes vor: Die Haltung des Kolonialamtes war von der Absicht diktiert, sich angesichts verschiedener Schwierigkeiten der britischen Kolonialpolitik (Aegypten, Indien, Araber) nach der bequemeren Seite des geringeren Widerstandes zu orientieren, also den Arabern als der Mehrheit möglichste Nachgiebigkeit zu bezeigen und mit dem zionistischen Anspruch in Palästina auf dem Wege der Interpretation und des Lavierens fertig zu werden. Man war bestrebt, Palästina administrativ etwa unter die anderen Mandate und Kronkolonien einzureihen, und die Verwaltung des Landes demgemäß einzurichten, wobei sich charakteristischerweise die Politik der Arbeiterregierung auf die reaktionärste Klasse, die feudalistischen Effendis, stützte. Dieses Entgegenkommen ging so weit, daß sogar die Anfänge einer parlamentarischen Ordnung — für welche die Araber noch lange nicht die Reife erlangt haben, — in Aussicht gestellt wurden, eine Maßnahme, welche bezeichnenderweise der deren Einführung fordernden, gerade gegenwärtig rebellierenden griechischen Mehrheit Cyperns derselbe Lord Passfield im Jahre 1929 verweigert hat! Die Labourregierung hat gewisse proarabische Tendenzen in der britischen Außenpolitik sichtbar in Erscheinung treten lassen, ohne es zu verstehen, den palästinensischen Sondertal! mit diesen in einer Weise in Einklang zu bringen, welche die den Juden international verbrieften Rechte berücksichtigt. Es wäre falsch, von der neuen politischen Konstellation in England zu erwarten, daß nunmehr Ober Nacht alle zionistischen Blütenträume reifen werden. Wir wollen ganz davon absehen, daß schon die bisherige, seit kurzem am Ruder befindliche anatlonale 46 Juden im neuen britischen Unterhaus Wie bereits berichtet, wurden in das neue Unterhaus 16 jüdische Abgeordnete gewählt im früheren Parlament gab es 15 jüdische Abgeordnete. Alle neugewählten jüdischen Abgeordneten sind Anhänger der nationalen Regierung. Kein einziger jüdischer Kandidat der Labour-Party wurde ins Parlament gewählt Von den bisherigen jüdischen Mitgliedern der Herbert Samuel-Gruppe wurden außer Samuel selbst, Major James D. Rothschild, Major H. L. Nathan und Percy Harris gewählt Gewählt wurde auch Bamett Jänner, der dem früheren Unterhaus nicht angehört hat. . Der Abgeordnete Jänner wurde in Withechapel gewählt wo er seinen Gegenkandidaten, den früheren jüdischen Boxer «Kid» Levis aus der Liste der Mosley-Partei besiegt hat. Für Levis wurden kaum 154 Stimmen abgegeben. Zwei Kandidaten dar Samuel- Giruppe Philipp Guodalda und L. B. Fraiklin blieben in der Minderheit. Höre Belisha wurde mit einer Riesen mehrheit von 14.420 Stimmen gewählt Sein Gegenkandidat war ein Mitglied der Labour-Party. Von den Konservativen wurden folgende jüdische Kandidaten abermals gewählt: der ehemalige Minister A. M. Samuel, Samuel Samuel (ein Bruder des verstorbenen Lord Boarsted), Major Isidor Salmon und der Vizeminister der Luftschiffahrt Sir Philipp Sassoon. Weiters wurden gewählt L. H. Gluckstein, A. M. Lyon, Du de ley, B. Joel und T. Le vi. Von den nichtjüdischen Abgeordneten, :dle in der Pal$stinafrage •eine wichtige^ Rolle , spjejteii^ wurden nicht gewählt Dr. Drummond S h ie 1 s und der. Oberst Kenworthy. Der Abgeordnete Wedgwood kommt in das Unterhaus ohne. Wählern* weüinselnem Wahlbezirke keine Gegehkiliäidutur^ gestellt worden ist Der Anführer der antizionistischen Gruppe im Pärlament Oberst HowardB d r y, bekannt durch seine ständigen proarabischen Interpellationen im früheren Unterhaus, kandidierte diesmal nicht Regierung» ein anderes Gesicht trägt als ihre Vorgängerin. Aber man darf nicht, vergessen, daß der Druck der allgemeinen krisenhaften Weltlage und die besonderen Sorgen Englands, andere Probleme als Palästina in den Vordergrund rücken und daß sich in den großen Richtlinien der Außenpolitik alle englischen Regierungen einander mehr oder weniger zu gleichen pflegen. Immerhin ist zu erwarten, daß die Eroberung des politischen Einflusses durch die Konservativen einen Vorteil für die zionistische Politik bedeuten wird. Aber die Auseinandersetzung zwischen den beiderseitigen Ansprüchen in Palästina, dem jüdischen und dem arabischen, und die Aufgabe, die beiden ohne Einbuße für die jüdischen Aspirationen in Einklang zu bringen, wird auch weiterhin ein schweres und drängendes Problem für die zionistische Politik bilden. Es ist dies eine Frage, die wohl auch Englands Aufgabe bildet, zu deren Lösung aber eine stetige und zielbewußte, starke aber auch mit den Realitäten rechnende zionistische Arbeit beitragen muß. Die zionistische Politik muß sich selbständig machen und dem Eindruck aus weichen, als ob sie sich lediglich auf Englands Bajonette stützen oder ein Nutznießer von kolonialem Imperialismus sein wolle. Wir müssen einerseits erweisen, daß wir das jüdische Nationalheim in Palästina errichten wollen, ohne die Rechte der Araber zu verkürzen und betonen, daß unsere Arbeit es schon bisher in höherem Maße gewesen ist als die englische Verwaltung, welche zur Hebung der allgemeinen Landesverhältnisse beigetragen hat. Es mag fraglich bleiben, ob es uns gelingen wird, die führende E f f e n d i klasse zu versöhnen, dann bleibt der Weg zu den arabischen Massen, der systematisch noch nicht gegangen wurde. Hat uns die Passfield-Politik in manchen Kreisen als Verdränger der Araber und Feinde berechtigter arabischer Interessen erscheinen lassen, so werden wir den Nachweis zu führen haben, daß unser Werk eines der Zivilisation und des CESCH HtKAtSERSTRW 0. Alsbrstr. 0 Sl5'-$20r-$28~ rsaSSSmBSSSBSSBSSBBBSSSmBBBBSSBBSBSSSBSBSBBSBSSam wahren Fortschrittes ist und daß wir nicht nationalistische Rückschrittler sind, weil wir der Gefahr einer pseudo parlamentarischen Ordnung in einem Analphabetenlande entgegentreten, einer Ordnung, welche die Vorherrschaft der reaktionären Großgrundbesitzer verstärken würde. Auf der anderen Seite wird es zu unseren ersten Aufgaben gehören, den palästinensischen S o n d e r f a 11 stetig zu betonen und auf unserem internationalen Rechtstitel zu bestehen. Daß dies ebenso nötig, wie möglich ist, erkennt man aus den Verhandlungen der Mandatskommission, in der unsere Sache wertvolle politische Förderung erfährt und die für uns eine der wichtigsten Institutionen geworden ist. Man lese bloß in den Protokollen der letzten Sessionen nach, in welch klarer und entschiedener Weise der besondere Charakter des Palästinamandates von verschiedenen Seiten hervorgehoben wird, man wird aber auch in den Protokollen früherer Jahre finden, daß die b r iti sehen Vertreter in dieser Kommission diesen Charakter hervorgehoben und ganz anders Stellung genommen haben als etwa Herr Shiels. Dieser besondere und prinzipielle Charakter des Mandates wird umso konsequenter zu betonen sein, als sich für die Nachbarländer Syrien und Irak, gleichfalls Mandatsgebiete, gewisse Veränderungen ankündigen, welche unseren politischen Kampf fürs erste nicht zu erleichtern geeignet sind. Es muß in unserer zionistischen Außenpolitik der leitende Gedanke zum Ausdruck kommen und vor England und dem internationalen Forum vertreten werden, daß n i c h t d e t Jischuw das Rechtssubjekt ist, sondern das jüdische Volk. Diese Politik muß gleich weit entfernt sein vom Verzicht wie von proklamatorischer Geste. Sie muß realistisch und elastisch sein und begleitet von steter aufbauender Leistung in Erez Israel, welche auch als starker politischer Faktor zu bewerten ist. Der chaotische Zustand, in den die ganze Welt geraten Ist, die unerhörte Krise, in Umfang und Art verschieden von allen früheren, erfordern besondere Achtsamkeit. Dazu aber auch besondere Anstrengung und Opferwilligkeit. Fürs erste wird mit aller Kraft vorzusorgen sein, daß das mühsam Geschaffene in Erez Israel nicht zu Schaden kommt. Ohne Po« Iftik gibt es keine zionistische Ar* beit; Politik ohne parallel gehende Leistung war niemals undenkbare! als heute.