Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 193 (17.9.1931)
- Date
- 1931-09-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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\ V. b. b. BEZUGS¬ BEDINGUNGEN Oesterreich nonat (ich S l\JJ, Bertel jShri S 4’20, gen*- jährL . . 8 16-- DeutechlcL viertel jährL HM V— Tschechoslowakei viertel] Ke 24 — lugoslawte» viertel lährl Dü». 40’ - Polen viertelittht lieh Zlor> 6*50 Ungarn Vierteljahr (ich Pengö 4*20 Rumänien viertel Ölirl Lei 120 ebrige» Ausland vierteljShrl Seht* Franken 4*50 Jüdisdte Zeitung Preis 3$g Erscheint jeden Donnerstag Redaktion and Administration Wien. L Kärntner- «traft* 28 Tel R-27-4-86 Postsparkassenkonti j Oester» D 113-546 Polen . 191-199 Tschechoslowakei 500.230 (ugoslawieti 40.879 h3 & 4. Jahrgang Wien, Donnerstag, 17. September 1931 <6* Tischri 5692) mimmer 193 Die Zukunft des Palästinamandats Wie lange noch wird Palästina ein Mandatsland sein? Was wird nach Aufhebung des Palästinamandats mit den zionistischen Forderungen geschehen? Das sind zwei Fragen, die für den Zionismus von größter politischer Bedeutung sind, die aber sonderbarerweise bisher in der zionistischen Oeffentlichkeit keine genügende Aufmerksamkeit fanden. Das Mandatssystem ist erst nach dem Weltkrieg zum ersten Male in der Geschichte in Erscheinung getreten. Es handelte sich damals darum, gewissen Territorien, die zur Selbständigkeit noch nicht reif waren, eine Frist zu lassen, innerhalb der sie von einer Großmacht verwaltet werden sollten. Es ist klar, daß dies von vornherein verkappte Protektorate, beziehungsweise zu Protektoraten führende völkerrechtliche Verhältnisse waren. Dies wird unzweifelhaft durch die Tatsache bewiesen, daß Irak bereits einen Freundschaftsvertrag mit England geschlossen und der Protektoratsmacht weitgehendste Garantien militärischer und wirtschaftlicher Natur gewährt hat. Von den drei Mandatsländern Irak, Syrien mit Libanon und Palästina is’t also eines bereits auf dem Wege, ein Mitglied des Völkerbundes zu werden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß das französische Syrienmandat unter diesen Umständen nicht mehr lange wird in Kraft bleiben/Können. So wird schließlich Palästina als ein einziges A-Mandatsland übrig bleiben, das in irgendeiner abstrakten Sphäre zwischen der Unabhängigkeit und einem Kolonialstatus hängenbleiben muß. ln Genf ist man in maßgebenden Kreisen davon überzeugt, daß das Palästinamandat höchstens noch fünf Jahre existieren wird. Und was wird dann geschehen? England wird natürlich auf seinen Einfluß nicht verzichten, sondern seine bisherige Position als Mandatarmacht analog dem Irakfall in ein Protektorat umwandeln wollen. Ein Protektorat setzt aber einen Vertrag zwischen der protegierenden Macht und dem protegierten Lande voraus. Nun wird der britische Kontrahent in diesem Falle wahrscheinlich eine ad hoc ins Leben gerufene palästinensische autonome Körperschaft sein, deren embryonale Anfänge im geplanten Legislative-Council zu suchen sind. Von diesem Standpunkte aus gesehen ist die Frage der Gesetzgebenden Körperschaft in Palästina, in der doch die Juden in der Minorität sein sollen, von größter Bedeutung für eine weitsichtige zionistische Politik. Es unterliegt keinem Zweifel, daß unsere berufenen Führer, in erster Reihe die zionistische Exekutive und ihre Genfer Vertreter, genau über die Sachlage informiert sind und alles tun werden, was in ihrer Macht liegt, um zu verhindern, daß die Aenderung des palästinensischen Status sich in f einem für den Zionismus negativen Sinne auswirke. Aber Schwierigkeiten werden sich zweifellos häufen. Der Völkerbund zeigt die Tendenz, das "Mandatssystem Überhaupt möglichst rasch zu liquidieren. Er will die Schwierigkeiten, die dieses System für ihn mit sich bringt, bald los werden. Dieser Prozeß ist nun einmal nicht aufzuhalten. Es muß aber in Betracht gezogen werden, daß das britische Palästinamandat keine Völkerbundsangelegenheit schlechthin ist, da auch eine große Weltmacht, die dem Völkerbunde nicht angehört, und zwar A m e r i k a, die jüdischen, im Mandat fixierten Rechte auf Palästina mitstipu- Iiert hat. Amerika wird also für jeden Fall gehört werden müssen, bevor irgendeine entscheidende Wendung eintreten wird und es ist zu hoffen, daß es seinen Einfluß in einem uns günstigen Sinne geltend machen wird. Die Gefahr liegt jedoch hierin, daß manche Staaten, in erster Reihe Deutschland, die Tendenz aufweisen, in den betreffenden Ländern nach der Abschaffung des Mandats nur Minoritätsrechte schützen zu wollen. Dies zeigte sich im Irakfall, als der deutsche Genfer Vertreter die Notwendigkeit unterstricht in den vom Mandate «erlösten Pogrom in Berlin Am zweiten Abend des Rosch Haschanah-Festes wurde der nationalsozialistische Mob gegen die Juden im Berliner Westen nach einem vorher gefaßten und genau ausgearbeiteten Plan mobilisiert Vor 9 Uhr abends tauchten plötzlich an zahlreichen Stellen des Berliner Westens stärkere Trupps Hitler- Jungen auf. Die Art der Ausschreitungen war von einer schwer wiederzugebenden Roheit Sprechchöre brüllten: «Deutschland erwache, Juda verrecke!», «Schlagt die Juden tot!», «Wenn’s Judenblut vom Messer fließt, dann gehfs noch mal so gut!». Jüdisch aussehende Personen, die die Straßen passierten, wurden mit Fäusten, Gummiknüppeln und Eisenstäben roh niedergeschlagen, mehrere am Boden Liegende auch noch mit den Stiefelabsätzen getreten. Manche der Trupps stürzten sich auf ihre Opfer unter den Rufen «Die Synagoge brennt! Sarah packt die Koffer!» Andere riefen: «Das habt ihr Juden euch nicht träumen lassen, daß wir heute an eurem Feiertage zu euch kommen!» Auch unflätige Beschimpfungen gegen das jüdische Fest wurden laut Im ganzen schätzt man die Teilnehmer an den Ueberfällen auf über 1000. Einzelne Jugendliche lösten sich von den Trupps, mischten sich unter die Straßenpassanten, suchten sich unter diesen ihre Opfer aus, knüppelten sie nieder und liefen dann zu ihrem Trupp zurück. Das alles geschah blitzschnell, so daß es nicht gelang, die Täter festzustellen. Wie bis jetzt festgestellt wurde, wurden etwa neun Juden und vier jüdisch aussehende Christen mehr oder weniger schwer verletzt. Am schlimmsten wüteten die Nationalsozialisten vor und in dem Cate Reimann am Kurfürstendamm zwischen Uhland- und Knesebeckstraße. Ein Trupp von etwa 70 Nationalsozialisten erschien unter Strammer Führung vor dem Cate. Zunächst wurden zwei Schüsse gegen die Glaswand abgegeben. Dann wurden die draußen stehenden Marmortische und -Stühle in die Höhe gehoben und .durch die Glaswand iti den Innenraum geschleudert. Dann stürmten die Hitler-Leute in das Cafe, schlugen auf die Gäste los und demolierten die Inneneinrichtung. Es entstand eine fürchterliche Panik. Bevor noch der Sturm auf das Cafä begann, wurden einige jüdische Herren, die dort vorbeigingen, angerempelt, wer sich nicht rechtzeitig in Sicherheit brachte, wurde niedergeschlagen. Herr Dr. Alexander Rosenfeld, Mitglied des Präsidiums des Welt-Makkabi, der mit einer ausländischen jüdischen Journalistin an dem Caf6 vorbelging5 wurae;voii einem Hitler-Jungen rücklings über den Kopfgesdhlagen. Als er sich umdrehte und sich mit seinem Stock zur Wehr setzen wollte, sprangen drei andere Hitler-Jungen hinzu und schlugen so lange auf ihn los, bis er aus mehreren Wunden blutend am Boden liegen blieb. Dr. Rosenfeld erhielt zwei blutende Kopfwunden, einige Blutergüsse und Kontusionen an verschiedenen Stellen des Körpers. Auch vor der Konditorei Möhring am Kurfürstendamm wurden mehrere Passanten mißhandelt, unter ihnen der Sohn des Konditors, Möhring, der so geschlagen wurde, daß er einen Nervenschock erlitt. Mit blutenden Kopfwunden wurde er zum Arzt gebracht Möhring ist kein Jude, sondern wurde nur wegen seines jüdischen Aussehens verprügelt. In der Nähe der Gedächtniskirche wurde ein Herr v. Löwenstein, ein früherer Offizier, der kein Jude ist, aber etwas jüdisches Aussehen hat, blutig geschlagen. Das hat zu dem Gerücht Anlaß gegeben, daß sich auch Hauptmann a. D. Dr. Löwenstein, Präsident des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, unter den Verletzten befindet Auch vor dem Caf& Heßler in der Kantstraße veranstalteten die Hitler-Leute einen Tumult und schlugen die Fensterwand ein. Die nationalsozialistische Aktion kam so plötzlich, daß die Polizei von ihr vollkommen überrascht wurde und nicht rechtzeitig an den gefährdeten Punkten erscheinen konnte. Wo sie aber erschien, griff sie, wie Augenzeugen berichten, scharf durch. Gegen 11 Uhr abends war die Ruhe wieder hergestellt. Am Sonntag abends wiederholten sich, wenn auch in vermindertem Maße, die nationalsozialistischen Ausschreitungen gegen jüdische Synagogenbesucher. Diesmal war der Schauplatz der Norden Berlins; Nationalsozialisten blockierten eine hauptsächlich von Ostjuden besuchte kleine Synagoge in der Weise, daß sie sich an beiden Ausgängen der Straße, in der die Synagoge liegt, postierten. Als die Andächtigen am Ausgang des Rosch Haschanah-Festes die Synagoge verließen, wurden sie von den Hitler-Leuten attackiert Im Hinblick auf die Wiederholung der Ausschreitungen gegen die Synagogenbesucher wird für die noch kommenden jüdischen Feiertage von jüdischer Seite ein umfassender Synagogenschutz organisiert Die Berichte der gesamten Presse Berlins und der Provinz, mit Ausnahme der rechtsstehenden Presse, stellen einmütig fest, daß die Berliner antijüdischen Exzesse von langer Hand organisiert und nach einem vorher genau festgelegten Plan organisiert wurden. Die «Welt am Morgen» überschreibt ihren Bericht mit dem Titel «Goebbels kommandiert den Pogrom». Polizeilicherseits wird mitgeteilt, daß 60 Personen zwangsgestellt wurden, von welchen 22, unter ihnen der Haupträdelsführer der Krawalle, dessen Name vorläufig geheim gehalten wird, am Dienstag, den 15. September, dem Schnellrichter werden vorgeführt werden. (J. T. A.) Territorien» Minoritätsrechte zu garantieren. Analoge Methoden im Palästinafall würden das zionistische Problem zu einer gewöhnlichen Minoritätsfrage degradieren. Dazu darf es und dazu wird es nicht kommen. Es gibt gewisse Punkte des Palästinastatuts, für die auch nach der Aufhebung des Mandats die Völkerbundgarantie aufrecht bleiben wird; die Artikel 13 und 14 des Mandats, in denen über die heiligen Stätten gesprochen wird, werden auch späterhin, nachdem Palästina selbständig geworden ist, in Geltung bleiben; diese heiligen Stätten werden auch CESCHKA Hl KM5ER5TR. 123 KALSERSTB. 6 SIS- S20--S28-- fBSBUBSSSmSSSSBSSBaSSBSSSSBBSSSBSSSSSSSSBeBUSSaU dann der Kontrolle des Völkerbundes unterliegen. Aber für die zionistischen Artikel des Mandats wurde diese Perpetuität von vornherein nicht festgesetzt. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sich mit diesem für uns lebenswichtigen Problem der internationale Haager Gerichtshof wird befassen müssen. . Wie dem auch sei, eines steht fest: wir haben für keinen Fall viel Zeit zu verlieren. In den Rahmen, die uns jetzt gegeben sind, gibt es noch vieleszuschaffen. Unsere berufenen politischen Führer müssen auch die weitere Zukunft sehen und schon jetzt alles tun, was notwendig erscheint, um die zionististischen Forderungen zu sichern. Für die große Masse der Juden, in erster Reihe der Zionisten, muß aber die Möglichkeit späterer politischer Komplikationen — es kann heute nicht prophezeiht werden, ob sie für uns günstig oder ungünstig sein werden; beides ist möglich — jedenfalls ein Ansporn zur intensivierten praktischen Arbeit sein. Denn das wichtigste zionistische Axiom lautet: je mehr Positionen wir im Lande haben, je stärker wir im Lande sind, desto größer sind unsere politischen Chancen, 3*^