Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 192 (10.9.1931)
- Date
- 1931-09-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 192— 10. September 1931 DIB STIMME Seite 7 Jlviftdoz Kfflndrl Nachdruck auch Ifl Auszügen verboten. Der großeWahnsinrt Autorisierte üebertragung aus dem Hebräischen von Sem Wolf Ich begann, meine Sachen in einen Reisekoffer zu nacken. Meine Zimmerfrau trat ein. «Wohin denn? Was ist denn 1os?> «Ich bin tauglich, Mütterchen.» «Was heißt das, tauglich?» «Ich bin tauglich. Verstehst du nicht? Ich bin eben tauglich.» Die Alte schien endlich zu begreifen. Wortlos putzte sie sich die Nase, dann wischte sie sich die Augen und begann zu weinen. «Warum weinst du? Du bist nicht gescheit. Wenn ich tauglich bin, brauchst du doch nicht zu weinen?» Doch sie weinte noch heftiger. Das berührte mich stark. Und zwischendurch stotterte sie: «Tauglich — ach, mein einziger Sohn war auch tauglich. Und vor einem Jahr ist er in der Kaserne gestorben. Tuberkulös war er. Er hat sich erkältet und ist gestorben. Und jetzt auch der Herr...» «Ich werde mich nicht erkälten. Ich bin nicht tuberkulös. Ich werde nicht sterben.» Aber sie schluchzte weiter. Ich wollte sie beruhigen: «Du wirst hier bleiben, teures Mütterchen, wirst auf meine Bibliothek aufpassen, auf alles, und ich werde dir Liebesbriefe schreiben, wie dein seliger Sohn. Der war wirklich gescheit! War tuberkulös und ist gestorben. Nicht einmal im Krieg. Ich werde zu dir zurückkehren als Held, der auf dem Felde der Ehre, auf dem Altar des Vaterlandes gekämpft hat.» Die Alte wollte sich nicht beruhigen. Weinte und schluchzte immer heftiger, und während ihr die Tränen über die Wangen kollerten, steckte sie immer wieder etwas in meinen Koffer hinein — noch einen Apfel, noch ein Hemd, noch eine Wurst, noch ein Taschentuch. Die Erinnerung an meine tote Mutter wurde in mir wach. Seit vielen Jahren schon war es mir nicht mehr so zum Bewußtsein gekommen, daß ich keine Mutter mehr hatte. «Ach Gott», lamentierte die Alte, «und was soll ich dem gnädigen Fräulein, was soll ich dem Fräulein A^anci sagen? Sie hat Sie ja so lieb! O Gott, o Gott!» «Sag ihr, liebes Mütterchen, daß ich tauglich bin« Es passiert mir zum erstenmal im Leben, daß mir jemand sagt, ich tauge zu etwas. Weißt du, was dieser hohe Offizier, dieser General mit der herrlichen Uniform, zu mir gesagt hat? Er sagte, daß ich ein ausgezeichneter Soldat sein und die Kosaken bis Moskau vertreiben werde!» Und in diesem Augenblick hatte ich wieder ein Gefühl des Stolzes. Die Alte schien sich plötzlich an irgend etwas Wichtiges zu erinnern. Ihre Augen strahlten hoffnungs- ■ voll, und sie sagte: «Mein guter Herr, Sie haben große und einflußreiche Bekannte, die Sie doch aus dieser Bedrängnis befreien könnten. Sie kennen ja irgendeinen großen General, der Ihr guter Freund ist!» Stimmt. Ich erinnerte mich an meinen Freund und Gönner, den ältesten unter allen Generalen, den Invaliden Schweizer, der ein guter Jude ist. Ein halber Zionist ist er auch. Die Alte klammerte sich an diese Hoffnung und ließ nicht locker. «Gehen Sie doch zu ihm! Ich flehe Sie an! Gehen Sie zu ihm. Er wird Ihnen nicht erlauben, einzurücken! 0 Gott, o Gott! Ich werde selbst zu ihm gehen!» «Geh nicht, Mütterchen. Er würde dich nicht empfangen.» «Mich nicht empfangen? Mich, die ich ihm meinen einzigen Sohn für den König gegeben habe?» Stolz richtete sie sich auf. Und schon war sie bereit, sich anzuziehen und hinzugehen. Ich ließ sie nicht. «Gut, gut, Mütterchen, Ich werde selbst gehen. Für jeden Fall aber muß ich Abschied nehmen von dir.» «Schwören Sie, daß Sie gehen werden!» «Ich schwöre.» Wenn man zu einem General geht, muß man den Gehrock anziehen. Ich zog ihn an und verließ das Haus. Das Mütterchen seufzte und schluchzte herzerreißend. General Schweizer, der Sohn einfacher, jüdischer Eltern — vor ungefähr 70 Jahren ein Jeschiwaschüler — empfing mich freudig erregt. Kaum zwei Wochen war es her, daß er vor mir und meinen zionistischen Gesinnungsgenossen sein warmes jüdisches Herz geoffenbart und von seinem großen Kummer gesprochen hatte, daß er wegen seines vorgerückten Alters an der Verwirklichung unserer großen, uralten Hoffnung nicht mehr mitarbeiten könne. Und jetzt erscheine ich plötzlich vor ihm als Kandidat *uf den Heldentod. Er fing an, zu husten und seine Augen füllten sich mit Tränen- «Das Vaterland ist grausam, mein Sohn», sagte er, «sehr grausam, weil es weiß, daß wir es lieben.» Und unvermittelt stellte er die Frage: «Wie alt bist du, mein Sohn?» «Vierundzwanzig, Exzellenz.» Seine Augenlider begannen zu zittern. Er erhob sich — auch ich stand auf —, näherte sich mir, ergriff meine beiden Hände und fragte, wie einer, der die Antwort von vornherein weiß: «Also du gehst freiwillig?» «In gewissem Sinne, ja, Exzellenz.» Er legte seine Hände auf meine Schläfen, küßte meine Stirne und sagte, ohne seine Rührung zu verbergen: «Der Gott unserer Väter s »11 dich beschirmen, wie er sein Voik von Geschlecht zu Geschlecht beschirmt hat.» Dan drückte er mir krä’tig die Haml und sagte noch: «Geh in Frieden, mein teurer Sohn, und sollte es dir vergönnt sein, einmal Jerusalems Mauern zu beschützen, dann denk an mich, dort bei der Klagemauer ... Er beendete den Satz nicht, wandte mir den Rücken und verließ das Zimmer. Ich sah, wie sein Kopf zitterte. Weinte er? Ich ging hinaus. Und dort im Vorzimmer stand mein Mütterchen in ihren Sonntagskleidern und wartete auf mich. «Also? Ihr Herz klopfte und sie sah aus, wie ein Fragezeichen. «Also? Was hat er gesagt?» «Was er gesagt hat? Er bat mich, im Jerusalemer Tempel für ihn zu beten.» Die Alte glaubte, ich wäre verrückt geworden. Ich ging hinaus, sie blieb und stand wie versteinert. Aber die Bitte des Generals hatte auch ich nicht verstanden. Was haben die Karpathen mit Jerusa lems Mauern zu tun? 1V. K a p i t e 1. Einsame Seele Ich schrieb folgendes: Das ist der Weg. Den werde ich gehe. Werde ihn gehen in Trauer und Fracht Gut ist’s: Es gibt keine anderen Wege, Gut ist’s: ich gehe entgegen der Nacht. Ich ftab’ keine Frau hier, kein Haus, kein Vermögen, Hab’ keine Zukunft und hatte kein Glück — Ich gehe. Schwer wird der Abschied nicht fallen. Ich lasse hier nichts, das mich liebt, zurück. Da, Hurrarufe erschallen und toben, Stehl’ ich mich fort ohne Angst, ohne Bangen. Und meine Tränen fallen zur Erde Und nicht auf zarte, weiche Frauenwangen. Muskeln sind Eisen, es bricht nicht das Herz. Am Himmel Wolken in Sonne erröten Mir und Millionen. In den Augen — Tod. Mit mir sind jüdische Helden aus Erz — Und wenn mich im Norden die Kugel wird töten Ein Blutfleck im Schnee wird’s, ein Blutfleck ganz rot. Warum soll Ich’s leugnen? Ich war in der Erwartung dieses «Marsches, von dem es keine Rückkehr gibt», irgendwie festlich gestimmt. Tausende von Gefühlen kreisten in mir, wuchsen, widersprachen einander — bis sie endlich zu einem großen und angenehmen Gefühl verschmolzen, das in mir einen Seufzer der Befreiung auslöste: endlich! Ja, endlich gehen wir. In den Tod. Mein ganzes kurzes Leben zog an mir vorüber, angefangen von der verschwommenen Erinnerung an meine Mutter bis zu dem gräßlichen, verachtungsvollen Bück meines Freundes Garay, als er das Wort «Jude!» hervorstieß. An alles erinnerte ich mich: an meine schöne, wenn auch verwaiste Jugend; an meinen starken, gesunden Großvater; an die Leiden in der Schule; an die glückliche Studienzeit im Beth Hamidrasch; an Wan¬ Gusti Auster Abraham Finkei Brünn Wien empfehlen eich ale Verlobte derungen; an meine erste Liebe zu dem weißen, unschuldigen Mädchen; an alle Toten in und außerhalb unserer Familie; an schöne, lasterhafte Frauen; an Wien, Berlin, Paris, Amsterdam; an unser Dorf und an meine Schwester; an die lateinische Deklination; an Rabbi Akiba, den wunderbaren Glatzkopf; an alle Ohrfeigen, die ich gegeben und bekommen hatte; an Professor Jehuda Blau, der mich haßte, weil ich in seinen Stunden unaufmerksam war; an meine herrliche Ansprache anläßlich meiner Barmizwahfeier; an die betrunkene Handschrift des Adi Endre, zu dessen ersten Lesern ich gehörte; und wieder an meine tote Mutter, dann an mein Töchterchen, das geboren wurde, als ich 19 Jahre alt war und von dem ich nicht weiß, wo es ist . . . und an Manci, meine jüngste Geliebte, die junge und immer betrunkene Tänzerin und Sängerin, die stets unflätige Worte auf den Lippen hat und in Wahrheit von einer tragischen Heiligkeit ist . , . Ein ereignisreicher Film, den Gottes Hand abrollen läßt vor irgendeinem unbekannten, leidenden und lachenden Publikum. Und zum Schluß des Filmes erscheint das Wort «Jude!» Woher weiß er, daß ich Jude bin? Wer hat es ihm gesagt? Ich nicht. Viele Jahre arbeiten wir in der Redaktion, und keiner von uns weiß, welcher Rasse der andere angehört. Sorgen, die er hat! Und plötzlich: Jude! Und mit welcher Verachtung! Aber ich gehe ja endlich. Das großstädtische Leben ist mir schon zuwider. Jetzt werde ich es verlassen. Auch die Menschen. Und ich werde zu meiner Mutter gehen, die auf mich wartet. Das ist sehr angenehm. Endlichl Ich werde gehen. Einsam, stolz, männlich, mit einem Lächeln auf den Lippen. Ich werde den Himmel und die Erde anspucken und gehen. Jetzt werden alle meine Freunde und Bekannten spüren, was ich für sie bedeutet habe. Bis heute war für sie meine Liebe etwas selbstverständliches; aber jetzt, da ich von ihnen scheide, da ich für immer, weggehe, werden sie mit Entsetzen ihre Verlassenheit^ empfinden. Sie — nicht ich! Und ich erledigte meine Abschiedsbesuche. Einen nach dem anderen ... Sonderbar. Die Angelegenheit gestaltete sich ganz anders, als ich geglaubt hatte. Alle lächelten sie mir zu und wünschten mir ernsthaft, voll wahrer Liebe und mit warmem Händedruck den Heldentod. «Das ist ja das schöne Los eines Dichters: alle deine Gedichte werden von einer Glorie umstrahlt sein. Heldentod!» «Du wirst es nicht nötig haben, zu warten, bis eine kleinliche Kritik dich in das Pantheon bringen wird. HeldentodI» «Mein Leben lang werde ich glücklich sein: ic habe einen Freund, ich hatte einen Freund, der Held gestorben ist. Heldentod!» Das war der Refrain bei jedem Abschiedsv. l. «Heldentod!» Alle sind sie glücklich. Ich schweige nachdenklich.. Und plötzlich sp ich, daß im Worte «Heldentod» auch das Wort «T< enthalten ist. Daran hat niemand von ihnen gedacht. Tod. Und was für ein Tod! Ein zerrissener, menschlicher Kadaver wälzt sich auf dem Felde, dann kommt ein Sanitätssoldat und wirft ihn in eine große Kalkgrube. Und das ist der Schluß. PantheonI Ach! Ich wollte schreien, weinen: «Höllenhunde! Ich gehe, um in einer Kalkgrube zu sterben, und ihr werdet hier bleiben und ins Theater gehen, ins Kabarett, ihr werdet trinken und lachen und leben — Höllenhunde ihr! Zum Verrücktwerden! Freunde!» Hab’ ich denn wirklich keine einzige Seele auf der Welt, keinen einzigen Freund oder Bekannten unter all denen, mit denen ich meinen Wein trank, mit denen zusammen ich litt, keinen einzigen, der sagen oder wenigstens denken würde das Wort: Armer Teufel! Ein lebender Mensch geht in den Tod. Ich ging in die Kaserne und erschien vor meinem Feldwebel. «Also Junge», fragte er mich, «wurden deinetwegen viele Tränen vergossen?» Die hervorragende Klugheit dieses rohen Menschen setzte mich in Verwunderung. Und er fuhr fort: «Dreckkerle, mein Lieber, alles Dreckkerle! Nur einen Freund hast du jetzt auf der Welt: dein Gewehr. Und auch dieser Freund wird dich verlassen, wenn du stirbst.» Wir machten uns fertig und zogen uns an. Zur Bahn, ln Eile. (Fortsetzung folgt)