Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1931-09-10 · Heft 192 (10.9.1931) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 192 (10.9.1931)
Date
1931-09-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3053752-3053911-3053946--2538-3057976
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

V. b. b. BEZUG» BF.PINGUNGEN 0«st«rr»tch bomi lieh S!\(L •nertc) jlhri S 4 20, t*nt. |«hrl S 16*- D«ut«eh!cL viert«)- |*Hrl KM V- Tech«choalowakei vtert«l| Ke 24 — luKo«Uwri«b viertel' lährl Din 40 - Po m viertel|4hr hob Zlot» ft‘50 Un«arn Vierteljahr lieh Pengd 4*20 flumünieb viertel ÖHrl Lei 120 - •Hrige» Ausland viertelfährl Sch* Prsnken 4*50 HM V- Jüdisdte Zeitung 4L Jahrgang Wien, Donnerstag, 10. September 1931 (28. Eiul 5691) Preis 35 g Erscheint jeden Donnerstag Redaktion und Administration Wien I. Kimmer strafte 28 Tel R-274-86 Postsparkassen* kotiri: Oesten D 113 546 Polet» 191.199 lachecho* Slowakei 500.230 Itigoelawien 40.879 Stimmer 192 +3 C0 •H C0 <D U > 0) *H > Ö P-HP •H Ö * E-< P rH*. Hatikwah Nachdenkliche Betrachtung zur Jahreswende Von Dr. David Feuchtwang. Schwer und drückend lasten Sorgen auf allen Menschen in der ganzen Welt. Finstere Triebe brechen ungezügelt aus Abgrund und Tiefe hervor; bedrohen die kostbarsten Güter menschlicher Kultun Selbst Kunst und Wissenschaft bleiben nicht ungefährdet. Hoffnungslosigkeit hat einen großen Teil der Menschheit ergriffen. Nur Auserlesene bleiben aufrecht. Müßig und wohlfeil ist es, über Verfall der Moral, Verlust der Lebensideale Klage und Anklage zu erheben. Wir sind alle, schuldig. Das Schicksal der Gegenwart ist nicht ein Ergebnis unwägbarer Kräfte oder blindes Fatum; es ist vielmehr Lohn oder Strafe für die gehäufte Sündenschuld von Jahrtausenden. Für die Sünden, die. an dem einfachsten und heiligsten Gebot begangen worden sind, dem Gebot der Menschlichkeit. Man hat niemals Ernst gemacht mit dieser gepriesenen und gepredigten Lehre. Religionen und Denksysteme, Schulen, und Erziehungsstätten haben versagt. .Individuen und Gruppen ’eben, njeht für einander, sondern gegen einander. Dieses Kriteflitrn aber ist-der Wertmesser für alle und jede Kul- ~Tur.; Icteetxkäm^fe' alnd keine .FaustVämpfo . Es - ist auch njeftt wahr, daß das Zeitalter höchster Errungenschaften der.Technik und der Maschine der Mörder der Seele und Ideale sein muß. Schließlich regiert der Geist die Welt der Materie und hinter jeder technisch vollendetenMaschine steht souverän ein Süick schöpferischen Ingeniums. Jede Schöpfung kann allen Geschöpfen Glück und Segen bringen. Wenn wir wollen. Uns Juden sind solche Ueberzeugungen eingeboren. Womit nicht gesagt sein soll, daß nicht auch andere Völker Lehrer und Lehren besitzen, die ein Gleiches erstreben. Es ist aber einmal so, daß aus jüdischem Boden diese beglückenden Ideen in uralter Zeit gewachsen und zum Gemeingut geworden sind. Verfolgt man die jüdische Tradition und Lehre vom Ursprung bis zur Gegenwart durch die Jahrtausende ungeheuren geschichtlichen Schicksals und Erlebens, so ergibt sich bei strengster Selbstkritik und kältester Urteilsfällung, daß bis auf wenige Ausnahmen der Grundcharakter der jüdischen Weltanschauung und Menschheitslehre unverändert und unbedingt die Herrschaft des Guten und Sittlichen fordert. Der klassische Boden für diese kostbare Errungenschaft war Palästina. Nicht religiöser Eigendünkel und heidnische Ueberhebung nennen Erez Israel das Heilige Land. Die geschichtliche Vorsehung hat dieses Stück Erde ein für allemal geweiht, weil hier die nie und nirgendwo übertroffenen Lehren der Propheten, der großen Schüler des Meisters Moses, verkündet worden waren. Der Vorwurf religiöser Schwärmerei oder erdvergessender Unwirklichkeit muß zurückgewiesen werden. Die Erdverbundenheit und geschichtliche Einwurzelung besteht unverrückbar. Das «himmlische Jerusalem» genügt uns nicht. Auf festem, irdischen Boden steht die Arbeit des Aufbaues. Man versuche nicht, deren geistigen und seelischen Gehalt zu schmälern, und derjenigen zu spotten, welche sie der politischen und praktischen gleichsetzen. Die Ausschöpfung der vollen geistigen und physischen Kraft der Juden für Juden kann nirgendwo mit gleicher Intensität erfolgen, wie in Erez Israel. Ueberall sonst müssen und sollen wir unser seelisches und körperliches Vermögen auch in den Dienst der Gemeinschaft stellen, in deren Mitte wir leben. Und auch im Lande der Väter, Mütter und Kinder, das wir verjüngen, erneuern und verschönern, arbeiten wir nicht nur für uns allein, sondern für alle, die es mit uns bewohnen; leisten der Weltkultur den Tribut an bleibenden Werten, den wir seit jeher zu leisten gelernt haben und gewohnt sind. Nicht eine Verminderung der Gesamtkraft bedeutet die Palästinaarbeit, sondern eine Vermehrung. Sollte es uns vergönnt sein, dieses Kraftzentrum durch möglichst großes Wachstum der jüdischen Bevölkerung Zionisten! Der letzte Kongreß hat eine Notstandsaktion für Palästina beschlossen, welche bis läng« stens Ende September 1. J. durchgeführt werden muß. Die allgemeine Weltwirtschaftskrise hat die Finanzen der Jewish Agency schwer betroffen und nur durch außergewöhnliche Maßnahmen und harte Drosselungen auf Kosten wichtiger Arbeitszweige ist es gelungen, die Arbeit bisher fortzuführen. Die Sachlage hat sich aber derart gestaltet, daß nur ein außerordentliches Notopfer einen Ausweg aus der wirtschaftlichen Bedrängnis schaffen kann. Der Betrag von fast 100.000 Pfund muß unbedingt noch für die Ausgaben dieses mit Ende September schließenden Geschäftsjahres aufgebracht werden, damit die Leitung in Palästina ihren drängendsten Verpflichtungen nachkommen könne. Die Aufbringung dieser Summe ist eine absolute Notwendigkeit für die Aufrecht« haltung und Fortführung der Palästinaarbeit! Ein Mißlingen dieser Aktion würde von den schwersten Kon« Sequenzen für das gesamte Palästinawerk begleitet sein. Dazu darf und wird es nicht kommen! Die Notstandsaktion für Palästina ist bereits in allen Ländern im Gange. Die ärmsten Länder, ln denen die Krise am drückendsten ist, haben die Aktion energisch und erfolgversprechend ein« geleitet. Die Zionisten Oesterreichs werden hinter den allgemeinen Bemühungen nicht Zurückbleiben. Wir appellieren an Jederman, uns unverzüglich seinen außerordentlichen Beitrag zu« gehen zu lassen und erwarten von dem Verantwortungsgefühl der österreichischen Zionisten, daß sie, jeder nach seinen Kräften, trotz der Not der Zeit, ihre Öpfergabc entrichten. Die Selbsteinschätzung überlassen wir dem Gewissen jedes Zionisten. SelbstverständHchö;.yorauso£izuag.ist, daß diese&.Opfer $1 cht auf Kosten dev reguläre»-. Leistungen für Keren HäJ&sod Und Keren Käjemetti erfolgen darf.. In ernster Stunde mahnen wir jeden Zionisten an seine Pflicht (Gelen*' 'Hingen bitten wir auf Postsparkassenkonto A 47.115 «Zion» vornehmen oder an den Keren Hajessod, I., Kärntnerstraße 28, richten zu wollen.) Dr. Oskar G r ü h b a u m, Präsident des Zionistischen Landeskomitees. Dr. Fritz Eckstein, geschäftsführender Vorsitzender des Keren Hajessod. Dr. Ad. Bernay (Poate Zion). Ab. Bloch (Hitachduth). Rabb. Sal. Friedmann (Misrachi). Dr. Heinrich G1 ü c k e r (Zionisten-Revisionisten). Sofie Löwenherz (Organisation zion. Frauen Oesterreichs). Dr. Leopold Plaschkes (Verband radikaler Zio* nisten). Oberbaurat Robert Stricker (Verband demokratischer Zionisten). Wl KÄ15ER5TR. 123 PC. ÄLSERSTR. C S15 - s 20 - S 28 .'•Vl ÜV.-. w zu einem wiildicaen Nationalheim zu gestalten, dann wird auch dieses für das jüdische Volk und alle Völker Heil und Segen bringen. Der Rückblick auf das verflossene Jahr ist nicht trostreich. Es hat uns schwere und bittere Enttäuschungen gebracht. Der geschichtlich Denkende und mit der realen, immer rücksichtslosen Wirklichkeit Rechnende durfte nicht überrascht sein. Wir sollten aus unserer Geschichte gelernt haben, daß reife Früchte schwer errungener Erfolge uns plötzlich geraubt, gewährte Rechte bestritten werden. Nie hat uns das mutlos gemacht. Das ist symbolisch in dem zuversichtlichen Erwarten des Erlösers ausgedrückt, das einen idealen Höhepunkt unserer religiösen und nationalen Stimmung bildet. Welche traumhafte Schwärmerei! Wir schwärmten und träumten im Angesicht der Scheiterhaufen. Unsere Hoffnung schwand nicht. Unbesiegt, wenn auch verwundet, gingen wir hundertmale aus dem Kampf gegen zahllose Feinde hervor. Eine unfreundliche Welt umgibt uns auch heute. Judenfeindschaft regt sich in aller Welt. Wir sind auf Selbstverteidigung angewiesen, denn nur selten wird eine eindruckvolle Stimme aus nichtjüdischem Lager vernommen. Trauriges Zeichen für den sittlichen Stand der Zeit. Umso wichtiger ist Einigkeit unter uns. Zunächst in der unerschütterlichen Hoffnung auf Erfüllung unserer Aufgaben und Pflichten in def Welt, in der Verhütung des Sinkens unseres Kultur« niveaus. Das gilt besonders von den großen jüdi« sehen Zentren, nicht zuletzt für Wien, dessen Juden« schaft Anspruch hat auf Befriedigung höchster reif* giöser und kultureller Bedürfnisse. Und dann Einig« keit im Palästinaideal, das für alle Juden der Welt das gleiche sein sollte und könnte; ob radikal» religiös, national oder liberal. Die Lage der Dinge im Orient ist nicht günstig} wir Juden sind nicht imstande, sie erfolgreich zu be* einflussen. So wie wir aber auf unserem leidvolleri Wege durch die Geschichte bisnun standhaft ge* blieben sind in allem Wechsel der Zeiten und in höchster Not, so werden wir auch in Erez Israel un«* gestört das Werk fortsetzen; so wie wir — als un** verbesserliche Optimisten — für Welt und Menscheri die Hoffnung auf kommende Lösung der großen sozialen und kulturellen Probleme zum Glück und zur Zufriedenheit aller nicht aufgeben, so leben wir im festen Glauben und Willen, unser Judentum in Kraft und Größe zu erhalten. Jesch tikwah ieachritenu — unsere Zukunft in der Welt und in Erez ist groß und hoffnungsvoll. Achtung! Neuabonnenten be ommen gratis die bi her e sch nenen Foitsetzungen des Romenes von Avlgdor Hamslri »Der große Wahnsinn« Die heutge Fortsetzung Seite 7 atsbibliottLök '

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.