Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 191 (3.9.1931)
- Date
- 1931-09-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b BEZUGS- BEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S l'VL^vierteljShrL S 4*20. eanzjRhrL . . S 16*— Deutechld. viertel- V* ahrL. . . RM 3‘- achechoslowakei viertel]. . Ke 24'— Jugoslawien vierteljahrL Din. 40*— Polen vierteljährlich . Hot* 6*50 Ungarn vierteljährlich . . Pengd 4*20 Rumänien vierteliahrL . Lei 120*- Üebriges Ausland viertelJBhrL Schw. Franken 4*50 Jüdisäke Zeitung Preis 35 g Erscheint jeden Donnerstag Redaktion und Administration Wien. L Karnmen «traße 28 TeL R-27-4-86 Postsparkassenkonti: Oester? D 113.546. Polen . 19U99 Tschechoslowakei .500.230 r fugoslawien 40.879 ■ ' -V <D X? 4J O •H M Q H -O ' -'CJ 4J 1 Jahrgang Wien, Donnerstag, 3« September 1931 (21. Etui 5691) -4 ummer 191 England als polt« ttsdher Lehrmeister Zum englischen Regierungswechsel Die Zestörung des jüdischen Reiches bedeutete auch das Aufhören jeder staatlichen jüdischen Politik. Erst seit Herzls Auftreten betreiben wir wieder Staatspolitik. Obwohl ein uraltes Volk, sind wir dennoch jung in der Politik. Wir haben daher allen Anlaß, aus eigenen und noch mehr aus fremden politischen Erkenntnissen und Fehlern zu lernen. Ueber einen Mangel an eigenen politischen Fehlern haben wir uns leider nicht zu beklagen. Gedankenlose Assimilation an bedauerliche parteipolitische Methoden, insbesondere ein überspitzter Fraktionismus, haben unserer Bewegung schon oft Schaden zugefügt und schaden uns heute mehr denn je. Der letzte englische Regierungswechsel ist für uns Zionisten ein anschauliches Beispiel dafür, wie man Politik machen soll. MacDonald, Snowden und Thomas haben die Notwendigkeiten des British Empire den Postulaten der Arbeiterpartei vorangestellt; und Baldwin und Lloyd George haben die Minderheitsregierung der Arbeiter nicht gestürzt. Sie setzten sich mit MacDonald zusammen, verzichteten auf die Chance, die Arbeiterregierung zu stürzen, stellten das Staatsinteresse voran, und England wurde von. einer schweren Erschütterung bewahrt. Wir sollten von England lernen. Wir haben zwar keinen Staat, dafür aber mehr Parteien als England, wir leben in einer politischen Depression, unsere Finanzlage ist mehr als kritisch. Haben wir aber daraus MacDonalds Schlußfolgerungen gezogen? Wir haben nichts dergleichen getan, der letzte Kongreß beweist es. Lernen wir doch aus MacDonalds Beispiel, wir hätten es nötig, Führer und Geführte! Solange es bei uns Führer gibt, denen vor ihrer eingebildeten Gottähnlichkeit nicht bange wird, ist es politisch schlecht um uns bestellt. Solange es Geführte gibt, die ihrer zionistischen Pflicht damit Genüge zu tun glauben, daß sie aus Bequemlichkeit oder zur Vermeidung materieller Opfer gleich Automaten nur ihre eingelernten Parteiweisheiten deklamieren, ist der Zionismus nicht jene Bewegung, die den jüdischen Menschen erneuert. Solange hier nicht gründlich Wandel geschaffen wird, Ist in Ansehung der Zionisten in der Galuth Zionismus nicht Erneuerung, sondern kaschierte Dekadenz; und politische Dekadenz führt zum politischen Tod. Das Königreich Polen ist dafür ein klassisches Beispiel. — Right or Wrong my Country — Recht oder Unrecht, mein Land vor allem! Dieses englische Sprichwort war auch der Leitsatz der überwiegenden Zahl der englischen Politiker anläßlich der Krise der Arbeiterregierung. Es ist keine Schande, zu lernen und wir sollten aus Englands Beispiel lernen. Was für uns Juden gilt, das gilt auch für viele Staaten. In welchen europäischen Staaten entscheidet bei der Auswahl neuer Minister die fachliche Befähigung? Sie sind an den Fingern einer Hand zu zählen. In Deutschland gab es einmal einen jüdischen Minister, Walther Rathenau — er wurde ermordet. Wäre es in Oesterreich, Deutschland, Polen, um nur einige Beispiele zu nennen, möglich, daß aufrechte Juden wie Herbert Samuel und Lord Reading unter Zustimmung der überwiegenden Majorität der Staatsbürger zur Leitung der Staatsgeschäfte berufen werden, ohne vorher ihren Taufschein präsentiert zu haben? Auch hier ist England ein politischer Lehrmeister. Europa sähe anders aus, gäbe es nicht g9liti$che Parteien, deren Spielball der Staat ist. Durch Parteischlagworte werden die Massen verdummt; mangels eines realen Programms überbieten sich die Parteien in der Verfolgung antisemitischer Tendenzen. «Die Partei vor allem» heißt es bei uns. Wir sehen die entsetzlichen politischen Folgenl «Das Land vor allem» beißt es in England. Wir sehen die wohltätigen Folgen. Welche Folgerungen ziehen wir Zionisten aus dem Regierungswechsel in England? P a s 8 f i e 1 d Mi versehwandA«, Mit ihm msdvadndii Die Mandatskommission und Palästina Van Rees kritisierte scharf die britische Palästinapolitik Genf, 26. August 1931. Am 24. August wurden die Bemerkungen der Mandatskommission zu dem ihr auf ihrer Junitagung vorgelegten Palästinabericht veröffentlicht. In diesem Dokument wird die Eiklärung des Unterstaatssekretärs für die Kolonien Dr. Drummond Shiels, zur Kenntnis genommen, daß die englische Regierung bemüht sei, die jüdische Einwanderung ohne Benachteiligung der arabischen Majorität dadurch zu fördern, daß durch Ausbau der palästinensischen Wirtschaft die Fassungskraft des Landes für neue Einwanderer erhöht wird. Die Stellung der Mandatskommission zur Palästinapolitik der englischen Regierung wird durch folgende Bemerkung gekennzeichnet: Die Mandatskommission hat nicht ohne ein gewisses Unbehagen die Fluktuationen der Palästinapolitik der Mandatarmacht verfolgt und hofft, daß die neuen Bemühungen, das Problem der arä*> bisch-jüdischen Beziehungen zu lösen, von Erfolg gekrönt sein werden. In einer Reihe weiterer Bemerkungen zu Einzelfragen begrüßt die Mandatskommission die Erklärung Dr. Shiels’, daß die Mandat armacht in U eb e r e i n sti m m un g mit dem Weißbuch einen Legislative-Council ei’n zu setzen beabsichtige. Sie nimmt es zur Kenntnis, daß bezüglich verschiedener Gegenstände ein Abweichen vom Weißbuch erfolgte. Das interessante Protokoll Gleichzeitig mit dem Bericht der Mandatskommission an den Völkerbundsrat über die auf ihrer letzten Tagung behandelten Fragen wurde auch das Protokoll dieser Tagung veröffentlicht. Aus ihm ist zu ersehen» daß sich die Mandatskommission auf ihrer. Juni* tagung mit der Palästinafrage in sechs Sitzungen befaßt hat. : Ein großer Teil der Debatte galt der besonderen politischen Lage, die durch die Veröffentlichung des Weißbuches und des Briefes MacDonalds an Dr. Weidmann geschaffen worden war. Das Problem des Landesentwicklungsplanes wurde ausführlich. besprochen, wobei einige Mitglieder dejr; Kommission klar zum Ausdruck brach? ten, daß es sich bei der Purchführung dieses Pia* nes nicht nur daraum handeln könne, . die sogenannten «depossedierten Araber» mit Boden. i|fc versorgen,, sondern auch darum, daß der Be&b$t ntung des Mandats entsprochen werde, durch lAr die Mandatarmacht verpflichtet wird, die Siedlung von Juden auf dem Lande zu fördern. Der stellvertretende Vorsitzende der Kommission, van Rees, gab seinem Erstaunen darüber Ausdruck, daß der Hauptzweck des Plans die Wiederansiedlung der durch jüdische Landkäufe, ^verdrängten Araber sein soll, und forderte, daß zunächst festgestellt werde, ob diese Araber das von ein Mann, der unsere und auch Englands Geschichte um ein trauriges Blatt bereichert hat. Was sein Weißbuch für uns Juden bedeutete, muß hier nicht angeführt werden. England belastete es mit dem Brandmal des Wortbruches. Es war vorher nie in der englischen Geschichte vorgekommen, daß einem englischen Minister gemeiner Betrug vorgeworfen wurde, wie das Warburg tat. Passfields Politik nötigte England, dem Drucke eines Volkes, des jüdischen, das nicht einmal einen eigenen Staat besitzt, nachzugeben und dieses Weißbuch binnen weniger Monate in sehr wesentlichen Punkten außer Kraft zu setzen. Dieser jüdische Erfolg kann nicht oft genug betont werden. Gewiß, wir sind nicht zufriedengestellt, wir wollen erst Taten sehen. Aber die schönsten und radikalsten zionistischen Proteste können nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Weißbuch teilweise auch auf unser Schuldkonto zu setzen ist, und daß wir es Passfield leicht gemacht haben. Schreien ist keine Politik. Weizmann hat das auch am letzten Kongreß in den geistreichen Ausspruch gekleidet: «Ich habe schon gehört, daß man durch Geschrei Mauern zum Einsturz bringen kann. Ich habe aber noch nie gehört, daß man durch Geschrei Mauern aufbauen kann.» Die politische Weisheit vieler Zionisten besteht aber nach wie vor nur im Schreien. Wir schreien zum Zeichen des Protestes, der Trauer oder der Freude. Momentan freuen wir. uns darüber, daß wir im neuen englischen Kabinett einige Freunde haben. Gewiß, wir dürfen diese Tatsache nicht unterschätzen. Lord Reading, dem Eng- ' ~__r __ „ ._-j...•* CESCHKÄ land den Posten eines Außenministers anvertraut hat, ist unser Freund, der oft seinen Rat und seine Hilfe der Jewish Agency zur Verfügung gestellt hat Er ist auch Präsident der Ruthenberg-EIektrifizie* rungs-Gesellschaft. Aus seiner Tätigkeit als Vizekönig von Indien ist er ein gründlicher Kenner der, asiatischen Verhältnisse und Palästina ist ein Teil des asiatischen Problems. Lord Reading hat es un* zähligemal durch seine Taten bewiesen, daß er ein warmer Förderer unseres Aufbauwerkes ist Ein anderer Freund in der neuen englischen Regierung ist Sir Herbert Samuel, der ehemalige jüdische Oberkommissär Palästinas. Allerdings gibt es viele Zionisten, die mit der schwankenden Politik Herbert Samuels in seiner palästinensischen Amtsperiodft nicht einverstanden waren; fiel doch in diese Zeit das Weißbuch Churchills, mit dem die' offiziellen Versuche Englands zur Verkleinerung des Zionismus begannen. Wir dürfen aber nicht in den alten jüdischen Fehler verfallen, immer das Ungünstige besonders hervorzustreichen. Von Henry Betterton, . der als Arbeitsminister dem neuen Kabinett angehört, kann schwer behauptet werden, er sei unser Freund... Ür war Mitglied der Shaw-Kommission und hat In dieser Eigenschaft das für uns ungünstige Majoritätsvotum dieser. Kommission unterschrieben. MacDonald darf virohl als unser Freund betrachtet, von Thomas dem neuen Chef des Kolonialamtes kann das einstweilen nicht behauptet werden. Ueber die übrigen Mitglieder des Kabinetts kann ebenfalls Genaue« kaum gesagt werden, man weiß nicht, ob Shltl| seinen alten Posten beibehalten hat. Es ist auch nicht bekannt, ob der bisherige Lord-Advokat AH* chinson, der uns wohlwollend gegenüberstand, dem neuen Kabinett angehört. Objektiv kann jedenfalls fastgestellt werde«, daß die neue britische Regierung, fals ihr ein Hageres Leben beschieden ist, uns neue Chancen bietet» Die Art der Entstehung dieser Regierung und die Art ihrer Zusammensetzung zeigt uns England als pol» ■flbfli! Lehimeistefc De Oskar OrflntrajijDfcF i