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Die Stimme · 1931-08-27 · Heft 190 (27.8.1931) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 190 (27.8.1931)
Date
1931-08-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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’il. Alü.USi H/31 DIE STIMME Seite 3 Ein Impuls zur realen Arbeit Von Dr. J. Schwarzbart (Krakau). Die Urlaubszeit geht zu Ende. Wie überall, wie auf allen Gebieten des sozialen Lebens, klopft auch an die Fenster der zionistischen Lokale, die in den Sommermonaten leer und verlassen standen, die Pflicht und ruft: Steht aufl Die Arbeit wartet. Der XVII. ^ionistenkongreß hat auf unsere Schultern eine große Verantwortung gelegt und neue Arbeitsmöglichkeiten eröffnet. Ich betone das gleich eingangs, denn ich möchte mich scharf der fast allgemeinen Meinung über die Sterilität des XVII. Zionistenkongresses entgegensetzen. Diese Meinung ist falsch. Sie entstand hauptsächlich infolge einer miserablen Presseberichterstattung über den Kongreß. Die Jagd nach einer billigen Sensation war anscheinend in großem Maße ein Leitmotiv des Großteiles der jüdischen Blätter. Aus Mücken hat man Elefanten gemacht. Reibungen und Kämpfe, Unvermeidliche Begleiterscheinungen eines parlamentarischen Lebens, wurden zu ungeheuren Dimensionen aufgebauscht. Mit großen Blockbuchstaben vierspaltiger Ueberschriften hat man den vollen, lebendigen Strom des Kampfes der zionistischen Elemente um ein besseres Morgen getötet. In Wirklichkeit herrschte auf dem XVII. Kongreß der zionistische Optimismus. Er zerstreute die Melancholie, die sich in den jüdischen Herzen eingenistet hatte, und erfüllte diese mit neuem Glauben an die Größe unserer Sache. Diejenigen, die erwartet haben, daß der zionistische Kongreß ein Idyll des Friedens sein würde, vergaßen, daß der Kongreß nicht die Beratungsstätte einer Partei, sondern einer ganzen Gruppe von Parteien ist, die, wie in jedem anderen Volke, verschieden die aktuellen und grundsätzlichen Probleme auffassen und diese auch auf verschiedene Art lösen wollen. Es wäre allerdings ein idealer Zustand, wenn in dieser besonders schweren Zeit alle Parteien sich in c i n e r nationalen Koalition vereinen würden. Dies hat die größere Gruppe der Allgemeinen Zionisten — leider erfolglos — verlangt. Meiner Ansicht nach lag trotz der Verschiedenheit der Meinungen die Gründung einer derartigen Koalition im Bereiche der Möglichkeit. Und wenn sie zustande gekommen wäre, sie hätte unsere politische Reife manifestiert. Es ist leider anders geschehen. Wenn mich jemand fragen würde, wer daran schuld ist, würde Ich antworten: die Revisionisten, doch in noch größerem Maße die Linke und vielleicht a.*.i meisten Welzmann und mit ihm ein Teil der Allgemeinen Zionisten. Auf den beiden Flügeln des Kongresses herrschte eine unversöhnliche Stimmung, die bloß eine ziemlich primitive nationale Reife dokumentiert. Worin manifestiert sich denn der Begriff «Nation», wenn nicht gerade in der Fähigkeit, in Anbetracht einer Gefahr von außen, einig zu sein. Chaim Weizmanns großer Irrtum auf I Achtung! Achtung!!»! Neuabonnenten I jeder Neuabonnent der «Stimme» erhält die bis-. jj| her erschienen Fortsetzungen des sensationellen J«j Kriegsromanes iji Jtr große Wahnsinn“ j .un Avigdor Hameiri, gratis naohgeliefert. 1J1 Leset, abonnieret, verbreitet «DIE STIMME», iji . ~:xxxxxxxxxx>ccocxxxx«oooccxxxxxxxx>p diesem Kongreß beruhte, meiner Meinung nach, darin, daß er die Höhen dieser Wahrheit nicht erreichte und es erlaubte, daß seine große Individualität in den Wagen einer unversöhnlichen Parteipolitik eingespannt werde. Für diese Parteien ist diese Tatsache zweifellos von großem Vorteil. Aber ob das auch ein Vorteil für die ganze Bewegung ist — und nur dieser Standpunkt ist für uns Allgemeine Zionisten maßgebend —, erlaube ich mir zu bezweifeln. Es wird vielleicht die Zeit kommen, da Weizmann die Schuppen von den Augen fallen werden und er das sein wird, wozu er berufen wäre. Doch der Weg, den er letztens ln der inneren zionistischen Politik eingeschlagen hat, war und ist schlecht. Dieser Weg übertrug den Schwerpunkt in der Aufbauarbeit einseitig auf die linke Orientierung (ich betone: einseitig) und vernachlässigte die Aktivierung der schöpferischen Arbeit jener Elemente, die sich um den Allgemeinen Zionismus scharen. Für diese Korrektur kam jetzt die Zeit. Und das ist der tiefere Sinn von Weizmanns Demission. Daraus folgert auch eine Menge von Pflichten für den Allgemeinen Zionismus, nicht nur auf dem organisatorischen, sondern auch auf dem Gebiete der Zentralisierung der Kapitalien und der privaten Initiative in der Kolonisationsarbeit. Der XVII. Zionistenkongreß brachte Im Referat des amerikanischen Delegierten Brodi diesen Gedanken klassisch zum Ausdruck. Einen starken Ausdruck fand dieser Gedanke auch im Programm der neuen Exekutive, das vom Präsidenten Sokotow verlesen wurde, und außerhalb des Kongresses im Programm des Verbandes der Allgemeinen Zionisten. Deshalb schrieb ich eingangs des Aufsatzes, daß der Kongreß uns einen neuen Impuls zur realen Arbeit gegeben hat. Aber in den Spalten unserer Presse hat man davon nichts bemerkt. Diese wichtige Tatsache ging in selbstmörderischen Reflexionen über politische Resolutionen und die Demission Weizmannfl auf. Insbesondere wurde die Bedeutung des Rücktrittes von Weizmann neurasthenisch übertrieben und mit einer nationalen Katastrophe identifiziert. Und noch etwas. Im Augenblick, als der Gedanke einer allgemeinen Koalition im Keime vernichtet worden ist, blieb dem Kongreß nur ein Weg offen: eine kleinere Koalition. Diejenige, die geschaffen worden Ist. In unzähligen Aufsätzen hatte man bereits die neue Exekutive angegriffen. Das machten nicht nur revisionistische, sondern auch allgemeinzionistische Organe — eine Methode, die schwerlich patriotisch und noch weniger vernünftig genannt werden kann. Der neuen Exekutive muß man eine Chance geben. Man muß sie mit allen Kräften unterstützen, nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten, das ist mit einer gesteigerten organisatorischen und finanziellen Arbeit. Insbesondere diese letztere ist von Bedeutung. Man kann jetzt eine merkwürdige pathologische Erscheinung beobachten: Diejenigen, die immer am lautesten Disziplin verlangt hatten, brechen jetzt diese Disziplin, da der Gang der Dinge anders ist, als sie es sich vorgestellt haben. Eine derartige «Disziplin» grenzt an Verlogenheit. Allen, die über den Verlauf des Kongresses genau informiert sind, ist es auch bekannt, daß es in den letzten Stunden des Kongresses Momente gab, in denen die Bildung der Exekutive aus Revisionisten, Misrachisten und einer großen Gruppe der Allgemeinen Zionisten möglich war. Diese Eventualität wurde im vollen Bewußtsein abgelehnt, vor allem deshalb, weil man im jetzigen Kräfteverhältnis eine Stimmungsbilder aus Tel Aviv Von A. Z. ben Jlschai (Tel-Aviv). 3, Die Straße der «A u t o e m a n z i p a t i o n». In der Pinsker Straße liegen große Steinhaufen. Sie sind vorbereitet für den Fahrdamm in der Straße, die nach dem Autor der «Autoemanzipation» benannt Die Arbeit ist noch nicht zu linde. Hammerschlüge hört man dort. Päng, päng, päng! spricht der Hammer, der das Gestein zerschlägt. Dem Verfasser der «Autoemanzipation» wurde die Ehre zuteil, daß den «Kwisch» in seiner Straße Mädchen bauen. Jüdische Mädchen. Die weiße Schürze um den Kopf gebunden und auf den Steinhaufen reitend, so sitzen sie dort, die Mädchen mit ihren jüdischen, schwarzen, grauen und manchmal auch blauen Augen. Mit Ruhe bohren sich ihre Augen in die Steine ein, die zerschlagen werden sollen. Es scheint, daß sie nicht mit Hämmern die Steine zerschlagen, sondern mit ihren Augen. Päng, päng, päng! Der Tag geht zur Neige, und groß ist noch die Arbeit. Angenehm ist das Gefühl, wenn man auf die Steine rechts blickt, die bereits zerschlagen wurden. Das ist auch das Schicksal der Steine von der anderen Seite. Wer hat da gesagt, daß Frauenarbeit leicht sei? Päng, päng, pängl Ich stand abseits. Ich schämte «Aeto vor ihnen, vor den Mädchen, die Felsen zerschlagen. Ich arbeite mit der Feder und sie mit dem Hammer. Und ich hörte, wie sie miteinander sprachen. Ein Frauengespräch war es. «Ich sagte ihm das und das, er sagte mir das und das — und seit damals sind die Beziehungen zwischen uns abgebrochen.» Und inzwischen eine Beziehung zum schweren Steinklumpen. Der Steinklumpen liebt es, wenn man zu ihm leise spricht. Die Sprache des Hammers versteht er gut. Einmal wurde der Stein etwas zornig und verwundete die ihn zerschlagende Hand. Die zweite Hand band um die erste cm weißes Tuch, und alles war wieder in Ordnung. Päng, päng, päng! Ich sehe die Hände. Weiß, weich und zart sind sie. Hände, die seit jeher gewöhnt sind, von der Maniküre behandelt zu werden; Hände, die gewöhnt sind, nach Eaii de Cologne zu duften und den Männern die Spitzen ihrer Finger zum Kuß darzubieten. Doch hier zerschlagen sie Steine. Hie und da sind die Steine auch mit einem Blutstropfen befleckt. Niemand schaut darauf. Päng, päng, päng! Der Hammer schlägt und die Schotterhaufen werden von Tag zu Tag größer. Bald wird der «Kwisch» fertig sein. Jawohl, bald wird der «Kwisch» fertig sein. Paßt dann auf auf ihn, auf den «Kwisch» in der Pinsker Straße, ihr Chauffeure und Fuhrleute! Hemmt ein wenig das Tempo, eilt nicht allzu sehr und denkt immer daran, daß zarte und weiße Hände jüdischer Mädchen Steine für diesen «Kwisch» zerschlagen haben! Und du, Doktor Leo Pinsker, du, Verfasser der «Autoemanzipation», kannst ruhig in deinem Grabe liegen; ich glaube, nicht vielen der Großen wurde ein derart schönes Denkmal errichtet. Selbst die Steine deiner Straße zeugen von der «Autoemanzipation». Der Emanzipation der Arbeit. 4. Die Stadt der Reden. Das wäre die richtigste Bezeichnung für das junge Tel-Aviv. Reden bei Tag und Reden bei Nacht, Reden in der Dämmerung, zu Feiertagen und zu Werktagen. Das ganze Leben hier ist eigentlich nichts anderes als eine große lange Rede. Der Tel-Aviver Hebt heiß die Rede als solche. Und er würde gern ein Opfer bringen, nur um eine gute Rede zu hören. Der Inhalt der Rede ist Nebensache. Sie muß nur gut, scharf und glänzend sein. Klopfe um Mitternacht, bei strömendem Regen, an das Fenster eines Tel-Aviver Bürgers und sage ihm, daß irgendwo, bei Irgendeiner Versammlung oder verspäteten Sitzung jetzt eine Rede gehalten werde, und Jtn unsere 9. 9. Jtbonnenimn richten wir das dringende Ersuchen, die rückständigen Bezugs gebühren uns ehestens einzusenden. Wir nehmen auf die gegenwärtigen schlechten Verhältnisse gewiß Rücksicht, doch müssen auch wir trotz der Krise unseren Verpflichtungen pünktlich nachkommen. Wir bitten daher unsere Leser, uns im schweren Kampfe um den Weiterbestand der Zeitung durch Ein- Sendung der Rückstände zu unterstützen. .»Hie Stimme“ Administration Exekutive ohne die Arbeiter nicht schaffen wollte und wen eine derartige Exekutive keine Verbindung mit der Vergangenheit gehabt hätte. Sie würde der unmittelbaren kontinuierlichen politischen Arbeit entbehren und dies lag nicht in den Intentionen dieser Gruppe der Allgemeinen Zionisten, die auf dem Kongreß eine fast ausschlaggebende Rolle spielte. Und daraus gerade wird jetzt der neuen Exekutive ein Strick gebunden. Und wer macht das? Die heftigsten Gegner des Revisionismus unter den Allgemeinen Zionisten. Ist das denn nicht — drücken wir uns vorsichtig aus — eine Unehrlichkeit, die mit der Naivität der Leser rechnet? Die Allgemeinen Zionisten haben bewußt den Weg der Evolution gewählt, trotzdem sie auch einen anderen Weg wählen konnten. Das ist ihr Verdienst auf dem XVII. Kongreß, wenn es auch nicht allen gefällt. Es ist ein Verdienst des XVII. Zionistenkongresses, daß er sich über die wilden Wogen der Extreme zu erheben vermochte und den Weg eines evolutionären Rückzuges von der Vergangenheit wählte, um das zionistische Schiff ruhig auf neue Wege zu bringen. Und auch das, auch dieses große Plus, das uns der XVII. Kongreß gegeben hatte, übersieht die öffentliche Meinung und die Presse. Mit allem Nachdruck muß unterstrichen werden: wenn man die Resultate des XVII. Kongresses nicht durch eine Parteibrille, sondern objektiv ansieht, muß man feststellen, daß er voll Energie, voll des Optimismus und voll der Vernunft war. Das wird die Zukunft beweisen. Um jedoch diese Zukunft Wirklichkeit werden zu lassen, tut es not, daß auf den Ruf: Auf zur Arbeit! als Widerhall aus allen Zellen der großen zionistischen Organisation erschalle: Wir sind bereitl Wir haben hinter uns eine lange Periode der Debatten, der Reden und der Erwägungen. Nun ist die Zeit für Schweigen und Arbeiten gekommen. Tüchtiges, intelligente* Kinderfräulein zu 1% .Jahre altem Buben nach Salzburg zum sofortigen Eintritte gesucht. Ausführliche Offerte nebst Zeugnisabschriften und lAchtbild an E. Ornstein Salzburg, Giselakai Nr. 45 der Mann wird sein warmes Bett verlassen und zum betreffenden Saal eilen, wie ein Mondsüchtiger aufs Dach. Mit einer schönen Rede kann man sich für ewige Zeiten das Herz dieses Bürgers gewinnen. Mit eln-sr schönen Rede kannst du seine Weltanschauung in einen Teig verwandeln, den du nach Belieben kneten magst, kannst ihn von rechts nach links und von links nach rechts bringen. Eine versöhnende Rede, eine haßpredigende Rede, eine erwärmende Rede, eine abkühlende Rede, eine sättigende Rede und eine, die das Gefühl des Hungers steigert — aber eine Rede muß es sein! Unzählige Reden hört sich der Tel-Aviver im Laufe eines Jahres an. An Samstagen und an Feiertagen, da inan Zeit hat, gibt es doppeii und dreimal soviel Heden als sonst. Dieser Bürger, dessen Leben schwer ist und dessen Beine leicht sind, ist wie ein Schwamm, der alles in sich einsaugt. Daher ist es so schwer, die Partei genau zu bezeichnen, der er angehört. Seine Weltanschauung ist breit wie der Ozean. Alles findet dort Platz; alles kann in ihr vereint werden. Er ist für alles zugleich: für einen jüdischen Staat vom Euphrat bis Gott weiß wo; für ein englisches Dominion in Palästina; für einen reinjüdischen High Com* inissioner und für einen neutralen britischen Ober* kommlssär; für eine jüdische Legion und für den Pazifismus; für Weizmann, Brandeis und Jabotinsky zugleich. Und all das infolge der gehörten Reden. Schön sind die Tage in Tel-Aviv, und siebenmal schön die Nächte. Der Mond ist groß und hell, die Sterne glänzen an ihren ewigen Plätzen, das Meer ist manchmal stürmisch, manchmal ruhig. Die Stimme des arabischen Muezzin erschallt an Abenden von der Moschee in dem benachbarten arabischen Viertel und verbreitet Stimmung. Doch wer achtet auf derlei Dinge? Von der Front des Volkshauses erglänzen allabendlich große Buchstaben aus elektrischen Birnen: «Hier wird gesprochen!» Und das Publikum eilt dahin, zu HjU^

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