Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 182 (3.7.1931)
- Date
- 1931-07-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Prof. Weizmann, der erst vor einigen Tagen eine Halsoperation durchmachen mußte, sieht sehr leidend und angegriffen aus. Seine Rede wurde vom Kongreß mit großem Applaus auf genommen. Nachdem er sie beendet hatte, erhob sich die Mehrheit von ihren Plätzen und applaudierte stürmisch. — Prof. Weizmann wohnt nicht in Basel selbst, sondern in Rheinfeldes bei Hasel. Seine Rede einleitend gibt Prof: Wefemälin einen historischen Ueberblick über die Entstehung der Balfour-Deklaration und des Mandates und setzt sich in der Folge mit der Herzischen Politik auseinander. «Es gibt kein Zeichen dafür» — sagt Weizmann — «daß Herzl definitiv Palästina ins Auge gefaßt hat. Palästina war nur eine Alternative, wahrscheinlich in Verbindung mit Argentinien. Erst auf dem ersten Zionistenkongreß hat sich Herzl auf Palästina festgelegt. Seither verschwindet das Wort «Judenstaat» aus seinem Programm. Nordau schrieb 1916, daß der Zionismus nicht den Ehrgeiz habe, in Palästina ein Königreich oder eine Republik zu errichten.» Weizmann bespricht dann das Mandat, die beiden englischen Weißbücher (1922 und 1930) und den Macdonald-Brief. Er richtet eine Anklage gegen die Palästinaverwaltung, bei der Apathie, Gleichgültigkeit, manchmal sogar Feindseligkeit dem jüdischen Aufbauwerk gegenüber zu bemerken sei. Bezugnehmend auf die Taktik der Revisionisten erklärt er unter lebhafter Heiterkeit, er habe zwar schon davon gehört, daß durch Geschrei die Mauern Jerichos gefallen seien, niemals aber davon, daß man durch Geschrei bauen könne. Zur Araberfrage: die Araber müssen davon überzeugt werden, daß, wie immer das künftige numerische Verhältnis der beiden Völker in Palästina sein möge, wir keine politische Beherrschung planen. Gleichzeitig müssen sie aber einsehen, daß wir uns keinesfalls unterwerfen lassen werden.» Nach Beendigung der Rede erhob sich ein Revisionist und begann Kaddisch zu sagen, worauf ein Sturm der Entrüstung gegen die Revisionisten einsetzte. Weizmann wurde nicht attackiert Auf unsere telephonische Anfrage teilt uns unser Berichterstatter mit: Die am Donnerstag von einem Wiener Blatt gebrachte Nachricht, daß Weizmann attackiert worden wäre, entspricht nicht den Tatsachen. Nach Weizmann sprachen Hantke für den Keren Hajessod und Ussischkin für den Keren Kajemeth. Mittwoch abends hielt Felix Rosenblüth eine große Rede. «ssirifi jj|rc..ysaoyirfw.i-,.BRV j tVtj —n; TELEFON B 24-5-2 GROSSBffMEB FÜR MflUSUlfjSCHE (f). In einer schweren Schicksälsstunde tritt diesmal der Kongreß in Basel zusammen. Die politische Situation ist ungewiß und verworren, die Organisation in einem Zustande fortschreitender Zerklüftung und maßlosen Parteihäders und die lebenswichtige Blutbahn nach Palästina verstopft durch eine Drosselung der Einwanderung und das blindwütige Regime eines kleinlichen, aufgehetzten Beamtentums, das unter der Leitung eines ungeschickten und unfähigen Oberkommissärs stets im Trüben zu fischen versucht. Es wäre natürlich sehr verlockend, diesen Zustand der Leitung anzukreiden, und an stürmischen Entladungen von Temperamenten wird es auch gewiß auf dem Kongreß nicht fehlen. Was uns jedoch nottut,' ist nicht Kritik, der bei uns seit Jahr und Tag jede 'historische Perspektive und produktive Objektivität fehlt, sondern realpolitische Abwägung der gegebenen Möglichkeiten. Wir alle, die wir seit Jahrzehnten im zionistischen Lager stehen, tragen zum Großteil das Erbe des romantischen Zionismus im Blut. Wir vergessen daher allzuleicht, daß uns bei aller Würdigung der idealistisch-romantischen Einstellung bloßes Ressentiment im Zeitalter des Aufbauwerkes nicht weiterbringen kann. Wir wurden in das Getriebe harter, oft grausamer politischer und wirtschaftlicher Realitäten gestellt, und diesen Realitäten kann nur eine kühle und schrittweise Politik entgegengestellt werden. Eine Schlagwortpolitik, die wohl Herzen zu ergreifen vermag und die Sentimentalität zu machtvollem Ausdruck bringt, können sich Gruppen, Parteien oder gar Völker leisten, die ruhig das Reifen der Gefühlssaat abzuwarten Zeit haben. Wir haben jedoch keine Zeit, und das ist das Erhabene, aber auch Tragische an unserem Aufbauwerke. Hätten wir dieses Zeitmoment in unserer politischen und ökonomischen Tätigkeit vor zehn oder fünfzehn Jahren mit vollem Bewußtsein in den Vordergrund gerückt, wir wären heute zweifellos viel weiter. Der Kongreß wird sich dieses Zeitmoment sehr eindringlich vor Augen halten müssen. Die politische Entwicklung arbeitet gegen uns, weil die Menschheit derzeit einen rückläufigen, reaktionären Weg eingeschlagen hat; die wirtschaftliche Verelendung des jüdischen Volkes in der ganzen Welt nimmt erschreckende Formen an, und das arabische Problem wird von Jahr zu Jahr gefahrdrohender. Da ist nicht die Frage der Führung, sondern eher die Frage des sich Führenlassens entscheidend. Ob Weizmann oder ein anderer an die Spitze tritt — maßgebend ist eines: die Unterordnung der Geführten. Nun, da die Zeit gegen uns arbeitet, da es auf jedes Äufbaujahr ankommt, darf es keinen anderen Willen als den der Führung geben, die auf dem Kongreß gewählt wird. Unverantwortliche Eskapaden einzelner Gruppen und Richtungen im Zionismus haben uns im letzten Jahr an den Rand des Abgrunds gebracht. Diejenigen, die am lautesten «Zurück zu Herzl!» predigen, verkennen vollkommen, daß Herzls' unsterbliche Großtat gerade in der Schaffung der Organisation liegt, in der Unifizierung des jüdischen Völkswillens und Ueberleitung desselben in eine Zielrichtung. Der Baseler Kongreß wird diesbezüglich gründliche Arbeit zu leisten haben, die von ihm die breitesten Volksmassen erwarten. Ebenso erhoffen wir vom Kongreß eine klare und eindeutige Stellungnahme der Mandatarmacht gegenüber. Selbstverständlich sind wir weit davon entfernt, uns mit leichtfertigen Desperados zu identifizieren, die eine andere Mandatarmacht herbeirufen wollen; aber London und Jerusalem müssen endlich aufhören, zwei unbekannte politische Größen zu sein, von denen man nie sicher sein kann, ob nicht am nächsten Tage eine neue Ueberraschung in Form von irgendeiner Erklärung oder Verordnung kommt. Der Zustand, daß der Einfluß des Colonial-Office vor den Toren Jerusalems aufhört, muß auf dem Kongreß mit aller Schärfe gebrandmarkt werden. Wir wollen kein Objekt der Experimente abgeben für ein verstocktes Beamtentum, das aus irgendeiner exotischen britischen Kolonie nach Palästina gebracht wird. Als freies Volk wollen wir einvernehmlich mit der Mandatarmacht unsere Geschicke bestimmen. Die parlamentarische Form unserer Kongreßverfassung gestattet die Behandlung aller Probleme in voller Oeffentlichkeit. Demokratie und Parlamentarismus brauchen jedoch nicht mit Willkür und Zügellosigkeit. gleichbedeutend zu sein. Es gehört oft mehr politische Klugheit dazu, eine weise Zurückhaltung zu üben, als dem überschäumenden Temperament die Zügel frei schießen zu lassen. Es wäre zu wünschen, daß dieser schicksalsschwere Kongreß nicht zu einem gigantischen Debattierklub herabgezerrt werde und daß sowohl die bereits traditionellen Kongreßredner als auch die anderen sich der historischen Verantwortung bewußt sind, die diesem Kongreß als Wegbereiter und* Wegweiser in eine neue, bessere Zukunft aufgelegt wurde.