Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 180 (18.6.1931)
- Date
- 1931-06-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V. b. b. BEZUGS- BEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 1*50, vierteljährL S 4*20, gan* jährL . . S 16*— Deutschld. vierteljährL RM 3*— Tschechoslowakei viertelj. Kc 24*— Jugoslawien vierteljährL Din. 40*— Polen vierteljährlich Zloty 6*50 Ungarn Vierteljahr lieh Pengß 4’20 Rumänien vierteliährl. Lei 120*— Uebrige* Mnaland vieiteljährL ßchw Franken 4*50 Preis 35 g Erscheint jeden Donnerstag Jüdist/ke Zeitung Redaktit ' und Adtninistj.1iion Wien. I. Karntnerstraße 28 Tel. R-27-4-86 Postsparkassenkonti: Oesterr. D 113-546 Polen . . 191-199 Tschechoslowakei .500.230 Jugoslawien 40.879 4« Jahrgang Wien, Donnerstag, 18« Juni 1931 (3. Thamus 5691) Nummer 180 TELEFON *B 24’5*2 HRUSUJÖSCHE GROSSBHTRIEB nnnCTCTir-t^i^l Die Klagemauerkommission hat ihr Wort gesprochen. Ihre Mitglieder haben sich verhältniimäßig gut aus der Affäre gezogen, da sie ein Urteil erließen, das beiden Teilen Rechte zugleich zu- und abspricht. Wenn man näher hinschaut, bemerkt man allerdings, daß der Spruch in größerem Maße die arabischen Forderungen befriedigt, als die jüdischen, obzwar diese schon auf das Minimum restringiert worden waren. Wenn das Urteil also nicht der geschichtlichen Gerechtigkeit entspricht, so trägt es dafür den Machtverhältnissen Rechnung. Die Araber sind stärker, denn sie sind im Lande, wir sind schwächer, weil wir nur davon reden, daß wir ins Land kommen wollen. Vom juridischen Standpunkt aus betrachtet, ist das Urteil der Kommission einwandfrei. Es wird das Eigentumsrecht der Araber auf-die Klagemauer und den Platz vor ihr festgestellt — dieses Recht haben die jüdischen Vertreter nie bestritten — wie auch das sozusagen durch Ersitzung erworbene Recht der Juden, vor der Klagemauer ungehindert zu beten und stets den Zugang dazu freizuhaben, als gesetzliches Servitut anerkannt. Also Eigentumsrecht mit gleichzeitiger Eigentumsbeschränkung, wobei der Eigentumsbeschränkung zugunsten der Juden wiederum gewisse Beschränkungen zugunsten der Araber auferlegt werden. Insbesondere wird das Verbot, Schofar zu blasen und Sessel aufzustellen, die gesetzestreuen Juden schwer treffen. Trotzdem hat -.das palästinensische Judentum das Urteil der Kommission als inappellabel anerkannt. Schweren Herzens haben die Vertreter des Jischuw sich entschlossen, die unglückselige Klagemauerangelegenheit als definitiv geregelt zu betrachten. Schweren Herzens, denn schmerzvoll ist es, den traurigen Ueberrest ehemaliger Herrlichkeit zum Spielball politischer Machinationen, und zum Objekt einer grundbücherlichen Eintragungsinken zu sehen, und unglückselig, weil doch der Streit um die Klagemauer der Ausgangspunkt der Augustkatastrophe 1929 war, wie auch aller späteren Schicksalsschläge, die auf den Zionismus herniedersausten. Für uns, für unser Gefühl und unser Herz wird die Westmauer des Tempels immer jüdisches Eigentum bleiben, mag sie nun zivilrechtlich ein Bestandteil des mohammedanischen «Wakf» sein oder nicht. Wir brauchen keinen aktenmäßigen Beweis. Unser Beweis ist die Geschichte. Aber die Geschichte ist ein schlechter Zeuge, denn sie weiß auch davon zu erzählen, daß das Land Palästina einst jüdisch war, und dennoch müssen heute Juden um das Recht der Einwanderung in ihr Land kämpfen. Die Geschichte erkennt immer nur das Recht des Siegers, des Stärkeren an. Das Paradoxe ist eben, daß die Geschichte sich über geschichtliche Rechte rücksichtslos hinwegsetzt ... Und doch soll es offen gesagt sein: die ganze Klagemaueraffäre ist auch unsererseits unnötig aufgebauscht worden. Sie ist nicht das Um und Auf des jüdischen Palästina, sie ist nicht das Wichtigste im Lande. Bei aller Verehrung, die wir der Vergangenheit zollen, bei allem Verständnis für die Stimme des jüdischen Herzens muß doch zugestanden werden, daß der neue Jischuw wichtiger ist als der alte und daß eine junge Kolonie mehr Bedeutung hat, als das ehrwürdigste Denkmal. Praktischer Idealismus zeitigt gesündere Erüohte als heiligste Palästina vor der Mandatskommission des Völkerbundes Der Permanenten Mandatskommission des Völkerbundes, die am 9. Juni ihre Tagüng in Genf eröffnet hat, wurde, wie alljährlich, ein Memorandum der Jewish Agency über die Aufbauarbeit in Palästina während des letzten Jahres überreicht. Dieses Memorandum, das im allgemeinen rein sachlich die Fortschritte auf den einzelnen Gebieten verzeichnet und die Beeinflussung des Palästina-Aufbaues durch politische Momente nur gelegentlich streift, war bereits am 30. April d. J. dem High Commissioner von Palästina mit folgendem Begleitschreiben Dr. Weizmanns übersandt worden: Weizmanns Begleitbrief Eure Exzellenz! Anläßlich der Ueberreichung dieses Memorandums möchte ich kurz Bezug nehmen auf den Bericht Sir John Hope Simpsons und auf die Deklaration über die Politik der Regierung Sr. Majestät söwie auf die authentische Interpretation dieser Deklaration, die in dem Brief enthalten ist, den der Ministerpräsident am 13. Februar 1931 an mich zu richten die Freundlichkeit hatte. ' V Als die Regierung Sr. Majestät imW^Iai 1930 beschlossen hatte, Sir John Hope Simpson «mit einer provisorischen Mission zu betrauen, mit dem Zi&le, über Fragen der Kolonisation, Einwanderung und Entwicklung mit dem High Commissioner Beratungen zu pflegen und einen Bericht über diesen Gegenstand dem Staatssekretariat zu erstatten», da empfand die Jewish Agency eine lebhafte Besorgnis im Hinblick darauf, daß eine so wichtige und grundlegende Aufgabe einem einzelnen Manne anvertraut wurde, der die Probleme, auf denen die Politik des Mandats beruht, nicht gründlich kannte; einem Mane, der in erster Reihe auf indirekte Informationen angewiesen sein und diese Informationen nur durch Eindrücke während seines kurzen Aufenthaltes in Palästina würde ergänzen können, in einer Zeit, in der die wirtschaftlichen Verhältnisse, und zwar nicht nur in Palästina, zugestandenermaßen weit davon entfernt waren, normal zu sein. Nichtsdestoweniger hat die Exekutive der Jewish Agency ihre Vertreter in Palästina angewiesen, alles ln ihrer Macht Stehende zu tun, um Sir John Hope Simpson bei seiner Untersuchung Beistand zu leisten; alle der Palästina-Exekutive der Jewish Agency zugänglichen Informationsquellen wurden ohne Reserve zu seiner Verfügung gestellt. Die so erhaltenen Informationen wurden später zusammengefaßt und veröffentlicht, eine Kopie ist diesem Memorandum beigefügt (Palästina-Landentwicklung, städtische Entwicklung und Einwanderung). Der Bericht Sir John Hope Simpsons hat gezeigt, daß unsere Befürchtungen vollkommen gerechtfertigt waren. Auf Grund von Ziffern, die, auch wenn sie früher offiziell anerkannten Ziffern widersprachen, ohne entsprechende Nachforschung und kritische Prüfung übernommen worden waren, wurden weitgehende Schlüsse gezogen. In der Tat beruhen einige der überraschendsten und wichtigsten Feststellungen Sir John Hope Simpsons, wie die bezüglich des Prozentsatzes der «landlosen» Araber in Palästina oder der Kosten jüdisch-landwirtschaftlicher Kolonisation unglücklicherweise auf einer falschen Interpretation statistischer Daten. Die Prämissen, auf denen Sir John Simpson seine wichtigsten Schlüsse aufgebaut hat, werden in dem von uns veröffentlichten Memorandum über die «Statistischen Grundlagen» des Berichtes Sir John Hope Simpsons über «Einwanderung, Landsiedlung und -entwicklung in Palästina» analysiert. Der Bericht hätte in jedem Falle eine höchst sorgfältige Prüfung und eine Diskussion erfordert, bevor er zur Grundlage einer in Aussicht genommenen Politik hätte gemacht werden können. Die Jewish Agency wäre bereit gewesen, bei einer derartigen Prüfung und einer auf den Prinzipien des Mandats aufgebauten Diskussion mit der Regierung Sr. Majestät und den Vertretern der Araber zu kooperieren; sie wäre bereit gewesen, in dem überprüften und amendierten Bericht den gemeinsamen Boden zur Formulierung einer einvernehmlichen Politik zu suchen. Gleichzeitig aber mit dem Bericht Sir John Hope Simpsons erschien die Erklärung über die Politik der Regierung, in der alle Angaben und die hauptsächlichsten Schlußfolgerungen des Berichtes übernommen waren und bezüglich der Kolonisation und Einwanderung zum Nachteil der jüdischen Arbeit in, Palästina noch weitergehende Schlüsse gezogen wurden als im Bericht. Einige Vorschläge dieser Erklärung schienen uns eine ernste Verletzung der Bestimmungen des Mandats darzustellen und im Widerspruch zu seinen Grundsätzen zu stehen. Es war eine Situation entstanden, in der ich die Empfindung hatte, daß die Jewish Agency für Palästina nicht länger jene Kooperation mit der Mandatarmacht fortsetzen könne, die bis dahin die Basis unserer Politik gewesen war. Infolgedessen habe ich mich 'entschlossen, als Präsident der Jewish Agency und der Zionistischen Organisation zu demissionieren und den Zionistenkongreß sowie den Council der Jewish Agency einzuberufen, die entsprechende Maßnahmen treffen sollen. Gleichzeitig hat die Jewish Agency ihre Einwendungen gegen das Weißbuch in einem Memorandum niedergelegt, von dem eine Kopie beiliegt. (Leonard Stein: Das Weißbuch über Palästina vom Oktober 1930). Im November 1930 lud die Regierung Sr. Majestät Vertreter der Jewish Agency ein, Besprechungen mit einem Subkomitee des Kabinetts über die im Zusam« menhang mit dem Weißbuch aufgetauchten Fragen zü pflegen. In diesen Konferenzen, die unter dem Vorsitz des Staatssekretärs für Aeußeres abgehalten wurden* wurde uns Gelegenheit geboten, unseren Standpunkt vorzutragen. Unsere Sache fand vollständiges und loyales Gehör. Als Ergebnis der Beratungen und mit dem Ziele, falsche Auffassungen und Mißverständnisse* die bezüglich der Politik der Regierung Sr. Majestät entstanden waren, zu beseitigen, hat der Ministerpräsi« dent am 13. Februar 1931 einen Brief an mich gerichtet, der als authentische Interpretation des Weißbuches vom Oktober bezüglich der in dem Briefe behandelten Gegensätze zu gelten hat. Nach Erhalt dieses Briefes habe Sentimente, und ‘die Zukunft ist für ein lebendiges Volk wichtiger als die Vergangenheit. Nichtsdestoweniger kann man nicht umhin, auch bei dieser Gelegenheit festzustellen, daß uns selbst in erster Reihe die Schuld trifft an allen Niederlagen, die wir erleiden. Es gab eine Zeit — das ist ein öffentliches Geheimnis — da konnten wir die Klagemauer um einen Pappenstiel kaufen und so das ganze Problem aus der Welt schaffen. Wir haben es nicht getan. Es gab eine Zeit, da konnten wir den ganzen freien Boden Palästinas um billiges Geld kaufen; wir haben es versäumt. Und es gab $ihe Zeit d* die Einwanderung Hunderttausende Juden ins Land bringen konnte, und wir haben von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch gemacht. Die beste Zeit, die wir für den Aufbau verwenden konnten, haben wir ungenützt verstreichen lassen. Dafür haben wir — Politik getrieben. Dafür haben wir die Energien für die Organisation zermürbende und die Idee schwächende innere Streitigkeiten vergeudet Politik, große Worte, das war unser Element; praktischer Idealismus — bloß ein Postulat, das nur von einer Schar Unentwegter in Wirksamkeit umgesetzt wurde. Und so ist es auch heute. Ist es nicht schön höchste Zei Wan<S lung eintretft? >