Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 177 (28.5.1931)
- Date
- 1931-05-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3053911-3053931--2370-3057793- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 8 DIE STIMME Nr. 177 — 28. Mal 1931 Zu den Ereignissen In Mexiko Anch ein KongreBproMem Die Judenverfolgungen in Mexiko, über die bisher nur kurze Berichte vorliegen, wurden von der Presse bisher mir registriert ohne — bis auf wenige Ausnahmen — den Ausgangspunkt einer größeren Aktion zu bilden. Wir glauben nun, daß der kommende Kongreß neben seinen ganz bedeutenden Problemen des Aufbaues von Palästina und der Organisation, die sicherlich den Mittelpunkt der Beratungen darstellen, sich auch mit der allgemeinen Judennot wird beschäftigen müssen. Die ersten Kongresse, die allerdings mehr demonstrativen und theoretischen Charakter hatten, räumten diesen Fragen viel Raum ein. Die Verhältnisse, wie sie heute in vielen Ländern sind, (Deutschland, Polen, Rumänien und Rußland), sollten Anlaß zu einer Tagesordnung für den kommenden XVII. Kongreß geben, die von der einzigen großen jüdischen Welttribüne aus die Stellungnahme des bewußten Judentums der Welt gegenüber klar legt und natürlich Protest erhebt, wo Anlaß dafür vorliegt Vor einiger Zeit haben wir bei Berichterstattung über die Lage der Juden in Südamerika auf zwei Probleme hingewiesen, die sicherlich von den Zionisten zu erfassen sind: Das allgemeine Wanderungsproblem und das Problem der Erfassung aller versprengten Teile des Judentums. Die Nachkriegszeit hat die Diaspora noch vielfältiger gemacht. Vor allem ist durch die Sperre der nordamerikanischen Einwanderung der Strom der auf der Wanderschaft befindlichen und zum Wanderstab gezwungenen Juden nach Mittel- und Südamerika gelenkt worden. Daß diese Einwanderung dort bei der einheimnischen Bevölkerung — namentlich in Zeiten der Krisen — eine Reaktion hervorrufen werde, ist leider zu befürchten gewesen. Wir berichteten von antisemitischen Erscheinungen in Argentinien und müssen nun die Nachrichten von den drastischen Maßnahmen und Gewalttätigkeiten in Mexiko erfahren. Ja, hier hat sich etwas ereignet, was sonst im freien Amerika sonderbar anmutet: daß die Behörden an den Ausschreitungen teilnehmen, was noch ärger ist, als seinerzeit in Rußland, wo die Schandtaten nur geduldet wurden. Daß es sich um religiösen Fanatismus handelt, kann man nicht annehmen, da es gerade in Mexiko vor kurzer Zeit einen schweren Kampf der Regierung gegen die Kirche gab. Es ist wohl ein hauptsächlich wirtschaftlicher Antisemitismus, der nur durch die krisenhafte Lage im Lande begreiflich erscheint. Für den Geschichtsschreiber ist die Nachricht von den antisemitischen Auschreitungen in Mexiko insofern interessant, als sie mit dem Tage zusamenfällt, da in Spanien der Kampf gegen jenen Klerikalismus eröffnet wurde, der seinerzeit durch seine Unduldsamkeit die Juden aus seinem Land nach — Amerika vertrieben hat. Welch grausames Geschick des jüdischen Volkes! Und da soll es noch Zweifler im Judentum geben, die in der Besiedelung und am Wiederaufbau Erez Israels nicht die einzige Lösung der Judenfrage sehen wollen. Der Zionistische Kongreß in Basel wird daher neben seinen aktuellen und brennenden Fragen auch zu den wichtigen Fragen der jüdischen Wanderung, der Judennot und der Schaffung einer Zentralstelle, die mit allen versprengten Teilen des Judentums Fühlung hat, Stellung nehmen müssen. Das jüdische Volk wird in Basel, das ja räumlich nicht weit von Genf ist, Protest bei jenen Staaten einlegen müssen, deren verantwortliche Elemente die Rechte der Juden verletzen. Bruno Rabinowitz. Die jüngste antisemitische Hochburg: Mexiko Trauer- und Fasttag. Mexiko City, 19. Mai (J. T. A.) Die sephardischen Juden von Mexiko City haben am 17. Mai einen Trauer- und Fasttag wegen der Judenverfolgungen in Mexiko abgehalten. Die Synagogen waren überfüllt. Es wurden den ganzen Tag über Bittgebete um Beendigung der Judenverfolgungen und insbesondere um Wiederherstellung des Rechtes der Juden auf Beteiligung an den Märkten abgehalten. Der Tag war als «zweiter Jom Kippur» proklamiert worden, in allen Synagogen wurde der Schofar geblasen. E>.. ig eines Sonderdelegierten der amerikanischen Bnel Brith. Wie der Präsident der Bnei Brith Alfred A. Cohen, der bekanntlich das State Departement in Washington um eine Intervention in Mexiko ersucht hatte, der Jüdischen Telegraphen-Agentur mitteilt, wird in dem Bericht des amerikanischen Gesandten in Mexiko erklärt, daß die antisemitischen Zwischenfälle auf die schwierige ökonomische Lage in Mexiko zurückzuführen seien und daß den Juden keine körperliche Unbill zugefügt wurde. Der Orden Bnei Brith hat einen Sonderdelegierten zur Untersuchung der Vorfälle nach Mexiko entsandt. Katastrophale Lage des mexikanischen Judentums infolge der antisemitischen Maßnahmen. — Die jüdischen Institutionen vor dem Zusammenbruch. Die jiddische Tageszeitung «Der Toga- (New York) veröffentlicht einen Bericht ihres Korrespondenten aus Mexiko City, aus dem hervorgeht, daß nicht nur die 500 jüdischen Markthändler, denen die weitere Ausübung ihres Gewerbes verboten wurde, unter dieser Maßnahme zu leiden haben, sondern daß durch sie auch Tausende anderer Juden schwer betroffen sind. Der Prince of Wales and seine prophezeite Mission in Palästina Aus Genf wird uns geschrieben! Der Prince of Wales Ist eben von einer Sfldamerikareise zurückgekehrt, die eine höchst praktische und geschäftliche Bedeutung gehabt hat. Englands südamerikanischer Handel sieht sich durch die nordamerikanische und zum Teil auch deutsche Konkurrenz ernstlich bedroht. Um den Dingen wieder eine günstige Wendung zu geben, hat der Prinz die drei Monate dauernde Reise unternommen. Die britische „Empire'-Ausstellung in Buenos Aires, die er eröffnete, ist auch ein großer Erfolg gewesen, sie wurde von nicht weniger als 1.5 Millionen Menschen besucht. Die Londoner City hofft, daß den dort gemachten Bestellungen bald eine allgemeine Belebung des englisch-südamerikanischen Handels folgen werde. Die humorvollen Engländer aber haben ihren Prinzen, sich einen leicht aufdrängenden Wortgleichklang zu Nutze machend, „Prince of Sales" benannt. Das englische Wort „Sale" bedeutet so viel wie „Verkauf, Umsatz, Geschäftsabschluß". Mithin würde dieser Rufname etwa der „königliche Kaufmann" oder „Prinz Handelsreisender» zu heißen haben. Doch muß gleich gesagt werden, daß dieser Spitzname von den Engländern durchwegs nicht respektlos oder irgendwie verächtlich gemeint ist. Ganz im Gegenteil. Die Engländer rechnen ihrem Prinzen seine Bemühungen um die Hebung des britischen Handels hoch an. Schon seit seiner Geburt knüpfen die Engländer an die Person des so beliebten Prinzen von Wales mancherlei, zum Teil recht romantische Gedanken. Einige Legenden, die um seinen Namen gewoben werden, teilen die „Basler Nachrichten» vom 19. Mai mit: „Edward ist bekanntlich nur einer der vielen Vornamen des Prinzen. Seine vier übrigen Vornamen sind diejenigen der Heiligen der vier britischen Kronländer England, Schottland, Irland und Wales und lauten: Georges, Andreas, Patrick und David. Der Letzte soll der bemerkenswerteste sein. Im Familienkreis wird der Prinz nie anders als David oder Davie genannt. Die Geschichte aber, die mit diesem Namen des Prinzen von Wales verknüpft ist, läßt an Phantastik und Romantik nichts zu wünschen übrig. Sie lautet folgendermaßen: Lady Waterford, eine intime Freundin der Königin Mary, drang, als der Prinz geboren wurde, in die Königin, ihrem ersten Sohn den Namen David zu geben, weil — sie fest daran glaube, daß der Prinz dazu auserkoren sei, später jener „Fürst David“ zu werden, von dem der Prophet Hesekiel schreibt und dem er die Herrschaft über das gelobte Land voraussagt; viele Anzeichen sprechen dafür; auch hatte die Lady ausgerechnet, daß am 30. Geburtstag des Prinzen (im Jahre 1924) genau 3000 Jahre seit der Geburt König Davids (im Jahre 1076 vor Christi Geburt) vergangen sein würden; dies aber bekräftigte sie noch mehr in ihrem Glauben an die besondere Mission des Prinzen, und die Prophezeiung, die sie ihm sterbend auf den Lebensweg mitgab, war die, daß das gelobte Land unter der Herrschaft des gegenwärtigen Prinzen von Wales — zur britischen Kolonie werden würde!“ Palästina wird zwar auch unter der Herrschaft des gegenwärtigen Prinzen von Wales Mandatsland bleiben und andererseits entwickeln sich die britischen Kolonien immer mehr zu freien Dominions, aber die gute Lady Waterford hat doch manches richtig erraten. S. R. VI. Konferenz der Wizo in Basel 22. bis 28. Juni 1931. Vom 22. bis 28. Juni d. J., also unmittelbar vor dem XVII. Zionistenkongreß, findet die Konferenz der Weltorganisation zionistischer Frauen statt, die ein großes Arbeitsprogramm zu erledigen haben wird. Montag, der 22. Juni ist den Vorbesprechungen der Galuth- und Palästina-Exekutive sowie der Council-Mitglieder gewidmet. Am Abend des 22. findet die offizielle Eröffnung der Konferenz im Baseler Messepalast statt. Folgende wesentliche Punkte seien aus dem Arbeitsprogramm hervorgehoben: Nach den Rechenschaftsberichten und Exposes über Palästina- und Galutharbeit der verflossenen Konferenzperiode 1929/31, die im Zeichen der Hilfs- und Notaktionen für das Palästinawerk stand und erst in letzter Zeit den normalen Zustand aufwies (Berichterstatterinnen: Mitgliedet der WIZO-Exekutive) folgt in der zweiten Plenarsitzung am Nachmittag des 23. Juni die Generaldebatte, worauf in der Abendsitzung der Bericht der „Siebener Kommission" für die Frage der Mitarbeit von Nichtzionistinnen erstattet wird. Anschließend folgen Referate zu Problemen der Propaganda. (Eingeleitet durch Mrs. Edith Eder, London). In der dritten Plenarsitzung, die am späten Abend folgen soll, wird der Bericht des Kontinentalbundes zionistischer Mädchenvereinigungen erstattet, worauf die Antwort der Exekutive auf dieverse Fragen erfolgt. — Mittwoch, der 24. ist den Finanzberichten und der Wahl der Kommissionen Vorbehalten sowie den Kommissionssitzungen. Auch eine Ansprache seitens eines Mitgliedes der zionistischen Exekutive ist vorgesehen. Am Abend desselben Tages sollen die Berichte der Finanz- und Propagandakommission, erstattet werden. Donnerstag, den 25. finden den ganzen Tag hindurch Besprechungen der Organisationskommission über die Fragen: Hadassah, Jewish Agency, Keren Kajemeth, Misrachi, Kontinentalbund, Nichtzionistinnen statt. Sonntag, den 28. Juni wird die Generaldebatte fortgesetzt und über die von den Kommissionen vorgelegten Resolutionen abgestimmt. Mit der Wahl der Exekutive soll die Konferenz am Abend des 28. beendet werden. gpBoioioaoiototoaoioioiM 2 Wenn Jlftnen unser 1 o ■ o ■ 0 HUBS«»« Ä maitäefäut, 2 empfehlen Sie es, hüte, bei jeder Gelegenheit allen Ihren Fremden nnd Bekannten! Geben Sie ms Adressen an, an die wir Probenummern unserer Zeitung absenden kSnnen. U senden kSnnen. m BLioioioioioaoioioioioioBl In aller Kürze im März 1931 sind 916 Personen, darunter 832 Juden, nach Palästina eingewandert, und 110 Personen, darunter, 13 Juden, aus Palästina ausgewandert, * Die Weltkonferenz der Poale Zion in der Tscheche- Slowakei soll in der Zeit vom 20. bis 24. Juli in Mähri3ch- Ostrau oder Brünn abgehalten werden. * Für das Studienjahr 1931/32 wurde Abgeordneter Dr. Bruno Kafka, ein Jude, zum Rektor der Prager Deutschen Universität gewählt. * Dr. phil. Feodor Rosenbaum, der ehemalige Schrift« leitet des Hamburger «Israelitischen Familienblattes», ist int Alter von 81 Jahren in Berlin gestorben. * In dem Bericht der Presbyterianischen Landesmisslonen Amerikas wird angegeben, daß etwa 2000 Juden von den presbyterianischen Kirchen bekehrt wurden. Die führenden Rabbiner New-Yorks treten diesem Bericht entgegen und erklären, daß die Missionstätigkeit der christlichen Kirchen unter den Juden erfolglos wäre. * Am 12. Mai fand in Frankfurt am Main eine Tagung des Jüdischen Kalenderreform-Komitees statt. * Der bekannte Arzt und Dichter Dr. Richard Huldschiner ist im Alter von 61 Jahren in Innsbruck gestorben. * Es wurde jüngst bekannt, daß an Lettlands Befreiungskampf 1000 Juden teilgenommen haben, von denen 42 Soldaten und 12 Offiziere gefallen sind. * Die Eröffnung des Palästina-Pavillons auf der französischen Kolonialausstellung mußte verschoben werden, da die Bauarbeiten noch nicht vollendet sind. Nach Fertigstellung wird der ehemalige französische Ministerpräsident Painleve die Eröffnungszeremonie vollziehen. * Die drei antisemitischen Arbeiter, die vor einiger Zeit das jüdische Mitglied der industriellen Stdßbrigade Newelewsky folterten und zu henken versuchten, wurden zu acht, bezw. sechs und fünf Jahren Zwangsarbeit und Entzug der Bürgerrechte verurteilt. Schwere antisemitische Ausschreitungen in Danzig Danzig, 19. Mai. (J. T. A.) Am 17. Mai wurden in den Danziger Straßen jüdische Passanten von Nationalsozialisten überfallen und zum Teil blutig geschlagen. Unter der jüdischen Bevölkerung herrscht über diese Ueberfälle große Aufregung. Die Danziger Polizei hat eine Untersuchung zur Ermittlung der Täter eingeleitet. An dem gleichen Sonntag, den 17. Mai, wurde eine Gruppe junger Danziger Zionisten, die einen Seeausflug nach Nickelswalde unternommen hatte, bei der Rückkehr um 9.30 Uhr abends an der Landungsstelle Milchkanne durch Hitlerleute, die in drei Lastautos herangekommen waren, überfallen und mit Stöcken schwer mißhandelt. Etwa 40 Personen wurden verletzt. Eine Nichte Weizmanns tödlich verunglückt Jerusalem, 18. Mai. (J. T. A.j WeizmannsNlchte Law, geb. Lubjansky, Ist auf der Fahrt zwischen Tiberias und Mlgdal durch einen Autounfall tödlich verein- . glückt.. Arabische Entgegnung auf den Macdonald-Brief Jerusalem, 18. Mai. (J. T. A.) Im Hinblick auf die bevorstehende Eröffnung der Tagung der Mandatskommission des Völkerbundes in Genf bereitet die arabische Exekutive in aller Eile eine Entgegnung auf den Macdonald-Brief vor. Weht ansWHeh allbestellte Abonnement? gelten als Verlängert! * /