Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 177 (28.5.1931)
- Date
- 1931-05-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 177 — 28. Mai 1931 DIE STIMME Seit« 3 Faschistischer Zionismus? Von Dr. Michael Steinberg Man mag über den Revisionismus, soweit es sich um unsere poütischeEInstellungundTaktik der Mandatarmacht gegenüber handelt, verschiedener Ansicht sein. Ob die bisherigen außenpolitischen Methoden der zionistischen Leitung oder aber ein energischeres Vorgehen und die allerdings der Gefahr baldigen Abstumpfens ausgesetzte Waffe des immerwährenden Protestes, eher zum Ziele führen, ist im voraus zumindest nur sehr schwer zu entscheiden. Es ist jedenfalls ohne gründliche Kenntnis der, der Oeffentlichkeit nur wenig zugänglichen, näheren Umstände unmöglich, auch nur zu untersuchen, ob angebliche Fehler und Unterlassungen oder aber von uns unabhängige weltpolitische Faktoren unsere jetzige Lage verursacht haben. Würde man das allzu große Risiko nicht scheuen, so wäre man fast versucht, der Opposition Gelegenheit zu geben, ihre allerdings nur sehr wenig Positives enthaltenden Gedankengänge über unser Verhalten England gegenüber in die Tat umzusetzen. Worüber aber gar kein Zweifel bestehen kann, ist, daß der Versuch des Revisionismus, fase hist i s c h e Gedankengänge und Methoden zur Grundlage des zionistischen Lebens zu machen, die schwersten Bedenken hervorrufen muß. Zwei Momente charakterisieren die bei verschiedenen europäischen Völkern entstandenen rechtsradikalen, faschistisch drapierten Bewegungen der Nachkriegszeit: Ein blindwütiger, egozentrischer Nationalismus, der in einen rechthaberischen und herrischen Chauvinismus überschlägt, sowie ein unnachgiebiger, rücksichtsloser Kampf gegen die sozialen Ideen und die neuzeitliche Machtstellung der Arbeiter-: schaft. Es war immer unser größter Stolz, daß unsere nationale Idee gegen niemanden gerichtet sei, daß der Zionismus eine Erneuerung des Judentums herbeizuführen sucht, nicht nur zum Zwecke der bloßen Selbstbehauptung, sondern, wie wir inbrünstig glauben, auch um mit unseren geistigen Fähigkeiten und unserer alten wiedererwachten Kultur der ganzen Menschheit zu dienen. Dürfen wir unser reines nationales Streben zu einem überspitzten Chauvinismus und herausfordernden gedankenarmen Hurra-Patriotismus herabwürdigen? Unser Werk in Palästina Ist nur dann zu verwirklichen, wenn wir die Völker der Erde davon überzeugen, daß es gilt, einem unglücklichen aber friedliebenden Volke den Aufbau seiner Heimat zu ermöglichen. Können wir an das Gewissen der gesitteten Welt appellieren, wenn wir gleichzeitig den Eindruck erwecken, als ob wir im Begriffe wären, zu den vielen anderen noch einen hysterisch übersteigerten agressiven Nationalismus in die Welt zu setzen? Am Gartenzaun Von Dr. E. M. Zweig, Jerusalem. Um mein Haus in Talpioth liegt natürlich ein Garten, wie um das Haus eines jeden rechtschaffenen Juden in Erez Israel. Hinterm Haus der Fruchtgarten, zur Mehrung der Produktivität des Landes, und vorn das Ziergärtlein, um sein Teil zur Schönheit Jerusalems beizutragen. Arbeit gibts da und dort die Fülle. Heute kommt der Ziergarten dranl Allerlei Nachbarn. An Zuschauern fehlt es mir nicht. Fast jeder T a 1p i o t h e, der draußen vorbeiwandelt, fühlt sich bemüßigt, ein wenig zu verweilen und dies Partikel Aufbau wohlwollend zu prüfen. Der und jener bringt auch sein Sprüchlein vor: «Du» (auf gut Hebräisch sind alle per Du) «frisch gemistet hast Du; da muß man .täglich aufspritzen, sonst verbrennen die Blumen». Ein ariderer: «Die Bougainvillia dort», dabei zeigt er auf die violette Kletterpflanze an der Hausfront, «gehört schon beschnitten, damit der Stamm sich kräftigt». Und ein Dritter: «Ich bring’ Dir Setzlinge meiner vollblütigen Geranien; kannst Du mir vielleicht von diesem Kaktus abgeben?» Mancher tritt gar im Eifer durchs Gartentürchen ein; so Herr Karmi, mein Nachbar zur Rechten, der nicht müde wird, gegen unsere, entlang dem Straßenzaun erhöhte Terrasse zu protestieren, denn e r sei entschieden für breite, flache Beete . . . Auch Araber kommen fürbaß, und gleich in zwei Sorten. Zunächst mal die Fellachen des Dorfes Zur Bah’r drüben. Zwar hätten 6ie noch andere Verbindung zur Stadt, aber unsere Asphaltstraßen sind ihnen doch lieber als die holprige Tradition ihrer abwechselnd staubigen und kotigen Felssteige. Früher standen diese Burschen nicht schlecht mit Talpioth. Ihre Weiber verkauften hier Eier, Hühner und Gemüse, Ihre Herden weideten das Grün unserer Bauplätze und im Sommer trat man ungeniert ln unsere Häuser, um sich aus den bereitgestellten Wasserkrügen zu laben. Dann folgte — im August 1929 — unter Mord und Brand der Ueberhll auf Talpioth und die von Zur Bah’r plünderten Im Man empfiehlt uns, wir sollen uns, den anderen Völkern gleich, zum Zwecke der «militärischen Ertüchtigung» einen militärisehenGeistundseine äußeren Formen zu Eigen machen. So sehr es aber als selbstverständlich erscheint, daß sich Juden notgedrungen im Waffengebrauche ausbilden, um sich gegen pogromlustige Horden zu wehren, umsomehr muß vor jedem Versuch, einen gewissen unjüdischen, aggressiven, militärischen Ungeist mit seinem gedankenlosen Mameluckentum und seinen servilen Aeußerlichkeiten in unsere demokratische Volksorganisation einzuschmuggeln, entschieden gewarnt werden. Der «militärische Geist» erfordert gigantische Geldmittel und ist überdies ein zweischneidigesSchwertErist nur so lange ungefährlich, als der Gegner nicht mit denselben Waffen kämpfen kann. Daß aber die Völker des Ostens, wenn sie wollen, trotz aller Verbote immer wieder willfährige Waffenlieferanten finden, haben wir zur Genüge in den letzten Jahren im Rif und Marokko gesehen. Kann sich jemand dafür verbürgen, daß wir in einem solchen äußerst gefährlichen Spiel die Sieger bleiben werden? Ein parteipolitischer Militarismus aber hat noch eine andere sehr bedenkliche Seite. Er wird anfänglich «zum Zwecke der Abwehr» gegen den äußeren Feind gegründet. Nachher begibt man sich jedoch bald auf die Fläche des kleineren Widerstandes und entdeckt in seinem Tatendrang einen «inneren Feind», der niedergerungen werden muß. So war es mit dem «Stahlhelm» in Deutschland und mit der Heimwehr in Oesterreich. Aus einem Instrument zur Abwehr der Begehrlichkeit gewisser Nachbarvölker wurden sie zu einem Werkzeug des blutigen, brudermörderischen Krieges gegen Andersdenkende im eigenen Volke. Sind diese traurigen Zu- Wählerversammlung der Bezirkssektion VIII und IX Dienstag, den 2. Juni um 8 Uhr abends im Saale des Osterr. Handelsmuseums, IX. Berggasse Nr. 17 REFERENTEN: Dr. Oskar Grünbaum Dr. Desider Friedmann THEMA: RongreBwahlen Nachtrab der Beduinen redlich mit, wofür sie freilich unter dem Feuer der entfesselten Tommies sieben Tote liegen ließen. Seither waren die braunen Vettern durch fast ein Jahr verschollen und nun sind sie wieder da, in ihren malerischen Trachten, mit vollbepackten Weibern, Eseln, Maultieren und Kamelen, aber ohne ein Wort an uns Juden, ja ohne den Kopf zu wenden. Sage einer, wieviel daran Angst oder Haß sei — böses Gewissen sicher nicht! Die andere Sorte Araber scheint zahmer. Es sind Christen aus dem nahen Bakaa und anderen Quartieren Jerusalems. Sie kommen zu Fuß oder entsteigen dem Auto. Die meisten bis auf den Fez der Männer und die schwarz untermalten Augen der Frauen — ä la London ausstaffiert. Nachdem sie sich im «Cafe Guritzky» an Gasos und Glidah, d. h. Sodawasser und Gefrorenem, erquickt haben, gustieren sie die Gärten der Jahudl. Was führen nur diese vornehmen Besucher im Schild? Beim Pogrom haben sie zwar nicht direkt mitgetan, doch hämisch gelacht, als die Juden von Talpioth um ihr Leben bangten. Dennoch unsere Vettern allesamt und, wenn es sich gut fügt, einmal unsere Brüder! Doch jenseits der Straße liegt eine andere Welt. Dort dehnt sich, schon im Dunstkreis des neuen, stolzen Gouverneurpalais und selbst mit Teer parfümiert, der heilige Golfplatz. Die b r i t i s c h e Haute vol£e huldigt da, fein säuberlich durch hohes Stacheldrahtverhau von den Natives aller Art geschieden, dem Nationalgott Sport. Doch Wahrheit um jeden PreisI Ein paar Araber sind doch in dies Paradies zugeiassen: kleine zerlumpte Jungs, die für ein paar Grüsch Im Tage wie Aeffchen nach den verrollten Ballen springen. Müssen wir Juden das auch zulernen, um Großbritanniens restlose Gunst zu erringen? Doch nein, unrecht ist es, solchem Groll nachzuhängen. Hoch und untilgbar klingt in Erez das Lied jener Oxforder Studenten, die bei Pogromausbruch als freiwillige Schützer jüdischen Guts und Bluts ihrem redlichen Herzen mehr gehorsamten denn der hohen englischen Politik. Solcher Oxforder Männer schickt uns mthr und wir wollen Euch lieben und ehrsnl i JtHe orientalischen fpextalüdfefi am ütosf ti. &t>ieß (JiamatMcn, JVIuscJM us».) Restaurant Mirabell I.!Bes.,Ra8iAur^erdasse 0 JSffldteiMftef 9eoteescu stände für uns so verlockend, daß wir den bewaffneten Kampf Aller gegen Alle, auch in unserem Volke heraufbeschwören sollten? Man kann es vielleicht begreiflich finden, wenn sich das Bürgertum in einzelnen Ländern Europas durch die übermächtige soziale und politische Stellung der Arbeiterschaft, insbesondere aber durch die Wühlereien des revolutionssüchtigen Kommunismus in seinen wirtschaftlichen und politischen Positionen bedroht fühlt und glaubt, sich mit bewaffneter Macht aus seiner bedrängten Lage befreien zu müssen. Ist aber in Palästina ein solcher, das Volk in zwei sich blutig bekämpfende Lager spaltender, diesmal von rechtsbürgerlicher Seite in Szene gesetzter Klassenkämpf am Platze? In Europa besteht fast überall für die Arbeiterschaft eine ausgebreitete soziale Fürsorge in Form des Achtstundentages, der Krankenkassen, Unfall-, Alters- und Arbeitslosenversicherung, von Kollektiwerträgen usw., die geeignet ist, ihr Schicksal erträglicher zu gestalten. Diesengesetzlichen Schutz muß jedoch in Palästina der jüdische, aus Europa eingewanderte und an die dortigen Lebensbedingungen gewöhnte Arbeiter fast zur Gänze entbehren. Nur durch Selbsthilfe und disziplinierte Organisation ist es ihm möglich, für die Zeit einer Erkrankung zur Not vorzusorgen und gegen die ärgsten Auswüchse einer durch keine Gesetze beschränkten kolonialen Ausbeutung zu kämpfen. Kann da wirklich davon die Rede sein, daß sich das jüdische Bürgertum in berechtigter Notwehr befindet, die ihm, gegen jede bessere Einsicht, einen ungewollten Kampf aufzwingt, der unvermeidlich geworden ist? Es wird nun gesagt: «Wir sind im Kriege und im Kriege hat alles hinter den nationalen Notwendigkeiten zu verschwinden. Solange wir im Aufbau sind, muß die Arbeiterschaft ihre sozialen Forderungen für später, zurückstellen.» Man vergißt aber, daß der Aufbau Erez-Israels nicht vier Jahre, wie der Weltkrieg und auch nicht zehn Jahre, sondern etliche Generationen hindurch dauern und immer wieder von schweren äußeren Kämpfen begleitet sein wird. Von der Arbeiterschaft zu verlangen, daß sie bei den in Palästina herrschenden sozialen Verhältnissen den Kampf um ihre Besserstellung vielleicht für ein Jahrhundert zu Gunsten einer sehr vagen «Rentabilität» zurückstelle, ist ungerecht und undurchführbar. Wir sollten uns überhaupt, aus außenpolitischen wie aus inneren Grün- S c h m i 11 a. Nach Bureauschluß, wenn die Abendbrise vom Meer weht, ist es an der Zeit für meine «Chaklauth». Neulich, als ich so mitten drin bin, hingegeben und entrückt, ruft mich wer vom Nachbargarten an. Steht dort ein «schöner Jid» mit langem Bart und Talar, — siche« ein Gast der Pension Karmi —, und sagt: «Weißt Du denn nicht, daß wir Schmittajahr haben?» Erst bin ich paff. Keine Ahnungl Geht denn nicht in jedem jüdischen Dorf die'Landwirtschaft ihren ruhigen Gang? Und war nicht schon Rabbi Mohilewer s. A. diesem Schmittagespenst irgendwie durch Auslegung beigekommen?! , Verlegen muß Ich wohl gelächelt haben, denn erbost rief mein Mentor: «Da gibt es nichts zu lachen!» Indes, schon gefaßt, gebe ich Bescheid: «Wer aber soll Gottes Land pflegen, wenn wir Juden feiern?» «Das ist Gottes Sache, Gesetz bleibt Gesetz!» «Gut», brumme ich in launiger Ketzerei, «so will ich meinen Garten einem Goi verkaufen oder verschenken; der braucht sich doch um die Schmitta nicht kümmern.» Hiermit kehre ich, den Spaten geschultert, ins Haus zurück, bis sich der Glaubensstreiter verzogen hat. Ein Stoßgebet. Sind nicht während dieser Pause des Religionsdisputs im Rosenbeet die Steine nachgewachsen? Seit 6 Jahren schon, da wir uns hier festsetzten, geht das Spiel. Restlos schleppten meine brave Frau und ich von unserem Grund die Steine zum Zaun und darüber weg. Steine aller Größen und Formen, Steine in gewaltige« Zahl, und stets neue drängen aus dem Zauberbodeh nach. Zum Verzweifeln schier. Dennoch darf man nicht lockerlassen! Schließlich werden ihrer ja weniger und auch das freche Unkraut, «Dorn und Distel» der Unheilspropheten, schwindet, je mehr sich die freundlichen Weinreben breiten und die Fruchtbäumchen höher recken. Freilich, anfangs machte die Arbeit müd und steif, der Rücken schmerzte und jedes Glied; doch wie dann ein Trunk Wasser schmeckt, und mag es vom Winterregen trüb oder von Sommerglut lau sein! Und hat eich der Körper erst trainiert, dann fühlt et steh