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Die Stimme · 1931-03-19 · Heft 168 (19.3.1931) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 168 (19.3.1931)
Date
1931-03-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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re M OIF STIMME Nr. Ißfl —*!9. Mär* 1031 Zionisten f Helfet mif beim Hufbau unserer Organisation t meldet Such in Suren Bezirken zur Ulifarbeit für die Pro;aganda- und Werbeaktion t jp."- ■» 1 —'iq'yntw — i.m - i 1 «» LHerainr / Kunst / Theater Chaplin Randbamerkunge.i zu seinem Wiener Bssuch Das Ist d I e Sensation. Alles andere ist darüber im Nu verblaßt, sogar der große Prozeß. Das urkomische Menschlein mit der zerdrückten Melone, dem dünnen Stäbchen und dem schwarzen, englisch gestutzten Schnurrbart weilt In Wien. Er, der unerreichbare Clown des Films, der ewige Vagabund, der zwerchfellerschütternde Komiker entpuppt sich als gewöhnlicher, aber ungewöhnlich sympathischer Gentleman — tadellos angezogen, graumeliert, verbindlich lächelnd, mit einem wenmütTgen Zug um den charakteristisch geschnittenen Mund. Er kam, wurde gesehen und siegte. Wie überall in der ganzen Welt, so auch in Wien: dieser Mensch, dieser Filmkünstler, eroberte sich Im Handumdrehen die Sympathien aller ohne Ausnahme. Chaplin ist im Jahre 1 SSO in London geboren worden. Es wird behauptet, sein Vater hätte früher Thonstein geheißen, wäre Jude gewesen, und aus einem jüdischen Städtchen Osteuropas nach England eingewandert. Müßig aber ist der Streit, ob Chaplin ein bewußter Jude Ist oder nicht; müßig auch die Frage, wer seiner Vorfahren das Judentum verließ — der Vater oder der Großvater. Müßig und, von einem höheren Standpunkt aus betrachtet, nebensächlich. Denn das Wesentliche des Problems Chaplin heißt: ist seine Kunst jüdisch? Um Mißverständnissen vorzubeugen: es liegt uns vollständig ferne, jeden großen schöpferischen Menschen, jedes Genie für das Judent”m zu reklamieren. Es ist wohl eine Tatsache, daß verhältnismäßig viele hervorragende Menschen luden sind. Aber die Geschmacklosigkeit, waschechte Arier so ohne weiteres in Juden umzuvvandeln, auf das einzige Indiz hin, daß sie große Menschen sind, machen wir nicht mit. Im Falle Chaplin lautet jedoch das Indiz anders: Charlies Filmcharaktcr ist Ghetto; Charlies jXragikomik ist Golus; Charlies Hnuptcigcnschaft ist Aiinderwerligkcitsgcfülil; Charlies Problematik — jüdisch. * Vom «The Kid» bis zum «Zirkus» war er ja immer derselbe: ein SchlemihI, ein Pechvogel, ein philosophierender Vagabund. V/o noch wachsen im Leben solche Geschöpfe wie die, die uns Chaplin auf der Leinwand reproduziert, wenn nicht im Ghetto? Wo noch gibt es so viel Wehmut, so viel Lachen, mit Tränen gemischt? Wo noch versteht man mit so viel ernstem Witz über die endlose Tragödie sich hinwegzuhelfen? * Weit ist der Weg von einem russischen Nest nach Amerika; Welten liegen zwischen einer osteuropäischen Kleinstadt und Hollywood. Und doch sei die kühne Frage gestattet: ist nicht Chaplins Tragikomik der des Schalom Alejchem wesensverwandt? Ist nicht Charlie, der Pechvogel, ein leiblicher Bruder «Tewje, des Milchigen»? Ein kleiner, komischer Jude, eine Ghettofigur, bringt uns zum Lachen und zum Weinen. Er, das Genie Chaplin, der Dollarmillionär Chaplin, der gefeiertste Mann der Welt, weiß es wahrscheinlich nicht, aber cs ist unverkennbar: ghettojüdisches Blut klagt in ihm, Golusschicksal spielt er, den ewigen Juden in seiner grotesken Paraphrase zeigt er un-, . . , 0 Und ahnungslos, wie er sie schafft, so ungslos nehmen die Menschen auch seine Kunst hin. Sie fühlen, daß sie in ihr Innerstes greift, aber sie wissen nicht warum. Sie berauschen sich an seinem Spiel, achten ihn, lieben ihn — dieselben Menschen, die sonst das Judentum verachten. Ein Gegenbeweis für Charlies Jüdischsein? Eher ein Paradox: ein jüdischer Künstler wird von der ganzen, auch der nichtjüdischen Welt bewundert, weil er unbewußt, aber durch und durch jüdisch ist. Eine feine Nase haben bloß die Hakenkreuzler. S i e haben es herausbekommen, daß Chaplin jüdisch ist, und haben aus diesem Grunde vor seinem Berliner Hotel demonstriert. Wotan verträgt sich nicht mit Charlie, und i h r Ideal ist eben Wotan. (Nebenbei: die Hakenkreuzler sind auch sonst gerne bereit — gleich manchen chauvinistisch .eingestellten, die früher erwähnte Geschmacklosigkeit mit Vorliebe betreibenden Juden — jeden großen Menschen, wenn er nur in ihr Fahrwasser nicht paßt, an das ludentum zu annektieren, So haben sie ja auch aus Remarque einen Juden gemacht.) * Alle Menschen lieben Chaplin. Aber wir Juden sehen in ihm einen unseresgleichen. Eine Gestalt, die wir überwinden wollen, die aber doch besteht. Im ewigen Vagabunden des Films entdecken wir den ewigen Juden des Ghetto. s. w. Die Esther-Kollo Eine Bemerkung zu du.n u.uer oj.g;.u TUal («Die bdiiiuie» Nr. zJü) erschienenen Arimei von jowua HorowUz. Es gibt eine sehr lesenswerte Schrift, die für die Oesciiicnuiclikeit des Estlierbuclies in die Schranken tritt: «Das Buch Esther auf seine Geschichtlichkeit kritisch untersucht» von Dr. Sigmund Jampel (19J7 von J. Kaufmann, Frankfurt a. M., mit Unterstützung der «Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums» herausgegeben). — Dr. Jampel unternimmt es, den Nachweis zu erbringen, daß das Buch Esther ein Stück unserer Exilgesciiichte darstelie. Er weist nach, der König Ahasveros sei mit dem durch seine Absonderlichkeiten bekannten Perserkönig Xerxes identisch. Nachdem Ahasveros ungefähr um das Jahr 485 (vor der üblichen Zeitrechnung) den persischen Thron bestiegen hatte, hielt er im dritten Regieiungsjahre in Susa eine große Katsversammlung zur Vorbereitung auf den griechischen Feldzug ab, zu der alle hohen Staatsbeamten des persischen Reiches eingetroffen waren. Am Schlüsse der mehrere Monate dauernden Konferenzen bereiltte der König seinen Gästen ein sieben Tage währendes Mahl. Es folgten dann die großen Rüstungen und Vorbereitungen zum gewaltigen Kriege, der 481—80 begonnen hatte und von dem Ahasveros erst im Sommer 479 ln Susa wieder eintrat. — Vom Jahre 479 — jn dem die eigentliche Esther- Erzählung beginnt (II, 15), dem siebenten Regierungsjahre des Ahasveros, bis 474, seinem zwölften Kegierungsjahre — mangeit es vollständig an geschichtlicnei Darstellung. Sämtliche Geschichtsschreiber lassen uns über diese Zeit nach dem großen griechisch-persischen Kriege völlig im Dunklen. Was wir aus noch erhaltenen Fragmenten des altpcrsischcn Schrifttums über die letzten vierzehn Jahre des Ahasveros wissen, bestätigt die im Esther-Buche gegebene Schilderung, daß er während dieser Zeit ganz unter dem binliusoc seiner Frauen gestanden ist. — Die Bücher Esra und Nehemia spielen nirgends auf die Ereignisse des Esther-Buches an. Es darf niciit übersehen werden, daß int liucue «Esra» zwischen Kap. 6—7 eine Lücke schafft, ln diese hier unausgefülite Zeit, vom 6. Regierungsjahre Darius 1. (des Vaters des Ahasveros) bis zum 7. Regierungsjahre des Artaxerxes, fällt die Regierungszeit des Ahasveros, über die der Kompilator des Esra-Buehes nur mit einem Sätzchen von sieben Worten (Esra, 4, 6) zu berichten wußte. Diese Lücken, deren es in den Büchern Esra und Nehemia so viele gibt, haben es auch zur notwendigen Folge, daß nicht nur Ereignisse wie das unsere in diesen Büchern unerwähnt sind, sondern auch daß von den drückenden lokalpatriotischen Zwischenfällen in Palästina nichts gemeldet wird. Wo ist in den Büchern Esra und Nehemia etwas von den großen persischen Kriegsexpeditionen gegen Aegypten unter Kambyses, Darius und Ahasveros, bei denen Palästina sehr schwer mitgenommen wurde, zu finden? (In Hamadan, dem einstigen Ekbatana — Sommerresidenz der persischen Könige — werden die Gräber von Mordechai und Esther gezeigt, zu denen die persischen Juden wallfahrten.) Auf Sirach wird hingewiesen, 44—49, wo die Namen Mordechai und Esther fehlen. Nun, die Namen Daniel und Esra fehlen ebenfalls. Wenn ferner geltend gemacht wird — meint Dr, Jampel —, daß das Esther-Buch sich eher wie ein Roman denn wie ein geschichtlicher Bericht lese, so fragt es sich, ob nicht historische Erlebnisse, wie diejenigen Napoleons I. oder eines Dreyfus viel seltsamer erscheinen, als alles, was je eine Dichterphantasie auskombiniert hat. — Warum ist diese geistvolle Monographie ganz unbekannt, trotzdem sie seit bald einem Vierteljahrhundert im Drucke vorliegt? Habent sua fata libelli. _ Esther Mieses. Ein hebräischer Konzertabenu in Bratislava. Vor einigen Tagen fand in Bratislava ein großes hebräisches Konzert, das von der Bratislavaer Wizo veranstaltet wurde und bei dem die bekannte hebräische Liedersängerin Sarah Toma- 8choff und Prof. Stutschewskyaus Wien mitwirkten. Frau Tomaschoff sang zahlreiche hebräische Lieder, Kompositionen von Engel, Achron usw. Der Komponist und Cellovirtuose Stutschewsky gab zwei eigene Kompositionen und Werke von Bloch, Zeitlin, Achron und Tscherniansky. Eine ausgezeichnete Begleiterin war Frau Rita Kurzmann aus Wien. Vonesung Sigmund Schorr Am 28. d. M. liest aus eigenen Werken Im Saale des «Hotel Continental» Sigmund Schorr. In seiner Heimatstadt Lemberg wie auch in ganz Galizien gehören die Rezitationen dieses bekannten jüdischen Satirikers zu literarischen und gesellschaftlichen Ereignissen. Ist doch der Dichter eine Art Pitaval der Zeltströmungen und der Zeitgenossen, in itlnen jiddischen Skizzen ersteht eine erstaunliche Fülle von Typen und Charakteren, die in humoristischer Beleuchtung zwerchfellerschütternd wirken. Der jüdische Schachspieler, für den das «Brett die Welt bedeutet», der jüdische Versammlungsredner und Agitator, der seine Binsenwahrheiten mit lächer- | lieber Pose herunterleiert, die redseligen Adabeihelden und I zanksüchtigen Weiblein werden in Situationen hineingezerrt, aus denen sie nur das erlösende Lachen erretten kann. Schorr ist ein wahrer Meister der Satire, die ritzt, ohne zu verwunden und verzerrt, ohne als reine Karikatur «bestoßend zu wirken, So sprüht der Humor des geistreichen Schriftstellers in tausend Variationen, die das jüdische Leben geradezu voif innen heraus durchleuchten. Die Chnrnkterzüge der handelnden Personen werden durch symptomatische Handlungen ins Groteske hintibergcleitet und die Handlungen stempeln den voriiberrollenden Reigen der zankenden, schnaubenden und verschmachtenden Gestalten zu typischen Erscheinungen des jüdischen Lebens. Man lacht und ergötzt sich, man erkennt mitunter das eigene Spiegelbild und wird irgendwie leise an die Tragik unserer anormalen Existenz gemahnt. Schorr ist ein minuziöser Schilderer kleinlicher Begebenheiten und ortgebundener Menschen. In dieser Eigenart liegt seine Popularität und tiefgehende Wirkung. Ein Meister der Groteske. Und ein geistsprühender Schalk, der aus der düsteren Wirklichkeit das sieghafte Lachen hervorzaubert. z. f. f. JZotizen Gertrud Kraus unternimmt eine PaiisTna-Toumee. Wie wir erfahren reist die hervorragende Tänzerin Gertrud Kraus anfangs April für einige Wochen naeh Palästina und Aegypten, uni dort eine Reihe von Tanzabenden zu geben. In der hebräischen Presse Palästinas erschienen schon einige Ma.e Aufsätze über Uerlrud Kraus’ Tanzkunst. Lora Giücksmann wieder in Wien, Nach einem überaus erfolgreichen Gastspiel in Belgien traf vorige Woche die in Wien sehr beliebte jüdische Soubrette t rau l.ora Glücksmann hier ein. Die Künstlerin, die seit einigen Monaten sowohl in ' üfüssel als auch' tii AntwerpenT einige Monate gastierte, wurde auch weiterhin für d.'c dortigen Bühnen verpflichtet. Wir wollen aber hoffen, daß es dem sehr rührigen Jüdischen Schauspielcmroin gelingen wird, diese überaus wertvol'e Kraft hier in Wien für die nächste Saison an der alten Stätte ihres Wirkens zu halten. Jehuda Ehrenkranz gibt Donnerstag, den 26. d., im Theater «Reklame», II., Praterstraße 34, einen einzigen Rezitafionsahend in jiddischer Sprache. Das vollständig neue Programm ist größtenteils der neuen, jiddischen Literatur gewidmet. Ehrenkranz liest unter anderem zum erstennjal: Opatoschu, aus dem Roman «Polnische Wälder», Ber- . gelson «Nachts», Uri Zwi Gr inberg «Mephisto». Den heiteren Teil bilden Skizzen von Molsche Nadir und neue Parod en von T unkeler. Baginn 8 Uhr abentrs. Jüdische Biihne, l!„ Praterstraße 63. Im Rahme» des indischen Schauspielervereines findet am Freitag, Samstag und Sonntag eine Aufführung von «Jesojmim von der Gass» statt. Mltwirknnd Frau Karalova. Dar Verein zur Förderung jüdischer Musik veranstaltet Sonntag, den 22. März, Vj 6 Uhr, im Saale der Vereinigung «B’nay B’rith». IX., Universitätsstraße 4, seinen zweiten Kammermtisikabend mit Erstaufführungen von Origori Kleins Präludium für Flöte, Streichquartett und Klavier; Leo. Zeitlin: Streichquintett: Alexander Weprik: Zweite Klaviersonate; Ernst Bloch: Mediation hebraique; Qnessln: Lied eines wandernden Ritters für Cello und Klavier; Engel: Zwei Duette für Frauenstimmen und Klavier, und anderen. Es wirken mit: Renö Gärtner (Klavier), Joachim Stutschewsky (Cello), Camillo Wanausek (Flöte), Israel Braudmann und Kurt Stern (Vinl'ne), Robert Tentscher und Josef Kohn (Bratsche), Lewitus (Cello) und ein Frauenensemble, bestehend aus: Elsa Beiden. Grete Körner, Anny Masser, Ida Radel^ssr-r, Rosa Reiß, Erna Schnabpl und Sabine Vogel. Hilda Dulitzka'a wieder in Wien. Die bekannte und beliebte Künstlerin Hilda Dulitzkaja ist nach einer erfolgreichen Tournee in Deutschland und nach mehrmonatigem Auftreten in einer Kleinkunstbühne in Berlin wieder nach Wien zurückgekehrt. Di.: Künstlerin Ist für eine Reihe von Konzerten und Engagements im Auslände verpflichtet worden und wird in Wien nur ein einziges Mal am 5. April 1931 im Theater Reklame auftreten Im Programm sind neue jiddische und hebräische Volkslieder wie auch synagogale Gesänge. Es wirkt auch mit der bekannte Rezitator Samuel Schwager. S'gmund Schorr, der bekannte polnisch-jüdische Satiriker, liest am 28. d. M„ um i/>Uhr abends, im Hotel «ConUnental» aus eigenen Werken in jiddischer Sprache. Sondernummer «Tel Aviv» des «Palcstlne Bulletin». Die von der Palestine Telegraphie Agency, der palästinensischen Zweigstelle der Jüdischen Telegraphen-Agentur, in englischer Sprache herausgegebene Tageszeitung «Palestine Bulletin» hat Ihre Nummer vom 2. März in wesentlich verstärktem Umfang und mit zahlreichen Illustrationen ausgestattet, .als «Tel Aviv->-Sondernummer herausgebracht. Aus dem reichen Inhalt sind ein vom Bürgermeister von Tel Aviv verfaßter Artikel «Die romantische Geschichte Tel Avivs», sowie Aufsätze über die wirtschaftlichen, kulturellen und sanitären Verhältnisse der Stadt, über Sport, Presse, Polizeiwesen und technische Finrichtungen hervorzuhehen. SokolowEhrung durcli den Keren Kafemetti Juden Wiens, beteiligt Euch an der Dankadresse an Nahum Sokolow anläßlich seines 70. Geburtstages durch Spenden an Keren Kajemeth, Wien, L, Kärntnerstraße 28, Tel. R-27-3-20

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