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Die Stimme · 1931-03-19 · Heft 168 (19.3.1931) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 168 (19.3.1931)
Date
1931-03-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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V. b. b. BEZUGS* BEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 1 50, Vierteljahr!- S 4'20, ganzjihrl. . . . S 16’— Deutschld. viertel jäbrl.. . . RM V— Tschechoslowakei viertelj . Ke 24 — jucos'awien viertel jShrl. . Din 40 - Polen Vierteljahr (ich , . Zloty 6 SO Ungarn Vierteljahr lieh . . PengÖ 4 20 Rumänien viertel Öhrl. . . Lei 120 — ebriges Ausland vierteljahrl. Schw. Franken 4*50 Jüdische Zeitung Preis 35 g Ersehe Int jeden Donnerstag Redaktion und Administration Wien, I., Kärntner* strafie 28 Tel R-27 -4-86 Postsparkass konti: Oesterr. D U3 Polen . . . 19J Ischecho* Slowakei . 500 Jugoslawien 40.1.,, P< ■■■■■■■■BIjekOD: c h-g 4. Jahrgang Wien, Donnerstag, 19. März 193t (1. Nissan 5691) Nummer H*‘ ProKlamlerung des arabischen Judenboykofts »Verkauft den Juden alles außer Boden, kauft von ihnen nichts außer Bodenl* » Jerusalem, 15. März. (J. T. A.) Die palästinensisch-arabische Exekutive hat eine von ihrem Sekretär Jamal Hussein! Unterzeichnete Proklamation erlassen, in der alle gesellschaftlichen und politischen arabischen Organisationen aufgefordert werden, den Boykottgedanken zu verbreiten, jedoch «ohne Lärm und Drohungen». Der Aufruf wendet sich im besonderen an die arabischen Frauen, die «ihre Eignung für diese Arbeit wiederholt bewiesen» hätten, und richtet an sie den Appell, in der Ermutigung der arabischen Industrie und dem Schutz der Ehre der arabischen Nation beispielgebend voranzuschreiten. Die alte Losung der palästinensisch-arabischen Exekutive: «Verkauft den Juden alles außer Boden und kauft von Juden nichts außer Boden!» wird neuerdings ausgegeben. Die arabischen Kaufleute werden aufgefordert, die Boykottbewegung nicht durch Preiserhöhungen zu persönlichem Gewinn auszunutzen. (In dem Boykott, der nach den Augustunruhen des Jahres 1929 proklamiert wurde, wurde den arabischen Kalifleuten der Vorwurf eigennütziger Handlungsweise gemacht) Schließlich ergeht in dem Aufruf an die arabische Bevölkerung der Appell, ln Nachahmung des von Gandhi gegebenen Beispiels, die ausländische Kleidung abzulegen und bloß die arabische Nationaltracht zu tragen, um so den wahren arabischen nationalen Geist zu bekunden. Ussischkin fordert die zionistische Einheitsfront TELEFON B 24‘5 GROSSBITRIEB FÜR HflUSUIfiSCHE Drey’us-Affäre II Gott sei Dank, diesmal ist es nicht die Tragödie eines Menschen, sondern eine vom Mob in Szene gesetzte Tragikomödie. Nicht die Veurteilung, Aechtung und späte, allzu späte Rehabilitierung eines Unschuldigen, sondern antisemitische Krawalle anläßlich der Pariser Aufführung eines Theaterstückes, das die Dreyfus-Affäre zum Vorwurf hat. Wir haben das Stück auch in Wien gesehen und merken können, daß es im gleichen Maße dramatisch großartig wie absolut unhetzerisch ist. In Paris hat es allerdings einen wüsten Rummel ä la deutsches Hakenkreuz, hervorgerufen. 1 In allen derartigen Fällen muß man sich immer wieder über die abgrundtiefe Dummheit der Verhetzten wundern, einerlei, ob sie Cuzisten, Nationalsozialisten oder Camelots du Roi heißen; Das geflügelte Wort «Dar Jud ist schuld» hallt in verschiedenen Sprachen und Städten immer wieder. An der wirtschaftlichen Krise Rumäniens sind die Juden schuld. An dem Niedergang der deutschen Seele ebenso. Und so geht es weiter. Warum? Die Antwort darauf könnte nur der berühmte Witz vom Radfahrer geben. Daran sind wir gewöhnt. Aber Frankreich, aber Paris? . . . Und ein Theaterstück, das nicht einmal von irgend einem — französischen — Remarque ist ... Ein Theaterstück, das eine politisch unterfärbte Justizmordgeschichte zum Thema hat . . . Als zur Zeit der Dreyfus-Affäre I. der Ruf «Nieder mit den Juden!» in den Pariser Straßen brauste, horchte die ganze Kulturwelt verwundert und angewidert auf. Auch ein junger Schriftsteller und Journalist aus Wien — Theodor Herzl war sein Name — horchte auf und erfuhr damals eine tiefe innere Umwandlung, die ihn den Schoß seines Volkes und an dessen Spitze führte. Aber seit damals sind doch Jahrzehnte verflossen, der demokratische Gedankt breitete sich aus, neuzeitliche Ideen gewannen an Anziehungskraft und, last but not least, der der Spionage verdächtigte jüdische Stabsoffizier wurde rehabilitiert und diejenigen, die ihn ins Unglück gestürzt, wurden als Skrupel- und gewissenlose Hetzer entlarvt. Die «Königspagen», die jungen, eleganten politischen Gigerl, deren Ziel die Wiederherstellung der Monarchie in Frankreich ist, haben ein kurzes Gedächtnis, das ihnen augenblicklich zur antisemitischen Garnierung ihrer Ideologie ausgezeichnet paßt. Denn, was immer auch der Anlaß sein sollte, der Jude, ist schutzlos, also darf man ihn beschimpfen und tätlich belästigen — ist er doch ohnehin an allem schuld. Diesbezüglich gibt es anscheinend keinen Unterschied zwischen dem Berliner Noliendorfplatz und den Pariser Boulevards. Die Internationale der Dummheit und des Rassenhasses ist mächtiger denn je. ln der Kette des weltumspannenden Antisemitismus fehlt kein einziges Glied. Die Dreyfus-Affäre I. war eine Tragödie für einen Menschen und eine Schmach für Frankreich. Die Dreyfus-Affäre II. ist zwar nicht anders, als ein psychologisches Symptom zu werten, aber sie hat dem Paris von 1931, das sich von einem royalistischen Mob beherrschen läßt, ein KuU’,r ’utszeugnis ausgestellt. w. Der Präsident des Jüdischen Nationalfonds M. M. Ussischkin ist auf der Durchreise, aus Amerika nach Palästina in Paris eingetroffen und hat sich in einem Gespräch mit dem J. T. A.-Vertreter in folgender Weise über die Nationalfondskampagne in den Vereinigten Staaten und die allgemeine zionistische Lage geäußert: Ich bin in die Vereinigten Staaten zu einem für die amerikanischen Juden besonders schwierigen Zeitpunkt gekommen. Die Wirtschaftskrise einerseits und eine Reihe von Enttäuschungen auf politischem Gebiet andererseits hatten den Enthusiasmus der amerikanischen Zionisten stark herabgesetzt. Dennoch glaube Ich, daß es mir gelungen ist, ihre Zuversicht wieder zu beleben und sie um das Werk für unsere nationale Wiedergeburt zu sammeln. Die Art des Sondergebiets, auf dem der Keren Kajemeth seine Tätigkeit entfaltet, hat wesentlich dazu beigetragen, meine Mission erfolgreich zu gestalten. In der Tat stimmen alle zionistischen Parteien dahin überein, daß für einen endgültigen Erfolg der zionistischen Aspirationen der Erwerb großer Bodenflächen in Palästina unerläßliche Voraussetzung ist. Diesbezüglich gibt es keine Meinungsverschiedenheit. Meine Devise war daher: Wir werden immer Juden für Palästina haben, aber wir werden nicht immer Palästina für die Juden haben. Wenn der Boden Palästinas in unseren Händen ist, werden wir auch 20 Passfields nicht zu fürchten haben, wenn wir aber den Boden «^ht haben, werden uns auch 20 Balfours nicht helfen können. Dieser Gedanke leuchtete den Amerikanern ein und darum haben sie meinen Plan eines fünfjährigen Drives mit dem Ziele, eine Summe von 5 Millionen Dollar für den Nafionalfonds aufzubringen, gutgeheißen und unterstützt. Ein beträchtlicher Teil dieser Summe wurde während meines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten gezeichnet. Als ich nach Amerika kam, war die amerikanische Judenheit in einem Zustand der Depression; als Ich das Land verließ, war diese Depression einem nationalen Enthusiasmus gewichen. Möge der amerikanischen Judenheit dieser Geist erhalten bleiben und ihr helfen, das begonnene Werk zu einem guten Ende zu führen. Während meines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten wurde auch der Brief MacDonalds an Doktor Weizmann veröffentlicht, ich teile in keiner Weise das Gefühl des Triumphes, das in gewissen Kreisen zufolge dieses Briefes vorherrscht. Es ist zwar richtig, daß dieser Brief den durch das Weißbuch ausgelösten Eindruck äußersten Uebelwollens gegenüber unserer.Sache beseitigt. Aber er ändert nichts an dem Wesentlichen dieses Dokuments, ja verschlimmert sogar noch di« Lage. Denn das Weißbuch hatte das nationale Gewissen der Juden der ganzen Weit aufgerüttelt. Man protestierte, man kämpfte, man hoffte. Der Brief des Premiers hat die Besorgnisse beschwichtigt und die Wachsamkeit eingeschläfert, ohne an der wirklichen Situation etwas zu ändern. Das ist sehr gefährlich. Es bestehen gute Gründe zur Annahme, daß das britische Kabinett die Zionisten nur beruhigen wollte, um die zur Hebung der palästinensischen Landwirtschaft bestimmte 2y2 Millionen-Pfund-Anleihe im Unterhaus durchzubringen. Die Last dieser Anleihe wird vorwiegend auf den Schultern der jüdischen Bevölkerung Palästinas ruhen und es ist so ziemlich sicher, daß bloß die Araber aus ihr Nutzen ziehen werden. Dieses Ergebnis muß vorausgesehen werden. Es müssen Garantien gegen eine tendenziöse Verwendung der der Palästina-Regierung zur Verfügung gestellten Gelder gefordert werden, mit einem Wort, wir dürfen uns in keiner Weise durch die schönen Worte des Briefes MacDonalds einschiäfern lassen. Um aber kämpfen zu können, müssen die Zionisten ihre Kräfte vereinigen. Eine zionistische Einheitsfront ist keine Unmöglichkeit. Wir müssen alle Erwägungen sekundärer Art beiseite lassen und nur das uns allen gemeinsame Endziel im Auge behalten. Suspendierung des „Felestin“ bleibt auirecbt Jerusalem, 13. März. (J. T. A.) Das gegen den Herausgeber nbr arabischen Tageszeitung «Felestin», Issa el Issa, wegen Veröffentlichung einer Notiz, in der die Blutbeschuldigung gegen die Juden ausgesprochen wurde, eingeleitete Strafverfahren wurde eingestellt. Issa el Issa hatte sich damit verantwortet, daß er die Notiz vor ihrer Drucklegung nicht gelesen Habe und daß die Veröffentlichung ohne böse Absicht erfolgt sei. Die Richtigkeit seiner Angaben wurde durch Zeugen bestätigt. Die Be« kanntgabe der Einstellung des Verfahrens wurde von dem zahl eichen arabischen Auditorium mit Beifall aufgenommen. «Felestin» bleibt bis auf weiteres verboten.

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