Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 167 (12.3.1931)
- Date
- 1931-03-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3053752-3053911-3053921--2229-3057642- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
V. b. b. BEZUGS- BEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 1 50, vierteljShrl. S 4*20, ganziährL . . , S 16‘— Deutechld. vierteljKhrl.. . . RM 3 — Tschechoslowakei viertel) . Kc 24 — Jugoslawien viertel iährl. . Din. 40 — Polen vierttsljähr lieh . . Zloty 6 50 Ungarn vierteljährlich . . Pengö 4 20 Rumänien vierteliährl.. . Lei 120 — Uebriges Ausland : vierteljährl. Schw. * Franken 4*50 4. Jahrgang Preis 35 g Erscheint I jeden I Donnerstag I Redaktion I und Administration I Wien, I., Kärntner- V Straße 28 V Tel R-27 4-86 Postsparkassenkonti: Oesterr. D 113-546 Polen . . . 191-199 Ischechoslowakei . 500.230 Jugoslawien 40.879 £ & Wien, Donnerstag, 12. März 1931 (23. Adar 5691) Nummer 167 n u T-* TELEFON B 24-5 GROSSBITRIEB FÜR HAUSWPSCHE Gefahr I Es wäre ein kaum wieder gutzuiiiachender Fehler, würden die Zionisten, würden die Juden in aller Welt über die Ritualmordhetze des führenden palästinensisch-arabischen Blattes mit Achselzucken zur Tagesordnung übergehen. Denn was sich das Organ . der arabischen Exekutive mit seiner Blutbeschuldigung geleistet hat, ist mehr als eine niederträchtige Verleumdung. Der betreffende Hetzartikel soll ein Alarmruf sein für die mohammedanische, in erster Reihe für die palästinensisch-arabische Welt. Das Ritualmordmärchen, seit Jahrhunderten ein europäisch-christliches Monopol, ein bewährtes Mittel, den Judenhaß zu verbreiten, war bis nun im Orient, mit Ausnahme der Affaire Damaskus 1840, unbekannt. Nun folgt auf das Wetterleuchten in Oran ein Donner in Palästina. Im alten jüdischen Lande, in d$r. neuen jüdischen Heimstätte, wird von unseren politischen Feinden zu unzweifelhaft politischen Zwecken — das erste Mal in der Geschichte — öffentlich das Ritualmordmärchen verbreitet. Unsere Feinde sind nicht untüchtig. Doch darüber hinaus: sie sind gefährlich. Der MacDonald- Brief hat einen großen Unwillen im extrem-nationalistischen Araberlager hervorgerufen. Daß die Araber das Passfieldsche Weißbuch mit — geheimer — Freude und das «authentische Kommentar» mit offenkundigem Haß aufgenommen haben, kann ihnen niemand verübeln, wie ihnen auch niemand einen offenen, ehrlichen Kampf verargen würde, den sie gegen dieses Dokument, das angeblich die Rechte der arabischen Bevölkerung schädigt, führen würden. Aber sie' begnügen sich nicht mit einem Protest und einer Boykottdrohung. Sie holen in ihrem führenden Organ zu einem Schlage ganz anderer Art aus. Sie gebrauchen eine gefährliche, gemeine und giftige Waffe, die, wenn man sie wirken ließe, katastrophale Verheerungen verursachen müßte. Denn wir stehen einige Wochen vor Pesach. In Palästina fällt Pesach mit dem mohammedanischen Rammadanfest zusammen. Tausende und Abertausende von fanatischen und daher leicht zu verhetzenden Fellachen werden in Jerusalem einkehren. Zu dieser Zeit soll die Saat aufgehen, die «Felestin» gepflanzt hat. Ein Signal zu Mord, Pogrom, Brandstiftung und Raub sollte die Nachricht über den Ritualmord sein, nachdem sie den arabischen Massen in Moscheen usw. bekanntgeworden ist. Der Spätsommer 1929 sollte sich im Frühling 1931 wiederholen. Damals war es die Verleumdung, die Juden wollten die Omarmoschee erobern. Dies unsinnige Märchen ist schon längst zusammengebrochen, nicht ohne vorher eine Katastrophenserie für den Zionismus und das palästinensische Judentum herbeigeführt zu haben. Die Augustunruhen, wie auch unsere politischen Niederlagen, die diesen Unruhen folgten — Shaw-Bericht, Simpson-Bericht und Passfield-Weißbuch — dürfen die Verbreiter dieses Märchens auf ihr blutbeflecktes Konto buchen. Jetzt zieht es aber anseneinend nicht mehr. Da haben sie sich ein anderes aus der Schatzkammer des europäischen Antisemitismus ausgeborgt, in der Hoffnung, daß es sein Ziel ebensogut erreichen werde. Es scheint allerdings, daß sie sich diesmal zum Teil verrechnet haben: das weitere Erscheinen des «Felestin» wurde vorderhand von der Palästinaregie* rung verboten. Ob darüber hinaus eine strafrechtliche Untersuchung , die wirklichen Drahtzieher dieser Hetze ans Tageslicht, oder richtiger: ins Gefängnis bringen wird, bleibt abzuwarten. Aber die Saat ist Grandioser Auftakt zum amerikanischen Palästina-Drive N e w Y o r k, 6. März. (J. T. A.) Prof. Albert Einstein befaßte sich in der Rede, die er auf dem ihm zu Ehren vor seiner Abreise aus New York veranstalteten Bankett gehalten hat, u. a. eingehend mit dem Araberproblem in Palästina. Die letzte Palästina-Krise, erklärte Prof. Einstein, hat uns gelehrt, daß Palästina nicht in erster Reihe als britisches Problem zu betrachten ist. Das uns gestellte Problem besteht darin, eine befriedigende Zusammenarbeit zwischen Juden und Arabern herbeizuführen. Juden und Araber müssen sich auf einen Kurs einigen, der den Bedürfnissen beider Völker entspricht. Nach der Ansprache Einsteins ergriff Felix M. Warburg das Wort, der u. a. ausführte: Der Brief Mac Donalds an Dr. Weizmann löst zwar nicht das Palästina-Problem, aber er beseitigt den vom Passfieldschen Weißbuch hervorgerufenen Eindruck von Feindseligkeit und Ungerechtigkeit. Vieles bleibt noch klarzustellen. Vor allem muß abgewartet werden, ob unsere Hoffnungen hinsichtlich der Einsetzung einer uns wohlgesinnten Verwaltung in Palästina sich verwirklichen werden. Weitere Ansprachen wurden von Rabbi Dr. Stephen 'S. Wlsfe, ■ dem Letter~%es PäläStma-Driveä Morris Rothenberg, dem Präsidenten des American JewJsh Committee Dr. Cyrus Adler und dem Präsidenten der Zionistischen Organisation Amerikas Robert Szold gehalten. Die Rede Prof. Einsteins wurde durch 44 Sender in allen Teilen der Vereinigten Staaten im Rundfunk verbreitet. In allen größeren Städten der Vereinigten Staaten fanden gleichzeitig mit dem New Yorker Bankett Versammlungen statt, in denen unmittelbar nach der durch Lautsprecher wiedergegebenen Rede Prof. Einsteins die Sammlungen für die Palästina-Kampagne eingeleitet wurden. Ussischkin an die amerikanische judenheit Paris, 6. März. (J. T. A.) Bei seiner Landung auf französischem Boden empfing der Präsident des Jüdischen Nationalfonds, M. M. Ussischkin, den Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur und übergab ihm eine Botschaft zur Weiterleitung an die amerikanisch-jüdische Oeffentlichkeit, in der er den amerikanischen Juden seinen Dank für ihre Unterstützung der Kampagne des Keren Kajemeth ausspricht. Ussischkin brachte seine Befriedigung darüber zum Ausdruck, daß die amerikanische Judenheit, ungeachtet der augenblicklichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, in richtiger Erkenntnis der Bedeutung des Bodenproblems für Palästina einen erneuten Beweis ihrer Opferwilligkeit gegeben hat, und sprach die Hoffnung aus, daß die Arbeit für den Keren Kajemeth in Amerika weiterhin mit demselben Enthusiasmus durchgeführt werden wird, mit dem sie eingesetzt hat. Die zionistische Exekutive und die politische Lage Die Exekutive der Zionistischen Organisation veröffentlicht nachstehende Erklärung: Die Zionistische Exekutive und die vom Zionistischen Aktionskomitee eingesetzte politische Kommission haben in ihren vom 10. bis 18. Februar abgehaltenen gemeinsamen Sitzungen die politische Lage im Lichte des vom Ministerpräsidenten MacDonald an Dr. Weizmann gerichteten Briefes betrachtet. Diese Sitzungen werden nach einem Intervall von einigen Wochen zum Zwecke der Beratung jener Probleme, die im Verlauf der weiteren Verhandlungen mit der Regierung Sr. Majestät erörtert werden sollen, wieder ausgenommen werden. Die Araber bleiben unversöhnlich Jerusalem, 4. März. (J. T. A.) Die palästinensisch-arabische Exekutive hat neuerlich eine Sitzung abgehalten, um zu den aktuellen Fragen der Palästina- Politik Stellung zu nehmen. Nach einer Debatte, die einen vollen Tag ln Anspruch nahm, wurde eine Resolution gefaßt, in der erklärt wird, es sei für die arabische Exekutive völlig unmöglich, mit Dr. Weizmann oder einem anderen Vertreter der Judenheit zu einer Verständigung zu gelangen. Die Versammlung billigte das vom Bureau der arabischen Exekutive am 16. Februar veröffentlichte Statement, in dem die vom Ministerpräsident Mac Donald in seinem Brief an Doktor Weizmann gegebene Interpretation des Weißbuches vom Oktober 1930 abgelehnt wird. Schließlich betonte die Exekutive neuerdings den von ihr früher vertrete: nen Standpunkt, daß ein allgemeiner arabischer Boykott gegen die Juden erklärt werden müsse, nun einmal ausgestreut worden, und die Frucht wird keimen. Tausende von Arabern haben die Nachricht gelesen und — wer die Kulturverhältnisse des arabischen Palästina kennt, weiß es — Tausende glauben an den jüdischen Ritualmord, wie sie an alles glauben, was ihnen ihre «Führer» und Ausbeuter erzählen. Da gilt es, wachsam zu sein und wachsam zu bleiben. Unsere Gegner sind skrupellos —• auf ihre Fair- Ussischkin Präsident des Waad Leiimi? Jerusalem, 5. März. (J. T. A.) Auf Antrag der Allgemeinen Zionisten wurde die Wahl des Ausschusses des Waad Leumi bis zur Rückkehr M. M. Ussischkins, dem einer von den sechs Sitzen im Ausschüsse ‘und vermutlich auch der Vorsitz des Waad Leumi angeboten werden soll, vertagt. Wie die J. T. A. erfährt, beabsichtigen die Allgemeinen Zionisten, auch Henrietta Szold im Falle ihrer Rückkehr nach Palästina, zu der sie bereits Vorbereitungen treffen soll, als Kandidatin für den Ausschuß des Waad Leumi, in dem ihr wieder das Ressort für soziale Arbeit zufallen dürfte, aufzustellen. Keine Beratung mit der arabischen Exekutive vor Veiöffentlichung des MacDonaid-Briefes London, 3. März. (J. T. A.) Colonel Howard Bury hat Im Unterhause an den Ministerpräsidenten Ramsay Mac Donald die Anfrage gerichtet, ob vor Absendung des Briefes an Dr. Weizmann die arabische Exekutive in irgendeiner Form konsultiert wurde und ob mit ihr eine Vereinbarung zustande gekommen sei. In Beantwortung dieser Anfrage hat Ministerpräsident MacDonald erklärt, daß sich der Brief bloß mit der Interpretation gewisser Telle des dem Parlament im Dezember v. J. vorgelegten politischen Statements, das zu Mißverständnissen Anlaß gegeben habe, befasse. Unter diesen Umständen sei es nicht als notwendig erachtet worden, die arabische Exekutive zur Beratung über die Erläuterung und Aufklärung der von der Regierung bereits früher angekündigten Politik heranzuziehen. ness dürfen wir nicht rechnen. Der Waad Leumi in Jerusalem, die Exekutive in London müssen an kompetenten Stellen mit allem Nachdruck verlangen, daß man das Uebel noch im Keime ausrotte und die Ge-* fahr rechtzeitig eindämme. Denn sie ist im Verzug.