Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 166 (5.3.1931)
- Date
- 1931-03-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V. b. b, Preis 35 g BEZUGS- BEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 1'50, vierteljährl. S 4'20, gienzjlhrL . . . S 16*— Deutschld. viertelghri.. . . RM 3'- Tschechosloviakei viertelj. . Kc 24‘— Jugoslawien vierteljährl. . Din. 40 — Polen vierteljährlich . . Zloty 6‘50 Ungarn vierteljährlich . Pengö 4 20 Rumänien Vierteljahr!. . . Lei 120 — Uebtiges Ausland Vierteljahr). Schw. Franken 4*50 4. Jahrgang Jüdische Zeitung Erscheint jeden Donnerstag Redaktion und Administration Wien, I., Klrntnerstraße 28 Tel R-27.-4-86 Posts cy/y Ay & <5? fJ, c»- Cf fl* fl* c> *c o 46 199 0.230 40.879 Wien, Donnerstag, 5. März 1931 (14. Adar 5691) O * o O* Aj, Cr* Av A.-. O uer 166 TELEFON!B 2/TÜ OROSSBgrBIEB FÜR HflUSUJflSCHE Aktuelle Purimgedanken „Es gibt ein einzigartiges Volk, das zwischen den Völkern eines Reiches zerstreut und doch abgesondert lebt; seine Gesetze sind von denen jedes anderen Volkes verschieden und sie befolgen die Gesetze des Königs nicht, so daß es ftir den König unangemessen ist, sie gewähren zu lassen.“ Dubnow nennt diese Haman im Ruche Esther in den Mund gelegten Worte die klassische Formel des Judenhasses. Haman, Antioohius Epiphanes, Torquemada, Petljura, Hitler und wie sie alle heißen mögen, jeder von ihnen spricht in seiner Sprache diese Worte, heute wie ehedem. ' : „Zerstreut und doch abgesondert leben.“ Es ist unmöglich, die Situation des jüdischen Volkes in der Diaspora kürzer und treffender zu 'dh|aiiakterisieren. So weit hat Haman recht. Daß wir aber angeblich „unter anderen Gesetzen“ leben, war zu allen Zeiten das verlogene Schlag wort der Antisemiten. Falsche Talmudzitate, Rituaimordlüge, die Protokolle der Weisen von Zion und wie alle die sattsam bekannten Fälschungen noch heißen mögen,, sie sollen beweisen, da# wir unter anderen Sittengesetzen leben und daß uns die Arier deswegen nicht dulden sollen. Vergebens ist alles Bemühen, Menschen durch Wort und Schrift über jüdisches Wesen aufzuklären, solange diese Menschen nicht aufgeklärt werden wollen, oder durch antisemitische Schlagworte von den Führern in ihrer Dummheit erhalten werden. Es ist vergebens, darauf hinzu weisen, daß die christliche Religion auf den jüdischen Sittengesetzen sich aufbaut, oder darauf hinzu weisen, daß die ersten Christen denselben grundlosen Anfeindungen wie heutzutage die Juden ausgesetzt waren. Trotzdem wird es immer den Antisemitismus geben, denn Bosheit und Schlechtigkeit sind leider mächtige Triebfedern menschlichen Handelns. Es wird immer Angriffe auf jüdisches Leben, jüdky es Vermögen und insbesondere auf die Ehre ue>s Juden geben und es wird leider nicht immer wie zu Esthers Zeiten Retter geben. Das große wirkliche Purimfest, das keine Beziehungen mehr zu Gegenwart und Zukunft haben, sondern nur das Fest der Erinnerung an nicht mehr mögliche Gefahren sein wird, ist noch in weiter Ferne. Die Umkehr zum Besseren kann nur von uns Juden kommen. Es gibt nur eine Richtung iim Judentum, deren Existenz und Wirken vor den Augen der ranzen Welt imstande ist, so manchen Haman; nicht auf kommen zu lassen: das ist der Zionismus. Er ist es, der so manchem Antisemiten Achtung abringt vor jüdischem Wesen und jüdischen Gesetzen. Wichtiger wäre jedoch, daß der zionistische Geist der Treue zum Judentum als einer unzerstörbaren Einheit Jn Raum und Zeit und die Notwendigkeit der Wiederaufrichtung der jüdischen Würde bis ins letzte jüdische Haus dringen würde. Wichtiger wäre es, daß alle Juden erkennen, daß wir nicht „besondere Gesetze“ für uns verlangen, die uns augenblicklich ins Ghetto zurüekwerfeo, die viel gelästerten Minderheitsrechte. Das sind keine „besonderen Rechte“ und insbesondere keine minderen Rechte. Das Bekehren nach Minder hei tsrechten bedeutet, daß wir nicht nur Hach der Veröffentlichung des Mac Donald-Briefes Präsident Weizmann über seine Reise nacb Palästina Der «Hajnt» veröffentlicht ein Gespräch mit Präsident Weizmann. über den letzten Brief MacDonalds und seine bevorstehende Re:3e nach Palästina. Prof. Weizmann stellt fest, daß man den Wert der neuen Kundgebung der englischen Regierung nicht überschätzen soll. Diese Kundgebung, ist ein Erfolg irisoferne, als sie die Angriffe gegen unsere Tätigkeit in Palästina, die in den früheren Berichten Simpsons und im Weißbuch enthalten waren, zunichte macht, ln den Verhandlungen mit der englischen Regierung ging es nicht Um eine Interpretation der Mandatsbestimmungen. Weder der Völkerbundli^a noch der englischen Regierung oder uns steht das Recht zu, das Mandat zu interpretieren. Lediglich der Haager Gerichtshof wäre für eine authentische Interpretation zuständig. Diesen letzten Weg nach Haag haben wir jedoch nicht, gewählt Dies geschah über den Vorschlag unserer Ratgeber Brähdeis lihd R^k$;rd!e^tdislf(lfd‘ läftirpretatiön einiger Bestimmungen, wie z. B. über die «Position»; anempfohlen haben. In grundlegenden Fragen haben wir jedoch viel erreicht. Die Verhandlungen wurden im j Rahmen praktischer Ziele und praktischer Mitarbeit I geführt und in dieser Hinsicht erreichten wir mitunter viel mehr, als es das Weißbuch vom Jahre 1922 vorgesehen hat. Allenfalls können wir mit dem Erfolg zufrieden sein, wenn man auch stets auf der Hut sein muß. Bezüglich seiner Reise nach Palästina erklärte Weizmann, daß er vor allem die Verhältnisse an Ort und Stelle prüfen und seine achtzigjährige Mutter besuchen wolle. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß er die Möglichkeiten einer Round-Table-Konferenz prüfen wird. Weizmann meint, daß hierzu jetzt der gegebene Moment sei. Er wird auch den Entwicklungsplan Palästinas, den die Regierung vorgelegt hat, untersuchen, was schließlich auch zu jüdisch-arabischen Verhandlungen führen kann. Diese sind selbstverständlich sehr schwierig, da von vielen Seiten die Verhandlungen widerwillig aufgenommen werden. Er wird auch mit dem Oberkommissär Rücksprache pflegen. «Ich bemühe mich», erklärte Weizmann, «zu erreichen, daß meine Nachfolger sich in einer besseren Situation sehen, als diejenige war, die ich vorgefunden habe.» Was die Frage der künftigen Leitung anbelangt, erklärte Präsident Weizmann, daß er endgültig beschlossen habe, die Leitung zurückzulegen. Es sei Ihm unmöglich, diese Stelle weiter zu bekleiden. «Ich trete mit ruhigem Gewissen ab. Ich werde jedoch selbstverständlich mit Rat und Tat nach wie vor der Organisation dienen, falls man dies von mir, der 15 Jahre lang an der Spitze stand und vielfache Erfahrung hat, verlangen sollte.» Der Mac Donald-Brief dem Völkerbund überreicht Genf, 27. Februar. (J. T. A.) Dem Generalsekretariat des Völkerbundes ist soeben seitens der britischen Regierung der vom Premierminister Ramsay MacDonald an den Präsidenten der Jewish Agency Dr. Chaim Weizmann gerichtete Brief, der eine autoritative Interpretation des Weißbuches vom Oktober 1930 enthält, zugestellt worden. Abschriften des Briefes sind seitens des Völkerbundsekretariats allen Mitgliedern des Völkerbundsrates und der Mandatskommission zugestellt worden. In den Kreisen des Völkerbundes in Genf herrscht die Ueberzeugung vor, daß dieser Brief MacDonalds an Weizmann der Mandatskommission, die sich in ihrer Mai-Session mit dem Weißbuche zu befassen haben wird, eine der schwierigsten Aufgaben, vor deinen sie je gestanden, erleichtert hat. Jerusalem, (J. T. a.). Es verlautet, daß Feldmarschall Sir Claude Jacob als Nachfolger Sir John Chancellors, dessen Amtsdauer als High Commissioner von Palästina im kommenden Sommer zu Ende geht, In Aussicht genommen Ist. Bisher war es nicht möglich, von amtlicher Seite irgendwelche Informationen hierüber zu erhalten. Englische Pressestimmen Die Fehler des Passfield’schen Weißbuches In einem Leitartikel der «Times», der sich mit der Unterhausdebatte über den Ergänzungsetat für den Mittleren Osten befaßt, wird ausgeführt, aus den kurzen Bemerkungen, die im Laufe der Debatte über Palästina gemacht wurden, empfange man den Eindruck, daß die Erläuterung des Ministerpräsidenten über die Politik der Regierung im Heiligen Lande von der Majorität beider Seiten des Hauses gebilligt wird. Diese Erläuterung war in dem am Sonnabend, den 14. Februar, veröffentlichten Brief MacDonalds an Dr. Weizmann enthalten. „ . Es muß zugegeben werden — und der Brief des Ministerpräsidenten ist einem solchen Einverständnis gleichzuhalten — daß das letzte Weißbuch, wenn auch gerechterweise von einem unparteiischen Standpunkt aus gegen die allgemeinen Richtlinien der in ihm vorgeschlagenen Politik kein Einwand erhoben werden die Gleichberechtigung für den einzelnen Juden, sondern daß wir auch für uns als nationale Minderheit auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens jene Rechte im maximalsten Ausmaße verlangen, wie sie der Mehrheit in den einzelnen Ländern zustehen. Wenn wir also vom österreichischen Staat ein G-esetz verlangen, wodurch den Kultusgemeinden jährldoh ein ausreichender Beitrag zur Erhaltung der Kultus« gemeinden zukommen soll, so machen wir dadurch ein Minderheitsrecht geltend und verlangen dasselbe Recht, das auch den Katholiken und Protestanten in Oesterreich zusteht. Nur eine solche Politik kann auf die Mehrheit wirken. Die Mehrheit muß wissen, daß wir keine Vergesset die Sorge, vergesset die Qual — Trinket nur Karmel Original! Gnaden, sondern unser Recht wollen. Das sollten aber endlich auoh die jüdischen Gegner des Zionismus erkennen. So wie zu Esthers Zeiten die Mehrheit nur nebelhafte Vorstellungen von den Judexi hatte, so ist es leider auch heute noch. Wir müs-sen hier Wandel schaffen. Die Megjlkh zeigt uns den Weg. Wir müssen den Juden, di noch nicht in unserem Lager sind, die Augen öffnen, wir müssen sie davon überzeugen, daß wir für ihre Existenz und ihre Ehre kämpfen. Dann werden wir Haman in seine Schranken weisen. Haben wir einmal das ganze Judentum im zionsitischen Lager, dann wird auch Haman wissen, wer wir sind. Erst dann wird das Purimfest kein Memento für die Zukunft, sondern nur mehr ein Fest der Freude zur Erinnerung an die im Laufe der Geschichte überstandenen Gefahren des jüdischen Volkes sein. }! . I \