Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 162 (5.2.1931)
- Date
- 1931-02-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Das Wiener Autodafe, Type 1931, beschränkt sich auf Anschlagkasten. Dieser feierliche Akt wird auf der Universitätsrampe vollbracht, die einst schönere Zeiten und schönere Dinge gesehen hat, und die von der Polizei, allem gesunden Menschenverstand entgegen, noch immer respektiert wird. Bei diesen Autodafes wird das Deutschlandlied gesungen. Die Hakenkreuzler glauben eben, der Nationalhymne eines großen Kulturvolkes Ehre zu erweisem, wenn sie sie sozusagen als musikalische Begleitung zu ihren heldenhaften Taten mißbrauchen. Früher einmal, im Mittelalter, hat man den in Ghetti eingesperrten Juden «Hep! Hep!» nachgerufen. Die Zeiten ändern sich, es ändert sich auch aas Vokabular der Schmähungen. Heute werden jüdische Studenten, die die unzeitgemäß naive Ansicht vertreten; daß Vortragssäle zum Studium und nicht zu Raufereien da seienj mit dem Rufe «Isaak! Isaak!» beehrt. Dieses beehrt ist ernst, ohne Anführungszeichen, gemeint. Isaak ist ein schöner und alter Name. Aelter sogar als Wotan oder Günther. Nebenbei gesagt: man tut den Halcenkreuzlern unrecht, wenn man behauptet, sie ergäben sich nie dem Studium. Jüdische Na m e n studieren sie. Kürzlich, anläßlich des Remarquerummels, tobten sie sich in Rufen, wie «Moses! Moische!» aus. Jetzt ist Isaak an der Reihe. Welcher Patriarch oder Prophet kommt demnächst daran? Wir sind bereit, mit Empfehlungen zu dienen. Vielleicht Abraham, Jeremias? Aber lassen wir die Namen. Denn wenn es nui dabei bliebe, könnte man diese kulturwidrige Groteske mit einem Achselzucken, schlimmstenfalls mit einem Pfui Teufel! erledigen. Aber es bleibt nicht dabei: Stöcke werden geschwungen, jüdische Studenten verprügelt, Lehrsäle gestürmt und Autodafes veranstaltet. Zwischen der nationalsozialistischen und der sozialdemokratischen Studentenschaft ist zum xten Male ein Streit entbrannt. Gut. Interessiert uns nicht. Aber warum müssen wieder einmal Juden das Bad ausgießen? Und was haben jüdischnationale Hochschüler mit sozialistischen, was hat Zionismus mil dem Marxismus gemeinsam? Die Herren Hakenkreuzler wissen es nicht. Sie wissen noch so manches andere nicht. Doch die Regierung weiß es, die Polizei weiß es, der Staat, der über Ruhe und Ordnung zu wachen hat, weiß es. Warum toleriert er die Barbarei? Nur deshalb, weil sie auf «geheiligtem» akademischen Boden ihre Triumphe feiert? Warum begnügt sich der Herr Rektor mit dem Bedauern? Was nützt jüdischen, von einer radaulustigen, braunhemdigen Radaumenge mißhandelten Studenten das Bedauern? «Unverantwortliche Elemente» hätten diese Taten vollbracht, sagt die verschämte Magnifizenz der im Rektorat vorsprechenden jüdischen Delegation. Da hat sie recht, die Magnifizenz, wenn sie auch ganz was anderes meinte: diese Elemente sind wirklich unverantwortlich. Aber warum schreitet der Rektor gegen sie nicht ein? Warum protegiert er sie obendrein? Und, wenn er «zu wenig Pedelle» hat, warum nimmt er nicht die Sicherheitsmittel des Staates in Anspruch? Die Sicherheit eines jungen, detn Studium ergebenen Menschen sollte doch einem Manne der Wissenschaft wichtiger sein, als inhaltslose Tradition! Wir sind davon überzeugt, daß wir ins Leere sprechen. Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie Immer neu. So war es und so muß es anscheinend schon immer auf dem Ring des 12. November zugehen. Mit der Regelmäßigkeit der Gezeiten wiederholen sich die Universitätskrawalle, die, wo immer Bel den am Dienstag, den 3. Februar, stattgefundenen Universitätsunruiien taten die nationalsozialistischen Studenten, deren Kampf doch in erster Linie den Sozialdemokraten galt, alles mögliche, um den Krawallen ein ausgesprochen antisemitisches Gepräge zu geben. Sämtliche Anschlagkasten der jüdischen Studenten, u. zw. der Ansclilagkasten des jüdischen Hochschulausschusses, der Lese- und Redehalle der jüdischen Hochschüler, des jüdischen Medizinervereines und des jüdischen Philosophenvereines wurden zertrümmert. Die Kundmachungen der Mensa academica Judaica wurden aus dem Rektoratsanschlagkasten herausgenommen und auf der Rampe verbrannt. Einige jüdische Studenten, deren Aussehen den Herren Hakenkreuzlcrn nicht paßte, wurden be- J Paris. (J. T. A.) Der Präsident der Zionistischen Organisation und der Jev/ish Agency, Professor Dr. Ciiaim Weizmann, hat seinen Erholungsurlaub in der Schweiz abgebrochen und sich nach London begeben. Die plötzliche Abreise Weizmanns wird mit wichtigen politischen Vorgängen in London in Zusammenhang gebracht. Um die Revision des Weißbuches New York. (J. T. A.) «New York Times» meldet aus London, daß die britische Regierung demnächst eine neue, für die Juden günstigere Erklärung über Palästina herausgeben wird. London. (J. T. A.) Das Bureau des Ministerpräsidenten hat die Jüdische Telegraphen-Agentur auf eine Anfrage dahin informiert, daß die Verhandlungen zwischen Regierung und Jewish Agency fortgesetzt werden. Die Regierung beabsichtige, zu geeigneter Zeit ein Statement hierüber zu veröffentlichen. Der Zeitpunkt dieser Veröffentlichung könne aber vorläufig nicht angegeben werden. Die Herausgabe eines neuen Berichtes über Palästina in nächster Zeit käme nicht in Frage. Auch das Kolonialamt hat der Jüdischen Telegraphen-Agentur auf eine Anfrage mitgeteilt, daß die Veröffentlichung eines Berichtes über Palästina nicht bevorsteht. der Verhandlungen London, 1. Februar. (J. T. A.) Die Verhandlungen zwischen der englischen Regierung und der Jewish Agency dürften noch im Laufe dieser Woche wieder aufgenommen werden. Die Mitglieder der vom Aktlons- Comitee im November 1930 eingesetzten politischen Kommission wurden telegraphisch nach London berufen. sie auch ihren Ursprung haben, in dem erhabenen Ruf «Juda verrecke» münden. Diesmal haben die Exzesse eine besonders pikante Garnierung: die Hakenkreuzler rücken nunmehr den Juden nicht nur an den Leib und Anschlagkasten, sondern auch an die Ehre. Die Wotans und Günthers, oder zeitgemäßer: die Adolfs und Othmars reden sich ein, daß sie es mit «Isaak! Isaak!» bewerkstelligen könnten, w. schimpft und verprügelt. Hörsäle wurden gestürmt, und der berühmte Ruf «Juden hinaus!» erschallte in dem Universitäisgebäude. Nachmittags erschien eine Deputation des jüdischen Hochschulausschusscs beim Rektor Prof. Uebersberger und legte einen scharfen Protest gegen die Vernichtung jüdischen Eigentums, Verprügelung jüdischer Studenten und Verhinderung jüdischer Hochschüler am Unterricht e-n. In seiner Antwort gab der Rektor seinem Bedauern über die Vorfälle Ausdruck. Er versprach, den Tätern seine Mißbilligung auszudrücken, behauptete jedoch, annehmen zu müssen, daß die Ansclilagkasten von unverantwortlichen Elementen vernichtet worden wären. Die Zahl der Pedelle sei zu gering, um die Ordnung an der Universität in vollem Maße zu erhalten. Opposition Berlin, 2. Februar. (J. T. A.) Das Zentralkomitee der Vereinigung Radikaler Zionisten, das am 31. Jänner und 1. Februar in Berlin tagte, hat das Verbleiben seines Vertreters in der Politischen Kommission beschlossen; gleichzeitig hat es in einer ausführlichen Resolution zu der innerzionistischen Situation Steilung genommen. In dieser Resolution wird der unveränderten oppositionellen Haltung der Radikalen gegenüber der jetzigen Exekutive erneut Ausdruck gegeben und ein grundsätzlicher Kurswechsel gegenüber dem Weiz« mann-Systeni, sowie die Einsetzung einer neuen Leitung auf dem nächsten Kongreß gefordert. Eine englische Finanzkommission in Palästina Jerusalem, 29. Jänner. (J. T. A.) Unter Führung des ehemaligen Sekretärs der Regierung von Indien, Sir Samuel Perry O’Donnell, ist in Jerusalem eine Finanzkommission eingetroffen, die die Aufgabe hat, die Gebarung der Palästina-Administration 2u prüfen und die Möglichkeit von Ersparungen zu erwägen. Auf eine Anfrage der Jüdischen Telegraphen- Agentur erklärte das Kolonialamt, es könne noch nicht gesagt werden, ob die Kommission auch eine Untersuchung über die Durchführungsmöglichkeit des vorgeschlagenen Landaufschließungsplanes anstellen werde. Im Hinblick darauf, daß demnächst im Unterhaus eine Debatte über die vorgeschlagene 2l/;»-Milllonen-Pfund-Anleihe für Palästina stattfinden soll, erscheint es immerhin möglich, daß sich die Kommission auch mit diesem Projekt befassen wird. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, wird binnen kurzem ein offizielles Statement über das Arbeitsgebiet der Kommission herausgegeben werden. Tagung der Foundation in London London, 28. Jänner. (J. T. A.) Die diesjährige Tagung der Leitung der American Joint Reconstruction Foundation wurde am 27. Jänner in London eröffnet. An den Verhandlungen, nehmen u. a. der Präsident des Board of Deputies d’Avigdor Goldsmid und der ehemalige polnische Senator Rafael Szereszowski teil. Es ist das erstemal seit dem Bestehen der Foundation, daß eine Tagung der Leitung nach London ein» berufen wurde. Weizmann unterbricht seinen! Die Radikalen verharren in der 020127000102