Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 148 (23.10.1930)
- Date
- 1930-10-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kislew 5691) Nummer 148 Englands Wornruch Weizmann zurQckgetreten Der Bericht Simpsons und das Palästina-Programm der britischen Regierung veröffentlicht — Vorläufige Einstellung der jüdischen Einwanderung und Verbot von Bodentransaktionen — Schaffung eines Legislative Council aus 12 zu wählenden und 10 von der Regierung zu ernennenden Mitgliedern — Die Regierung behält sich die Auswahl der Einwanderer vor — Der XV111. Zionistenkongrsß tritt im Februar 1931 zusammen — Die Politische Kommission iür den 3. November einberufen — Massenmeeting am nächsten Montag in London L o n do n, 21. Oktober. (J. T. A.) Die britische Regierung hat heute den Bericht ihres Pälä- ■ stinabevoümächtigten, Sir John Hope Simpsons, über die wirtschaftlichen. Entwicklungs- und die Einwanderungsmöglichkeiten Palästinas und gleichzeitig auch ihr zukünftiges politisches und Arbeitsprogramm bezüglich Palästinas veröffentlicht. . Der Inhalt dieser beiden Dokumente hatte zur Folge, daß Professor Chaim Weizmann dem Kolonienminister Lord Passfield eine in schärfsten Worten abgefaßte Erklärung übergeben hat;, in der ei zum Ausdruck bringt, die gegenwärtige britische Regierung habe die ihr gemäß dem Mandat obliegende Förderung der Entwicklung des Jüdischen Nationalheims preisgegeben. Gleichzeitig kündigt Weizmann in dem Schreiben an, er sehe keine Möglichkeit für sich, mit der britischen Regierung weitet zusammenzuarbeiten und er lege darum seine , Aemter als Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency nieder. Der von der Regierung nunmehr veröffentlichte Bericht Sir John Hope Simpsons empfiehlt die Einstellung jeder Einwanderung ausländischer Juden nach Palästina, solange arabische Arbeiter zur Besetzung der vorhandenen freien Arbeitsstellen hoch verfügbar sind. Ferner, verwirft Simpson das System der Bodenkäufe durch den Keren Kajemeth und nennt diese Art von Bodentransaktionen.eine unerwünschte Bodenbesitzstörung. Simpson schlägt die Einsetzung einer Regierungskommission zur Durchführung der landwirtschaftlichen Entwicklung Palästinas vor. Diese Kommission soll aus einem Engländer als Vorsitzenden, einem Juden und drei Arabern bestehen. Erst nach Vollendung des Planes der Regierung für landwirtschaftliche Entwicklung werde es möglich sein, 20.000 jüdische Familien in Palästina auf dem Lande anzusiedeln. Bei dem jetzigen Stand der Landwirtschaft in Palästina, heißt es in dem Bericht Simpsons, benötigt jede arabische Bauernfamilie zu ihrer Existenz eine Bodenfläche von 130 Dunam. Zieht man dies in Betracht, so. ist der: heutige Vorrat an landwirtschaftlichem Boden unzureichend, so daß eine Landlosigkeit besteht, die auf 29.4 Prozent zu schätzen ist. Gegenwärtig sind in Palästina nur 6% Millionen Dunum kulturfähigen Bodens vorhanden, nicht — wie frühere Schätzungen besagten — 10 bis 11 Millionen Dunam. In dem zweiten durch die Regierung veröffentlichten Dokument, der programmatischen Erklärung über die zukünftige Politik in Palästina, wird die Schaffung eines Legislative Council angekündigt, der sich aus dem High Commissioner, 12 durch die Bevölkerung zu wählenden und 10 durch die Regierung zu ernennenden Mitgliedern zusammensetzen wird. An diese. Ankündigung ist die Warnung geknüpft, daß, falls von der einen oder ejer: anderen Seite ein® Non Cooperation proklamiert wirdund die Wahlen sabotiert werden, auch, die zii wählenden Mitglieder durch die Regierung ernannt werden würden, so daß .ein Legislative Council : in jedem Fälle bestehen wird. Die zu wählenden 12 Mitglieder des Council sollen aus indirekten Wahlen bestimmter Korporationen hervorgehen. Die Regierung kündigt ferner an, daß sie. entschlossen sei, mit den schärf steh. Mitteln gegen jede Art von Störung der Ordnung ödei Aiifruhrversuch vorzugehen. Die englische militärische Besatzung wird aus zwei Bataillonen Infanterie, zwei Flugzeuggeschwadem und vier Abteilungen Panzerautos bestehen. Das Polizeiwesen wird einer Reform unterzogen. In ihrem wirtschaftlichen Programm geht die Regierungserklärung noch weiter als der Bericht Simpsons und spricht ein Verbot des Verkaufs von Boden außer an die Regierung selbst für Zwecke ihres Planes der landwirtschaftlichen Entwicklung iihd der Schaffung einer Bodenreserve aus. Die Regierung verwirft in ihrer Erklärung das» System der Eihwandererauswahl durch die Jewish Agency und fordert, daß in Zukunft die Auswahl dei Einwanderer unter der Kontrolle der Regierung geschehen solle; die Regierung sei auch entschlossen, eine schärfere Kontrolle über die im Lande verbleibenden Pseudotouristen und diejenigen, die auf ungesetzlichem Wege die Grenze nach Palästina überschreiten, auszuüben. Die Regierung versucht, das Verbot der Bodentransaktionen dadurch zu rechtfertigen, daß, solange das jetzige System der extensiven Bödenbewirtschaftung durch die Araber besteht, freier Boden nicht verfügbar sei; erst bei Einführung einer intensiven landwirtschaftlichen Betätigung, bei Durchführung von Meliorationen und Bewässerung werde eine dichtere Besiedlung des Landes möglich und Raum für neue Ansiedler geschaffen sein. Das Einwanderungsverbot rechtfertigt die Regierung durch die Arbeitslosigkeit unter den Arabern, sowie in einem gewissen Maße auch unter den Juden. Die Regierung werde den Stand der Arbeitslosigkeit rccruLf A VmImiD m KAI5ER5TR. 123 A ALSERSTR. 6 -4lAßSßUBG<* an rufenb der bequemste TEL* ~ 929-5-20 S€&)£ e genau ■ untersuchen und da6-Ergebnis dieser Untersuchung zum Äüsgangspunkt. für Einwanderungsbestimmungeninacheft. In einem Gespräch: mit dem Vertreter der jüdischen Telegraphen-Agentur erklärte Professor Chaim Weidmann, daßder XVIII. Zionistenkongreß im Verlaufe, des Monats Februar 1931 zusammentreten wird. Bis. dahin werden er, Weizmann, und die Exekutive die Geschäfte weiterführen. Die Politische Kommission ist für; den 3. November einberufen worden. Für Montag,, den 27., Oktober, wird nach dem Pavillon-Theater zu London ein Massenmeeting einberufen werden, in welchem der Protest der Juden gegen die neue Palästinapoiitik der englischen Regierung zum Ausdruck kommen soll.Den Vorsitz in dieser Versammlung wird Nahum Sokolow, Vorsitzender der Zionistischen Exekutive und Ehreftvizepräsident der Jewish Agency, führen. Als Redner werden Professor Chaim Weizmann und d’Avigdor Goldsmid auftreten. Rücktritt des Lord Melchett London, 22. Oktober. Zum Zeichen des Protestes gegen die neue englische Politik in Palästina hat Lord Melchett (Sir Alfred Mond) seinen Posten in der Jewish Agency und in der zionistischen Organisation niedergelegt. In einem Schreiben, das er an den bisherigem Präsidenten der zionistischen Organisation, Prof. Weizmann, gerichtet hat, kritisiert Lord Melchett äußerst scharf die Haltung der englischen Regierung und behauptet, Englands neue Politik stelle eine große Undankbarkeit und einen Verrat an einem leichtgläubigen und schwer heimgesuchten Volke dar. Paris, 22. Oktober. Die hiesigen Führer der zionistischen Bewegung hielten gestern abends eine Besprechung ab, um zu der durch die neue englische Politik in Palästina geschaffenen Lage Stellung zu nehmen. In dieser Sitzung, die einen überaus erregten Verlauf nahm, wurde der Boykott der englischen Waren und der passive Widerstand in Palästina als Gegenmaßnahme in Erwägung gezogen. 0246