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Die Stimme · 1929-12-27 · Heft 106 (27.12.1929) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 106 (27.12.1929)
Date
1929-12-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seife 8 Nr. 106 _DIE' STIMME " 11 ■■ 1 1 1 1 '■ 11,11 ■ll,l< * ■ " 1 immmmtrntmm Tier konnte ihm kein Beifall entgegengohallen, vas ihn eher irritierte. Die Beifallsäußerungen ür die einzelnen Diskussionsredner waren un* ersagt — dagegen trat häufig eine Analyse und ‘ine Kritik ein, die zum wiederholten Durchlenkeif und TTmlernen zwang. Die intime Seito seines Lebens fand hier hre volle Befriedigung. Das Schicksal schien hm Askese auferlegt zu haben, obwohl es ihm imfangs an materiellen Gütern nicht mangelte. Zeitlebens war er ein einsamer Mensch, einsam ,n. dem Sinne, daß er der wohltuenden beglüktenden Wärme verwandtschaftlicher Beziehung »ntbehren mußte. Dafür war ihm das Glück .schieden, treu ergebene und gleichgesinnte freunde zu haben, die in ihrer Anhänglichkeit und Liebe zu ihm nicht wankten, auch dann nicht, als seine letzten Tage von bitteren Enttäuschungen getrübt und sein robuster, widerstandsfähiger Organismus von Krankheit gebeugt wäre. In seinem Krankenzimmer war er nicht einen Augenblick allein. Stets wachte eine befreundete Person bei ihm. Bis zum letzten Atemzug nahm er regen Anteil an allen Vorgängen jener so reich bewegten Periode. Die .schönsten und wichtigsten hat er doch noch erlebt und in sich aufgenommen... Mir hat es tief in der Seele weh getan, daß es mir nicht gegönnt war, vor seinem Abgang noch ein letztesmal seine Hand zu drücken... Die Arbeiten der Untersuchungskommission Fortsetzung der Einvernahme von Rabbi Kook Im Vertäu! der weiteren Vernehmung des Rabbi Kook fragte Stoker, ob die Juden das Klagemauerge-!>iet in eine Art offene Synagoge umwandeln wollen und womit die Juden ihre Ansprüche auf die Klagemauer begründen. Die Antworten von Rabbi Kook lassen sidi in folgendem zusammenfassen: Das palästinensische Oberrabbinat ist wohl im Besitze von Dokumenten, die die Berechtigung der jüdischen Ansprüche, an der Klagemauer ihre Gottesdienste abh alten zu dürfen, hinreichend dokumentieren, aber das Oberrabbinat hält es im Prinzip nicht für notwendig, diese Ansprüche zum Gegenstand einer Diskussion technischer Terminologie zu machen, weil ja die gesamte zivilisierte Welt weiß, daß die Klagemauer. die heiligste Statte der Juden, das weiteste Gefäß jüdischer Tränen sei Die Klagernauer übertrifft an Heiligkeit jede Synagoge, Jeder wußte diese unsere Rechte zu respektieren, •bis unfrei {stiftende Individuen unsere moslemitlsctien Brüder gegen uns aufhefzten. Die geistige Bedeutung der-Klagenauer, kann, nicht in die Sprache offizieller Dokumente übertragen werden. Oberrabbiner Kook lehnte es ab, in eine Diskussion über die mit der Klagemauer in Zusammenhang stehenden administrativen „yorkehrungen, -wie z. B. Ernennung, Befugnisse und köhtroHe"des Tempeldieners an der• Mauereinzugefte*. Er schwieg, alsder stellvertretende Oberstaatsanwalt der' PalästLna-Regierung Drayton darzulegen suchte, daß deF'.T'empeldiener die' wirkliche Autorität an der Mauer sei. / . Sir'Boyd Merrlman verlas die Erklärung, die der Oberkoinmi-ssar. Sir John Chancellor in der Sitzung der 5. Session der ständigen Mandatskommission des Völkerbundes, die kurz vor Ausbruch der Palästina-Unruhen in Genf stattgefunden hat, abgegeben hat und m der'.. Chancellor ausftifrrtc, das Klagemauer-Problc m könne sofort gelöst werden, wenn sich nur die moslemittsdien Behörden entschließen wollten, das Gebiet vor der Klagemauer den Juden zu Verkaufen; diie Juden hätten bereits eine entsprechende Summe zum Erwerb des Platzes zur Verfügung. ■ Oberrabbiner Kook erklärte, ex'höre zum ersten Mal von dieser Erklärung Chancellor®. Gelobt sei der Herr, der mir solche Kunde werden ließ! (Segenspruch bei der Vernehmung einer frohen Kunde.) Zweimal irn.-Verlauf seiner Vernehmung kamen dem Oberrabbiner Kook die'Tränen in die Augen. Das erste Mal war es, als er über das Begräbnis dies getöteten 'jüdischen Knaben MLsrachl sprach, bei welchem es bekanntlich zu schwersten Mißhandlungen jüdischer Teilnehmer am Begräbnis durch diie Polizei kam. Ein zweites Mal brach Ffcbbi Kook in Tränen aus, als der Anwalt Stoker ihn über die Uebung des Schofanblasens an der Klagemauer befragte. UeberaU, erklärt er, haben die Juden, das Recht auf ungestörte Andacht; warum sollten sie es nicht .an der in den Augen der Juden'der ganzen Welt heiligsten Stätte im Heiligen Lande haben! Es ist.mir ganz und gar unmöglich, schloß der Rabbi, in trockenen und bündigen Ausführungen Fragen zu beantworten, die meine Seele zuinnerst erschüttern. Die Einvernahme Pasmans und Smllianskys ' Herr Pasm a n, der frühere Leiter der American Zion Commonwealth, erklärte den Mitgliedern der Kommission die Methoden der jüdischen Arbeit. Der arabische Anwalt Moghanam Effendii versuchte fiücbzuweisen, daß die American Zion Commonwealth nicht genügend Entschädigung an jene arabischen Siedler gezahlt habe, die Ihr Weideland den Juden überlassen' mußten.. Pa&man war, in der Lage, die Behauptungen des arabischen Anwalts in aUten Punkt an durch An Hüning von Tatsachen und Zahlen zu widerleg»«. Der nächste Zeuge, S m i 1 i a n s k y, sagte aus, am 19. Auguet erzählten Araber, die von dem Wochen* markt in Ludid zurückkehrten, daß auf dem Markte Ansprachen gehalten itnd die Fellachen aufgefordert wurden,'am Freitag, den 23. August, nach Jerusalem zu kommen, um Über die Juden frerzufallen, die ihren Tempel auf dem Felsendom erbauen wollten. Es wurde versichert, daß die Regierung zu den Arabern halte. Smlüansky führte in der Fortsetzung seiner Vernehmung aus, der Unterschied zwischen jenen arabischen Dörfern, die in der Nähe jüdischer Kolonien liegen, und den übrigen arabischen Dörfern sei ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht. Die Araber verdanken' ihren Wohlstand den jüdischen Kolonisten, deren Methoden sie naefreifem. Diejenigen Araber aber, die weit ab von den jüdischen Siedlungen leben, sind noch .heute so rückständig, wie sie es vor 40 Jahren gewesen sind. Wären nicht die Agitatoren, so würden die Beziehungen zwischen Arabern und Juden jedes Jahr bessere werden. Auf die Frage Sir Walter Shaws, ob irgendwelche Juden den Arabern Schaden zugefügt haben, erwiderte Smiliansky mit den hebräischen Worten: «Chas-Wechalilah.» (Ausdruck, äußerster Verneinung.) Wir sind in. dieses Land,- in welchem wir dieses Buch, (äuf die Bibel weisend) geschaffen haben, •zurückgekehrt und wollen es wieder zu einem Land machen, wo Milch und- Honig fließen. Die Aussage Harry Sachers Hierauf Wurde Harry Sacher ein vernommen. Seine Aussagen Wurden-’von den Mitgliedern der Kommission feit-respektvoller .-Aufmerksamkeit angekort. Sacher' erläuterte vöv der Untersuchunigskorrimis- Sion Geschichte ü'M Zfele def -Zionistischen Bewegung und schilderte: das jüdische'Aufbauwerk in seinen GrundisätzehT Als Sacher auf-die Idee des Jüdischen Nationalheimes zu sprechen kam, ersuchte ihn das Union der Zfonfetea-RevisioniflSen Oesterreichs Montag, den 30. Dezember, lim V, 8 Uhr abends im Kaffee Arkaden Souterrainsaal Thema: Engländer, Araber, Juden Referent: Dr. Paul Diamant Freie Aussprache — Gäste willkommen liberale Mitglied der Kommission', Herr Hopkins- Morris,. eine Definition des Begriffes «Jüdisches Nationalheim» zu geben. Sacher erwiderte: Unter «Jüdisches Nationalheim» verstehe ich eine Politik, die den Juden die gesetzliche Grundlage gibt, in Palästina einzuwandern, das Land wieder aüfzubauen und hier eine jüdische Zivilisation zu schaffen, die den wahren jüdischen Genius ausdrückt Palästina hat ohne eine Verbindung mit dem jüdischen Volke, dem jüdischen Genius, keine Bedeutung für die Menschheit. £s wird gesagt, daß diie Araber seit 1300 Jahren in diesem Lande wohnen; während all dieser Zeit aber hat Palästina zur Weltzivilisation nichts beigetragen. Die hohen Leistungen Palästinas für die Menschheit ergaben sich aus der innigen Verbindung des Volkes mit dem Lande, aus der Vermählung Israels mit Erez Israel. Mit diem Auszug der Juden zog die Seele aus , diesem Lande aus. Das Judentum behielt seine jüdische Seele. Wir bilden zwar nicht mehr einen Staat, aber wir hörten nicht aiuf, eine Nation zu sein. Die zweite Araber-Generation in Palästina, fuhr Sacher fort, die Kinder jener, die in den August-Tagen Juden abgeschlachtet haben, werden sieh darüber klar sein, daß die Zukunft Palästinas unzertrennlich mit um Juden verbunden ist. Wir wollen uns nicht ln die Angelegenheit der arabischen Zivilisation etnmischen, wir wollen unsere eigene Zivilisation schaffen. Und niemand —■ rief Sacher mit fester Stimme — soll sich einbllden, daß Mord und Gewalt uns davor abhalten könnten. Weiter erklärte Sacher, die Juden wünschen ein-, freie Einwanderung ohne jede künstliche Schranke; er hege die Hoffnung, daß die Juden einmal die Mehrheit i;n Lande bilden werden. Aber wir Juden haben nicht im Geringsten die Absicht, über andere zu herrschen, ebenso wie wir nicht wünschen, von anderen beherrscht zu werden. Das Mitglied der Kommission der Arbeiterpartei, Harry Snell, fragte Sacher, wie weit er für die Ansichten Wolfgang von Weisls verantwortlich ist. Wrr von der Zionistischen Exekutive, erwiderte Saoher, sind für die Ansichten Weisls in dem gleichen Maße verantwortlich, wie eine Regierung für Ansichten der sie bekämpfenden Opposition verantwortlich ist. Diese Definition Sachers weckte unter den Mitgliedern der Kommission zustimmendes Gelächter. Auf diie Frage des Anwalts der Jewish Agency, Viscount Erieigh, auf welche Weise man sich gegen Unruhen in Zukunft am besten sichern könnte, erklärte Harry Sacher; Zwei Maßnahmen sind am besten geeignet, den Ausbruch von Unruhen in Zukunft zu verhindern: erstens müsse man die Araber davon überzeugen, daß ihre Meinung, sie könnten durch Gewaltanwendung eine Aenderung der jetzigen Lage herbeifüh.ren, falsch, sei, zweitens muß die Regierung dartun, daß sie entschlossen ist, das Mandat dem Buchstaben und dem Geiste nach durchzuführen. Der Vorsitzende der Kommission, Sir Walter Shaw, stellte hier in einem etwas sarkastischen Ton die Frage, wie sich Sacher eine solche Aufklärung der britischen Beamten denkt: sollen sie vielleicht zu Vorlesungen der zionistischen Organisation geschickt werden? Sacher erwiderte: Ich bin erstaunt über Ihre Frage; aus meinen Worten war klar zu entnehmen, daß ich meinte, das Kolonialamt sollte diese Beamten vor deren'Entsendung nach Palästina ausbilden. Der dynamische Teil des Mandates ist das Jüdische Nationalheim; dieser Teil muß erfüllt werden, und zwar so, daß die politischen, religiösen und zivilen Rechte der Araber nicht angetastet wenden. Die Durchführung einer Politik erfordert Mut, aber gar so schwer ist sie nicht. Sacher entwickelte eine Reihe von Vorschlägen zur Verhütung von Unruhen, so u. a. den Vorschlag, auf baldige endgültige Lösung des «unglücklichen IClagemauerkonfliktes», wobei er hinzufügte, niemand sei mehr als Sir John Chancellor bestrebt, hier einen Ausweg zu finden. Sacher empfahl auch die Ueberwachung der arabischen Presse, die die «lügnerischeste, verleumderischeste und die meist zu Gewalt hetzende in der ganzen Welt» Ist. Ferner, soll das Anti-Södiition Law (Gesetzzur Bekämpfung des Aufruhrs) Gesetz werden. Der Geheimdienst müsse verbessert, die Polizei reorganisiert, die Zahl der Engländer und Juden innerhalb der Polizei"'erhöht werden. Die Verhältnisse in der Polizei müssen so gestaltet werden, daß der Polizeidi.enist anziehend wird. Das Mandat, sagte Sacher, Ist Mission. Und Missionäre dürfen mit notwendigen Ausgaben nicht geizen. Bis jetzt, führte Sacher weiter aus, hat sich die Mandatarmacht wenig generös gegenüber Palästina erwiesen. Sacher entwickelte eingehend die unmittelbaren Ursachen, der August-Unruhen und erklärte, daß ersi der bei den Arabern entstandene Glaube, England sympathisiere nicht mit dem Jüdischen Nationalheim, die Agitatoren veranlaßt hat, eine Verschwörung, in Szene zu setzen und eine Lage zu schaffen, angesichts derer sie hoffen‘-könnten, daß eine Umstoßung des Mandates herbeigeführt werden würde. Vom Araber-Anwalt Stoker einemwenig scharfen Kreuzverhör unterzogen, führte Sacher aus, zahlreiche britische Beamte seien nur deshalb bei den Arabern beliebt, weil sie mit dem Zionismus nicht sympathisieren; in Wirklichkeit aber richtet sich die arabische Bewegung eben so sehr gegen die Engländer wie gegen die Juden.. Die Zionisten sind eigentlich der Blitzableiter für den gegen die britjsche Herrschaft rebellierenden Geist. Sacher erzählte, Araber hätten ihm gesagt, der beste Weg, die Engländer los zu werden, sei der, daß sich Juden wie Araber gemeinsam gegen sie erheben. Stoker fragte: Glaubten Sie diesen Arabern? Sacher erwiderte: Es ist überhaupt sehr schwer, dem Glauben zu schenken, was irgendein Araber sagt. Stoker: Nennen Sie einen Araber, der sich zuThnen so geäußert hat. Sacher: Einer von ihnen war Aüni Bey Abdul Hacli. Die Antwort erregte Sensation. Auni Bey, der als arabischer Anwalt fungiert, sprang mrt, fuchtelte m;t den Armen herum und schrie: Ich stelle dies entschieden in Abrede. Stoker fragte Sacher: Auf welcher Basis wurde Ihnen eine solche Allianz vorgeschlagen? Sacher: Gewiß nicht auf der Basis des Jüdischen Nationalheimes. Aber die Araber wissen sehr wohl, daß es ihnen zur Verwirklichung des Traumes vom arabischen Reiche an Geld und Männern fehlt; sie wollen sich der Hilfe der Juden versichern. Von Verhandlungen war, was Juden betrifft, keine Rede, verhandeln kann man ja nur, wenn auf beiden Seiten Verhandlungsbereitschaft besteht. In der Fortführung der Einvernahme Harry Sachers kam cs* zu einer erregten Auseinandersetzung zwischen ihm und dem arabischen Anwalt Stoker, der insbesondere die Resolutionen der Zionistenkongresse kritisierte. Sacher teilte mit, daß die Resolutionen nur Direktiven bedeuten und daß es die Sache der Leitung Ist, für ihre Verwirklichung im Rahmen des Möglichen zu sorgen.. .

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