Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 106 (27.12.1929)
- Date
- 1929-12-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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jj V. b. H Preis 35 Groschn Zelturtg vom Verleger versendet Journal expedte par r&ttteor tätsbibliothek Titl.Universi' X.Universität ÄbonnementpreSse: Für Oesterreich: Monatl. S 1 -50, viefW]. S 4.20, ganzj. 16.—- t Deutschland: MonatL Goldmark 1.—, vierte!]. Goldmark 3.— / Tschechoslowakei: Monatlich Kc 7.—, vierteljährlich Kc 19.— / Jugoslawien: Monatlich Dinar 14.—, vierteljährlich Dinar 40.— Jüdisthe Zeitung Ersdtelnl leden Donncrstfad (Rcdo&tton und Jidwninistzaiion: Wimm, Rauikenstmin^naae I — (fei. IC 2I-3-S4 Poka: MonatL Ztoty 2.30, vierte^. Boty 6.50 / Ungarn ManatL Pengö 1.50, vierteij. Pengo 420 / Rumänien: MonatL Lei 45.—, viertel]. Lei!Ä— / Bulgarien: Monatl. Lewa 30.—, vkrtel|. Lewa 80.— / Belgien: Monatl. Belga 2.—, viertelj. Belga 5.— / Übriges Ausland: MonatL Schweizer Franken 1.50 mmaummmuummmmmmmmmm 2. Jahrgang Wien, 27. Dezember 1929 (25. Kislew 5690) Nidnmer 106 „Hier sind wir — hier bleiben wir" Bedeutungsvolle politische Rede Prof. Welzmanns in London L o n d o n. (J. T. A.) Üer «Angio-Paleiüinian Club» gab am 19. Dezember zu Ehren des Präsidenten der Jewish Agency, Professor Dr. Chaim Weiznjann, ein Bankett, bei dem James Rothschild den Vorsitz führte. Nebst Ansprachen, von Miß Philipp Snowden, Lt. Col. Arnold Wilson und James Rothschild hielt Professor Dr. Chaim Weizmann nachstehende großangelegte Rede: «Ich hätte gewünscht, daß die in Palästina weilende Kommission ihre Arbeit schon abgeschlossen habe. Die Kommission ist fast am'Endelhrer Arbeit;" doch., sieweilennoch dort, und ich' brauche kaum darauf liirizuweisen, daß, wenn man etwas sägt, was nicht gesagt werden sollte, unabsehbarer Schaden angerichtet, und die Kommission irritiert, eine Aeußerung als unfair, als indiskret-betrachtet werden kann. Darum werden Sie es verstehen, daß ich mich verpflichtet fühle, mir bei der Ansprache heute abends weitestgehende Selbstbeherrschung aufzuerlegen. Wie Sie wissen, ist der Aufgabenkreis dieser Kommission sehr eng gefaßt. Er umfaßt nur die unmittelbaren Ursachen der alten Ereignisse vom 24. August und berührt nicht die Grundlagen der uns am Herzen liegenden Bewegung, weshalb es zweckmäßig erscheint, über diese eigentlichen Grundlagen ein paar Worte zu sagen. Wir sind nun so weit, diese Grundlagen wieder vorzuführen und so einfach als möglich die Beweggründe, welche die so viel besprochene Balfour- Deklaration veranlassen, darzulegen. Wir dürfen es nicht vor uns selbst verhehlen, daß nur die jetzigen oder die unmittelbaren Gründe in Untersuchung stehen; doch unglücklicherweise ist wieder das ganze Problem Gegenstand der Erörterung durch die öffentliche Meinung in diesem und in anderen Ländern. Deshalb ist es richtig, alle Details der Entstehungsgeschichte der Balfour-Deklaration sich ins Gedächtnis zurückzurufen. Man sagt uns heute mit einem gewissen Maß von Leichtfertigkeit; daß die Balfour-Deklaration nur eine Kriegsmaßnahme war; daß die Regierung Versprechen gibt und wieder bricht und daß die Regierung, während sie sonst in der Mehrheit der Fälle ihre Versprechungen überhaupt nicht zu erfüllen pflegt, in unserem Fall — so sagt man mir — doch wenigstens 60 Prozent ihrer Versprechungen erfüllt habe, so daß uns kein Recht sich zu beklagen zusteht. . Ich wage zu sagen, wenngleich es schwer fällt, darüber in einer Epoche der Enttäuschung zu sprechen, daß zur Kriegszeit, als man große Ideen.erwog und als die Menschheit großes Unrecht wieder gutzumachen suchte, . * die Grundidee zur Balfour-Deklaration in de.n sehnlichen Wunsch bestand, das an uns Juden begangene Unrecht wieder gutzumachen. Und es ist kein bloßer Zufall, daß es Großbritannien war» welches diese Idee zu tiefst erfaßte, denn man liest nicht jahrhundertelang die Bibel, ohne mit ihrem Geist erfüllt zu werden. Und erfüllt von den Vorstellungen, Bildern und Prophezeiungen des Alten Testaments, wie diese Nation es war, verstand sie es, was Im jüdischen Volk an Schätzen aufgespeichert ist und faßte deshalb die faktische leibliche Heimkehr der Juden hach Palästina als eine natürliche Erscheinung auf. Mr. Lloyd George war es, der es aussprach: «Ist doch die Geographie Palästinas mir wohl vertraut, da ich sie aus meiner frühesten Kindheit kenne,,* Mr. Lloyd George und viele, gleich ihm .fühlten, es ‘sei - ein natürlicher Verging; daß Britannien’ da« Instrument sei,, dieses Unrecht wieder gutzumachen. Hier liegt der tiefste Grund. Es war kein Notbehelf, es war kein Proyisorium. Jene Männer, die mit der Gutmachung. dieses Unrechtes zu tun bekämen, befaßten sich mit Dingen der Ewigkeit, deren Wert bestehen bleiben wird.. Das damalige Kabinett, von einem Krieg verwickelt, der Millionen dahinraffte, war mit diesen ewigen Dingen befaßt. Aus dem Strudel voll Blut und Sorgen drang etwas von tiefer Bedeutung hervor. Es ist nicht von der Art, um leichtfertig behandelt zu werden. Darum geht es: Es bleibt bestehen, ob nun jemand es zu verkleinern sucht oder nicht. Der Sinn der Balfour- Deklaration ist das, was wir daraus machen. Er ist abhängig von unseren Anstrengungen und Leistungen in Palästina.» Dr. Weiztnann befaßte sich dann mit dem Aawur.f, die Balfour-Deklaration sei nur eine Kriegsmaßnahme gewesen und führte aus, daß erst fünf Jahre später das Mandat formuliert, gedruckt und erörtert, in Entwürfen und Gegenentwürfen behandelt, der strengsten Prüfung unterworfen wuyde, nicht nur durch die britische Regierung und das britische Parlament, sondern durch die Regierungen der ganzen Welt. Auf der festen Grundlage dieses Dokuments sind hunderttausend Juden nach Palästina gezogen. Dann kam San Remo und Mr. Lloyd Georges’ berühmter Ausspruch: «Wir gaben euch einen Start. Der Erfolg liegt an euch;» «Und wir gingen vom Start an unsere Arbeit. Die Chaluzim stapften über die Schneefelder Sibiriens, über die Steppen der Ukraine, sie stapften auf jedem Haupt- und Nebenweg der Welt. Mr. Lloycl Georges Ausspruch gab uns eine Chance und, ermutigt durch diesen Ausspruch, stapften diese Chaluzim dahin. Sie trockneten Sümpfe. Sie brachen Steine. Sie bauten Straßen. Sie schufen Dörfer und Schulen, die Universität und alles, was man heute in Palästina an Fortschritt sieht. Wir opferten unsere Mittel und unserö Finanz- und unsere Geisteskräfte zu einer sehr schweren Zeit. Welche ifrtümer wir immer machten — und wir haben sie gemacht wie irgendwer —, war doch die Leistung als ein Ganzes respektabel. Es steht da vor dem Antlitz der ganzen Welt. Ich entsinne mich des altem Ausspruches:.«Daß ihrer nur nicht zu viel werden, daß sie nur nicht zu stark werden, daß sie nur nicht das schaffen, was sie sich zu schaffen Vornahmen!» Darin liegt die Angst unserer Gegner. Wir haben es geschaffen, unser Werk hat sich das Interesse und den Respekt der Welt erzwungen. Es hat die großen jüdischen Gemeinden der j Welt gezwungen, sich vor der Leistung zu beugen. In Zürich hat sich dieser Respekt zur Teilhaberschaft der Jewish Agency gestaltet. Wir erhoben uns vom Züricher Kongreß und sahen vor uns die Vision eines größeren Werkes von mehr urbar gemachtem Boden, von mehr Schulen, von mehr Ausrottung der Seuchen, von mehr Fortschritt — da wehte der Gluthauch von der Wüste her und eine zerstörende Macht Versuchte mederzubrennen, was wir mit so viel Mühe geschaffen. Es gelang nicht Es versagte, doch erschütterte es die Grundfesten, auf dehen unser Werk erbaut ward. Ich spreche es — frei vom Geiste der Ueberhebung—-aus: Es war ein Kampf der Wüste gegen Fortschritt und Zivilisation und selbst heute hört man noch Leute sagen: «Ja, was Ihr vollbracht habt, ist vielleicht sehr gut, aber die Araber in Palästina führten ein geruhsames Leben, sie waren pittoresk, sie paßten in die Landschaft. Das jüdische Volk aber ist zudringlich und nicht pittoresk. Ihr paßt nicht in die Landschaft. Ihr trocknet Sümpfe. Ihr vernichtet die Malaria, und Ihr tut es so, daß die Moskitos zu den arabischen Dörfern weiterfliegen. Dies hat man erst gestern, als Zeugenaussage vor der Untersuchungskommission, bekundet. Das erinnert einen an den bekannten Kampf der Versumpfung gegen den Fortschritt, Leistung, Gesundheit und Erziehung. Die .Wüste gegen die Zivilisation. So liegt heute unser Rechtsfall vor der Welt, und ich glaube, es ist ein Rechtsfall, den wir mit Würde vertreten können. Wir vertreten vor allem den Standpunkt, daß wir in dieses Land gekommen sind, nicht nur auf die Zusage großer Regierungen, sondern daß wir auf Grund unseres eigenen Rechtes gekommen sind. Dies Recht ist anerkannt, ist festgelegt. Dies Recht haben die Juden durch Jahrtausende mit sich getragen. Wir gaben es niemals auf. Wir vergaßen es niemals und wir wichen nicht von ihm. Und nun kehrten wir heim. Heim, trotz allem, trotz aller Schwierigkeiten, ja, zwischen den Zähnen der größten Schwierigkeiten. Um so schwerer die Aufgabe, um so größerer Mut beseelte uns. Die letzten Ereignisse erwiesen, daß nicht ein einziger Jude in Palästina irre wurde. Man war in London und New York mehr erschreckt als in Jerusalem. Und hier ein Wort über die Araber 1 Ich habe nicht vor, Kamplimente zu sagen. Lange bevor als dies geschah, hat die höchste zionistische Institution einen Beschluß gefaßt, der meiner Ansicht nach die Beziehungen umschreibt, die, wie ich zu Gott hoffe, zwischen uns und den Arabern walten werdeu. Dies sage ich nicht zum Frommen jener, die es vergessen haben, sondern mehr zum Frommen jener, die es gerne vergessen möchten. Lassen Sie mich diesen Beschluß vorlesen: (Fortsetzung auf Seite 2, 2. Spalte.)