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Die Stimme · 1929-12-19 · Heft 105 (19.12.1929) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 105 (19.12.1929)
Date
1929-12-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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DIE STIMME Kt 105 i&SSSV \ rreichischen Zionisten Wir tieibca bisher auf die Angriffe der ...Neuen Welt“ nicht erwidert. Wir wollten unseren Gegnern nicht das beschämende Schauspiel der Selbstzerfleiechung bieten. Unsere Zurückhaltung hat den Herausgeber der „Neuen Welt“ offensichtlich kühner gemacht. Die Angriffe sind noch häufiger und hemmungsloser geworden. Wir erklären ausdrücklich, daß wir uns mit Herrn Oberbaurat Robert Stricker tunlichst>in Zeitungspolenrken nicht einlassen werden. Wir halten es aber für notwendig, ein für allemal jenen Tatbestand festzustellen, der den Beweis erbringt, daß die Angriffe sachlich unbegründet und lediglich der Ausfluß einer ungeheuerlichen 'Verhetzung sind, die um so verblendeter ist, als sie sich gegen Männer richtet, die heute jene Arbeit fortsetzen, die sie durch Jahrzehnte als Mitkämpfer und Weggenossen Strickers geleistet haben. Herr Stricker und das Wahlrecht in der Kultusgemeinde Die zionistischen Kultusmandatare haben das allgemeine Wahlrecht „verraten“. Mit dem Vorwurf des Verrates ist Herr Stricker überhaupt sehr rasch bei der Hand. Bis zur Erweiterung der Jewish Agency konnte man Woche für Woche in seinem Blatte lesen, welchen ungeheuren „Verrat“ Prof. Weizmann begeht. Nach Abschluß des Paktes Weizmanns mit der Marshall-Gruppe ließ er einen seiner hoffnungsvollsten Jünger den anmutigen Satz schreiben, der Verrat der Griechlinge zur Zeit der Makkabäer sei eine niedliche Angelegenheit gewesen im Verhältnis zum Verrat Weizmanns. In der Nummer vom 7. Juni 1929 schrieb er selbst von der „Preisgabe der zionistischen Volksbewegung durch das Aktionskomitee“, daß die Exekutive der zionistischen Weltorganisation aus einfältigen Schwächlingen be-stehe, ist für ihn immer eine ausgemachte Sache gewesen. Unsere Freunde können sich also in dieser Gesellschaft von Verrätern vollständig wohlfühlen. Ihr Verrat besteht nach Stricker u. a. darin, daß sie nach den im Dezember 1928 stattgefundenen Wahlen der Union die Konzession machten, daß sie in Sachen des Wahlrechtes durch ein Jahr keinen Initiativantrag stellen werden. Eigentlich hat das verräterische Treiben schon früher begonnen. Ende November 1927 ist in einem poale-zionistisohen Blatte auch von einem Verrat am Wahlrecht zu lesen gewesen, aber diesmal zur Abwechslung von einem Verrat Strickers. Dieser Vorwurf traf ihn sonderbarerweise so tief, daß er in einer Sitzung des Klubs der Mandatare, der auch der selige Oberrabbiner C h a j e s beiwohnte, verlangte, es möge die Koalition mit der Union — die bekanntlich ein Werk Strickers war — wegen der Haltung der letzteren in der Wahlrechts^ frage sofort gelöst und Neuwahlen erzwungen werden. Gegen diesen Vorschlag sprach sich die Mehrheit des Klubs aus taktischen Gründen schon deshalb aus, weil die ordentlichen Wahlen ohnehin bevorstanden und deren gewaltsame frühere Herbeiführung der Gegenseite sicherlich einen erwünschten Agitationsstoff gegeben hätte. Auch Oberrabbiner Chajes war gegen diesen Antragund. sprach die Meinung aus, daß Neuwahlen auf der Plattform „Jüdische Erziehung“ durchzuführen seien. Einige Tage nachher wurde er uns durch den Tod entrissen. Kaum hatte er die Augen geschlossen, als Stricker und Dr. Plasehkes das Kultuegemeindemandat, das ihnen von der Zionistischen Organisation unddurchaus nicht von den „Radikalen“ anvertraut worden war, und das sie demnach nach den Weisungen der Landesorganisation und durchaus nicht nach den Befehlen von niemand verantwortlichen Mitgliedern ihres Klubs zu versehen hatten, niederlegten. Dies war ein in unserer Organisation noch nie dagewesener Disziplinbruch, für den Herr Stricker sicherlich die Worte größter Entrüstung gefunden hätte, wenn er nicht von ihm selbst begangen worden wäre. Merkwürdig ist hiebei aber, daß Herr Stricker knapp ein Jahr vorher eine Haltung eingenommen hatte, welche diese Mandatsniederlegung als höchst inkonsequent erscheinen läßt. Die Haltung der „Union“ in der ■ Wahlrechtafrago hatte nämlich schon lange vorher die tiefste Verstimmung bei den zionistischen Kultusvoratehern horvorgerufen. Bei der Klubsitzung Vom 22. Dezember 1926, die knapp vor der Abstimmung über das Budget stattfand, berichtete Herr Stricker als Klubobmann über seine Verhandlungen mit der Majorität in dieser Frage und verwies darauf, daß die Majorität das Begehren nach Einsetzung eines Wahlreformauseohusses als Bruch der Koalition ansehe. Ueber diese Mitteilung entstand die größte Erregung und es wurden allgemein energische Maßnahmen verlangt. Wie aus dem Sitzungsprotokoll hervorgeht, stellte Dr. Plasehkes den Antrag, gegen das Budget zu stimmen, welchem Antrag sich Dr. Ehrlich angeschlossen hatte. Herr Stricker verlangte jedoch, daß der Klub für das Budget stimme, worauf zufolge seines entscheidenden Einflusses in diesem Sinne Beschluß gefaßt wurde. Da wir nicht annehmen können, daß Herr Strikker damals das Wahlrecht „verraten“ oder „preisgegeben“ oder „einen nackten Wortbruch gegenüber der Wählerschaft“ begangen hat — alles Lieblingsworte aus seinem radikalen Wörterschatz — kann man daraus eben nur den Schluß ziehen, daß bei derartigen Entscheidungen Erwägungen politischer und taktischer Natur maßgebend sein müssen und daß somit Herr Stricker der Letzte ist, der das Recht hat, anständige Menschen als politische Lumpen hinzustellen, weil sie gestern der Ansicht waren, die er selbst noch vorgestern vertreten hatte. Herr Stricker vor und nach den letzten Kultusgemeindewahlen Als wir im Sommer 1928 mit den Vorbereitungen zu den Kultusgemeindewahleh begannen, diktierte uns Herr Stricker die Bedingungen, die von uns zu erfüllen wären, wenn er mit uns gemeinschaftliche Sache machen sollte. Wir haben uns seinem Diktat gefügt. Nachdem wir beschlossen hatten, den Wahlkampf gegen die Union zu führen — ein Entschluß, der uns nach der mit der Koalition gemachten Erfahrung eehr leicht fallen mußte — erklärte uns Herr Stricker, er werde uns im Wahlkampf in jeder Weise unterstützen. Aber sofort nach dieser Zusage erhielten wir trotz vollständig ungeänderter Situation ganz unvermittelt ein Schreiben, das neue Bedingungen enthielt, auf die kein seiner Würde bewußter Mensch eingehen konnte. Und so stand Herr Stricker während des ganzen unter der leidenschaftlichen Teilnahme der zionistischen Welt geführten Kampfes abseits und seine Gruppe beteiligte sich weder an irgendeiner Arbeit noch an der Aufbringung des Wahlfonds, Geradezu demonstrativ gab Herr Stricker zu verstehen, daß der Wahlkampf nicht seine Angelegenheit sei. Schon im Frühling hatte er, als man einen Weg zu ihm suchte, erklärt, er werde bis zu den Wahlen schweigen, am Tage nach der Wahl werde er aber erklären, warum es zur zionistischen Niederlage kommen mußte. In diesen Worten hat er den wahren Grund seiner Abstinenz verraten; er rechnete mit einer schweren Niederlage der zionistischen Organisation. Da er sich aber in diesem Falle, wie auch sehr oft vorher und nachher, nicht als besonders guter Prophet bewährte, verkündete er nach der Wahl zur allgemein Heiterkeit, der zionistische Sieg sei s e i n Erfolg, weil die Zionsten den Wahlkampf in seinem Geiste geführt hätten. Es bleibt nur die Frage offen, warum sich Herr Stricker an diesem von ihm mit dem höchsten Lobe bedachten Kampf nicht beteiligt, warum er seine Kandidatur abgolehnt und offenbar verschuldet hat, daß die Zionisten im Jänner 1929 nicht als stärkste Gruppe in die Kultusgemeinde eingezogen sind. Sofort nach der EHJCHEE3STUBS M. RATH Buchhandlung, Antiquariat, Leihbibliothek Wien, li„ Taborstraße 20 a, Tel. R-43-1-58 M. RATH’S bietet Ihnen eine reiche Auswahl von Suchern aller Art, insbesondere von Neuerscheinungen im Original, bzw. geschmackvollen Bibliothekseinband. Außer den deutschen Büchern auch englische, hebräische, jiddische u, Doutseh-Judaica in reicher Auswahl. Täglicher Umtausch Den ganzen Tag vpn 8 bis 6 Uhr geöffnet Monatsgeböhr nur S — Keine Bandgebiihr Wahl wurde aber ein neuerlicher „Verrat“ begangen. Herr Stricker hatte nämlich, wie schon oben angedeutet wurde, die sonderbare Idee, von uns zu verlangen, daß wir den neu gewählten Kultusvorstand sprengen und Neuwahlen erzwingen sollen, falls die „Union“ keine Zusage wegen Einführung des allgemeinen Wahlrechtes machen sollte. Wir waren durchaus nicht in der Lage, diese Förderung als besondere politische Weisheit zu respektieren und uns von Herrn Stricker, der uns in den vorangegangenen Jahren bei den politischen Wahlen von einer Niederlage zur anderen geführt hat, in eine neue Niederlage hineinführen zu lassen, um auch noch den letzten Stützpunkt zionistischer Politik zu verlieren. Konnte ein vernünftiger Mensch annehmen, daß die Wählerschaft, die ohnehin schwer zu den Kultusgemeindewahlen zu bringen ist, im März 1929 für uns ein günstigeres Votum abgeben werde als drei Monate vorher? Herr Stricker war allerdings gut ausgeruht, denn der Aufenthalt im Hinterland ist auch während eines Kultusgemeindewahlkampfes nicht sehr anstrengend. Wir aber waren am Ende unserer physischen Kräfte angelangt und unsere Geldmittel waren mehr als erschöpft. Oder hätten uns die Parteigenossen bei den elenden wirtschaftlichen Verhältnissen abermals die Kosten eines neuen und noch dazu mutwillig heraufbeschworenen Wahlkampfes zur Verfügung stellen können? Wir haben unseren Kampffonds ausschließlich 'aus den Händen von Zionisten empfangen. Wir haben auch nicht die Gewissenlosigkeit aufgebracht, überflüssigerweise nochmals alle Leidenschaften aufzupeifsehen und waren als ernste Menschen der selbstverständlichen Ansicht, daß nach den Unruhen des Kampfes eine gewisse Zeit der Sammlung sowohl im Interesse unserer Organisation, äl« im Interesse der Gemeinde notwendig ist. Herr Stricker und das Budget der Wiener Kultusgemeinde Das letzte Budget der Wiener Kultusgemeinde bot Herrn Stricker den willkommenen Anlaß zu den heftigsten Angriffen gegen die zionistischen Mandatare. Jeder Kenner des Budgets weiß zwar, daß sich dieses Budget in seinem ganzen Aufbau gar nicht von den vielen vorangegangenen Budgets unterscheidet, für die Herr Stricker gestimmt hat, und auch er weiß dies natürlich sehr genau; nichtsdestoweniger ruft er aber zornig aus: „Für die Kreditnot des jüdischen Mittelstandes, für die erwerbslosen jüdischen Angestellten wird nicht« getan!“ Diese Feststellung entspricht sicher, den Tatsachen, nur hat Herr Stricker vergessen zu erklären, warum er die zionistischen Mandatare dafür verantwortlich, macht, daß sie in wenigen Monaten nicht zuwege brachten, was in den vorangegangenen 15 Jahren selbst unter sednbr Führung nicht möglich war. Die Forderung nach Errichtung einer Kreditkasse steht nach wie vor im zionistischen Programm. Aus welchen Mitteln aber die Kultusgemeinde, neben ihren allgemeinen Fiirsorgeinstitutionen, auch hoch eine Arbeitslosenfürsorge errichten soll, ist ein Rätsel, das Herr Stricker noch zu lösen haben wird. Selbstverständlich erregt auch die neue Zeremonienhalle am Friedhof etwas verspätet — «einen heftigen Zorn. Don Gipfelpunkt der Demagogie bedeuten die Än der Nummer der „Neuen Welt“ vom 19- April 1. J. enthaltenen Sätze: „Die 25 Milliarden, welche für den Bau einer pompösen Friedhofshalle — sie ähnelt Im Innern dem Kassenschalter einer Söhwiindelbank oder eines Kinos — verwendet wurden, fohlen an allen Eoken und Enden. Die Armen, Kranken und die Jugend büßen dafür.*4 Daß aus den Baukosten von 18 Milliarden Kronen im Handumdrehen 25 Milliarden gemacht werden, sei nur als ein nebensächliches Detail feetgestollt, das bei der Ungeheuerlichkeit dieser Kampfesweise eine ganz untergeordnete Rolle spielt. Herr Stricker spekuliert nämlich auf das schlechte Gedächtnis seiner Umgebung und vergißt iEr zu erzählen, daß er höchstpersönlioh Mitglied des Bau- Icomitecs war und daß alles mit seiner vollsten Zustimmung geschehen ist. Er war der Vertreter der zionistischen Kultusvoreteher in diesem Baukomitee und trägt füj

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