Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 92 (19.9.1929)
- Date
- 1929-09-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 92 DTE STIMME Seite U Der Halsmann-Prozeß Bin Gespräch mit Dr. Preßburger Der Berichterstatter polnischer Blatter, Dr. Josef Finkeistein, 6tellt uns nachstehendes Gespräch mit dem gewesenen Verteidiger Halsmanns zur Verfügung. (Red.) Der Prozeß H a 1 s m a n n hält begreiflicherweise die jüdische Oeffentlichkeit in Spannung, da es sich um einen Vatermord handelt, der bei den Juden noch nie vorgekommen ist. Der berühmte Verteidiger Dr. Preßburger, dem die neuerliche Aufrollung dieses Falles vor den Geschwornen zu verdanken ist, war so liebenswürdig, nrr folgende Einzelheiten über diesen merkwürdigen Indizienprozeß mitzuteilen: „Erst anläßlich meiner öfteren Besuche Halsmanns während seiner Untersuchungshaft gewann ich die Ueberzeugung von der Schuldlosigkeit H. Er ist nicht der Typus eines Menschen, der sich im Fluge Sympathien erobert. Erst allmählich erkennt man, daß man es mit einem guten, redlichen und hervorragend ’nteiligenten Menschen zu tun hat. Er warb nie um Sympathien, und doch kamen seine Bekannten aus Riga und Deutschland scharenweise zu mir, versicherten und schworen auf alles in der Welt, daß sie ihn für unfähig halten, eine solche Tat zu begehen. Sogar die Verwandten des Vatordie durch seinen plötzlichen Tod materielle Schäden erlitten, glaubten fest an die Unschuld des Studenten und umgaben ihn nach dem ersten Urteil mit aufmerksamer Zärtlichkeit. Und nun ist die Frage, ob der junge Halsmann in momentanem Affekt gemordet hat, ob überhaupt im vorliegenden Falle die Möglichkeit eines Mordes besteht. Die Voraussetzung eines Totschlages ist immer ein impulsiver, zorniger Charakter. Alle Bekannten des Halsmann erklärten jedoch einmütig, er sei ein ruhiger, sich stets beherrschender Mensch, unfähig einer Affekttat. Sein ganzes Wesen ist diszipliniert und natürlich; als ich ihm nahelegte, er möge nicht immer seine Unschuld unterstreichen, weil das auf die Geschwornen schlechten Eindruck macht, war er nicht imstande, sich an meine Weisung zu halten. Bei ihm ist nämlich das Bewußtsein seiner Unschuld der kategorische Imperativ, alles übrige geht ihn nichts an. Bei den Indizien, die gegen ihn sprechen, handelt es sich hauptsächlich um den blutigen Stein und um die Blutspuren, die zum Bach führen. Auf diesen Indizien gr'ündej; der Staatsanwalt seine Anklage. Es ist nicht Sache der' Verteidigung, Beweise der Unschuld des Angeklagten zu geben, es ist vielmehr Sache des Staatsanwaltes, die Schuld im ganzen Umfange zu beweisen. Und dies tat der Staatsanwalt nicht. Ich,“ sagte Dr. Preßburger, „konstruiere diesen tragischen Fall folgendermaßen: Der alte Halsmann, ein starker Vollblutfünfziger, 'unternahm öfters Bergtouren. Er tat es aus Eitelkeit, um damit zu protzen. Bei diesen Touren wurde er oft schwindlig und erlitt Herzanfälle. An dem kritischen Tage marschierte er neun Stunden ununterbrochen mit seinem Sohne. An der abschüssigen Stelle wurde er schwindlig und fiel in die Tiefe. Auf seine Hilferufe eilte der junge Halsmann herbei und als er den schwerverwundeten Vater sieht, rennt er verzweifelt Hilfe suchen. Auf der unglücklichen Stelle befand sich auch ein junger Hirte, der dann mit ihm zusammen rennt. Es vergeht eine halbe Stunde, bis der junge Halsmann zurückkehrt mit der Rettungsexpedition. In der Zwischenzeit kommt ein Straßenräuber des Weges (die Gegend wimmelt von Räubern), beraubt den verwundeten Halsmann seiner Barschaft und versetzt ihm mit dem Stein die tätlichen Stöße. Dies ist der blutige Stein, den der junge Halsmann anfangs nicht sah. In diesem Falle ist daher ein Zusammenhang zwischen dem Fall in die Tiefe und dem Raubmord. Der Beweis dafür ist, daß man erst viele Wochen nach dem tragischen Vorfall die blutigen Banknoten neben einem Bach fand. Die wurden wahrscheinlich vom Raubmörder dort hingeworfen, da er diese Beweise nicht bei sich 'tragen wollte. loh bin überzeugt,“ so schloß Dr. Preßburger, „daß die Wahrheit den Endsieg davontragen wird.“ Im Zeichen der neuen Alijah Der größere Teil der Olim fährt mit dem Transport, der am 26. d. M. von Triest abgeht. Mit diesem fahren auch die Chaluzim aus Wien und ein großer Teil aus der Tschechoslowakei. Aus diesem Anlässe veranstaltet der Hecha- 1 u z am M o n t ag, den 23. d. M„ im F e s t s a a 1 des Hotel Post eine Aüjahkundgohung. Ebenso wird eine xAbschiedsfeier am Bahnhof stattfindon. Darüber werden noch nähere Mitteilungen an die einzelnen Organisationen ergehen. Gründung einer Ortsgruppe des Hechaluz in Graz Der Appell, den der Hechaluz an die jüdische Jugend erlassen hat, ist nicht ohne Erfolg geblieben. In allen Jugendbünden ist eine rege Hachscharahbewegung wahrzunehmen. Alle Bünde stellten das Problem der Chaluziut in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Jeden Tag kommen neue Menschen in den Hechaluz, auch von solchen Kreisen, wo noch vor ganz kurzer Zeit von Chaluziut nicht die Rede sein konnte. Das stellt den Hechaluz vor ganz neuen Aufgaben, da alle Neueingetretenen gleich zur Hachscharah gehen wollen. In diesen Tagen ist auch in Graz, wo eine Gruppe von Schomrin und früheren Blau-weißen besteht, die Vorarbeit zur Gründung einer Ortsgruppe des Hechaluz getroffen worden. Schon in dieser Woche wird die Gründung erfolgen. All das stellt die zionistische Oeffentlichkeit vor die Aufgabe, sich mehr um den Hechaluz zu kümmern, der die Organisation ist, die die Menschen für Palästina vorbereitet und in diesen Tagen von neuem bewiesen hat, daß sie sich ihrer Verantwortlichkeit und ihrer1 Aufgaben bewußt ist. Der jüdische Hochschüler Die Mensa academica judaica ohne Geldmittel Helfet den jüdischen Studenten 1 Der Verein zur Erhaltung und Förderung der Mensa academica judaica, der sich zur Aufgabe gemacht hat, den Studenten in der Mensa academica judaica ein Mittagessen — oft die einzige Mahlzeit des Studenten — ohne jedes oder nur ein ein, sehr geringes, an die tatsächlichen Gestehungskosten nicht heranreichendes Entgelt zu bieten, ist zu Beginn des neuen Schuljahres aller Geldmittel bar. Um doch die «Mensa academica judaica», in der hunderte jüdische Studenten ausgespeist werden, wieder eröffnen zu können, sieht sich der genannte Verein gezwungen, die Aufmerksamkeit der gesamten jüdischen Oeffentlichkeit auf diese für die jüdische Studentenschaft lebenswichtige Institution zu lenken und zur raschen und ausgiebigen. Hilfe aufzurufen. Adressen für Geldsendungen.: Verein zur Erhaltung und Förderung der Mensa academica judaica, IX., Zimmermaivnplatz 8; Pöstsparkassenkonto Nr. 30.372. Bethaus ln der Mensa academica judaica. Der «Verein zur Erhaltung und Förderung der Mensa academica judaica» errichtet heuer zu den hohen Feiertagen ein temporäres Bethaus im Lokale der Mensa academica judaica, IX., Zimmermannplatz 8. Kartenverkauf im Bureau der Mensa, IX., Zimmermannplatz 8, täglich von 9 Uhr vorm, bis 5 Uhr nachm. Literatur und Kunst Eine neue Gedlchtesaminlung von Uri Zwl Griinberg «Der Haushund» erschien in Jerusalem. Der Dichter beklagt sich in starken Worten über den Mangel der messianischen Idee in der jüdischen nationalen Bewegung. Eine Monographie Uber Jesaias. Der hebräische Gelehrte Mendel Wohlmann gab eine große Monographie über den Propheten Jesaias und seine Zeit heraus. Das Werk beinhaltet einen historischen Teil und ein Kommentar. Autobiographische Erinnerungen A. Reisens erschienen im B. Kleckin-Verlag in Warschau. Das Buch ist ein interessanter Beitrag zur Geschichte der jüdischen Literatur. «Leben Heinrich Heines aus Dokumenten und Briefen» von Prof. Fritz Strich erscheint demnächst als elfter Band der gesammelten Werke Heinrich Heines im Verlag GeoTg Müller. München. Ernst Zahn: «Die Tochter Dodals». Deutsche Verlagsanstalt. Stuttgart, 1929. Zahn hat seine Erzäniung der biblischen Darstellung entlehnt. Die Geschichte von König David und seinen Söhnen Salomo, Absalon und Adonio ist unverändert erhalten, und dichterisch die Person der Tochter Dodais, Abisag, in ihrer Liebe zu Adonio geschildert worden. Dieser neue Roman des beliebten Schweizer Dichters lenkt die Aufmerksamkeit auf bisher wenig beachtete Stellen der Bibel. Moses Mendelssohn. Eine Auswahl aus seinen Brieten und Schriften, zweite Auflage, Verlag J. Kaufmann, Frankfurt a. M. 1929. Die wesentlichen Betätigungsgebiete Moses Mendelssohns sind hier durch eine Auswahl bezeichnender Teile seiner Schriften vertreten. Wer sich einen allgemeinen Ueberbllck Über den Charakter und die Leistung Moaes Mendelssohns verschaffen will, dem ist an der Hand dieses Buches die Möglichkeit gegeben. Eine Einstein-Handschrift für Amerika. Professor Albert Einstein trug in diesem Jahre in der Preußischen Akademie der Wissenschaften eine Abhandlung «Zur einheitlichen Feldtheorie» vor. die. wie man weiß, eine wesentliche Erweiterung unseres physikalischen Weltbildes bringt. Die Handschrift dieser Abhandlung ist von zwei New Yorker Bankiers. George W. Davison von der Central Union Trust Company und dem Bankier Albert W. Johnson erworben worden. Allo musikalischen Werke von J, Engel, dem jüdischen Komponisten, welcher in Palästina gestorben ist, wurden dem jüdischen Lehrstuhl an der Universität in Wien übergeben. Die künstlerische Nachlassenschaft des Komponisten umfaßt über 300 musikalische Werke. «Im Westen nichts Neues» von Erich Marie Remarque erschien in Jiddischer Sprache im Moskauer jüdischen «Zentralverlag». Es ist bereits die vierte Ucbersetzung des berühmten Buches ln die jiddische Sprache. Deutsche Literatur ln hebräischer Sprache. Nach einer Bibliographie, die in der Jüdischen National'bibiiothek in Palästina bearbeitet wurde, wurde im Laufe der letzten Zeit eine größere Reihe von Schriften aus dem Deutschen » ins Hebräische übersetzt, darunter Werke von: Bacher, Joseph Haydn, Theodor Herzi, David Hoffmann. Gottfried Keller. Graf Keyserling. Walter Lehmann, F. W. Mader Karl Marz, Friedrich Engels, Max Mell, A. Neuburger, I. H. Pestalozzi. Arthur Schnitzler u. a. Hebräische Gedichte eines Westjuden. Demnächst erscheinen im Verlage Dr. Josef Flesch in Prag die hebräischen Godichte von Georg Langer. Einige davon wurden seinerzeit in der Warschauer hebräischen Zeitschrift «Koloth» gedruckt. In Prag ist seit genau hundert Jahren kein ' hebräisches " Gedichtsbuch eines lebenden Autors herausgegeben worden. «.lud Süß» in jiddischer und hebräischer Ueberset2ung. Der berühmte Roman von Lion Feuchtwanger erschien kürzlich in einer hebräischen Uebersetzung von Awi-Saul in Tei-Aviv und in einer jiddischen Ucbersetzung von Ka’- manowicz im Rigaer Verlag «Bücher für alle». Prof. Juliusz Wolffohn hat ein größeres Werk jüdifcher Mufik vollendet. Es Hl dies ein Zyklus von fechs Klavicrilücken, betitelt „Stimmungsbilder aus der Kinderwelt“. Der Künülcr hat feine bekannte und beliebte Art des Komponierens noch erweitert und fchuf in feinem neueflen Werke die Verbindung der fynagogalen und Volksmufik, die teils nadi Originalmotiven, teils felbfl erfundene, echte jüdifdhe Volksthemen verwertete. Prof. Wolffohn wird in diefer Saifon dielen Zyklus mehrercmal hier und im Auslande felbfl fpielen und wird diefe Werke auch für andere Instrumente arrangieren. Im Verlage der Wizo Hl eine Brofdiürc „Frauenfragen in Paläflina“ erfaiicncn, redigiert von Gerda Arloforoff. Das Heft enthält Beiträge von Hedwig Gellner, Gerda Arloforoff, Arfdiowfky u. a. über die Situation der paläftincnfifchcn Frauenbewegung und folite von allen Ortsgruppen bei der Zentrale bezogen werden. Jüdischer Sport Die Spiele der Hakoah Das Herairsfondenmigsspiel Hakoah gegen Sportklub endete mit einer unverdient hohen 4:1-Niederlage der Blau-Weißen. In diesem Spiel zeigte es sich, daß die Hakoah Uber einen glänzenden Nachwuchs verfügt. Die Junioren Anistier, Liebermann, Strum, die kurze Zeit mitwirkten, hielten sich nicht schlecht. Die Hakoah- Mannschaft muß aber durch zwei bis drei gute Spieler verstärkt werden, um sich in der Liga zu behaupten. Hakoah hatte in der Verteidigung den besten Mannschaftsteil. Feigl im Tor zeigte etliche schöne Paraden und hielt, was zu halten war. In der Deckung ragte Löwinger durch vorzügliches Kopfspiel hervor. Der Angriff konnte sich nur selten zu einem einheitlichen Zusanunenspiel aufpaffen. Den einzigen Treffer schoP Bader. Makkafoi-Hazair, Wien. Das MakJkab i- Sommerlager fand dieses Jahr m Burgau, Steiermark, statt. Es wurde von der dortigen Bevölkerung tatkräftig unterstützt, indem . die Volksschule im Schloß des Ortes zur Verfügung gestellt wurde. Zunächst wurden die Jüngeren (11 bis 14 Jahre) in einer Siedlung zusammengefaßt. Es wurden Lieder gelehrt, täglich wurde über irgendein jüdisches Thema gesprochen, abends wurde oft gelesen. Sonnenaufganigswanderungen, ein Heidelbeerwettsiiciien, eine Fuchsjagd wurden veranstaltet. Baden und Waldspaziargänge vervollständigten das Programm. Dieser erste Teil der Lageraktion dauerte drei Wochen. Anschließend fand das Lager der Aelteren (16 bis 19 Jahre) statt, das von 5 Makkabim geleitet wunde, die die Lagerteilnehmer aus ihrer Mitte gewählt hatten. Fünf hebräische Kurse wurden dwehgeführt. Außerdem gab es Skouting-Kurse, Vorträge über zionistische Aktualia, Sozialismus, Turn technisches und Körperkultur, ferner Freiübungen und Wasserspringen, Spiele, Lieder, Theaterstücke und Ausflüge. Das Lager stand unter dem Eindruck des letzten Makkabi-Kongresses in Mähir.-Ostrau, an dem alle teilgenommen hatten, sowie unter dem Einfluß des Ziomstenkongresses in Zürich, dessen Protokolle Gelegenheit zu eingehenden Erläuterungen und Diskussionen gaben. Jenö Konrad, der bisherige Trainer des V/. A. C„ wurde von der Hakoah verpflichtet. Konrad hat seiner Vertrag mit dem W. A. C. gelöst und bereits den Dienst bei der Hakoah angetreten. Hakoah unterlag in der Hockey-Meisterschaft gegen V. f. B. 1:2. Im Rahmen des Schwimm-Länderkampfes Oesterreich gegen Ungarn wurde der Damen-Antonie-Gnaf- Wander-Prei« ausgetragen. Hervorragende Leistungen vollbrachten Fritzi Löwy und Hedy Bienenfeld. Austritte aus dem Judentum 31. Juli: Paula Mayer, geb. Gangl, geb. 25. November 1888, Graz, Ied., XVIII., Walrießgasse 4. — 31. Juli: Alfre«! Mayer, geb. 18. September 1923, Wien, led, XVIll., Walrießgasse 4. — 29. August: Melanie Bornstein, geb. 9. Oktober 1911, Wien, led., XIV., Dreihausgasse 32. — 27. August: Kart Klein, geb. 10. Oktober 1904, Graz, led., V., Obere Anitshausgasse 39. — 28. August: Herta Lutz, geb. 29. Mai 1923, Wien, led., II., Alliiertenstraße 17. — 28. August: Charlotte Heß, geb. 6. April 1904, Wien, led., IX., Porzellangasse 19.— 28. August: Leonore Gubert, geb. Birnbaum, geb. 21. Oktober 1870, Krakau, verh., Gussenbauergasse 1. — 28. August* Fdnn Fischer, geb. 7. Juni 1907, New York, led., IX., Löblichgasse 10. — 29. August: Anna Schwarz, geb. Lichowetzer, geb. 14. Jänner 1879, Wien, ger. gesch, IX., Gussenbauergasse 1. — 29. August: Maximilian Ohrenstein, geb. 6. Februar 1883, Tarnopol, verh., II., Praterstraße 55. — 28. August: Soße Kovacs, geh. Jehu, geb. 28. Jänner 1877, Wien, verw., II., Sterneckplatz 22. — 30. August: Maximilian Kohn, geb. 21. Jänner 1899, Wien, led., XV., Johnstraße 34. — 23. August- Antonie Feld, geb. Sochaclci, geb. 18. Mai 1897, Wien, verh., X., Landgutgasse 53.