Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 92 (19.9.1929)
- Date
- 1929-09-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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täfr-2 . Die Lehre aus den Sturmtagen (f) AHmähTIcli verebbt der Proteststurm aus alter Herren Länder und aus der Rauchwolke hochtönender Enunziafionen aus Genf, London und Washington grinst um so bedrohlicher die palästinensische Wirklichkeit. Wer die Erklärungen Macdonalds, Hendersons, Paßfields oder gar Hoovers unter der Wucht eines Massakers beduinischer Banden und der aufschäumenden Empörung der öffentlichen Meinung als politische Errungenschaften wertet — der unterscheidet wohl nicht zwischen politischer Sentimentalität Schwächeren gegenüber und bindenden Verpflichtungen, die eine grundsätzliche Kursänderung oder Umstellung unter dem Zwange vollzogener Tatsachen bedeuten. Alle Erklärungen, Beteuerungen, Resolutionen und Versicherungen von New York bis Johannisburg vermochten auch nicht um eine Haaresbreite das Regime Chancellors und seiner kolonialer Satelliten zu ändern oder zu beeinflussen. Macdonalcl erklärt in Genf, Paßfield beteuert in London und Chancellor empfängt in Jerusalem die Araber als Ankläger, kanzelt den Waad Leumi ab, verhandelt mit dem blutrünstigen Großmufti, liebäugelt mit den Opfern des Aufruhrs und entwaffnet nach wie vor die einzige Feste des Selbstschutzes in Städten und Kolonien, drosselt die hebräische Presse und studiert gemächlich den Wald arabischer Flugblätter, die aus Irak, Alexandrien und Mekka eine Giftwolke über den Jischuw streuen. Macdonald spricht, Paßfield dirigiert und Luke wird in Palästina zu einem lux a non lucendo. So schließt sich der Reigen mit Richmond und Cust, die auf dem Trümmerhaufen des Aufruhrs konspirieren und inspirieren, offiziell bedauern und inoffiziell schüren und alles schlägt um Chancellors läppisches System verständnislos nach rechts und links im flutenden Leben des zu tiefst verwundeten Judenvolkes in Palästina aus. Chancellor hat bisher keine Spur staatsmännischen Weitblicks, administrativer Tüchtigkeit oder diplomatischer Geschicklichkeit gezeigt — und wenn Lloyd über einen Wink der Labour-Regierung mit einer erfrischenden Leichtigkeit aus dem fetten Sattel Alexandriens nach der Regent Street gehoben wurde, kann es wohl auch ein Machtwort vom Kolonial Office nach dem Oelberg geben. Wenn das englische Fair play den Juden gegenüber sich nicht nur in billigen Erklärungen auswirken soll, so muß dem Papierwald der Beteuerungen eine gründliche Aufräumung mit dem Kolonialsystem, das aus Bombay und Kalkutta auf den heißen Boden Palästinas verpflanzt wurde, folgen. Entweder reicht nicht der Arm der Labour Party nach Jerusalem, oder aus dem Paulus wird offenkundig ein Saulus. Die Stellung des «Daily Herald> ist hiezu ein gewichtiges Memento und daß Wedgwood, der noch nicht Minister und daher nach dem Haager Rezept Snowdens seine wiederholten Redewendungen nicht vergessen muß, über den Aufruhr in Palästina so küh! und reserviert sich äußerte, erscheint für die Wendung der ans Ruder gelangten Oppositionspartei Englands ebenso bezeichnend. Wir haben in England, wie sich unzweideutig aus allen Pressestimmen ergibt, noch lange nicht die öffentliche Meinung für uns erobert und sind auch sonst in der ganzen Welt ausschließlich auf uns allein angewiesen. Nichts ist bedrohlicher als der Haschisch der Selbsttäuschung und Illusionen im privaten wtc auch im öffentlichen Leben. Die Front der Sympathie reicht eben nur bis zu den Kundgebungen. Seif supporting oder der Ausspruch der pinskerischen «AUtdeniänzipation»: im ejn ani li-mi li muß fortan unsere einzige und ausschlaggebende Parole am Aufbauwerk sein. Nur die Macht der Tatsachen schafft politische Konstellationen und nicht umgekehrt. Nur einem Starken und tagtäglich erstarkenden Jischuw gegenüber wird England die Rolle des Polizisten auf dem Wege nach Indien und dem Pazific, Palästina gegenüber aufgeben müssen. Einer einheitlichen Machtentfaltung des Weltjudentums gegenüber, die sich in einer viel größeren Einwanderung, Schaffung neuer Kolonien und ökonomisch festgefügter Positionen im Lande auswirkt, wird wohl England sein Kolonialregime nach unserem Ermessen una die Kolonialverwalter mit unserem Einverständnis nach Erez Israel dirigieren. Im Jahre 1921 wagten wir kaum zu stammeln, heute schreien wir im Bewußtsein einer einheitlichen Front des ganzen Judentums in Wut und Empörung auf und müssen unzweideutige Forderungen stellen, die ihren Widerhall nicht nur in London, sondern auch in Jerusalem finden. Die Araberfragc ist keinesfalls eine Frage des Friedens, sondern lediglich eine Frage jüdischer Maclitentfaltung. Der Wald von Beteuerungen und Resolutionen schafft keinen Frieden: weder England noch den Arabern gegenüber. Sind wir schwach, bringt uns keine noch so gewichtige Erklärung um einen Schritt vorwärts, sind wir jedoch stark genug, dann brauchen wir sie nicht. Und dies sei die einzige Lehre aus den Sturmtagen Palästinas DBB STOWE ür. 08 Die Sitzung des A. C. Ansprachen von Weiztnann und Sokolow London, 10, Sepfesnte. ln der Sitzung des A. C. vom 9. September gab Prof. Weizmarm folgende Erklärungen ab: Vertrauen zur britischen Regierung und zum britischen Volk muß auch weiterhin das Fundament der Politik der Zionistischen Organisation sein; es muß aber alles getan werden, daß dieses Vertrauen durch die Tatsachen seine volle Rechtfertigung findet Die Pflicht gebietet es, dem britischen Volke verständlich zu machen, daß der erfolgreiche Aufbau des jüdischen Nationalheimes in Palästina, den zu erleichtern Großbritannien sich feierlich verpflichtet hat, mit seinen eigenen Interessen identisch sei. Leider sind feierliche Versprechungen, die in der Form von Artikeln hn Pati&tina-Mandat gemacht worden sind, noch unerfüllt geblieben, und es sei hoch an der Zeit, daß sie erfüllt werden. Wir haben unsere Arbeit energisch und friedlich, mit alten uns von den Juden der ganzen Welt zur Verfügung gestellten Mitteln durcfrgefUhrt, und der Erfolg unserer Bemühungen in Palästina hat es bewirtet, daß viele, die früher unserer Bewegung kritisch oder gar feindlich gegenilberstanden, Freunde unseres Werkes wunden. Die auf eine Verständigung mit den Arabern hinzielende zionistische Politik sollte unverändert bleiben; es soll nach dieser Richtung hin jede mögliche Anstrengung gemacht werden, sobald eine Satisfaktion im Zusammenhang mit den jüngsten Ausschreitungen erlangt worden sei. Die politischen Ausführungen Dr. Weizmanns wurden von Nahum Sokolow ergänzt. Sokolow legte Wert darauf, zu betonen, daß das zionistische Werk in Palästina nicht nur durch die Balfour-Deklaration, sondern auch durch Deklarationen ähnlichen Inhalts, abgegeben von verschiedenen Regierungen während des Krieges oder unmittelbar noch dem Kriege, die Sanktion erhalten hat. Neuerdings haben Staaten, wie Polen, Rumänien und Südafrika in Deklarationen ihrer Sympathie mit den zionistischen Bestrebungen Ausdruck gegeben. Auf diese Weise beruht unsere Arbeit in Palästina auf einer internationalen Bürgschaft. Diese Tatsache-muß der ganzen Weit vor Augen geführt werden. Den jüngsten Aufruhr rn Palästina betrachtet Sokolow als eine Revolte gegen die britische Regierung, um diese Regierung zu zwingen, Ihre Palä&tma-Polrffik zu ändern. Die zwei großen Probleme, mR denen wir uns zu befassen haben, sind: Lösung des arabischen Problems und Aufbringung entsprechender Fonds für Einwanderung und Wiederaufbau. Man darf die arabisch-jüdische Frage, die schon vorher bestand, nicht verquicken : mit den jüngsten Scheußlichkeiten und Massakers, die das Ergebnis verleumderischer Agitation sind. Zwischen der arabischjüdischen Frage und der Barbarei von Hebron besteht kein direkter Zusammenhang. Wir müssen alles mögliche tun, damit in Zukunft keine Möglichkeit für Ausschreitungen gegeben sein soll und versuchen, bei der nächstmöglichen Gelegenheit uns mit den Arabern zu verständigen. Es sei absurd, von der Möglichkeit einer Aenderung in der Verwaltung des Mandates für Palästina zu reden. Dr. Victor Jacobson teilte mit, daß Herr Procop e ihm gesagt habe, die Mandatskommission erwarte, daß ihr ein vollständiger Bericht der Untei^uchungskommfesion für Palästina unterbreitet werde. Die Lösung des arabischen Problems, fuhr Dr. Jacobson fort, sei die dringendste der politischen Aufgaben. Er empfahl verschiedene Maßnahmen zur Aufklärung der öffentlichen Meinung Liber Leistungen und Ziele des Jüdischen Natiorvalheunes. An die politischen Referate knüpfte sich eine allgemeine Aussprache, die den Rest der Sitzung vom Montag und cf?e Sitzungen vom Dienstag ausfüllte. Harry Sachers Rede London, 12. September. Nach Beendigung der Debatte über die politischen Referate ln der Sitzung des Aktions-Comitees der Zionistischen Organisation hielt Harry S- ' Mitglied j der Zionistischen Exekutive, eine Red?r ausi'iihrte, er glaube nicht, daß im Zusammenhang mit den Ausschreitungen in Palästina ein Grund für übertriebene Depression bestehe. Seiner Meinung nach hebe die jetzige Regierung alles getan, was ln dem gegenwärtigen Entwicklungsstadium eine Regierung tun konnte. Aber was sie tut, ist erat ein Anfang dessen, was man voh Bhir erwartet, und ee sei nun Sache der Regierung, ihre Worte im konkrete Tatsachen um zusetzen. .Sacher riet den Kritikern Im A. C. ernstlich, nicht der Verführung zu unterliegen, das jetzige Problem auf das internationale Gebiet hinübergleiten zn lassen. Leider erhält die britische Regierung hinsiohttiefc des Palästina-Mandates nicht die Stütze eines öffentlichen Sentiments, wie es für sic wünschenswert gewesen wäre; hätte sie diese Stütze, sie würde sich viel sicherer auf diesem Boden bewegen. Die Stimmung der OeffentliChkeit in England zeichnet sich, soweit es sich um die Frage Palästinas und der Reichsiuteressen im allgemeinen handdt, durch Gleichgültigkeit aus; diese Uninteressiertheit gegenüber weitergreifenden Fragen der Reichspolitiik ist als eine Nachernte des Krieges aufzu fassen; will man einer befriedigenden Durchführung des Mandates die Wege ebnen, so müsse man die britische öffentliche Melnuftg systematisch erziehen* Das arabische Problem sollte nicht anders als mit Ernst und Achtsamkeit behandelt werden, jeder palästinensische Jude sollte für sein Teil versuchen, in menschlich-freundschaftliche Beziehungen zu den Arabern zu gelangen; dies wäre die beste Methode zu einer befriedigenden Lösung des Problems. Harry Sacher führte weiter aus, er hege keinen Zweifel, dlaß die britische Regierung entsprechende Maßnahmen ergreifen wird, um die Sicherheit in Palästina zu garantieren, und er hoffe, daß weitere Unruhen sich nicht mehr ereignen werden. Man dürfe aber nicht vergessen, daß man bei einem so heroischen Unternehmen wie es der Aufbau des jüdischen Nationalhefans ist, auch mit Opfern an Blut und Gut rechnen müsse. Wir müssen, sagte er, der Regierung klar machen, daß wir bereit seien, einen großen Teil der Verantwortung für die Verteidigung des Landes auf uns zu nehmen. Meiner Meinung nach besteht der wirkliche Schutz des jüdischen Nationalheimes in dem Umfang und in der Qualität dieses Heimes; wir müssen deshalb unser Acußerstes tun, um die Entwicklung der Kolonisationsarbeit zu beschleunig gen. Es wäre ein Unglück, wenn die praktische Aufbauarbeit durch den Klagemauerkonflikt verzögert werden sollte. Sacher schloß mit der Erklärung, die heutige Exekutive, die vom 16. Zionisten-Kongreß gewählt worden ist, sei erst wenige Wochen im Amte; das Aktions- Komitee würde besser beraten sein, wenn es die-Exekutive eher unterstützt als sie in der schwierigen Aufgabe, mit der sie in der gegenwärtigen Zeit fertig zu werden hat, zu kritisieren, einer Aufgabe, die das Ziel hat, die Arbeit und die Kraft der zionisi’!:cn Bewegung auf der gebotenen Höhe zu erhalten. Die politische Debatte in der A. C.-Sitzung L o n d o n, 13. September. Im Verlauf der Generaldebatte führte der Misrachl- Führer Farbstein aus, diese Tagung des A. C. war nicht notwendig gewesen, da die Exekutive angesichts der kritischen Situation diktatorische Befugnisse hatte und nach Gutdünken handeln konnte. Wenn er aber schon Gelegenheit habe, hier zu sprechen, so könne er nicht umhin, zu sagen, daß er mit Weizmann nicht Übereinstintme, der sich über die Deklaration der Mitglieder der britischen Regierung befriedigt äußert Leider ist das Vertrauen des jüdischen Volkes angesichts der Haltung der Palästina-Administration während der Ausschreitungen und seit den Ausschreitungen ernstlich erschüttert. Es ist sehr betrüblich, diafl Juden, die sich zu eigenem Schutz bewaffnet haben, verhaftet worden sind. Farbstein vertrat den Standpunkt, daß jene Beamten der Palästina-Administration, dte für den Ausbruch des Aufruhrs verantwortlich sind, sowie jene Beamten, die Gegner der Politik des jüdischen Natlonalheimes sind, aus der Administration zu entfernen seien. Unbedingt notwendig ist es, daß die Juden innerhalb der Polizei entsprechend vertreten sein sollen. Das Problem der Klagemauer müsse baldigst einer befriedigenden Lösung zugeführt werden. Farbstein forderte, daß in der nach Palästina gehenden Untersuchungskommlssion auch die Jewish Agency vertreten sein soll. Arlos'oroff (Hitachduth) äußerte sein Erstanden darüber, daß die britische öffentliche Meinung so mg aktive Sympathie für den Zionismus und die .. irklich großen Leistungen der jüdischen Kolonisation an den Tag legt. Warum, fragte er, ist der Jewish Agency bisher weder ln Palästina noch in London der ihr gebührende konstitutionelle Statue zuteil geworden? Die allgemeine Erklärung der britischen Regierung, daß Sie die Politik der Balfour-Deklaration und des Nationalhelmes fortiühren werde, sei nicht ausreichend. Es sei nötig, daß die Regierung definitive Versicherung hlnsichtlch der Durch* fflhrung praktischer Maßnahmen zur Verwirk» I lehmig der Bestimmungen des Mandate« abgibt