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Die Stimme · 1929-09-12 · Heft 91 (12.9.1929) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 91 (12.9.1929)
Date
1929-09-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 91 DIE STIMME Seite? Für den Hertoft *E!X Bergmann Was Sie suchen - finden Sie bei uns! Reichste Auswahl in Pullovers, Wollwesten, Strömpfen, Handschuhen, Trlkotagen, Damen-, Herrenu, Kinder* Infolge Iflelner Regien spottbillig! wösche, Pyjamas, Leinenwaren, Berufskleider etc. En gros - en detail!•» RABBNSTEId 3 (Ecke Seltenstettengasse) Vierter Kriegsbrief*) Von unserem palästinensischen Berichterstatter J. G—r. Jerusalem. Die gestrige Nacht wäre fast ruhig vorlibcrgegangen, wenn nicht in einigen Vorstädten durch falschen Alarm und Schlisse der Haganah die Bevölkerung stark beunruhigt worden wäre. Dann beginnt starkes Maschinengewehrfeuer aus der Gegend von Nablus, sowie aus verschiedenen anderen Gegenden ungefähr bis Mitternacht. Arabische Massen, die sich gegen Jerusalem bewegen wollen, werden durch Maschinengewehre in die Flucht getrieben. — Es ist der zweite Freitag seit Beginn des Kampfes. Alle Geschäfte znr.d nocn geschlossen. Nur vereinzelte Fußgänger bewegen sich durch die Jaffastraße. Alle Seitengassen sind wie ausgestorben. Seit dem Morgen ist eine starke militärische Bewegung zu fühlen. Große Last- und Transportautos fahren aus dem Hauptquartier am russischen Platz und bringen Soldaten verschiedener Truppenkörper. Panzerautos und Transportautos mit Maschinengewehren, Stabsoffiziere in kleinen Autos, militärische Motorfahrer sausen durch die Jaffastraße und erzeugen richtige Kriegsstianmung. Gegen Mittag verstärkt sich die Bewegung fieberhaft. Eine Staffel von 15 Aeroplanen kreuzt über der alten Stadt und Über der Qmarmoschee. Die Flieger senken sich tiefer und tiefer bis Uber die Köpfe der Araber im Hof der Moschee, Auch vereinzelte Schüsse fallen; aber bald ist es wieder ruhig und Totenstille herrscht in den Gassen. Lazarettautos mit dem Roten Kreuz bringen einige verwundete Araber, man weiß nicht genau woher. — Die Stimmung in der Stadt ist äußerst gedrückt, besonders durch die Schreckensnachrichten aus Saffed. Saffed. Auch hier ist den Banden ein Werk gelungen, daß an den blutigen Sabbat von Hebron stark erinnert. Noch fehlen die letzten Details, aber die bisherigen authentischen Nachrichten sind schrecklich genug. In der Nacht vom 29. bis 30. August wurde die judenstadt überfallen. Die Haganah war nur sehr schwach und Militär war nicht vorhanden. Zuerst wurde das große Petroleumlager angezündet, daß einem Juden gehört. Dann überfielen die Banden die Häuser — sämtliche Läden in der Stadt wurden vollständig ausgeplündert, die Häuser ausgeraubt und vielfach angezündet. Erst um drei Uhr nachts traf das Militär aus Haifa in Saffed ein. 2000 jüdische Bewohner wurden im Regierungsgebäude und dessen Umgebung untergebracht. Neun Tote und zahlreiche Schwerverletzte wurden sofort gefunden. Auch der leitende Arzt der Hadassah war schwer verletzt und,noch in der Nacht mußte ein Arzt aus Haifa in einem Panzerauto gebracht werden. Später wurden noch 14 Tage unkenntliche Leichen in den halbverbrannten Häusern gefunden. — Schrecklich ist die Not; der Leute von Saffed. Aus Tel-Aviv ist ein großer Lebensmitteltransport eingetroffen, der die momentane Not .ein wenig lindern wird. Tel-Aviv. Die Umgebung von Jaffa und Tel- Aviv ist noch sehr unsicher. Zwischen Tel-Aviv und Ludd wurden in einem Graben zwei erstochene Juden gefunden, sowie eine schwerverletzte Frau mit einem verletzten Kind. T i b e r i a s. Bis heute mittags war die Stadt und die Umgebung in großer Gefahr. Erst heute mittags ist Militär hier eingetroffen, was auch für Kinereth und Daganjah eine Beruhigung ist. Judaea. In Judaea ist es jetzt im allgemeinen still. Gestern wurde Gederah überfallen. Der Angriff wurde aber von den Bewohnern zurückgewlesen. In Petach Tikwah und den naheliegenden Punkten herrscht vollkommene Ruhe. Samaria. In Samaria herrscht vorläufig vollkommene Ruhe. Emek. Es sind bei verschiedenen kleineren räuberischen Ueberfällen Schäden angerichtet worden. Im allgemeinen haben sich fast alle Punkte im Emek sehr gut gehalten. Schützengräben sind an vielen Stellen angelegt worden. » G a 1 H a e a. Außer Ain Sittim, das verbrannt worden ist, sind in den Siedlungen keine Schäden angerichtet worden. Ein Angriff von Beduinen auf Machnaim wurde zu rüekgewiesen. Im allgemeinen scheint sich der Kriegszustand bessern zu wollen. Freilich ist die allgemeine Stimmung nach wie vor sehr gedrückt. Die erste Aussprache der jüdischen Deputation mit dem Oberkommissär ist nicht sehr befriedigend gewesen. Der Oberkommissär scheint sehr von der uns feindlich gesinnten englischen Beamtenschaft beeinflußt zu sein. Ein hoffnungsvolles Telegramm von Dr. Welzmann hat etwas neuen Mut gegeben, wenn sein Inhalt auch noch nicht ganz offiziell bestätigt ist. Klar ist es Allen, daß es hier um «Sein oder Nichtsein» gehen muß, und daß wir, wenn wir Mut zu neuer Arbeit schöpfen wollen, die Erfüllung eines Maximums von Konzessionen von der englischen Regierung erreichen müssen. *) Unser palästinensischer Berichterstatter, ein bekannter Schriftsteller und Journalist, der aus begreiflichen Gründen seine Kriegsberichte mit einem Pseudonym zeichnet, sendete uns fortlaufend in den Tagen des Aufruhrs Korrespondenzen. Da die drei ersten Kriegsbriefe uns — wahrscheinlich aus Zensurgründen — zu spät zugekommen sind, veröffentlichen wir heute nur den vierten Kricgsbrief. (RocD Machtvolle Kundgebung der englischen Judenheit 15.000 Menschen waren In der Albert Hall versammelt, mindestens ebensoviele warteten vergeblich auf Einlaß. — Botschaften von prominenten englischen Führern. — Ansprachen von Lord Melchett, Chiefrabbi Hertz, d'Avigdor Goldsmid, Louis Llpsky, Dr. Weizmann, Harry Sacher, Wedgwood und Arlosoroff. London, 2. September. (J. T. A.) Zu einer machtvollen Kundgebung der Judenheit gestaltete sich die am Sonntag, den 1. September, abends, in der Albert Hall stattgefundene Versammlung, in der zu den Ereignissen in Palästina Stellung genommen wurde. Der Riesensaal, der 15.000 Personen faßt, war gedrängt voll, mindestens die gleiche Zahl Menschen stand auf der Straße und wartete vergeblich auf Einlaß. Den Vorsitz führte Lord Melchett; Ansprachen hielten der Oberrabbiner des britischen Reiches J. H. Hertz, d’Avigdor Goldsmid, Louis Lipsky, Dr. Chaim Weizmann, Harry Sacher, Colonel Wedgwood und Dr. Chaim Arlosoroff. Zu Beginn der Kundgebung wurde ein besonders für diesen Abend verfaßtes Trauergebet gesprochen, das von der Versammlung stehend angehört wurde. Starke Rührung bemächtigte sich der riesigen Menschenmenge, die meisten hatten Tränen in den Augen. ' Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency, Dr. Chaim Weizmann, erklärte, er hege die Ueberzeugung, daß sich die Regierung ihrer Verantwortung voll bewußt und entschlossen sei, das Notwendige zu tun. Er bestellt auf einer peinlich durchgeführten Untersuchung, die sich nicht allein auf die Frage der Verantwortung für den Ausbruch der Unruhen, sondern — darauf lege er besondere Betonung — auch auf die Durchführung Miulk Wien, 2., (3a&mistvnße 8 a JlHodeme aus Aesfem Ü&cSäe&emstt aiMS&etilgkvä j JttTur seriöse Preise fl der Mandatspolitik erstrecken solle. Die wiederholten Anstrengungen der Araber, die das im Entstehen begriffene jüdische Nationalheim durch Gewaltanwendung vernichten wollen, seien nur dadurch zu verstehen, daß die britische Regierung es nicht vermag, den Arabern klarzumachen, daß hinter der Politik des Nationallieims der unerschütterliche Wille der Mandatarmacht stünde. Das jüdische Volk wird durch solche Gewaltanwendung nicht in seinen Anstrengungen wankend gemacht, sondern es wird das Tempo seiner Arbeit noch beschleunigen. Lord Melchett. Lord Melchett, der die Riesenversammlung in der Albert Hall leitete, führte aus, er lasse es sich nicht einreden, daß die Administration in Palästina nicht gewußt haben soll, daß es im Lande gärt. Die Mitglieder dieser Administration haben eine längere militärische Erfahrung hinter sich und unterhielten engere Fühlung mit den arabischen Bewegungen. Sie hätten auch mannigfache Erfahrung bei Ausbrüchen dieser Art, um die notwendigen Vorbeugungsmaßnahmen rechtzeitig treffen zu können. Ihr Versagen in diesem Punkte hat den Glauben der gesamten zivilisierten Welt an Großbritanniens Machtstellung erschüttert. Palästina ist der Schlüssel für das British Empire. Ohne Palästina kann keine Reide sein von einer Sicherheit des Empire. Schwäche in Palästina ist ein Signal für Revolten gegen die Herrschaft Britanniens ln allen seinen Besitzungen überall in der Welt, hauptsächlich aber im Nahen Osten; noch mehr, wenn man die letzten Ereignisse ln Aegypten in Betracht zieht. Lord Melchett kritisierte das Verhalten der lokalen Regierung in den schärfsten Ausdrücken und sagte, was die Juden in zehn Jahren aufgebaut haben, wurde von den Räubern und Mördern in ihrer Zügellosigkeit vernichtet. Es scheint, fuhr er fort, daß die britische Regierung ihre Pflicht, als Mandatarmacht mißversteht. Ihre Pflicht in Palästina ist es, nicht allein den Frieden im Lande zu erhalten, sondern auch aktiv teüzunehmen an der Errichtung des jüdischen Nationalheims. Er hätte nie von einer so absurden, ja lächerlichen Situation erfahren, wie die, daß die Balfour-Deklaration Leuten zur Durchführung anvertraut wird, die dieser Politik nicht nur mit Antipathie gegenüberstehen, sondern ihr aktiv entgegenarbeiten. Melchett appellierte an die britische öffentliche Meinung und an den Gerechtigkeitssinn der Engländer, das gegebene Ehrenwort zu halten. Ungeachtet des durch die Massaicers herbeigeführten Rückschlages sei das jüdische Volk entschlossen, das Nationalheim mit noch größerer Energie und mit verdoppelter Anstrengung aufzubauen. Dieses Nationalheim aber muß gegründet sein auf Sicherheit und Vertrauen. Diese Sicherheit und dieses Vertrauen müssen uns gegeben werden, damit wir dort in Frieden und Glück leben können. Chief Rabbi Hertz klagt an. Chief Rabbi Hertz vergleicht die Gräuel in Palästina mit den grausamen Metzeleien der Kreuzfahre? und den russischen Pogromen. Er erhob gegen die Palästina-Administration die Beschuldigung, sie sei übelwollend, untüchtig, unbeständig und führe eine schlechte Verwaltung. Noch nie sei es vorgekommen, daß sich eine britische Regierung Drohungen gebeugt haben soll, wie es die Palästina-Regierung getan hat. Die Schuld trägt aber nicht allein die Palästina- Regierung, sondern auch gewisse untere Angestellte in Whitehall (Regierungsstraße in London). Das einzige Verbrechen, dessen sich die Juden Palästinas schuldig gemacht haben, lag darin, daß sie sich au! Großbritanniens Worte veriasesn haben. Der Reichsrabbiner kam dann auf das Problem der Klagemauer zu sprechen und sagte, die Steine dieser Mauer existierten 1500 Jahre, bevor der Mohammedanismus entstand. Vor 800 Jahren betete dort schon Benjamin von Toledo, und im Laufe der Jahrhunderte standen die Juden in Gottesverehrung vor dieser Mauer, ohne belästigt zu werden. Erst 1921 begannen dort die Unruhen, und heute beklagen wir mehr als 100 Tote* An die Stelle dieser Toten — und in Zukunft an die Stelle jedes einzelnen Getöteten — werden gleich am folgenden Tage Tausende andere treten. Wir sind hier versammelt, nicht um unsere Toten zu betrauern* sondern auch um zu trauern über das Versprechet» Englands, das nicht gehalten worden ist. D'Avigdor Goldsmid, der Präsident des Jewish Board of Deputies, erklärte* daß die jüdischen Rechte an der Klagemauer erst im Kriege eingeschränkt wurden; es sei aber besCfta^ mend für Großbritannien, daß Kriegsrecht zum Status quo gemacht worden sei. Nichts wird uns in unseren Bestrebungen in Palästina wankend machen. Colonel Wedgwood, Mitglied des Unterhauses, wurde beim Besteiget» der Tribüne von einer stürmischen Ovation empfangen, die 15.000 Anwesenden erhoben sich wie ein Mann. Wäre ich Jude, führte er aus, so fiele es mir leichter, von dieser Plattform herab zu sprechen; aber als Christ und britischer Bürger möchte ich das wiederholen, was Lord Melchett schon gesagt hat: Der Schlüssel zum British Empire ist Englands Ehre. Wenn aber waffenlose Juden nach Palästina im Vertrauen auf Englands Wort gehen, so steht diese Ehre auf dem Spiele. Es ist unmöglich zu denken, daß so etwas wahr sein könnte. Kein Engländer, der irgend einen Rang in der britischen Regierung bekleidet, kann sich mit einer solchen Feigheit abfinden. Der gegenwärtige Kampf spielt sich nicht so sehr zwischen Juden und Arabern, sondern vielmehr zwischen den Juden und der britischen Administration ab. Die Juden Palästinas wollen nicht an der Klagemauer weinen, sondern sie wollen mit der Waffe in der Hand ihr Leben und das Leben ihrer Kinder verteidigen. Es handelt sich hier nicht um einen religiösen, sondern um einen politischen Kampf. Die Araber möchten Palästina frei haben, frei für Raub und Mord. Können wir Palästina den Händen der «sogenannten arabischen Gentlemen» lassen, indem wir noch ihr Rückgrat stärken? Palästina kostet dem britischen Steuerzahler gar nichts, es deckt seine eigenen Bedürfnisse und wirft noch Zinsen ab. Die jüdische Polizei in Palästina war die einzige, die ihr gegebene Befehle ausgeführt hat. Wir sind nun des Lippendienstes satt und wollen Taten sehen. Wir fordern eine bewaffnete jüdische Polizei, die den Frieden erhalten soll. Gegenwärtig spreche man für Palästina im Namen von 15 Millionen Juden. Er wünsche es sich, eine geeinte jüdische Front von San Francisco bis Shanghai zu sehen, die mit mächtiger Stimme Gerechtigkeit für das jüdische Volk und die Erfüllung des von England gegebenen Versprechens verlangt ✓

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