Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 90 (5.9.1929)
- Date
- 1929-09-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 90 In den Sturmtagen Wien, den 4. September. (f) Noch züngeln die Feuerflammen des Aufruhrs in Palästina und erst allmählich löst sich die Schrekkensstarre, die in Wut und Empörung eines ganzen Volkes übergeht. Der Proteststurm, der in tausend Stimmen des Schmerzes, aber auch stolzer Entschlossenheit von Warschau bis New York die öffentliche Meinung der ganzen Welt durchdröhnt, offenbart uns blitzartig, daß der Ansturm wilder Beduinenstämme aus dem Hedjas und Irak und deren politische Drahtzieher an der Peripherie des vorderen Orients unseren Lebensnerv angestochen haben. Nie war Erez Israel nur ein Sehnen und Streben jüdischer Schwärmerseelen. Stets war es lebenswarme Realität eines Volkes und sogar der winzigste Jiszuw seit der Zerstörung des zweiten Tempels streckte Fühler nach den entferntesten Teilen der Galuth aus, von dem geheime Wellen der Menschen und Lehre nach Palästina zurückströmten. Rambam und Jehuda Halevi, Salomon Molcho, Sabbatai Zewi und die Chassidim, die nach Erez Israel gingen, waren nur repräsentative Exponenten dieser Kontinuität der geschichtlichen Verknüpfung mit Palästina, die auch in den Alltagsgebeten aller Weltjuden immanent fortlebte. Diese Realität eben, die man jetzt mit brutaler Gewalt auszulöschen versucht hatte, ist es, die uns am Massengrab der Opfer spontan zur Einheit zusammenschmiedet. Wir sind ein Volk — ein Volk: dieser Ausspruch Herzls wird zur Wirklichkeit, wenn esumsGanze geht. Und daß es jetzt ums Ganze geht, spürt jeder von uns. Bedeutet die Balfour-Deklaration eine Umkehr der gesitteten Welt zum Ethos historischer Gerechtigkeit — bedeutet historische Gerechtigkeit die Verknüpfung des zerstreuten Judenvolkes an ein einziges Nationalheim und ist eine feierliche Magna Charta des Völkerbundes, die in London gegeben und in San Remo bekräftigt wurde, kein Phantom — dann gibt es kein Zurück mehr. Die Frage Palästinas ist keine Frage Englands, das nur durch Verkettung politischer Konjunkturen zum Vollstrecker der Geschichte wurde, die Frage Palästinas ist kein Tummelfeld politischer Machtgelüste und Kämpfe um die Vorherrschaft, sondern eine immanente Lebensfrage eines schaffenden und ungebrochenen 17-MilIionen-Volkes. Was für 600.000 ‘ Araber nur ein Nebengeleise sein kann und eine der vielen Stätten ihres Seins, ist für uns das Einmalige unserer Geschicke, mit dem wir stehen und untepgehen. In friedlichem Wetteifer von kaum zehn Jahren zauberten wir Wunder in die Wüsteneien um den Emek, Haifa und Galiläa, und lieferten ein Beispiel heroischer Aufopferung und heroischen Verantwortungsgefühls. Brutale Gewalt kann unsere Mission nur aufhalten, nimmer vereiteln. Mit dem Mörtel und mit dem Schwert bauten wir einst ein Heim — wir schaffen’s — wenn’s nottut — auch weiter. Das geeinte und geeinigte Judentum erwachte an dem Massengrabe Palästinas und wird mit dem Mut der Verzweiflung eine klare Rechenschaft verlangen für das Geschehene und festumrissene Sicherungen für die. Zukunft. Im Mai 1921 zwang man uns ein Weißbuch auf, jetzt kann’s nur ein blau-weißes Buch geben — oder die ganze Kultur ist nur eine schillernde Fratze der leweiligen Machtfaktoren der Geschichte. * War es nur ein ganzer Komplex von Verhängnissen, der den Aufruhr heraufbeschwörte, ' wie es Macdonald gestern im Völkerbund aussprach, oder eine verborgene Flamme, die unbeachtet mit der Glut der panarabischen Bewegung nach Palästina verpflanzt wurde und an der Klagemauer im Aufruhr blindwütender Beduinensendlinge aus dem Irak und Hedzas emporloderte?! Noch fehlt die Distanz und noch verwirren sich die Spuren in Blut und Greuel. Eines ist jedoch sicher: Ahnungslos pendelten wir im luftleeren Raume von Theorien und Parteigezänke herum, während der Abgrund politischer Realitäten uns zu verschlingen drohte. Sechs Jahre haderten wir um die Jewish Agency, zehn Jahre zerklüftete sich der Jiszuw in tausend Gruppen und Meinungsverschiedenheiten — all unser Gehaben richtete sich nach der inneren Kampffront, während rund um uns, von Genf bis London und von Jerusalem über Mekka bis nach Mesopotamien und dem Reiche Rhiza Khans tiefgreifende Wandlungen der Mosleroiten sich vorbereiteten. Zerfressen und zermürbt hat uns der unproduktive Kampf um Tagesfragen, während es zu Beginn eines historischen Werdeprozesses eines Volkes stets ums Ganze gehen muß. Die nach innen gekehrte Front verhüllte uns den Blick von den natürlichen Urquellen des vorderen Orients, und die politische Unzulänglichkeit bannte unseren Blick nach London, statt nach Jerusalem. Wir sahen nicht, daß das Colonial Office denkt und Chancellor lenkt und Lukes, Sir Rayton und Richmond da® letzte Wort bei der Ausübung des Mandates führen. Der Ausbruch in Palästina hatte den sichtbaren Charakter eines allgemeinen und seit fahr und Tag planmäßig vorbereiteten Angriffs auf den Jiszuw mit dem Ziele einer vollständigen Zerstörung von Land und Stadt. Wir klammerten uns jedoch an die Klagemauer und übersahen vollständig den schweren Wolkenbruch, der über dieser Mauer lastete. Sir Chancellor versprach den Arabern eine Aertderung der Konstitution, über die weitläufigen Maschen Transjordaniens schlüpften Tausende mit englischen Waffen wohlausgerüstete Sendlinge Ibn Sauds ins Land, im Juni d. J. erließ der panarabische Kongreß in Mekka einen schicksalsschweren Aufruf an die Islamitische Welt, und wir haderten jahrelang wegen Gemeindeverfassung im und außer des Waad Leumi in Palästina und um die Zulassung der «Notabein» zur erweiterten Jewish Agency. Es ist in diesem Belange gleichgültig, ob der Gegensatz zwischen der Labour-Regierung und kon- Das jüdische Volk hat auf der Grundlage der Balfour-Deklaration und des Palästina-Mandats in den letzten zehn Jahren in Palästina eine friedliche und konstruktive Aufbauarbeit geleistet. Dieses Werk wurde jetzt auf eine barbarische und gewaltsame Art zerstört. Unschuldige Juden und Jüdinnen sind ermordet worden und unsere Pioniere fielen in Abwehr des Ansturmes auf die Grundlagen des Nationalheims, das sie zu schaffen haben. Trotz dieser gewaltsamen Attacken ist es Pflicht der Juden der ganzen Welt alles anzuwenden, damit der Aufbau des jüdischen Nationalheims in Palästina weitergeführt wird. Weder Gewalt noch Terrorakte werden uns von unserem Wege ablenken können. Das Blut jüdischer Märtyrer ruft uns auf, alle unsere Kräfte der heiligen Sache Palästinas zu opfern. servativer Lokal Verwaltung, ob das Spiel der Mächte, die in diesem Palästina als Brennpunkt verschiedenartigster politischer und wirtschaftlicher Interessen sich schon seit dem grauen Altertum stete gekreuzt haben — die Schuld an den Ereignissen tragen — die Schuld der anderen wiegt nicht unsere Kleinheit und politische Kurzsichtigkeit und die eigene Zerbröckelungssucht auf. Das Massengrab Palästinas muß zum warnenden Memento werden. Ueber diesen Abgrund kann uns nur ein Zug ins Große, die Ueberbriickung des Alltagsgezänkes und das historische Verantwortungsgefühl eines heimkehrenden Milllonenvolkes hinwegbringen. Die verantwortlichen Führer der Jewish Agency haben sofort alle Schritte unternommen, um die Gutmachung des Schadens, die Bestrafung aller Schuldigen, die Entlassung aller Beamten, die den Aufruhr verschuldet oder geduldet haben, eine Erneuerung und Vergrößerung der Einwanderung der Juden nach Palästina, wie eine klare, eindeutige Stellungnahme der Mandatarmacht Palästina gegenüber zu erwirken. Wir rufen alle Jaden auf, sich den Kundgebungen für ein erneuertes Aufbauwerk in Palästina anzusehließen und sieh den Anordnungen der Jewish Agency zu fügen, damit das Jüdische Nationallieim viel rascher und sicherer aufgebaut wird. Dr. Chaim Weizmann, Louis Marshall, Lord Melchett, Felix M. Warburg. Die Kämpfe in Palästina Die Folgen der Evakuierung Kairo, 29. August. (J. T. A.) Der Korrespondent der Jüdischen Telegraphen-Agentur in Kairo erhält aus Jerusalem telephonisch Einzelheiten über die Vorgänge bei der zwangsweisen Evakuierung jüdischer Kolonien. Die jüdischen Bauern der Kolonie Hulda verteidigten sich heldenhaft gegen die Araber, die die Kolonie angegriffen haben. Acht Stunden lang hielten die jüdischen Kolonisten, im Kampfe aus, bis die englischen Truppen änkamen und zunächst die Araber von der Kolonie abdrängten. Sofort schritten die. Truppen zur Entwaffnung der jüdischen Bauern und zwangen diese zur Räumung der Kolonie. Nachdem die Kolonie , geräumt war, drangen die Araber in Hulda ein und brannten den Ort nieder, ohne ip ihrem Zerstörüngswerk gestört zu w erden. Auch die Kolonie Ekron wurde zwangsweise evakuiert. Die jüdischen Bauern protestierten gegen diese Maßnahme, durch die ihr Besitz schutzlos dem Zerstörungswillen der aufrührerischen Araber preisgegeben wird. Mehrmals versuchten die jüdischen Bauern, in die geräumten Kolonien zurückzukehren, um sie zu bewachen; sie wurden aber immer wieder durch das britische Militär zum Verlassen der Kolonien gezwungen. 1500 Beduinen in die Flucht geschlagen Jerusalem, 30. August (J. T. A.) Eine Schar von 1500 Beduinen bewegte sich gegen den, Norden von Palästina. Es konnte ihnen rechtzeitig Militär entgegengeschickt werden, das den Beduinentrupp auseinandergesprengt hat. Militärflugzeuge demonstrieren Jerusalem, 30. August. (J. T. A.) Die angekündigte Demonstration eines englischen Flugzeuggeschwaders zur Einschüchterung der aufrührerischen Araber hat am heutigen Freitag stattgefunden. 13 Aeroplane des britischen militärischen Flugdienstes kreuzten über der Omar- Union der zionislen - Revisionisten Österreichs Montag, den 9. Sept. 7*9 Uhr abends Die letal der Mute ii Palästina Referent I. Lewanen (Jerusalem) Ort: Haff» Drhidin, II., Bnlwnltitutnli, Hlnbianl Gälte willkommen! Moschee, wo aus Anlaß des Freitag, der der mohammedanische Wochenfeiertag ist, eine sehr große Zahl Araber versammelt war. Die Flugzeugparade machte starken Eindruck. Beth Alfa gerettet Wien, 30. August. Um 11 Uhr 30 vormittags traf aus Jerusalem folgendes Telegramm ein: „Weitere Verstärkungen in Jerusalem eingetroffen. Die Regierung beherrscht die Situation. In Haifa und Jerusalem vollkommene Ruhe. Beth Alfa, w elches von der Polizei geräumt wurde, wieder von den Kolonisten besetzt. Die Kolonie hat ihren gesamten Viehbestand gerettet.“ Nachrichten aus Palästina an in Wien lebende Verwandte Benjamina: Telegramm auf gegeben am 2. September nachmittags, in Wien eingelangt am 3. September vormittags: „Hier und in der Umgebung alles ruhig, wenn auch weiter ruhig, werden wir nichts mehr telegraphieren.“ B e t h - A1 p h a: Telegramm vom 30. Aug.: „Alles in Ordnung“. — Telegramm vom 29. Aug.: „Wohl erhalten.“ Ben-Schemen: 29. August: „Alles in Ordnung.“ Beth-Sera: In der Nähe des Elektrizitätswerkes von Ruthenberg. Nachricht vom 1. September: „Alles in Ordnung.“ Chederah: Telegramm abgegangen am 1. September: „Alles gut.“ EinCharod: An einen Arzt der Kupatft Cholim, der gegenwärtig in Wien weilt: Telegramm von Tel-Aviv vom 1. September: „Ein Jharod unversehrt.“ Haifa: 1. September, 3 Uhr nachmittags, eingelangtes Telegramm an den Vater, der nicht nur wegen seines Sohnes, sondern auch wegen einer Reihe anderer Bekannter telegraphierte, und zwar am 30. August, 6 Uhr abends: „Angefragto gesund.“ — 80. Juli früh: „Von der Arbeiterschaft in der Fabrik Schemen alles wohlauf.“ Kibuzim dosHaschoinerHazair: Am 31. August langte vom Waad Poel des Kibuz Arzi des Hasehomor Hazair über Warschau die Meldung ein, daß alle Kibuzim wohl erhalten sind. Tel-Aviv: Wien eingelangt am 1. September, 4 Uhr nachmittags an einen Plantagenbesitzer aus Potach-Tiwah, der in Tel-Aviv wohnt: „Alles vollkommen gesund, kannst ruhig herkommen, telegraphiere Abreise.“ — Derselbe erhielt von einem nicht jüdischen Geschäftsfreund am 29. August in Telegramm: „Ihre Familie gesund, das ganze Land jetzt ruhig, seien Sie beruhigt.“ — 1. September nachmittags eingelangt: An Vater in Wien, der Familio in Tel- Aviv hat: „Völlig gesund.“ An die Juden der ganzen Welt! (Aufruf der Jewish Agency.)