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Die Stimme · 1929-08-22 · Heft 88 (22.8.1929) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 88 (22.8.1929)
Date
1929-08-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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jene o Die Bilanz des Kongresses Von Ab. Goldberg' Vorsätzenden-Stelfvefttcter des Aktions-Komitees. Cs sind lauter Zufälligkeiten, aber in dem Uchte, was airf dem 16. Zionistertkongreß geschehen ist, ge« sehen, sind sie symbolisch! Der heurige Kongreß Sit, wie bekannt, in Zürich stattgefunden, während der vorletzte Kongreß in Basel seinen Sitz au-fgeschlagen hatte. Heuer waren es 25 Jahre, seit dem Jode unseres großen Führers Theodor Herz!, von dessen Idee wir uns noch bis heute nähren. 25 Jahre sind nicht anders als 24 oder 26, doch haben wir Menschen diese Ziffer . als Ziffer des Jubiläums angenommen, ln diesem Jahre ist auch der Grundstein der Jewish Agency gelegt worden. Mit Basel, wo der erste Kongreß zusanwnengekonranenJst, ist auch beim vorletzten Kongreß die Baselscbe Periode abgeschlossen worden. Das war die Periode, in welcher die Zionisten selbst die ganze Last aller zionistischen Aufgaben auf ihren Schultern getragen haben. In Zürich fing eine neue Aera an. In ihr vollzog sich die Vereinigung aller Klassen und Schichten des jüdischen Volkes auf der Grundlage des Basler Programmes. Denn was ist das Mandat, das da« Fundament der Abmachung zwischen Zionisten und Nichtzionisten bildet, wenn nicht das Baseler Programm? Im gewissen Sinne ist das Mandat sogar weitergehend als das Baseler Programm; denn in ihm wird ganz genau von der Schaffung eine« j Ü d i s c h - nationalen Heimes gesprochen. Und das Wort «home» bedeutet viel mehr als das Wort Heimstätte im Baseler Programm, welche« von unbestimmbarem Charakter ist. Hier in Zürich ist also Basel gefeiert worden. Dreißig Jahre zuück ist Basel von einer kleinen Gruppe von Pilgern besucht worden, die dort ein Programm aufstellten, das die jüdische Welt nicht anerkennen und die nichtjüdische Welt kaum verstehen wollte. Basel in Zürich ist zugejubeit worden von der ganzen jüdischen Weh, begrüßt und geschätzt von Vertretern der größten Völker, die ihren Respekt vor dem realpolitischen Ideal der zionistischen Bewegung bekundeten. Der XVI. Kongreß ist ohne Zweifel einer der wichtigsten Kongresse gewesen, welche nach dem Kriege stattgefunden haben. Zu allererst selbstverständlich ist er wichtig, weil in ihm das Kapital der Jewish Agency seinen erfolgreichen Abschluß gefunden hat. Sechs Jahre lang höben sich die Zionisten um dieses Problem gestritten. Die Ironie der Geschichte hat es gefügt, daß; viele der besten Männer der Bewegung, die ihr jahrelang Inhalt und Sinn gegeben haben, die schärfsten Gegner der Agency geworden sind. Wir überlassen es dem Historiker, welcher objektiver sein wird als wir, die Motive und Gründe dieser Gegnerschaft zu erforschen. Wir haben natürlich niemals den Ernst unserer Gegner verdächtigt, aber — offen gesprochen — je ernster die Gegner auftraten, um so unverständlicher erschienen sie uns. Jetzt sich darüber auszulassen, ist nicht mehr notwendig, die Sache ist schon Geschichte. Die einzigen, welche noch abseits geblieben sind, Sind die Revisionisten. Die Revisionisten haben immer die Bravour geliebt und es deuchte sie, daß ihr Sich- Nicht-Beugen vor der überwiegenden Majorität eine 'Art Heldenhaftigkeit bedeutet. Viel klüger und vernünftiger haben meines Erachtens die Radikalen gehandelt. Sie haben gekämpft, solange es ging, haben auf dem Kongreß einen im voraus verspielten Kampf geführt. Sie wußten dies selbst und wenn sie mit den Zuhörern Mitleid gehabt hätten, und der Zionistischen Organisation Z-eit und Geld sparen wollten, dann hätten sie den Kampf auf dem Zionistischen Kongreß nicht führen sollen. Aber Ende gut, alles gut. Ein paar Reden mehr sind kein Unglück, wir Zionisten sind schon daran gewöhnt. Alles, was die Freunde der Agency-Idee vorausgesagt hatten, ist auch wirklich eingetroffen. Es sind die von den Gegnern als so gefährlich geschilderten Nichtzionisten gekommen, und was haben wir gesehen? Die Leute benahmen sich, als .wären sie Zionisten, Die Reden Wassermanns, Warburgs und späterhin des Herrn Lee K. Frankel, J. Lipmanu, James Rosenberg waren gute zionistische Reden. Sokokw hat wirklich recht gehabt, wenn er in witzigem Ton gesagt hat, daß Nichtzionisten Reden gehalten haben, die, wenn sie auch auf einem zionistischen Kongreß gehalten worden wären, als gute zionistische Reden gelten würden, während Zionisten hier Reden gehalten haben, die als nicht genug zionistisch kritisiert werden könnten. Ich habe absichtlich den Namen Marshall ausgelassen, denn ich glaube, daß seine Rede den Zionisten nicht sehr gefallen konnte. Aber das war wirklich nicht die Schuld Marshall6. Die Rede an und für sich war akzeptabel. Es waren sachliche Aeußerungen. Was die Zionisten erschrecken mußte, war der Ton. Doch lassen wir Marshall, schließlich beruht so?ne Reputation nicht auf einer Rede. Ich will lieber besonders die Rede Lee K. Frankels unterstreichen. Er hat eine Rede in Herzl’schem Geiste gehalten, von seinen Visionen getragen. Seine Rede erinnerte an die besten Kapitel von «Altneuiand». Nom keinem tüff zum Kongreß zurück. Der XVI. Kongreß« de® die flftfbttae geschaffen hat, auf welcher Recsonem wie Etosteta, Melchett, Samuel, Blum, Warbarg, Wammmm, Frankel einerseits und Asch, Welzmann« Scfcofcn* Osstocfcldn aadcwiucH» gemeinsam Israels Wi, ift ifc | iflfi gn ii HBHBPnWHnTOrSCTTPtl l u PWBI UKVUWC&» DBS,, STIMME. Der XVI, Kongreß ist aber auch deshalb wichtig, weil auf ihm sieh der Wille der Ofganfoatioft zu nettem Leben und Wachstum enthüllt hat. Es soll mir gestattet werden, zu sagen, daß auf dem Kongreß endlich auch «in Anfang gemacht (worden ist, das jüdische Amerika besser 2« verstehen. Wir amerikanische Zionisten haben es immer schmerzlich empfunden, daß wir nur als Geldquelle betrachtet worden sind. Intelligenz und Idealismus wurden uns gänzlich abgesprochen. Es war nicht unsere Schuld, daß wir nur um Geld gefragt wurden und nicht um den Fortschritt der jüdischen Kultur in Amerika, um die jüdische Jugend, ihr Leben, Ihr Streben, um die Ideale, welche die Herzen von vier Mlllonen Juden der neuen Wdt bewegen. Unser Schicksal hat es gewollt, daß wir zu OeMsamm- Iem wurden. Wir waren vielleicht für diese Aufgabe nicht sehr geeignet, wir haben diese Aufgabe auch nicht begehrt, aber es ist dft« irtfotge der schweren finanziellen Lage Europas unsere Mission geworden. Und wir mußten mit dem Schnorrersack in der Hand doch etwas für unsere Jugend tun, für die Saat unserer Idee auf dem amerikanischen Boden. Es ist keine neue Sache in unserer langen Oaluthgeschichte, daß das Zentrum der Judenhelt von einem Platze zutn andern wandert. Einst war es Babylon, ein anderesmal Spanien, ein drittesmal die Provence, nachher Deutschland, letztens Osteuropa. Jetzt ist es klar, daß das Zentrum nach der neuen Welt verlegt wurde. Amerika ist jetzt, das größte OalutWand in der Welt, nach der Zahl der Juden gerechnet, vier Millionen und ein Viertel, also mehr wie ln Polen und viel mehr als in Sowjetrußland. Wir sind auch die freiesten Juden der Welt, die wohlhabendsten. Es schweben noch große ökonomische Möglichkeiten für jene Teile des Volkes vor, welche erst begonnen haben, in der Neuen Welt ihre Wurzel, zu schlagen. Es ist auch das einzige Land, wo der jüdische Osten und der jüdische Westen sich begegnet und eines von dem anderen lernen und bemüht sind, den neuen Typus zu schaffen, welcher ln sich den Enthusiasmus aus dem Osten, Schärfe, Leidenschaft, Unruhe, tiefen Idealismus, Hartnäckigkeit, die Fähigkeit gegen den Strom zu schwimmen und sich zu behaupten einerseits, und Objektivität, Technik, Erziehung, edlen Geschmack, das Sich-Sehnen nach äußerlichen schönen Formen, sowie innere Ruhe angesichts großer Katastrophen des Westens in sich vereinigt. Mit einem solchen. Zentrum muß man vorsichtig sein. Das Judentum der Weit muß es in seinen} eigenen Interesse mit Liebe pflegen, entgegehkommen. Wir Zionisten sollen zu ihm-die besten Kräfte schicken«, um an der Aufrichtung des neuen Zentrums, teilzunehmen, Kr. w zu helfen. Aber daß aotl nicht bloß sein, um Geld herauamiehen, möge es für den edelsten Zweck sein, sondern nur um die Seele des Judentums zu bereichern« feinste Blüten zu kultivieren. Es wird kommen. Aber wir Zionisten müssen die ersten sein, welche mit feinem Ohr das Beben der Seele, der amerikanischen Judenheit, möge es so leise sein wie immer, autnehmen können. Denn wir erwarten doch von dem Zentrum viel mehr als die anderen Bewegungen innerhalb der Judenheit Amerika soll doch da« große Instrument beim Palästinaaufbauwerk sein. Ich sah mit Genugtuung, daß auf dem Kongreß viele Zionisten die Rolle Amerika« besser verstanden haben als je zu-vor. Und das ist ein großes Verdienst des diesj«ährigen Kongresse?. Es waren noch viele andere Momente, welche dem Kongreß besondere Wichtigkeit verliehen haben. Es ist auf ihm z. B. zum ersten Male die Kulturfrage äufgerollt worden. Wiederum dasselbe: praktische Ziele wurden noch nicht erreicht. Aber gut ist es doch, daß die Frage, welche auf allen anderen Kongressen verbannt war, sich zu einem hervorragenden Platz auf der Tagesordnung des Kongresses durchgerungen hat Denn es ist doch so, daß die zionistische Sache doch vor allem ein großes Kultunwerk ist. Es war nur Konservatismus, daß wir uns mit der Kulturfrage solange nicht beschäftigt haben, und daß sie für uns Tabu war. Wir werden sicherlich viel mehr davon auf den nächsten Kongressen haben.. Die kommenden Kongresse werden jetzt wahrscheinlich bei der Agency ganz anders aussehen, wie die vergangenen«, aber eine Ahnung, ein Vorbild, wie sie aussehen werden, haben wir schon auf diesem Kongreß gehabt, und ich glaube, daß die kommenden Kongresse schöner sein werden als die gewesenen. Wir müssen nur unseren Standpunkt ändern. Es werden Kongresse sein, auf welchen viele Referate von großer Bedeutung für die Gegenwart und fttf die Zukunft des Judentums in der Diaspora, sowohl wie in Palästina gehalten werden. Es werden Zusammenkünfte der besten intellektuellen Kräfte der Judenhelt sein. Es wird die Jugend kommen mit ihrem Durst nach dem frischen jüdischen Wort. Es werden Manifestationen unserer Leistungen sein. Es wird ein Zentralpimkt sein, wo die Jugend des Galuth mit der Jugend Palästinas sich treffen wird, vereinigt durch eine Sprache, unsere neue, lebendige, freie, wohlklingende.hebräische Sprache. Es wird so lange dauern, bis der Kongreß endlich übertragen wird nach Jerusalem. Auch dieser Tag Ist nicht sehr weit. Er ist näher gerückt, dank dem, was dem XVI. Kongreß gelungen ist: da« jüdische Volk zu vereinigen, den es ist sicher, daß, wenn Israel vereinigt i«t, wird Erez Israel schnell aufgerichtet wetd-eft«. Die konstituierende Tagung der Jewish Agency beendet Die Verfassung einstimmig angenommen und von Weizmann, Sokolow, Louis Marshall, Felix Warburg, Lee Frankel und von Vertretern der Nichtzionisten aus 15 Ländern unterzeichnet. — Di© historische« Goldfeder. Weizmann Prä sident, Edraond de Rothschild Ehrenpräsident der Ageney, Louis Marshall Präsident und Lord Melchett Vizepräsident des Councils, Felix Warburg Vorsitzender des Administrative Committee. — Die Versammlung jubelt den Führern zu. — „Hatikwah“. (Eigenbericht der „Stimme“.) Zürich, 15. August. Unter dem Vorsitz von Louis Marshall hielt der Council der Jewish Agency am Mittwoch, den 14. August, nachmittags, seine feierliche Schlußsitzung ab. Die Versammlung nahm die vom XVI. Zionistenkongreß beschlossene Verfassung der Jewish Agency mit einigen geringfügigen Aenderungen an, woraufhin unter dem ungeheuren Beifall der Mitglieder des Council und der .Gäste der Akt der Verfassung mit einer speziell hiefür vorbereiteten goldenen Feder, die als historische Reliquie aüfbewahrt wird, durch den Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation Dr. Chaim Weizmann, den Präsidenten des Zionistenkongresses und der Zionistischen Weltexekutive Nahum Sokolow, den Präsidenten des American Jewish Committee und Führer der amerikanischen nichtzionistisohen Palästinafreunde Louis Marshall, Felix M. Warburg und Dr. Lee K. Frankel sowie durch die Vertreter der Nichtzionisten aus fünfzehn verschiedenen Ländern unterzeichnet wurde. Die angenommene und Unterzeichnete Verfassung bzeichnet bekanntlich als den Zweck der Jewish Agency die Durchführung der Balfour-Deklaration und demgemäß den Aufbau einer jüdisohen Heimstätte in Palästina. Als unverrückbare Richtlinien gelten Erhöhung der jüdischen Einwanderung, Pfleg© der hebräischen Sprache und Kultur, landwirtschaftliche Ansiedlung von Juden auf dem Boden, der Eigentum des jüdischen Volkes ist; hinzugefügt wurde noch: Erfüllung der jüdisohen religiösen Bedürfnisse W voller Anerksenupg des Principe dar GeröfloegaMMl* Zum Ehrenpräsidenten der Jewish Ageney, wurde Baron Edmond de Rothschild in Paris gewählt. Präsident der Jewish Agency ist verfassungsgemäß Dr. Chaim Weizmann, gleichzeitig Präsident der Zionistischen Weltorganisation. Zum Vorsitzenden des Council wurde Louis Marshall, zum Vizevorsitzenden des Council Lord Melchett gewählt. Es erfolgt die Abstimmung über die Konstitution en bloc; sie wird angenommen. Lang anhaltender Beifall. Marshall erklärt: Die Jewish Agency besteht nunmehr, sobald die Vereinbarung unterzeichnet ’st. Dr. Weizmann ist zum ersten Präsidenten der Jewish Agency gewählt. Auf Vorschlag von Dr. Weizmann wird Herr Leonard Stein, der gewesene politisch© Sekretär der Zionistischen Exekutiv© in London, der sich um die endgültige Form der Verfassung sehr bemüht hat, zum Ehrenanwalt der Jewish Agency gewählt. Unter ungeheurem Beifall der Versammlung überreicht Dr. Weizmann im Namen der Exekutive Herrn Louis Marshall ein Bilderalbum von Palästina zum Andenken an den heutigen Tag und spricht die Hoffnung aus, daß Marshall nach Palästina kommen wird, Louis M a r s h a 11 hielt hierauf die folgende Ansprache: Freunde! Ich gebrauohe dieses Wort, denn ich weiß jetzt, daß wir Freunde sind. Sie haben es möglich gemacht, diese große Arbeit zu leisten. Ich möchte Ihnen und vor allem Dr. Weizmann meine Dankbarkeit ausdrücken, der so planvoll gewirkt und dessen Anwesenheit in Amerika es den amerikanischen Juden mög« öch gemacht hat, einzutretem Ich brauch©

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