Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 86 (9.8.1929)
- Date
- 1929-08-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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J9SJSBBL_ Ber XYI. Ztonfettnkenßrcß Ih Ztlrkli Inmitten des Kongresses Von Dr. Martha Hoffmann (Zürich). (Originalbericht der «Stimme».) Wie so oft, ist der Kongreß auch diesmal am Vorabende seines geplanten Abschlusses erst in das Zentrum — oder wenn man will, in den Hexenkessel — seiner Hauptprobleme gelangt. Wieder gebt es um die Exekutive — wieder besteht die Gefahr, daß das Par* lament auseinandergeht, ohne die neu« Regierung ge* wählt su haben. Aber darin sind sich alle Parteien — oder vielleicht nur «fast» alle? — einig, daß dies nicht sein darf. Man darf nicht mit einer Unbekannten — und gar einer unbekannten Exekutive —» daran gehen, eine neue Unbekannte zu schaffen: Das Council der Jewish Agency. Harry Sacher heißt der Zankapfel des Meinungsstreites. Er — der nächst Ussischkln der «stärkste Mann» unserer Palästina-Verwaltung zu sein scheint — ist zugleich der unpopulärste des gesamten Jischuw. Zwar sind sich all« Parteien — einschließlich der Linken, deren besonderer Freund er ja wahrhaftig nicht .ist — darin einig, ihm wichtige Qualitäten zu zu erkennen: Energie; Klugheit, Härte, Aber sie sind sich zugleich einig, daß er zwar den Verwaltungsapparat, doch nicht den lebendigen Leib des Jischuw sieht, und das hat namentlich die Arbeiterschaft und der Keren Kajemeth gefühlt. Das starre System Sacher wird von Palästina —> und vor allem von der Arbeiterschaft — entschieden abgelehnt. Bemerkenswert aber ist es immerhin, daß auch die Rechte — Suprasky und Jabottnsky — scharfe Kritik an ihm ü-ben, daß die radikale Mitte (Nahum Goldmann) mit besonderer Eindeutigkeit gegen ihn sprach. Dieser bestgehaßte Mann Palästinas wird von Weizmann gehalten; wird von ihm in die neue Exekutive gefordert. Und darum geht der Kongreß heute nacht, wie er sollte, zu Ende. Darum ist die Debatte über die Jewish Agency auf Mittwoch vertagt. Ich selbst habe heute den Beratungen der Linken mit Weizmann beigewohnt. Habe gemerkt, wie sehr es i dem Präsidenten an der Erhaltung der Persönlichkeit 1 Harry Sachers in der neuen Exekutive gelegen scheint. [ Die Hitachduth fand den akzeptablen Vorschlag, fMr. Sacher als Gegengewicht Ruppi.n beizugcsellem IamkI hat diesen Vorschlag Weizmann unterbreitet. Die f'-Poale Zion nimmt eine abwartende Haltung zur Ant- wort Weizmanns ein, obwohl sie tm Grunde noch ent* i schiedener auf Rücktritt Sachers bedacht ist. Sacher in ' iondon — immerhin, Sacher in Palästina — nein! Doch wie gesagt, sie wartet auf Weizmanns Antwort an die : Hitachduth und wird im positiven Falle nicht unzugänglich sein. Schwer wird es auf alle Fälle sein, wie ein «geflügeltes» Wort des Kongresses sagt, «die Flügel unter die Flügel der neuen Exekutive zu bringen». Der M i sr.ach! hat eine heftige Auseinandersetzung, sowohl Im Plenum wie in der Schulkommission, mit Henrietta Szold hinter sich, wobei die kraftvolle und einsich* tige Schulpolitik dieser merkwürdigen Frau die fast einmütige Anerkennung des Kongresses mit Ausnahme eben des Misrachi fand und er wird nicht leicht und gewiß nicht ohne Zugeständnisse zur Bildung der Exekutive zu haben sein. Das Problem der Linken wieder wurde bereits skizziert. Sie verlangt natürlich ihre entsprechende Vertretung in einer Exekutive, die nicht konträr gegen sie arbeitet. In diesem Augenblick finden neuerliche Verhandlungen Weizmanns mit den Fraktionen statt, Die Tagung des Agency-Councils steht vor der Tür und es wird wohl nötig sein, zu einer Klärung zu kommen. Manchmal (ich sah es auf der Wizo-Konferenz), die auch knapp vor Kongreßbeginn ohne Exekutive dastand) tut ein äußerer Zwang zur Erzielung der Einigung not. Wdzmanns Antwort auf die Frage: Ruppin und Sacher — ist abzuwartqn ... Die Spezialdebatte über Jewish Agency hat begonnen (Eigenbericht der «Stimme».) Z ü r i c h, 6. August. Am Dienstag, den 6. August begann die Spezialdebatte über die Erweiterung der Jewish Agency. Es wurde ein Abstimmungsmodus durch Namensaufruf beschlossen. Man zweifelt nicht daran, daß die Vorlage betreffend Erweiterung der Jewish Agency mit überwältigender Mehrheit zur Annahme gelangen wird. Schwierigkeiten bestehen hoch bei der Verteilung der 110 Sitze der Zionistischen Fifty im Council der erweiterten Jewish Agency auf die einzelnen Länder. Die amerikanischen Zionisten verlangen für sich ein Minimum von 25 Sitzen jm Council. Sie kleiden dieses Verlangen in die Form eines Ultimatums und erklären, daß sie andernfalls nicht imstande seien, die Verantwortung für die Aufbringung des Palästina-Budgets auf sich zu nehmen. Weizmann ist um einen Ausgleich bemüht. Bericht des Erziehungs- und Oesundheitsdepartements Miß Szold führte in der Sitzung vom Montag, den 5. August, in Ergänzung der gedruckt vorliegenden Berichte aus: Die Gesundheitsfürsorge der Exekutive habe Erfolge gezeitigt. Die Sterblichkeit, insbesondere der Säuglinge, sei «rhehMch gesunken, die Typhusfälle hätten staik atogenonunen, Öle Exekutive arbeite für die Bekämpfung vor allem 4er Malaria, des Trachoms, sowie der ansteckendes Krankheiten, sie suche in ständigen und nicht erfolglosen Bemühungen, di« Regierung zu bewegen, ihre passive Haltung aufzugeben und in der Gesundheitsfürsorge aktiv mitzuarbeiten. Träger dieser Arbeit werden die Regierung, die lokalen Verwaltungen und erst ln dritter ftelhe die inititutionen des Jischuw sein können. Ungeachtet #r Erfolge habe die Exekutive Ersparnisse crz^lt und die Arbeit auch qualitativ zu heben vermocht. Miß Szold bestreitet, die Exekutive habe, das Erziehungewesen der Regierung auagelitfert. Dagegen prüfe sie natürlich deren Vorschläge und akzeptiere sie, wenn sie ihr nützlich erscheinen, Auch wenn die Regierung der Erziehungstätfgkeit der Zion »tischen Organisation in mancher Hinsicht unterstütze, ad müsse doch ihre ungerechte Politik die Subvention nach dem Verhältnis der jddsichen Bevölkerung zur arabischen und nicht nach der Zahl der Schüler zu gewähren, bekämpft werden. Die Grundlagen des zionistischen Erziehungswerkes sind administrative Einheit und pädagogische Autonomie gegenüber äußerem Einflüssen und innerjüdisch gegenüber den verschiedenen Schulkategorien. Rednerin beschuldigt den Misrachi, sich gegen die administrative Einheit versündigt zu haben und belegt dies an Hand von Beispielen aus den Kolonien. Auch die Linke halbe'diese Einheit verletzt, indem sie keinen Vertreter Im Erziefrungsdepartement bezeichnete. Die Zionistische Organisation sei die Eigentümerin der zionistischen Schulen Und habe daher nicht nur die Pflicht, die Lehrer zu bezahlen, sondern auch das Recht, für eine gesunde pädagogisch« Entwicklung zu sorgen. Ueber die Verwendung der verschiedenen Fonds dürfe nur eine einzige fnstitutfon^ühd zwar die Zionistische Exekutive', verfügen,, ..Immer noch fehle es an einem richtigen Erziehungsinstitüt.. Vor alienr müsse die Erziehung von jeder .Politik frei bleiben. Aus den Ereignissen in Sichren Jaakow sei eine politische Frage gemacht worden. Der Waad Hachinuch, die Mehrheit der palästinensischen Lehrer sowie die Oeffentlichkeit haben den Entscheid der Zionistischen Exekutive in dieser Frage gutgeheißen. Rednerin erklärt, die religiöse Erziehung des Jischuw sei trotz der Abmachungen von 1920 zwischen Exekutive und Misrachi kein Monopol des Mterachi, vielmehr trage die Exekutive auch hierfür die volle Verantwortung, Zum Schlüsse versicherte Miß Szold, auch sie wünsche einen hebräischen Humanismus In Palästina, wie Buber ihn vorgeschlagen habe, sie erkenne aber, daß die Vorbedingung hierfür die Schaffung deifadministrativen Einheit des zionistischen Erziehungswerkes sei . Die Debatte R a w Ostrowski (Mi^achi) wendet sich gegen die Beschuldigungen des Misrachi durch MIß Szold. Neue Misrachi-Spbylen seien, wo dies verlangt wurde, gegründet worden, weil auch die Arbeiter dasselbe taten. Die Schulen in Jerusalem seien nur deshalb zu einer Höhe gebracht worden, weil sie unter religiösem Schutz standen. Die Tachkempnj-Schule in Jerusalem habe sich Ihren religiösen Charakter nur deshalb nicht bewahrt, weif sie von der Exekutive nicht genügend unterstützt wurde. Dje Autonomie der Schulen bedeute für den Misrachi «jne Lebensfrage. Er fordere kein Geld, sondern lediglich die Möglichkeit, sein Schulwerk zu erhalten. Die Zionistische Organisation solle tolerant sein und nicht dl« einzige religiöse Partei aus der Partei verdrängen. B a r a z (Hitachduth) führt aus, daß Kazendaon bereits gesagt hätte, di« Arbeiter erscheinen als Interessenten, aber jeder wi$qe, daß diese Interessenten nicht mit Forderungen zu anderen kommen, ohne selbst das Joch der Arbeit undder Verantwortung tragen zu wollen. Die Arbeiterschaft verlangt' nur, daß die Leitung und der Kongreß «lein ihrer Arbeit unterstützen. Leider aber kam die .Leitung ihnen in dieser Beziehung nicht entgegen, sondern hielt es für, angebracht, die Erfüllung dieser Forderungen in den meisten Fällen zu verweigern. Dieses Verhalten konnte nicht das Vertrauen zur Leitung fördern* Die Leitung behauptet, sie hätte die Siedlungen konsolidiert. Das ist aber nicht richtig. Diese Behauptung belegt der Redner mit. einigen Beispielen, Die Worte Sachers, daß sich das* Verhältnis zwischen Kolonisten und. Arbeitern gebessert hätte, sind nicht richtig. Die Vorgänge ln Petach Tikwah zeugen dagegen* Man dürfe nicht nur die Steigerung der jüdischen Arbeiter in den Kolonien in Betracht ziehen, sondern müsse vielmehr dläitn Zahlen die glänzende Entwicklung der Pflamuflgskcrlonien entgegenstellen. Wir führen den Kampf «m di« Eroberung des Arbeitsmarktes genau wie vor 25 Jahren, aber dieser Kampf bringt Demoralisation und Verzweiflung ln unsere Reihen und Mißtrauen »gen die Menschen, die hier vor dem Kongreß im Namen der Moral und der Religion Sprechen. Auch in bezug auf die Verträge mit den Siedlern, die bisher noch nicht abgeschlossen wurden, trifft die Schuld nicht die Arbeiterschaft, sondern die Exekutive, die durch Einmischung in innere Angelegenheiten der Siedlungen die endgültige Lösung dieser Frage verhindert habe. Remea (Poale Zion) wirft der Exekutive vor, die palästinensische Arbeiterschaft dauernd entmutigt zu haben. Erst ln der Jstzten Zeit habe sich dieses Verhältnis etwas gebessert In den schlechtesten Zelten aber mußte die Arbeiterschaft allein durchhaiten. Die Palästina-Exekutive habe nicht di« Pläne zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit geprüft, sondern, kn Gegenteil, die Auswanderung zu organisieren gesucht Die Konsolidierung habe sie auf Kosten der Siedler durchgeführt. Redner wendet sich gegen die Ausweisungspolitik der Regierung. Die Exekutive sei blind gegenüber dem. wichtigsten Problem Palästinas, nämlich den Aufgaben des Keren Kajemeth, sie habe dies gezeigt, als sie dem Keren Kajemeth verbot, und zwar gegen den Willen Weidmanns, für die Arbeiterschaft Boden!« einem bestimm-- ten Falle zu erwerben. Der Keren Kajemeth sei auch der Prüfstein für die Jewish Agency, die ohne ihn wertlos sein werde. S o s k i n (Revisionisten) weist darauf hin, daß der Getreidebau* in Palästina nicht europäische Ansprüche befriedigen kann. Es drohe immer das Gespenst der Dürre und cg dürfe daher nur bewässerter Boden bearbeitet werden. Der Orangenbau, in dem man vielfach das Allheilmittel für den Palästina-Aufbau' sieht, tauge nur für' BemitteHe, nicht aber für Massensiedler, die sich möglichst rasch vom Boden ernähren müssen: Def; Zionismus sei heute eine Sammdinstitution ähnlich dem. Joint geworden. Auch mit einem Budget von 750.000 Pfund Sterling werde die Palästina-Kolonisation mit der natürlichen Vermehrung der arabischen Bevölkerung nicht Schritt halten können, Eine Massenkolonisation sei nicht durch eine Jewish Agency, sondern nur durch eine große Anleihe zu erreichen. Schocken (Gouverneur des KKL) hält es für einen großen Fehler der Exekutive, daß sie die Ver- . träge mit den Siedlern noch.nicht abgeschlossen habe. Nächste Aufgabe der Zionisten müsse sein, die palästinensische Wirtschaft zu sichern und die Verwirklichung der Jewish Agency zu ermöglichen. Redner verteidigt di« deutschen Zionisten gegen die am Kongreß erhobenen Vorwürfe und weist darauf hin, daß gerade sie von Anfang an den Keren Hajessod- Gedanken geradlinig bis zur Jewish Agency fortentwickelt hätten. Dr. Goldmann (Radikaler) führt aus: In der Panikstimmung des letzten Kongresses sei zum ersten Male eine Exekutive gegen den geschlossenen Willen des palästinensischen Jischuw gewählt worden. Sie hätte eine Rettungsexekutive seih sollen, Tatsache sei abet, daß der Jischuw die Krise zum größten Teile aus eigener Kraft überwunden habe. Noch nie habe sich eine Exekutive ln einer solchen Isolation befunden wie die. gegenwärtige. Redner stimmt den Ausführungen von Miß Szold zu und erklärt, allein der nationale zionistische Gedanke verbürge di« Einheit des Schulwesen« und der Kultur Palästinas. In der Jewieh Agency sieht er eine große Gefahr für den Keren Hajessod, der bisher nicht nur ein Finanzinstrument war, sondern der Gewinnung von Menschen für die zionistische Idee diente. Es müsse alles getan werden, damit auch in der Jewish Agency der reine zionistische Geist in der Propaganda des Keren Hajessod erhalten bleibe. Schmor a k (Allgemeine Zionisten) findet, daß es nach lOjähriger Erfahrung in der Kolonisation möglich gewesen sei, dem Kongreß ein bestimmtes Kolonisationsprogramm vorzulegen und die Jewish Agency darauf zu verpflichten. Die Allgemeinen Zionisten seien mit der Leistung der Palästina-Exekutive zufrieden, weil diese zum ersten Maie eine geordnete Verwaltung geschaffen habe.