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Die Stimme · 1929-08-02 · Heft 84 (2.8.1929) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 84 (2.8.1929)
Date
1929-08-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite? PIE STIMME Nr. 84 Der XVI. UoalstenhOBäreß In Zürich Erste Rückschau Wien, den 2. August. (i.) Trotz der übergroßen Fülle der Kongreßberichte aus Zürich, ergibt sich noch immer kein klares Bild. Dies ist nur eine natürliche Folge unseres Parlamentarismus, der in einer kurzen Zeitspanne von zwei Wochen ein Spiegelbild sein muß zweier Jahre schwerer staatsbildender Bestrebungen und noch schwererer politischer Meinungsverschiedenheiten einzelner Gruppen und Fraktionen. Daß die Frage der erweiterten Jewish Agency in den Mittelpunkt rücken wird der Referate wie auch der Generaldebatte und schließlich den ganzen Kongreß beherrschen wird, war ja vorauszusehen und ist nur allzu verständlich. Es wäre nur zu wünschen, daß dieses wohl für de-i Augenblick zentrale Problem dem Kongreß Zeit und Muße genug zurückläßt, um sich auch mit anderen unseres Erachtens nicht minder brennenden und bedeutungsvollen Fragen des Aufbaues zu befassen. Da ist vor allem das Budget, welches in der präliminierten Höhe von 750.000 Pfund allseits als unzureichend empfunden wird. Allerdings erscheint die Frage der Bedeckung seitens der Zionistischen Organisation noch ziemlich vage, um so mehr als auch bezüglich der Leistungen der Erweiterten Agency noch völlige Unklarheit besteht. Ebenso wichtig ist die Bindung der zionistischen Hälfte in der Agency, die uns eine unbedingte Notwendigkeit scheint, wollen wir nicht das Zerrbild der Eigenbrödelei einzelner Besserwisser und Reinheitsapostel auch hi die erweiterte Agency importieren. Der Kongreß und A.-C.-Sitzungen müssen diesbezüglich für alle zionistischen Vertreter bindende Beschlüsse mit auf den Weg geben, da es sich sonst leider ergeben könnte, daß zum Beispiel die Misrachi wenn auch aus reinsten Motiven, die niemand bezweifelt — mit der Aguda gegen die eigenen Partner stimmen könnten. Schließlich wären auch organisatorische Reformen von Wichtigkeit, die uns nottun und die an der Schwelle einer neuen Epoche das Organisationsgefühl der Zionisten festigen und konsolidieren müßte, wenn nicht der Zerbröckelungsprozeß und der Kampf aller gegen alle weitere Fortschritte machen soll. Mit Recht hat Professor Brodetzky diesbezüglich den zwangsmäßigen Territorialverband und die Schaffung eines eigenen Organisationsdepartements in seinem Referat hervorgehoben. Daß die Opposition am Kongreß vorhanden war und ist, scheint nur eine natürliche und gesunde Erscheinung einer fortschreitenden und weltumspannenden Bewegung wie die zionistische zu sein. Daß jedoch die Opposition jahraus jahrein dieselben Redner und dieselben Argumente ins Treffen führt, zeigt doch von einer inneren Schwäche, die in eine Stagnation auszuarten droht. Auch diesmal waren es Grünbaum, ansonsten ein hervorragender Volksmann und Volksführer, und Jabotinski, der bei allem Glanz seiner Individualität allmählich mit dem Marschallstab im Tornister anzugrauen beginnt, die von der Kongreßtribüne in hinreißenden Worteii gegen die? Agency losgingen. Die Rede Jabotinskis, rhetorisch ein Meisterwerk von blendender Glut, enthält jedoch lauter Anklagen, die mitunter Gemeingut vieler sind, doch ermangelt es ihr an schöpferischer Konstruktion und praktischer Einstellung zu den Tagessorgen der Wirtschaft, die doch im Aufbaustadium Palästinas eine, allzu gewichtige Rolle spielen muß. Die Opposition scheint sich übrigens schon mit Rücksicht auf ihre verschwindende Zahl ins Unvermeidliche zu fügen und werden die Radikalen und Revisionisten in die Kanossa der erweiterten Agency eintreten müssen, um mit der Zionistischen Organisation nicht gänzlich den Zusammenhang zu verlieren. Von außerordentlicher Wichtigkeit ist Übrigens in diesem Belange die Erklärung der englischen Regierung, die Rosenblüth offiziell bezüglich des weiteren Bestandes der Zionistischen Organisation als Jewish Agency nach' eventueller Auflösung jdes jetzt eingegangenen Verhältnisses abgab, womit auch das letzte Atout der Opposition genommen wird. Allenfalls verfolgt die jüdische Oeffentlichkeit in atemloser Spannung den Kongreß in Zürich als höchsten Ausdruck eines um Freiheit ringenden Volkes. Das Präsidium des Kongresses Zürich, 30. Juli. (J. T. A.) Auf Vorschlag von Dr. B. Mossinson (Palästina) wählte der Kongreß, wie schon mitgeteiit, den Präsidenten der Zionistischen Exekutive Nahiwn Sokolow zum ersten Vorsitzenden des Zürich, 29. Jiuli. Am Montag vormittags begannen die eigentlichen Verhandlungen des Kongresses. Nach der Wahl des Kongreßpräsidiums erstattete S. Gronemann den Bericht des Kongreßgerichtes, demzufolge der Kongreß 3 2 2 Mitglieder zählt, davon 60 Mitglieder des Aktionskomitees, 8 Mitglieder der Exekutive und 254 Gewählte. (Als die weitaus stärkste Partei erweisen sich die Allgemeinen Zionisten mit ungefähr 140 Mandaten, Misrachi zählt über 50 Mandate, Hitachduth 43, Poale Zion rund 40, Revisionisten 17, Radikale 11. Das Wort ergreift Dr. Arthur Ruppin zu seinem Referat: «Die Bedeutung Palästinas f 11 r d i e Z u k u ,n f t d e r Juden.» Er skizziert zunächst die Lage des Judentums in den letzten drei Jahrzehnten. Als positive Momente bezeichnet er die numerische und. wirtschaftliche Erstarkung, als negative die Lockerung des Zusammengehörigkeitsge.- fühles durch Assimilationserscheinungen; die Gefahren der Assimilation sind heute weit größer als früher. Die Hälfte des jüdischen Volkes, das heute etwa 16 Millionen Seelen zählt, lebe außerhalb Osteuropas, in Ländern mit hoher Kultur, 5 Millionen davon allein im englischen Sprachgebiet. Mehr als andere Gemeinschaften leidet das Judentum durch den Rückgang des religiösen Lebens. In Deutschland gehe jeder fünfte, in anderen westlichen Ländern jeder dritte Jude eine M i s, c h e h e e i n. Die Mischehen sind von starkem Geburtenrückgang begleitet. In den Jahren 1841 bis 1866 entfielen auf tausend Juden in Preußen jährlich 35 Geburten, im lahrc 1926 mir noch 13, während die Verbältniszahl bet den Christen 21 war. Nur in Palästina sei die Geburtenzifer hoch und der natürliche Zuwachs betrage 22 auf 1000. Heute ist der Verfall in den Kern der Judenheit eingedrungen. Das russische Judentum mit drei Millionen Seelen ist völlig zusammengebrochen. Die Jüdische Jugend in der Sowjetunion verliere ihr jüdisches Bewußtsein. Als Mittel gegen den Zerfall kann nur das nationale Zentrum in Palästina dienen. Das palästinensische Judentum muß mindestens eine Million Seelen stark sein; diese Zahl kann ln 20 bis 30 Jahren erreicht werden. Auch dann werden die 'Juden in Palästina keine Majorität bilden, aber wir müssen als unseren leitenden Gedanken den aufstellen, daß nicht nur eine Nation in einem Lande als politisch herrschend anerkannt werden kann. Wir glauben, daß unter der Aegide des Völkerbundes die Garantie geschaffen werden muß für ein Zusammenleben zweier Völker in Palästina, wobei die Zahlenfrage keine entscheidende politische Bedeutung hat. Dr. Ruppin legte die wirtschaftlichen Probleme dar und trat für Ausgestaltung und bessere Organisation der Landwirtschaft in Palästina ein. Er verhehlt sich nicht, daß sich der Zionismus auch in alle Zukunft mit einer großen jüdischen Diaspora abzufinden haben werde. Palästina müsse aber das Herz, für die zerstreuten Glieder der Diaspora werden. Eine Majorlsierung der Juden durch die Araber würde gegen das Prinzip und gegen das Versprechen des Völkerbundes sein. Man müsse aber den Chauvinismus auch bei dem eigenen Volke bekämpfen. Der Redner betonte die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit aller Schichten der Bevölkerung, vor allem der Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Er wiederholte und begründete seinen Vorschlag, einen besonderen Kolonisationsfonds einzurichten. Ohne Hoffnung auf bessere Lebensformen werde die Einwanderung nicht fortschreiten. Aber Wirtschaftlichkeit allein könne Palästina auch nicht aufbauen. Kongresses und den Vorsitzenden des Aktionskomitees Leo Motzkin zum Vizevorsitzenden und zugleich zum Vorsitzenden des Präsidiums des Kongresses. Zu Vizepräsidenten wurden noch gewählt: M. M. Ussischkin, Ben Gurion, Adolf Bernhard, Rabbi Meir-Bcrlin, Abg. Farbstein, A. J. Freiman, A. Podlischew-sky, Abg. Dr. Reich, Rabbi Aba Hillel Silver, Josef Sprinzak und Agr. Sosikin. Zu Beisitzenden wurden gewählt: Sigmund Arzt, Dr. Fischer, Judge Louis, Dr. Alfred Klee, Rabbiner Landau (Südafrika), Marx, Dr. Roscnblatt, Rabbiner Remtigolski, Rabbiner Rose nb erg, Missis Silbermann, Dr. Terlo. Als Schriftführer fungieren: Berger, Dr. Federbusch, Redakteur Fishmann, Dr. Anselm Halpern, J. Heftmann, Neufeld, Louis Sigel, Israel Slawirsk' Dr. Türk und Dr. Weisseiberger. Weizmanns Rechenschaftsbericht und Programm (Eigenbericht der «Stimme».) Unter allgemeiner Spannung des Kongresses erhob sich Präsident Dr. Weizmann, um seine Eröffnungsrede durch «Rechenschaftsbericht und Programm» zu ergänzen und damit die politische Debatte einzuleiten. loh bin sicher, sagte Dr. Weizmann, daß der, neue englische Außenminister jedem vernünftigein Vorschläge der zionistischen Exekutive sympathische Beachtung schenken werde. Dr. Weizmann schilderte die , Beziehung der palästinensischen Administration zum zionistischen Aufbauwerk. Wenn auch die Beschäftigung jüdischer Arbeiter bei den öffentlichen Arbeiten der Regierung in der letzten Zeit zugenommen habe, so erhalten die Juden noch immer nicht Arbeitsgelegenheiten zugerwiesen, die ihnen von rechts wegen... zukämen'. Das hebräische Schulwesen müsse einen :weit .größeren Zuschuß aus dem Regierungsfonds erhalten als wie dies gegenwärtig der Fall ist. Die Arbeitslosigkeit sei von 4000 Arbeitslosen Ende 1927 und 1300 Ende 1928 heute auf eine verschwindend geringe Ziffer zurückgegangen. Die Industrie entwickle sich zu steigender Bedeutung. Man'könne von einer neuen und hofifnungsvvollen Phase der wirtschaftlichen Entwicklung sprechen. Dr. Weizmann berichtete über die Vorgeschichte der Erweiterung der Jewish Agency und bemerkte, daß sich eine provisorische Regelung nicht gut hat bewerkstelligen lassen; es wurde aber für den Fall einer Auflösung der erweiterten Agency Sicherheit dafür geschaffen, daß der alte Zustand, wonach die Zionistische Organisation als Jewish Agency fungiert, wiederhergestellt werde. Hierzu hat die britische Regierung ihre Zustimmung erteilt. Der Kongreß wird nach Erweiterung der Agency sein Budget auf 750.000 Pfund stellen; dazu kommt ein Eventualbudget, ' so daß das Gesamtbudget eine Million Pfund betragen wird. Das bedeute eine Erhöhung von rund 50 Prozent im Vergleich zu den Jahren 1927/28. Im zweiten Jahre nach der Erweiterung der Agency werde man mit neuer großer Kolionisatlonstätigkeit beginnen können. Der Erwerb einer beträchtlichen Landreserve sei das Hauptziel der nächsten Zeit. Ferner müsse die wirtschaftliche Lage des jüdischen Arbeiters gestärkt werden. Niemals, erklärte Weizmann, habe ein zionistischer Kongreß vor wichtigerjn Entscheidungen gestanden als der gegenwärtige Kongreß. Dr. Weizmann erklärte, daß die Exekutive und er selbst in der politischen Arbeit Disziplin fordern müssen. Es dürfe nicht weiter Vorkommen, daß einzelne zionistische Gruppen mit der Mandatarregierung oder einer anderen Regierung verhandeln. Beginn der Hauptaussprache Wahl der Permanenzkommission Zürich, 30. Juli. ('Eigenbericht der «Stimme».) In der Sitzung , von Montag nachmittags referierte Dr. Felix Rosenblüth, Mitglied der Exekutive, über «Die Verfassung der Jewish Agency». Er berichtete über die Verhandlungen mit den Führern der Nichtzionisten und erläuterte die einzelnen Punkte der Verfassung. Hierauf hielt das Mitglied der Exekutive Professor S. Brodets'ky ein sehr eindringliches Referat Über «Die Aufgaben der Zionistischen Organisation in der Zukunft». ln der Abendsltzumg von Montag trat der Kongreß in die Hauptaussprache ein. Die Debatte eröffnete der Präsident der Weltmisrachi Rabbi M e i r Berlin. Es folgten Dr. Chahn Arlosoroff für HitacMuth Der zweite Tag des XVI. Zionisten kongresses Ruppin über Palästina und die Zukunft der Juden

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