Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 81 (18.7.1929)
- Date
- 1929-07-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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. Sette <5 DIB STIMME Nr. 81 r—- r ögllchkeiten des Keren Hajessod Von Leib Jaffe, Direktor des Kereti Hajessod, Jerusalem Oft hört man die Frage, ob das jüdische Volk noch nicht müde sei, materielle Opfer für Palästina zu bringen, vb der Keren Hajessod noch eine Zukunft habe oder oh seine Möglichkeiten bereits erschöpft seien. Diejenigen, die auf all die Jahre seiner Entwicklung zurückblickcn, wissen die .Antwort. Die, die die schwere Arbeit des Keren Hajessod in allen Ländern des Erdreichs tragen, eine nationale Steuer ohne jedes Zwangsmittel einzuheben, und die auf diesem Wege mit den breiten Massen des Volkes in Berührung kommen, wissen, daß der Entwicklung des Keren Hajessod keine starre Grenze gesetzt ist. Noch ist bei bei weitem nicht das ganze jüdische Volk van der Keren Hajessod-Arbeit erfaßt. Ungeachtet aller Hindernisse, die in der wirtschaftlichen und psychologischen Lage vieler Schichten des jüdischen Volkes gegeben sind, kann die Zahl der Beitragszahler verdoppelt und verdreifacht werden. Große Möglichkeiten liegen noch im jüdischen Volke, und es liegt an uns, sie zu nützen. Immer tiefer verwurzelt sich im jüdischen Volk der Gedanke einer Volkssteuer, die Jeder Jude zu leisten hat, der sich als Glied des jüdischen Volkes fühlt und der an der großen Renaissancebewegung seines Volkes und an dem Aufbau seiner Heimat teilnehmen will. Schwer waren die letzten Jahre der Arbeit. Die Krise im Lande, die Rückwanderung, die Gerüchte, die im Galuth verbreitet wurden, der Widerstand von vielen Seiten, die ökonomischen Schwierigkeiten in Ländern mit großer jüdischer Bevölkerung, schwere Naturkatastrophen, die Erschütterungen in der zionistischen Bewegung, die Unterbrechung der Einwanderung — ail dies konnte aber doch die Arbeit nicht schwächen, die Einnahmen nicht wesentlich verringern. Aeußere Einflüsse übten schlechte Wirkungen aus, aber der innere Glaube an die Kraft und die Möglichkeiten des Keren Hajessod wurde nicht erschüttert, Das Volk hört auf den Ruf des Keren Hajessod. An jedem Ort, in den die Delegierten des Keren Hajessod kommen, werden neue Eroberungen gemacht. Der Erfolg des Keren Hajessod wird in dem Maße wachsen, in dem ctie erzieherische Arbeit im Volke sich 'entwickeln wird. Die Arbeit des Keren Hajessod ist nicht nur eine Geidsammlung. Wer nur Geld verlangt, wird es nicht .bekommen, Der Keren Hajessod hat Erziehung?- und Ofganisationsarbeit zu leisten, nicht nur für den Eingang der materiellen Mittel zu sorgen, sondern den Deist zu heben. Seine Delegierten bringen überallhin die Kunde von einem neuen Leben. Jeder, der für den Keren Hajessod hinausgeht, muß über die Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes sprechen, über die hebräische Kultur, die hebräische Sprache. Die Delegierten des Keren Hajessod schaffen eine enge Verbindung zwischen dem Ausland und Erez Israel, Sie wandern in entfernteste Länder und entdecken verschollene und lange getrennte Teile des jüdischen Volkes, denen sie die Botschaft der Renaissance bringen und deren Leben sie neu befruchten. Der Keren Hajessod besitzt so die Kraft, Entferntes und Auseinandergespreugtes zur Einheit zu binden. Die Delegierten des Keren Haje vd ziehen zu unserer Arbeit Märschen heran, die uns bi,dier fernstanden oder gegen uns waren, Und diese kommen, um mitzuhelfen. Der Keren Hajessod vr r: :nl Parteien, die .gegeneinander kämpfen, und bringt sie gemeinsamer Arbeit. Die Erfahrung hat gezeigt, daß nichts mehr das Volk beeinflußt, als Erez Israel selbst. Jede Einzelheit aus d:r Kolonisationsarbeit in Stadt und Land, im Hai:ec- und auf dem Felde erobert und bezwingt. Aber die Tatsachen und Realitäten wirken nur dann eine lebendige Kraft aus, wenn sie aus dem Gedanken der V/lcd-/rgeburt des Volkes hervorquellen. Die Aufgabe ist, dem Keren Hajessod den Weg in Jedes jüdische Haus zu bahnen, in jedes Bethaus, jede Gemeindeverwaltung, jedes Theater, in die Schule und In jode soziale Institution. Alle jüdischen Zeitungen in allen Ländern und allen Sprachen müssen erreicht werden. Propaganda durch Bücher und Broschüren ist notwendig, die unsere Tätigkeit und unsere Fortschritte Im Lande zeigen, Propaganda durch Filme, Aufrufe, und Plakate und ein enger Kontakt mit der Presse und ihren Vertretern, um die Arbeit im Lande in weiten Kreisen bekannt zu machen. ’ Eine schwierige, aber wichtige Aufgabe ist cs, die Delegierten zu finden. Ihre Zahl Ist gering. Die Keren Hajessod-Arbeit ist die denkbar schwerste — ein Wanderleben, schiwer und ermüdend, das die Kräfte der Menschen verzehrt. Der Außenstehende kann sich von Schwero dieser Arbeit keinen Begriff machen. Die Keten FUjessod-Arbelt erfordert besondere Befähigunrart. Es ist gesagt worden, die Keren Hajcssod-Arbeit «Jt chic Geheimwissenschaft. Um die Juden zu gewitiiß ZU haben und um zu überzeugen, muß der Keren Hajessod-Delegierte eine tiefe und umfassende Kenntnis des Landes haben, muß vor allem wissen, was im Lande geschieht. Er muß den Zionismus in seiner Tiefe und in seiner Weite gründlich kennen. Er muß die jüdischen Massen kennen, muß sie lieben, an sie glauben und sie verstehen. Er muß ihre Herzen gewinnen können, die Menschen mit seinem Glauben durchdringen und die nötige Stimmung schaffen. Er i ** JPAtASTIMA Monatsschrift für den Aufbau Palästinas Redaktion Adolf Böhm Nr« 6« soeben erschienen mit Beiträgen von Ben Zwl, Dr. Ephraim, Manoach, Dr. Arthur Ruppin, Dr. Ernst Simon. Dr. Robert Weltsch, ferner Nachrichten und Daten, Bücherbesprechungen ete. Jahresabonnement: in Oesterreich S 19.—, Da»tseV»?j4 M 8,40 Taehseheelewehel fO.—, hbrigea AosUb4 P»U»r Verlag C. Barth, Wien 1., Hessgasse 7 muß die geschaffene Stimmung organisatorisch verwerten ' Nichts schadet der Arbeit mehr, als die Schaffung einer den Alltag überwindenden Stimmung, wenn nicht die Tat ihr entspringt. Die Saat muß zuf Ernte gebracht werden. Der Delegierte des Keren Hajessod muß es verstehen, die Menschen zu organisieren und sie dazu zu bringen, freudig und gläubig zu arbeiten. Zur Keren Hajessod*Arbeit gehört ein besonderer Takt und die Fähigkeit, über den Parteien und ihren Kämptfen und über trennenden Interessen lokalen Ursprungs zu stehen. Das Alltagsleben der Juden ist schwer, voller Sorgen und Leiden, und lenkt sie von d-er Mitarbeit am Aufbau Palästinas ab. Es gilt, das Volk immer an seine Pflicht dem Keren Hajessod gegenüber zu erinnern und ihn in das Zentrum d*r sozialen Interessen m stellen. Es beginnt jetzt eine neue Periode der Arbeit des Keren Hajessod, Die Kraft gesammelter Erfahrung und gestählten Glaubens muß sie beflügeln. Die Forderung des XVI. Zionistischen Kongresses nach einem Jahresbudget von einer Million Pfund war nicht eine den realen Bedürfnissen fremde Losung. Ein solches Budget wiederholte und forderte der Wirtschaftsp'lan der Untersuchungskommission der Jewiah Agency. Wenn es dem Keren Hajessod gelingen wird, seine Tätigkeit zu erweitern, wenn alle Zionisten sich zur Arbeit zusammenschließen werden und sowohl in ihrer Arbeit wie in ihren Steuerleistungen zum Vorbild des jüdischen Volkes werden, dann wird dieses Budget erreicht werden, In demselben Maße, ln dem der Keren Hajessod verstärkt, das nationale Vermögen vergrößert wird, in demselben Maße wird auch der Grund zu einer schnelleren Entwicklung des Landes gelegt. Große Möglichkeiten gilt es zu verwirklichen. Mit Energie, Hingabe und gläubiger Treue wird die Arbeit beschleunigt, die zur Erlösung führt. Rückblick auf die Lemberger Exzesse Von Senator Dr, M a y e r Ebner (Czernoavit-z) Mit Kreuzen/ Heiligenbildern und Fahnen zieht feierlich durch die Straßen von Lemberg eine katholische Prozession. Auf dem Wege, den der Zug nimmt, liege das jüdische Gymnasium« Es ist Sommer, die Fenster sind offen und neugierige junge Gesichter schauen herab auf das buntfarbige Bild, Auch die Fenster und Balkone der anderen Häuser tragen Menschen, die mit Interesse den prächtigen Zug verfolgen. Aber vom First des Daches des jüdischen Gymnasiums löst sich ein Stückchen Mörtel und fällt unter die Menge da unten, Kaum einer hat es gesehen. Nicht einen Augenblick war die Ordnung im Zuge gestört, nicht eine Atempause setzt der Gesang aus, und den Würdenträgern der Kirche, die mitten in der Prozession einbercchritten, ist nichts aufigefallen. Hinterher wurde aus dem losgelösten Mdrteistückchen ein die katholische Kirche beleidigendes Attentat, verübt von den Schülern des Oymnasiums. Eine sensationslüsterne antisemitische Presse ruft auf zur Rache an den ungläubigen Juden, die das den Christen Heiligste verhöhnen und polnische Studenten, deren Tatenlust nur des Anlasses harrte, veranstalteten einen kleinen Judenpogrom in Attacken, die immer größere Dimensionen annehmen. Nach der wehrlosen Juden gelieferten Schlacht greift wie immer In solchen Fällen die hochlöbliche Polizei etwas spät ein und verhaftet einige Uebeltäter, Das Zeugnis der würdigen katholischen Geistlichen, die sich der schuldlosen Juden annehmen, verhallt im Geschrei, welches man über die Verhaftung der polnischen «Märtyrer» erhebt und die christliche Studentenschaft, di« sich mit diesen soflldarisch erklärt, droht mit einem Universitätsstfeik, wenn die tapferen Rächer des christlichen jüdischen Glaubene von der Polizei nicht sofort freigelassen werden. Und alles dies, well ein Stückchen Mörtel vom Dache des jüdischen Gymnasiums sich losgelöst und den Gesetzen der Schwerkraft just in dem Augenblick, gefolgt ist, als die katholische Prozession unter den Fenstern des jüdischen HauseB feierlich vprfiberzog. Wie boshaft so ein Mörtelstückchen mitunter sein kann! Und wovon unser Schicksal, unsere Ruhe und Sicherheit abhängtl Wer den großartigen Roman.Ben Hur von Wallace gelesen hat — und wer hat ihn nicht gelesen oder wenigstens im Film gesehen? — wird sich an ein ähnliches Vorkommnis erinnern, welches als kleine Ursache fürclv terliche Wirkungen ausgelöat hat. Am Hause des reichen Hur in Jerusalem vorbei zieht die Kohorte des Römers, der sich einen Freund Ben Hurs nennt. Hoch auf dem flachen Dache stehen Mutter und Tochter und schatm hinab auf das prächtige, militärische Bild da unten. Da löst sich so ein kleines Mörtelatüok vom Gesimse und es fällt mitten unter die römischen Legionäre, Roms Majestät ist beleidigt, ausgelöscht ist eine Freundschaft, die wohl niemals wahr gewesen sein mochte. Ben Hur wird als Sklave auf die Galeere geschlickt und Mutter und Schwester büßen im unterirdischen Kerker jahrelang für die Bosheit eines Mürtelstückes. Das große Vermmögen der Familie fällt an den römischen Fiskus. Kleine Ursache, große Wirkung. Wenn eine jüdische Prozession vorüberzöge und von einem christlichen Hause so ein harmloses Stein«' chen mitten unter die Men-ge fiele, es ist möglich, daß auch die Juden glauben könnten, das Sternchen oder das Mörtelstüdficheri sei mit beleidigender Absicht unter sie geworfen worden und groß wäre die Empörung unter den Juden, wenn auch die Entrüstung unserer Volksgenossen nicht derartige rohe blutige Formen angenommen hätte, wie im Falle von Lemberg, Aber im Wesen bleibt es eine unanfechtbare Tatsache, daß HQ Jahre nach der großen französischen Revolution, 11 Jahre nach dem größten Kriege alter Zeiten, die Spannungen in den Gefühlen d«r Menschen zueinander fortbestehen. Unleugbar ist, daß heute, im Zeitalter der höchsten Technik, die Ethik unter den Menschen keinerlei Fortschritte gemacht hat, und unheimlich wahr ist die fürchterliche Tatsache, daß die Atmosphäre, in der Juden und Nichtjuden miteinander leben, im höchsten Maße elektrisch geladen ist, Oft scheint es, daß der Himmel blau ist und daß laue Lüfte wehen, aber siehe da, ein Funke, ein Büt? aus heiterem Himmel zuckt auf und krachender Donner gibt Kunde von der verheerenden Wucht scheinbar zur Ruhe gekommener Leidenschaften. Man sollte glauben, Polen und Juden müßten sieh am besten in der Welt vertragen, Anderthalb Jahrhunderte seufzte das polnische Volk, welches sein Vaterland verloren hatte, unter fremden Drucke, Belten hat es wie das Jüdische Volk alle Kümmernisse, die mit der Zerstörung der nationalen Selbständigkeit verbunden sind, durchgekostet, ln den blutigen Schlachten für die Befreiung Polens haben Juden an der Seite der Polen tapfer mitgekärnipft und die polnische Geschichte verzeichnet mit ehrlicher Anerkennung den Heldenmut der jüdischen Waffengenemsen. Aber es half alles nichts. Es ball nicht in Polen, ebenso wie die hyperpatriotischen Juden fn Ungarn die Kluft nicht zu Überbrücker» vermochten, die zwischen ihnen und den herrschenden Magyaren bestand und alle Hingebung der deutschen Juden an das deutsche Vaterland hat nicht vermocht, das Deutschtum mit dem Judentum au versöhnen. Wir Juden haben schon tausendmal leider auch mit Hintansetzung unserer nationalen Würde unsere Bereitschaft zur restlosen Versöhnung bekundet. Wir haben den Typus des Weltbürgers geschaffen. Als Erben m*» serer Propheten haben wir in hundert Sprachen die Verbrüderung der Völker gepredigt, und wenn uns Lis- Schlager und Ueberraschungen lösen einander ständig ab, Beachten Sie unsere aiansky-dnserate (das heutige befindet sich auf Seite 3), und Sie werden über die Preise paff sein. Wenn $!• aber in die Fabrik, VII,, Kaiserstraße 44/46 kommen, dann werden Sie wissen, weiche Qualität für diese Preise geboten wird. E