Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 81 (18.7.1929)
- Date
- 1929-07-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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DIE STIMM Nr. 81 Die Ansprachen von Colonel Kisch und Dr. Leo Baeck im Mittelpunkt der sehr eindrucksvoll verlaufenen .Warschauer Tagung standen die Ansprachen des Mitglieds der Zion. Exekutive Colonel Kisch und des Präsidenten des Allgemeinen deutschen Rabbinerverbnndes, Großpräsidenten der Deutschlandloge des U. 0. B. B., Dr. Leo Baeck. Colonel Kisch führte ungefähr airs: Zum ersten Maie weilte ich in Polen vor neun Jahren als Mitglied der englischen Friedensdelegation. Ich freue mich., daß ich persönlich das Glück hatte, an der Wiederauflebung dieses Landes teilzuhaben. Im Namen der Zion. Exekutive danke ich den Vertretern der polnischen Regierung für ihre warmen Grüße und versichere sie, daß das jüdische Volk, dessen Freiheitsliebe Kennzeichen seines Charakters ist, die polnische Unabhängigkeit achtet und sich über die glänzende Entwicklung Polens freut. Heute weile ich hier als Zionist und überbringe die Grüße der Zi-on. Exekutive und ein Schalom aus Erez Israel. Wir stehen heute vor dem Abschluß eines Kapitels der jüdischen Geschichte, das das Judentum geteilt hat. 32 Jahre sind seit dem ersten Zionistenkon.greß vergangen, der das Baseler Programm über eine gesicherte jüdische Heimstätte geschaffen bat. Seither ist Palästina aus einer türkischen Provinz zu einem Mandatsland des Völkerbundes geworden. Durch die Balfour-Deklaration über die jüdische Heimstätte wurde der Zionismus vor das internationale Forum gebracht ln Palästina ist ein freies und typisch jüdisches Leben im Werdern Colonel Wedgwood sagte: •Wenn nur das jüdische Volk für Palästina gewonnen wird, so wird Palästina sicherlich für das jüdische Volk gewonnen werden. Die heutige Konferenz beweist es klar, daß die Juderrheit zweifellos für Palästina gewonnen ist. Lord Melchett, den man in England und überall für einen genialen Geschäftsmann hält, sagte vor kurzem nach seiner Rückkehr von einem Palästinabesuch, daß der wirtschaftliche Aufschwung Palästinas eine Frage der nächsten Zukunft sei. Die Agency wird die in der Welt zerstreut lebenden Juden zu einem Werk einen, sie wird die Zusammenarbeit mit der englischen Administration erleichtern, hauptsächlich aber die Zusammenarbeit der Juden herbeiführen. Die Agency wird dre Brücke zur Vereinigung des ganzen Judentums sein. Rabbiner Dr. Baeck führte ungefähr aus: Ich ilberfjrjnge die Grüße und Wünsche der deutschen Mitglieder.der Jewish Agency. Heute, wo die Stunde zu uns redet — und Stunden reden eindrucksvoller als Worte — müssen die Meinungen schweigen; Meinungen trennen, Aufgaben einen. In dieser Stunde tritt an uns die Aufgabe heran, unser Land aufzubauen; wir sind in der glücklichen Lage von Menschen, die ihre Aufgabe gefunden haben. In uns ist der Gedanke eingeprägt, daß wir mit dem Lande, in welchem wir wohnen, verwurzelt sind. Ihr fragt Euch: Soll ich als polnischer Jude für Palästina arbeiten? Darf ich ein Teil von der Arbeit,, die ich meinem Vater-Lande schulde, . an Palästina geben? Solche Fragen sind Irrtum. Es gibt nicht eine erste und eine zweite Pflicht; es gibt nur eine Pflicht. Zwischen Pflicht und Pflicht ist kein Widerspruch. Man liebt sein Vaterland und alles Gute und Große, das außerhalb der Grenzen des Vaterlandes ist. Von den jungen Menschen, die aus verschiedenen Ländern nach Palästina gehen, trägt jeder die Eigenart seines Landes nach Palästina. Er pflanzt ein Stück seines Vaterlandes in das neue Land. Jeder nach Palästina gehende Jude bringt dahin die Poesie und die Musik seines Landes. Wir wollen Palästina den Heiligen Frühling geben. Jude sein ist schwer; es kann sich keiner sein Judesein leicht machen. Man kann nur dann wirklich Jude sein, wenn man bereit ist, das Schwere auf sich zu nehmen. Der Aufbau Palästinas ist schwer, wir müssen ihn auf uns nehmen und die nötigen Opfer bringen.'Meine Damen und Herren, seid heilig, erweist euch würdig dieser Ideen, Aufgaben und Opfer. Nach einer Rede von Advokat Warman-Lublün, che ln die 'Worte ausklang: «Es lebe die heutige Konferenz, die der Anfang ist vom Ende der schädlichen Parteiungen in der jüdischen Gasse!», richtete der orthodoxe Delegierte und Agudah-Führer Liebermann einen Appell an cl*ie religiösen Juden, in die Agency einzutreten. Wir, cfie unser ganzes Leben um «Schiwaß-zion» beten, müssen beweisen, daß unsere Gebete nicht falsche sind. Die religiösen Juden haben die Aufgabe, den Aufbau Palästinas in religiösem Geiste zu beeinflussen. Daß Palästina als eine jüdische Heimstätte proklamiert worden ist, ist ein Wunder, ähnlich Jeziaß-Mizrajkn (Auszug aus Aegypten). Nachdem noch eine Reihe Redner gesprochen hatte, wurde die folgende Resolution einstimmig angenommen; «Ehe Konferenz verschiedener Richtungen und Teile des polnischen Judentums begrüßt die Tatsache, daß man in der erweiterten Jewish Agency alle schöpferischen Kräfte des Judentums, die an dem Aufbau ‘des Jüdischen Nationalheims in Palästina auf der Basis der Balfour-Deklaration und des Palästina-Mandates mitarbeiten wollen, vereinigt. Die Konferenz fordert die polnische Delegation in clor Agency auf, sich als Ständiges Komitee zur Führung einer ununterbrochenen Aktion für den Palästina-Aufbau auf dem Boden der polnischen Republik zu konstituieren. Die Konferenz unterstreicht mit Anerkennung die moralische Stütze, die die Regierung der polnischen Republik dem Aufbau des Jüdischen Nationalheims durch ihre Deklarationen in den Jahren 1927 und 1928 und durch die Ansprache des Regierungsvertreters auf dieser Konferenz gegeben hat. Die Konferenz anerkennt die historischen Verdienste des Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation Dr. Chaim Weizmann, wie auch der Vertreter des amerikanischen Judentums Louis Marshall und Felix M. Warburg um die Vereinigung des gesamten Judentums im Rahmen der Jewish Agency. Die Konferenz ruft das polnische Judentum auf, das historische Werk des Aufbaus Palästinas, dessen Erfolg an die Ehre des jüdischen Namens geknüpft ist, aktiv zu stützen. Die Vertreter Polens im Council der Jewish Agency Warschau, 9. Juli. (J. T. A.) Das in Warschau versammelt gewesene Initiativkomitee für die Jewish Agency in Kongreßpolen und dem Wilna-Distrikt hat bei Anwesenheit von mehreren hundert Delegierten aus 230 Städten beschlossen, sieben Mitglieder und 14 Stellvertreter in den Council der Jewish Agency zu entsenden. Die gewählten Mitglieder sind: Der Dichter Schalom Asch (vorgeschlagen von der Liga für das Arbeitende Palästina), der Präsident des polnischen Rabbinerverbandes Rabbi Jechesklel Lifschytz aus Kalysz, Rabbi Salomon David Kähane (Warschau), Dr. Samuel Goldflamm, der Lodzer Großindustrielle Boris Etyngon und der Direktor der Warschauer Diskonto- Bank Dr. Henryk Aszkenasi. Die 14 Stellvertreter sind: Alperson (Kowno), Kruk (Wilna), S. Rosenthal (Wilna), Adv. Warman und Dr. J. Silber (Lublin), Ing. Berkenheim, Ing. Birstein, Hiliel Zeit! in, Ing. Czerniakow, Adv. Endelman, Hermann Ginsberg, Janus Korczak, Vizepräsident des Warschauer Stadtrates Maurici Meisel und Vlaclav Walenberg. Das tührende QBMEH- 0. HEHREH-MODEHiJUS . des iil Dezirhe» iti JI HI II III.» Landstraße JH Bf IB BÄ9 Hauptstraße 23 Die Agency-Wahlen in Krakau und in Lemberg Krakau, 8. Juli. (J. T. A.) InJ Krakau versammelten sich über 70 Vertreter des Judentumms im Westgalizien und Poimisch-Schlesien zur Wahl der Vertreter für den Council der Jewish Agency. Es wurden gewählt: als Mitglieder des Council der Präsident des Ordens Bmei Brith Dr. Leon Ader und der Präsident der Krakauer jüdischen Gemeinde Dr. Raphael Landau. Als Stellvertreter: Vizepräsident der Krakauer jüdischen Gemeinde Dr. Fischlowiöz, Dr. Philipp Landau* Dr. Aranade (Kattawitz) und der Vizebürgermeister von Tarnow Doktor Myz. Da die schlesischen Juden einen direkten Vertreter im Council wünschen, wurde beschlossen, das zionistische Aktionskomitee zu ersuchen, die Zahl der Council-Mitglieder für Westgnlizien und Schlesien auf drei festzusetzen und Dr. Aranade als Council-Mitglied (nicht nur als Stellvertreter) anzuerkemnen. Lemberg, 8. Juli. (J. T. A.) Die Versammlung der Vertreter des Judentums Ostgalrzfens wählte die folgenden vier Vertreter in den Council der Jewish Agency: den Präsidenten des Ordens Bnei Brith Advokat Dr. Eimil Parnaß, den früheren Viize-Stadtpräsidenten .von Lemberg Dr. Philipp Schleicher, Rabbiner David Horowitz-Stanislau und den früheren Gemeindepräsidenten von Stanislaw Gutsbesitzer Dr. Karl Halpem. Kisch empfängt die jüdischen Journalisten Im Lokal der Warschauer Zion, Organisation empfing Colonel Kisch die Vertreter der jüdischen Presse und gab ihnen Erklärungen über den Aufgabenkreis der Jewish Agency, die heutige Lage in Palästina, die Tätigkeit der zionistischen Fonds, Über die allgemeinen wirtschaftlichen Aussichten in Palästina in Verbindung mit dem Bau des Haifaer Hafens und anderen großen Unternehmungen. Der jetzige Oberkommissär Sir John Chancellor, sagte Colonel Kisch, ist ein Ingenieur, ein Fachmann und guter Administrator. Als Engländer fühlt er sich freier in seinen Prärogativen als etwa ein jüdischer Oberkommissär. Die «Fünfte Allah», schloß Colonel Kisch, hat bereits begonnen. — ) Ein Nicht Jude spendet 100.000 Dollar für Palästina (JPZ) Madrid. - L. Z. - Ein Madrider Aristokrat, Richard Alvertaco, hat in seinem Testamente für den Aufbau Palästinas 100.000 Dollar vermacht. Er weifte kurz vor seinem Tode in Palästina und begeisterte sich für das jüdische Werk. Als er kürzlich erkrankte, machte er sein Testament und erklärte dabei; «Ich will durch diese Spende meine Ahnen rehabilitieren, welche gegen die Juden so barbarisch waren». Dr. Weizmanns Gesundheitszustand gebessert — Er wird dem Zionistenkongreß bestimmt beiwohnen London, 9. Juli. (J. T. A.) Bei einem Frühstück, das zu Ehren der zionistischen Führer in den britischen Dominions und der amerikanischen Zionisten, die auf dem Wege zum Züricher Kongreß in London weilen, gegeben worden ist, teilte Professor Brodetsky, Mitglied der Exekutive, mit, daß der Gesundheitszustand Dr. Weizmanns sich beträchtlich gebessert hat, und daß Dr. Weizmann dem Zionistenkongreß und der ersten Jewish-Agency-Tagung beiwohnen wird. Man wird in Zürich an Dr. Weizmann, fügte Professor Brodetsky hinzu, die ungeschmälerte geistige und körperliche Energie, die ihn stets ausgezeichnet haben, bewundern können. Herr Ochberg, Präsident der Vereinigung Dorschei Zion in Kapstadt, Südafrika, der dem Frühstück beiwohnte, teilte mit, daß er an der Hebräischen Universität zu Jerusalem eine Stiftung im Betrage von 1000 Pfund errichtete. Die Protestbewegung gegen die Versuche der rumänischen Regierung, den Juden ein Gemeindegesetz aufzuzwingen Bukarest, 7. Juli. (J. T. A) Die Protestbewegung gegen den von der rumänischen Regierung dem Parlament unterbreiteten Gesetzentwurf über die Organisation der jüdischen Gemeinden, mit dem die Führer des Judentums, Jüdisch-Nationale wie Union minämscher Juden, nicht einverstanden sind, nimmt immer ausgedehntere Formen an. Sämtliche jüdischen Zeitungen fordern zum Wide;stand "egen dieses Gesetz auf. Der Vorsitzende der Union rumänischer Juden, Dr. Filderman, gab der Presse ein Interview, in welchem er darlegte, daß die geplanten Aenderungen in dem früheren von den jüdischen Gemeindeführern gebilligten Entwurf ein Attentat auf die jüdische Religion bedeuten. Ueberall holen die Regierungen bei Schaffung eines Gemeinedegesetzes den Rat der verantwortlichen Führer des Judentums ein. Zum ersten Mal kommt es vor, daß eine Regierung Aenderungen in der Organisation und Einrichtung jüdischer Gemeinden vormmmt, ohne sich mit den jüdischen Instituten zu beraten. Freiheit des jüdischen Kultus bedeutet die Möglichkeit, sich nach eigenem Willen und eigenen Bedürfnissen zu organisieren. Die Bestimmungen, daß in ein und derselben Stadt einige jüdische Gemeinden existieren dürfen, bedeutet die Zerstörung der Autonomie des jüdischen Kultus. Würde die Regierung es wagen, dem katholischen Kult die Normen seiner Organisation vorzuschreiben? Dr. Filderman bezog sich auf eine Aeußerung des Kultusministers Vlad, daß die Juden beschlossen hätten* die Hilfe ausländischer Juden anzurufen, und erklärte, wir Juden haben uns nicht an das Ausland gewandt, aber es ist klar, daß die Juden überall, ebenso auch die Vertreter anderer Kulte, angesichts des Attentats gegen das Selbstbestimmungsrecht der jüdischen Gemeinde nicht ruhig bleiben können. — In der Sitzung der Kultur-Kommission des Senats warnte Senator Landesrabbiner Dr. Niemirower vor der Annahme des Gesetzentwurfs der Regierung, der dazu angetan sei, Chaos in die jüdische Gemeinde zu bringen. Sein Vorschlag, die Beratung zurü.ckzustellen, bis eine Konferenz der jüdischen Gemeinden die Organisation des jüdischen Kultus festgesetzt hat, wurde abgelehnt. Botanischer Garten in Palästina aul den Namen Otto Warburgs Berlin, 10. Juli. (J. T. A.) Am 20. Juli feiert Professor Otto Warburg, der frühere Präsident der Zionistischen Weltorganisation, seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlaß veröffentlichen die Exekutive der Zion. Organisation (gez. Dr. Cbaim Weizmann, Nahum Sokolow) und das Direktorium des Keren Kajemeth Lejisrael (gez. M. M. Ussisehkin) einen Aufruf an alle Zionisten, sich an der Schaffung eines botanischen Gartens zu beteiligen* der in der Nähe der neuen Versuchsstation in Rechoboth gegründet werden und für, alle Zeiten den Namen Professor Warburgs tragen soll«j In dem Aufruf heißt es; ~ j' «Wir zweifeln nicht daran, daß alle Zionisten das Bedürfnis empfinden wenden, dem Manne, de: fast drei Jahrzehnte lang in unermüdlicher Arbeit und Hingabe; seine Kräfte in den Dienst unserer Sache gestellt hat und den im Jahre 1911 das Vertrauen der ^samten Zionistischen Organisation an die Spitze unserer Bewegung rief, ihren Dank und ihre Anerkennung zu bekunden. Die Zionistische Organisation und Bewc^ ng können diesem Danke an Professor Warburg keinen besseren Ausdruck geben als dadurch, daß sie das Werk' fördern, dem stets sein besonderes Interesse gegolten hat, der landwirtschaftlichen Erschließung und Entwicklung Palästinas. Noch heute steht Professor Warbürg als Leiter der landwirtschaftlichen Versuchsstation der Zionistischen Organisation in der Arbeit für dieses Werk. Wir wissen, daß ihm an seinem 70. Geburtstage nichts größere Freude bereiten wird als die Tatsache, daß sich Zionisten aller Gruppen und Richtungen zusammonfinden, um ein Werk zu begründen, das ihm besonders am Herzen liegt.»